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Predigt über Lukas 19,1-10

Prof. Dr. Günter Brakelmann


Der neue Zachäus
Ein Gegenmuster von Nächstenschaft und Mitmenschlichkeit

Was erzählt uns diese Geschichte? Jesus ist auf dem Wege nach Jerusalem. Dabei kommt er mit seinen Leuten in die judäische Grenzstadt Jericho. Diese ist ein kleiner Marktflecken an der östlichen Peripherie des großen römischen Reiches, dessen Herrschaftssystem sich über das jüdische Land gelegt hat. Das politische Sagen hat also die fremde kaiserliche Besatzungsmacht. Das Volk lehnt das ihm religiös und politisch fremde System des Eroberers unter anderem deshalb ab, weil es auf seinen Befreier aus religiöser, kultureller und politischer Vergewaltigung wartet, den Messias, der das Fremde verjagen und ein Reich gemäß den Inhalten des jüdischen Religions- und Politikverständnisses anbrechen lassen wird.
Aber es ist wie immer: Verhasste Sieger haben ihre Kollaborateure, Menschen, die sich auf die neuen Machthaber einlassen, um persönliche Vorteile zu gewinnen. Denn so lässt es sich für einige gut verdienen. Die Aussicht auf ein gutes Leben in sicherer Position bei bleibender Funktion drängt religiöse Bindungen und das Bewusstsein der Volkszugehörigkeit an den Rand.
Aber Kollaboration hat einen doppelten Preis. Die fremden Machthaber sind zwar auf die Mithilfe kleiner dienstwilliger Funktionseliten angewiesen, betrachten und behandeln sie jedoch nicht als ihresgleichen. Es bleibt immer eine nicht aufhebbare Distanz, weil es sich um ein rationales Zweckbündnis, keine gleichberechtigte Partnerschaft handelt. Letztlich verachtet der Herrschende, der Hegemoniale, den dienstbeflissenen Mietling „aus Siegers Gnaden“.
Aber auch das Volk, aus dem der Mietling stammt, verachtet den, der sich aus Eigennutz für fremde Zwecke hat anheuern lassen. Für diese ist ein Mandatsträger im römischen Dienst ein Verräter, ein von fremder Schutzmacht getragener „Beamter“. Der Kollaborateur ist also einerseits ein nicht vollgültiges Glied der herrschenden Ordnung und bleibt ein gekaufter Privilegierter, auf der anderen Seite ist er ein vom eigenen Volk politisch-moralisch Ausgestoßener.
Für diese Existenz in Brüchen und Widersprüchen steht der Name Zachäus. Er ist Oberzöllner von Jericho, ein Zollunternehmer also, der sich seine Lizenz von der Besatzungsmacht erkauft hat und regelmäßig die vereinbarten Summen an die römische Staatskasse abliefern muss. Was er darüber hinaus einnimmt, gehört ihm und fließt in seine Hauskasse. Dieses Vertragssystem lädt ein zur Härte, zum rigorosen Zolleintrieb. „Rücksichtslos ein- und durchgreifen!“ - so dürfte die Tageslosung des Zachäus an seine Unterbedienstete geheißen haben. Nur mit Betrug und Erpressung ließ sich das persönliche Einnahmevolumen „akkumulieren“. Der Gewinn steigt mit dem Grad der Ausbeutung und Übervorteilung derer, die nach Recht und Gesetz Zoll zu entrichten hatten.
Nicht das Amt des Finanzchefs von Jericho als solches machte den jüdischen Mann Zachäus also reich, sondern der Amtsmissbrauch ließ ihn in die plutokratische Oberschicht der Grenz- und Handelsstadt Jericho aufsteigen. Er wurde zum „Schinder und Schaber“, wie Luther solches ausdrückt, derer, die in seinen Hände fielen, weil er in ihnen nur noch Objekte seiner Strategie sah, zu persönlichem Reichtum, zu Geld und Besitz zu kommen. Zachäus wurde damit zum Synonym für den unbändigen Willen, zu Geld zu kommen, für die Ausbeutung der Abhängigen und für Gewalt über Ohnmächtige.
