Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 19,1-10

Pastor Dr. Marcus A. Friedrich

in Leck

„Reiche und Arme begegnen einander. Gott hat sie alle geschaffen.“, so, liebe Gemeinde, lautete der Konfirmationsspruch eines Jungen auf der letzten Konfirmation in diesem Jahr. Ein Spruch, der auf keiner dieser Spruchlisten stand, den die Konfirmandinnen und Konfirmanden durchkemmen, um „ihren“ Spruch auszusuchen. Der junge Mann hat ihn selbst beim Blättern im Buch der Sprüche im 22 Kapitel gefunden. „Reiche und Arme begegnen einander. Gott hat sie alle geschaffen.“ Das passt auch hervorragend als Überschrift für die Geschichte des Zachäus, die ich ihnen heute auslegen möchte. Ich muss zugeben, während die Zachäusgeschichte mir sehr geläufig ist, wie sicher auch manchem von ihnen, war mir dieser Spruch bisher unbekannt. Zum Dank für diese Entdeckung möchte ich meinem ehemaligen Konfirmanden gerne die folgende Erzählung widmen:

„He, Mensch hör her, ich will dir etwas erzählen. Ich Zachäus, ich armer Hund, ich ordentlicher Zöllner, bin reich. Ich bin reicher als mancher der reich ist. Nein, nicht was du meinst: Geldsegen! Nein, reich an Gottes Segen. Ich bin reich an Gottes Liebe.
Was? Du glaubst mir nicht? Du meinst, das wird mir nichts nützen?
Dann hör mir mal zu:
Ich wuchs auf in einer durschnittlichen hebräischen Familie zur Zeit der römischen Besatzung. Drei Brüder hatte ich noch, ich war der zweite, aber, stell dir vor, immer der kleinste von allen. Wie das kam? Du weißt doch, wir sind so geschaffen, wie Gott uns schuf, da gibt´s nichts dran zu drehen. Irgendwann hörte ich auf zu wachsen, und alle, alle in meiner Familie wuchsen mir über den Kopf. Ich hörte auf zu wachsen. Selbst Mutter war eine Hand breit größer als ich. Und wenn es nur das gewesen wär: Immer wieder übersahen mich meine Brüder, einmal haben sie mich sogar vergessen, als sie sich auf den Heimweg machten nach dem Fest bei meinem Onkel. Ich war acht, lief den Weg im Dunkeln ganz allein. Ich hörte die Wölfe heulen damals in den Bergen, die Nacht war schwarz. Da hab ich mir geschworen: Später machst du dich groß! Nie wieder das letzte sein. Am nächsten Tag ging es weiter wie bisher.
Als ich reif war für das Arbeiten, sagte mein Vater zu mir. „Mach doch etwas verlässliches, geh zum Zoll!“ „Zum Zoll?“ „Ja, zum Zoll. Für das Feld taugst du nicht, das weißt du, so klein wie du bist. Beim Zoll da weißt du, was du hast.“
Immer schon hatte ich eine heimliche Bewunderung für die Männer in den Häuschen an den Schranken, in den steifen Uniformen mit gläzenden Ketten. Sie mussten sich nicht groß aufbauen. Sie mussten nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. Jeder musste ihnen Respekt zollen, sonst… Ja, Stöcke hatten sie auch.
Der römische Zoll gefiel mir, und ich dem Zoll. Machte meine Sache sorgfältig und sauber, konnte gut und schnell rechnen und kannte kein Erbarmen. Das sind die Tugenden, die man braucht für die klare Kante. Für das Kassieren. Das war ja der Sinn der Übung, für das römische Imperium kassieren. Auf das es unser öffentliches Leben verbessern würde, davon sprachen die Römer jedenfalls immer.
Nach ein paar Monaten hatte ich ausgelernt und schob ich die ersten Wachen. Es war phantastisch mit der Macht im Rücken freundlich zu sein. Und zugleich zu wissen, sie haben keine Chance. Du hast sie in der Hand. Du kannst ihnen den Beutel öffnen. Du bist größer, du bestimmst. Manches Mal dachte ich zurück an das Versprechen, das ich mir selbst in der Wolfsnacht abgenommen hatte, ich, der kleine Zachäus, werde mich groß machen, gehalten!!!
Ich traf natürlich auch viele Freunde bei der Arbeit. Mußte kassieren. Anfangs flaxten wir: „Na, du hast es ja jetzt geschafft“, hieß es da. Und ich war stolz. „Mensch, du hast ja jetzt das sagen“, hieß es, und ich fühlte mich stark.
Abends, wenn wir hebräischen Männer uns nach der Arbeit auf der Straße trafen, da verstummte das Gespräch, wenn ich kam. „Ich hab noch was zu erledigen“, oder „es ist schon spät“, hießen die Ausreden. Ich blieb wieder allein zurück.
„Sie sind eben neidisch“, redete ich mir ein. „Das wär´ ich ja auch an ihrer Stelle. Vielleicht ist es Zeit den Freundeskreis zu wechseln.“ Und ich schaute mich unter meinen Kollegen um, jene Männer, die auch den ordentlichen Weg gewählt hatten, jene, auf die sich Rom hundert pro verlassen konnte, obwohl sie Hebräer waren.