Dieser Zachäus also - als Zollunternehmer von römischen Gnaden politisch verachtet und als Zöllner von seinen Volks- und Religionsgenossen aufgrund seines schmutzigen Berufes religiös ausgestoßen, ein „Sünder“ - hört davon, dass ein Jesus aus Nazareth mit seiner Anhängerschaft nach Jericho kommt. Er mag von dieser „Jesusbewegung“ von anderen gehört haben, hat sich aber wohl noch kein rechtes Bild von diesem Mann selbst machen können. Wenn er ihn schon nicht sprechen oder hören konnte - was normalerweise nicht anzunehmen war - so wollte er ihn doch wenigstens von Angesicht sehen. Ihn interessierte also die Person Jesu, der reale Mensch Jesus, von dem etliche behaupten, er sei der Messias.
Über sein Motiv, Jesus zu sehen, sagt der Text direkt nichts aus. Doch es reichen auch jene Informationen aus, nach denen Zachäus Oberzöllner und ein im Amt reich gewordener Mann gewesen sei, dem aber als politisch-religiös Ausgegrenztem von seiner alltäglichen Umwelt die Nächstenschaft, die Mitmenschlichkeit, verweigert wurde, der ein großes Hauswesen unterhielt, aber keine wirklichen Freunde hatte, der reich an Gütern, aber arm an Zuwendung war. Dieser Zachäus also, der in seinem Amte respektiert werden muss, aber nicht als Mensch angenommen und geachtet wird - dieser Mensch in seiner Zwitterleben von „Glanz und Elend“ will den Wanderprediger und Wundertäter Jesus von Nazareth sehen, um zu wissen, wer er ist. Sein Motiv ist also zunächst nicht er selbst. Er will keine Debatte, keine Diskussion, kein „seelsorgerliches Gespräch“ über die eigene schwierige Existenz. Er will nur das Elementarste, was es gibt: mit Augen sehen, wer und was der andere ist. Es geht ihm und die Person dieses anderen, nicht um seine religiöse oder politische Lehre.
Die Menschen von Jericho stehen dicht gedrängt am Straßenrand, um Jesus und seine Begleitung zu empfangen und durch die Stadt zu geleiten. Zachäus findet keinen Platz in der Menge, von dem aus er Jesus sehen könnte. Denn er ist ein von der Natur benachteiligter Mensch; zwar ein mächtiger Mann im Herrschafts- und Sozialgefüge von Jericho, aber keineswegs dem Männerideal entsprechend. Dieser mächtige, aber kleinwüchsige Mann klettert also wie ein Straßenjunge auf einen Maulbeerbaum, um sich von einem schwankenden Ast aus seinen Wunsch, Jesus zu sehen, zu erfüllen.
Man hat in der Auslegungsgeschichte dieses Textes häufig gefragt, was eine stadtbekannte Größe dazu getrieben haben mag, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, sozusagen dem Amtssessel mit einem luftigen Jägersitz zu vertauschen. Was hat ihn gegen alle Etikette getrieben, auf einem dünnen Ast Platz zu nehmen? Was hat den Akteur, der er üblicherweise im Tagesgeschäft war, dazu gebracht, Zuschauer aus ungewohnter und ungewöhnlicher Perspektive zu werden? Neugierde allein kann es nicht gewesen sein, oder hat ihn die vage Hoffnung auf ein großes Erlebnis dorthin gebracht? Die Antwort auf diese Fragen - tausendfach gestellt und spekulierend beantwortet - gibt allein die Geschichte selbst. Es ist nämlich die Geschichte einer Begegnung zwischen zwei Menschen, die ganz verschiedene Wege gegangen sind und auch später auf verschiedenen Wegen bleiben.
Ist die Geschichte zunächst von Zachäus, seinem Beruf und Begehren bestimmt, so geht die Initiative später auf den über, den Zachäus sehen wollte. Zachäus wird von Jesus entdeckt, gesehen - und angesprochen. Jesus spricht ihn mit seinem Namen an. Er bietet ihm damit persönliche Begegnung an. Und schnell, ohne Verzug soll es gehen. Jetzt - hier und heute - entscheidet sich alles. Damit reißt Jesus ihn aus seiner Zuschauerrolle heraus und stellt ihn in eine Entscheidungssituation. Er bietet ihm Gemeinschaft an, indem er sich selbst bei ihm einlädt. Er bietet sich ihm also an. Dies muss so sein, wenn sich Zachäus aus seiner Lage befreien lassen und wenn er seine Lage verändern will.

Jesus, der auf Menschen Zugehende

Dieses Selbstangebot Jesu ist es, das die Szene und die Lage zwischen den beiden fundamental verändert. Zachäus nimmt das Angebot zur Gemeinschaft an und nimmt Jesus mit Freuden auf als den, der ihn entdeckt hat, auf ihn zugekommen ist, ihn angesprochen und damit voll als Person angenommen hat. Damit erfährt er, wer dieser Jesus ist: Der auf Menschen Zugehenden, der sich den Menschen zu Gemeinschaft Anbietenden, der welcher Nächstenschaft und Gemeinschaft stiftet. Die Begegnung mit diesem Jesus befreit; denn es ist ein bedingungsloses Angenommenwerden. Die Lage des Zachäus und seine Persönlichkeitsstruktur werden nicht zuvor analysiert, sondern er wird durch die Umstände, die ihn bestimmen, hindurch unmittelbar und unverstellt angesprochen und als unverwechselbare Person angenommen, wie sie ist. Keine voraus laufenden Bedingungen für Nächstenschaft und Mitmenschlichkeit werden formuliert, sondern beides wird im Akt des Selbstangebotes Jesu gestiftet.
Die politische Rolle und das berufliche Tagesgeschäft des Zachäus rücken damit an den Rand. Der politische Kollaborateur und der religiös-moralische Sünder, diese Alltagsfunktionen des Zachäus werden als Rollen entlarvt, als ihn die Liebe, die den anderen durch seins Masken hindurch sieht, trifft. Diese Liebe trifft ihn in und durch den Jesus aus Nazareth. Diese Liebe, in dramatischer Begegnung konkret erfahren, bringt ihm Freude, weil ihn einer auf dieser Welt voraussetzungslos annimmt, das heißt, liebt. Ohne das übliche Rollenspiel kann er endlich er selbst sein. Die Urteile und Vorurteile seiner politischen und religiösen Umwelt treffen ihn nicht mehr tödlich. Er hat sich selbst als ein anderer, als ein neuer Zachäus erfahren.
Seine Umwelt aber „murrt“ und regt sich auf. Man hat die Szene, die öffentlich ist, genau beobachtet. Dieser Jesus hält dem Verräter und Sünder keine Straf- und Bußpredigt, redet ihm nicht ins schlechte Gewissen, drückt ihn nicht ins Ghetto der Ureinen und Ausgestoßenen, sondern sucht Hausgemeinschaft mit ihm. „Zöllner und Sünder“ sind seine Genossen. Zachäus ist in ihren Augen längst mehrfach disqualifiziert. Das Urteil der Religion und der Gesellschaft ist längst gesprochen.

Frei zur Mitmenschlichkeit

In dem Moment, als Jesus die Schwelle des Zachäischen Hauses überschreitet, macht er sich mit den „Sündern“ gemein. Auf Sünde aber steht der Tod. Der Eintritt Jesu in das Haus des Zachäus ist damit ein Schritt auf seinen eigenen Tod hin. - Damit gehört diese Geschichte in die Vorgeschichte der Passion Jesu. Dass Jesus den „Sünder“ suchte und gerade ihm das Angebot zur Gemeinschaft mit ihm, dem Menschensohn gemacht hat, ist eine Praxis, die zum Kreuz führen musste.
Zachäus aber reagiert ganz anders. Er, der Angenommensein und Tisch- und Hausgemeinschaft erfahren hat, dem Liebe widerfahren und der sich über den ganz anderen Stil des Lebens, wie ihn Jesus lebt, freuen kann, ist anders geworden, denkt und fühlt anders und will auch in Zukunft anders leben und anders handeln. Die Begegnung mit Jesus macht ihn also frei, seine Lebenspraxis, seine Berufspraxis zu ändern. Die Befreiung, die ihm in der Annahme des Selbstangebotes Jesu widerfahren ist, macht ihn frei zu anderem, neuem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Die in Jesus kennen gelernte und erfahrene Menschlichkeit und Nächstenschaft macht ihn frei, selbst menschlich und mitmenschlich zu werden. Er gibt damit weiter, was ihm zuvor gegeben ist.
Er will ein neues Leben beginnen, weil ihm der Sinn eines anderen Lebens leibhaftig begegnet ist. Die dramatische Jesusbewegung revolutioniert sein Selbstverständnis und seine Alltagspraxis. Sie öffnet ihm die Augen über das Unrecht, das er in der Vergangenheit getan hat: „Was ich gewaltsam erpresst habe, gebe ich vierfach zurück.“ Er ist schockiert über das, was er in der Vergangenheit angerichtet hat. Im Lichte des Neuen erkennt er das Brutale des Alten. Vergangenheit wird Schuld. Denn sie bleibt auch dann Schuld, wenn diese erkannt und bekannt wird. Auch das Widergutmachen macht die geschehene Schuld nicht rückgängig, denn die Opfer lassen sich nicht nachträglich zum Leben erwecken.
Etliches lässt sich zwar reparieren, vieles oder das meiste aber muss in eine andere Zukunft, wenn man sie haben will, mitgenommen werden. In der Vergangenheit gibt es kein Neues, welches das Alte ungeschehen machen könnte. Es kann nur einen anderen Umgang mit dem Alten im Angesicht eines Neuen geben. Dieses Neue, das Zukunft eröffnet, weil es eine andere soziale Praxis möglich macht, einen anderen Lebens- und Umgangstil entwickelt, ist bei Zachäus die Bereitschaft, die Hälfte des Erworbenen den Armen zu geben. Das Entscheidende nun an der Geschichte des Zachäus, die Teil des sogenannten lukanischen Sondergutes ist, liegt in folgendem: Zachäus wird von Jesus nicht in seine Nachfolge berufen, die mit der Aufgabe seines Berufes verbunden gewesen wäre, auch wird von ihm nicht ein Leben ohne Besitz erwartet. Vielmehr beschließt er angesichts der Begegnung mit Jesus - in freier Entscheidung -, nicht mehr in seinem Beruf erpresserisch und ausbeuterisch tätig zu sein, sondern sich berufsgerecht und gesetzestreu zu verhalten und aus seinem Verdienst jeweils die Hälfte den Armen zu geben. Er will also ein anderes Leben führen, nicht ein ganz anderes. Es handelt sich also um eine Verhaltensänderung im überkommenen System, kein Aussteigen aus dem System überhaupt oder alternatives Aufrichten eines ganz anderen Systems.

Kein Besitzverzicht, sondern Besitzausgleich

Jesus verlangt hier also nicht, was er an anderer Stelle vom Reichen Jüngling verlangt hatte. Er nimmt vielmehr die Selbstverpflichtung des Zachäus an, dessen neue Praxis seine eigenverantwortete Antwort auf die Begegnung mit Jesus ist. Damit löst er sich nicht aus seinem Umfeld, sondern gestaltet es anders: gerechter, menschenfreundlicher, barmherziger. nicht der Besitzverzicht ist seine Antwort, sondern der Besitzausgleich durch freiwillige Hergabe eines bestimmten Anteils seines Einkommens; nicht der Radikalismus, sich selbst auch arm zu machen, sondern die Einübung in einem Lebensstil, für den das Abgeben als Teilen konstitutiv wird.
Sach- und menschengerecht den Beruf auszuüben, das rechtmäßig Erworbene mit den Armen zu teilen, um zu einem Besitzausgleich und damit zu ähnlichen Lebenschancen kommen zu können, diese Sozialbild scheint in diesem lukanischen Text durch. Es gibt andere, weitaus radikalere Texte, aber es gibt eben auch diesen. Es ist die Geschichte einer Begegnung eine reichen Mannes mit Jesus. In dieser Begegnung erkennt er das Brutale, da Menschenfeindliche seines bisherigen Tuns, so dass er sich selbstständig und frei für eine andere Berufs- und Lebenspraxis entscheidet. Er arbeitet hinfort für sich und die Armen. Er zollt Tribute der Selbsterhaltung, und er stellt sich zugleich in den Dienst derer, die nichts oder weniger haben.
Die Armen gehören nun von vorneherein mit in die soziale Verantwortung der persönlichen Berufserfüllung. Sie treten nicht als lästige Bittsteller am Rande auf. Damit gehört im Ansatz das Teilen mit ihnen zum Ganzen seiner weltlich-beruflichen Existenz. Der ökonomisch-soziale Ausgleich mit denen, die weniger oder nichts haben, wird ein selbstverständlicher Bestandteil des Sinns der eigenen Arbeit und Leistung.
Die Botschaft ist also: Wer sich so verhält, wer sich so alltagspraktisch verändert, dem ist Rettung widerfahren. Wer sich in seinem Handeln auf die Armen hin orientiert, sie als seine Mitmenschen annimmt und sie in den Lebensausgleich hinein nimmt, hat sich aus der durchschnittlichen Kälte und egoistischen Bereicherung befreit und stellt die Güter des Lebens in den Dienst aller. Ein verantwortlicher Umgang mit den Gütern des Lebens kann Praxis werden. Zachäus, der neue Zachäus, steht für diese Bereitschaft, die alte „Sünde“ der Selbstbereicherung als Sinn des Lebens hinter sich zu lassen und damit ganz konkrete „Buße“ zu tun. Waren für die alte Existenz, für das alte Selbstverständnis die Mittel der Erpressung und Ausbeutung kennzeichnend, so ist die neue nicht durch das Weglaufen aus Beruf und Verantwortung bestimmt, sondern durch eine neue Praxis an alter Stelle, nun aber mit Mitteln die Zuwendung und Solidarität zu allen Mitmenschen zum Ausdruck bringen. Damit ist ein entscheidender lebenspraktischer Wechsel geschehen.
Dieser Wechsel der Perspektive und der Praxis kommt genau denen zugute, die Jesus gesucht hat: den Verlorenen dieser Welt. Wer sich ihnen zuwendet, betreibt die Sache Jesu. So wurde auch Zachäus, der in der Begegnung mit Jesus seine Form der konkreten Nachfolge gefunden hat, sein Jünger und den Armen ein Nächster.

Ist dieser Zachäus nur eine literarische Gestalt des Lukasevangeliums? Oder kommt er uns in Geschichte und Gegenwart nicht sehr bekannt vor? Zumindest der alte Zachäus ist eine nur allzu vertraute Gestalt in der Geschichte. Sie tritt immer wieder unter wechselnden Kleidern und Uniformen auf. Legion sind jene, die Erpressung und Ausbeutung zu ihrem Lebensinhalte gemacht haben, die unter Bruch ihrer Identität um des Besitzes und des Reichtums willen sich weggeworfen haben, die Nächstenschaft und Mitmenschlichkeit verweigert haben, um autokratisch und tyrannisch genießen zu können und deren Reichtum nur möglich geworden ist, weil es Ärmere und Arme gibt, die den Reichtum bezahlen. Doch häufig schlägt auch hinter den kältesten Augen und den gierigsten Händen so etwas wie ein schlechtes Gewissen, zaghaft und unbestimmt. Man hält Ausschau, ob es nicht ein anderes Muster als das eingeübte gibt, diese Welt eben auch anders zu gestalten. Zum alten Zachäus gehört auch diese leise, leichte Unsicherheit.
Diese lukanische Geschichte bezeugt, dass ein Stilwechsel nur möglich ist, wenn es zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus als dem Herrn kommt. Sie sieht die Rettung nicht in einem Systemwechsel, sondern in einer grundlegenden Veränderung des Denkens und Handelns lebendiger Menschen in Beruf und Verantwortung. Diese geschieht nicht durch Appelle an den besseren moralischen Willen, sondern durch eine Begegnung mit dem, der in und mit seiner Person der andere, der neue Mensch selbst ist. Die Begegnung mit diesem Menschen befreit zur eigenen Menschlichkeit, die man zuvor empfangen hat, bevor man sie weitergibt. Sie ist eine Menschlichkeit also, die dem Dank und der Freude entspringt, dass man einem Mensch zuvor begegnet ist. Das Geschenk der Menschlichkeit steht zeitlich und sachlich vor der Aufgabe der Mitmenschlichkeit.

Revolution vor Ort

Dieser Text kann auf diesen Grundzusammenhang wieder aufmerksam machen: Vor aller praktischen Christlichkeit steht die persönlich Begegnung mit Jesus von Nazareth. Sein Ja zu uns und unser Ja zu ihm befreit uns zu einem anderen Verhalten unter den Bedingungen dieser Welt. Seine Zusage an uns und unser Glaube an ihn als den Menschensohn lassen uns munter werden, das in einem ganz weltlichen Sinn Bessere, Humanere und Gerechtere zu tun. Und zwar dort, wo wir unseres Amtes zu walten haben. Diese „Revolution vor Ort“, das Einüben in eine andere Tagespraxis, die gegenläufig ist zum üblichen Weltmuster, macht die Gemeinde der Jesusjünger schon jetzt zu einem Faktor der Unruhe in jedem Unrechts- und Ungleichheitssystem.
Seine ganz realpolitische Brisanz kann dieses Gegenmuster der Nächstenschaft und Mitmenschlichkeit dann entfalten, wenn wir wie der neue Zachäus aus der Begegnung mit dem Herrn das lebenspraktische Konzept entwickeln, die Armen unter uns und um uns vom Ansatz unserer Verantwortung her in das ökonomisch-soziale Geschehen einzubeziehen und das Erarbeitet mit ihnen ehrlich zu teilen.
Schon allein diese praktische soziale Ausgleichspolitik wäre ein durchaus revolutionär zu nennender Einbruch in jene Politik, die sich Arme zur Ausbeutung hält, um überhaupt reich sein zu können. So wird am Ende der neue Zachäus eine Provokation für uns, die wir die Armen intellektuell-analytisch vielleicht gesichtet haben, sie aber nicht in unser Nächsten- und Hausgenossenschaft aufgenommen haben. Eine alte Geschichte fängt an, uns neu zu zwicken.

Amen.

aus: Brakelmann, Günter: Für eine menschlichere Gesellschaft, Band II: Historische und sozialethische Vorträge, SWI Verlag Bochum 2001.