Mit denen ging es mir gut. Obwohl: Ich musste vorsichtig auch sein. Konnte man wissen, ob einer von denen nicht gerade an meinem Stuhl sägte. Es waren schließlich Konkurrenten. Am Schluss zählte die Bilanz.
„Zachäus, sie sind befördert“, hörte ich dann nach einem Jahr, und nochmal ein Jahr später wurde ich Leiter unserer Zollstationen in Jericho. Natürlich schob ich auch noch weiter meine Dienste im Zollhaus, und die wurden härter. Meine alten Bekannten sprachen nicht mehr mit mir an der Schranke. Sie schauten mich nicht an. Manche spuckten direkt vor meinem Häuschen auf den Boden.
Na gut, dachte ich mir, wenn ihr nach Härte schreit, dann sollt ihr Härte haben. Nach meiner Tageslaune setzte ich die Zölle rauf. hab sie richtig abgezogen, dass die Kasse klingelte. Und wenn sie murrten, ließ ich nur die Hand an meinen Knüppel gleiten. Das half. Sie wussten, was sie erwartete. Gut, manche wussten es nicht, aber sie wussten es nachher.
Ich wurde reicher und reicher, versüßte mir mein Leben mit Luxus. Dabei litt ich innerlich wie ein Hund. Ich war eben immer noch ein armer Krüppel, ich war eben immer noch die kleine Niete Zachäus, die alle verachteten. Meine Brüder sprachen nicht mehr mit mir. Mein Vater senkte den Kopf, wenn wir uns auf der Straße begegneten.
Eines Tages, ich schob mal wieder meine Stunden im Häuschen, da rannte ein Mann in den Ort, der schrie nur laut: „Leute, Leute, Jeshua, Jeshua aus Nazareth ist auf dem Weg hier her.“ „He, du komm her“, rief ich einen Halbstarken herbei, „sag mir, wer ist dieser Jeshua, warum macht der Mann so einen Aufstand?“
„Haben Sie noch nichts gehört von dem Propheten aus Nazareth? Er verkündet das Himmelreich auf Erden und soll schon Schwerkrane geheilt haben.“ „Ich bin auch schwerkrank“, schießt es mir für einen Moment durch den Kopf, bevor ich mich „Ach so, danke geh jetzt!“ zu dem Jungen sagen höre. Wieder so ein armer Irrer, denke ich, einer, der sich mit seinen Glaubensspinnereien durchschnorrt. Von denen haben wir schon viele gehabt. Keiner, keiner hat sein Wort gehalten. Die Minuten schlichen. Ich schaue in Richtung auf die Straße. Da, von dort müsste er kommen. Eigendlich würde ich ihn auch gerne sehen, einfach mal zu ihm hingehen. So in Uniform? Das geht nicht, die werden mich abdrängen. Wenn es hart auf hart geht, packen Sie mich und verprügeln mich. „Zachäus, was willst du verlogenes Aaß hier? Ah, jetzt haben wir dich. Schrei nur laut, keiner wird dich hören.“
Ich sackte in mich zusammen. Niemals werde ich ihn sprechen können. Ich Zach, habe garnicht das Recht dazu, ihn zu sprechen. Aber wenigstens sehen, wenigstens sehen. Plötzlich renne ich los. Ich laufe nicht ihm entgegen sondern in die andere Richtung. Mein Gott, das Zollhaus, das Geld? Nichts verriegelt, nichts gesichert, das würde ich mir als Chef nie durchgehen lassen. Zachäus, das ist dein Karriereende. Und doch ich renne, kann mich nicht bremsen, bis ich an einem Maulbeerbaum am Wegesrand ankomme. Ergreife die ersten Äste, ziehe mich empor. Ein Ast bricht ab, Riß in der Uniform, der nächste hält. Ein paar Handgriffe bis in die Krone, da hin, wo die Blätter dicht sind. Klettern konnten Zwerge schon immer gut. Keiner darf mich sehen, während ich ihn sehe, keiner.
Da hinten, da kommt schon der Mob, ich sehe eine Staubwolke. Viele Leute sind es, vielleicht 60. Sie umringen einen hageren Mann, der zügig voran geht, immer wieder strömen welche aus den Häusern hin, andere lösen sich aus der Gruppe. Und er, er berührt Hände, Köpfe, Schultern der Menschen, hangelt sich hindurch, ganz gelassen, ganz ruhig, und doch stetig. Jetzt hebt er ein Kind in die Höhe, lacht es an, dann geht das Gehangel weiter. Jetzt ist er etwa auf meiner Höhe, ein klarer, ein ganz klarer Blick, was ist das für ein Mann? Plötzlich stoppt er, die Menge bekommt es nicht gleich mit, schiebt noch ein Stück weiter und kommt dann zum stehen. Verwundert drehen sich die Vorangehenden zu ihm um, da schiebt er schon die Leute beiseite und bahnt sich einen Gang, einen Gang auf mich zu. Was gibt das? Was ist das? Noch fünf Schritte, da steht er am Fuß des Baumes. So, jetzt nicht rühren. Jetzt ganz still, sonst ist das das Ende. „Zachäus“. War das mein Name? „Zachäus.“ Woher kennt der meinen Namen? „Hej, Zachäus komm vom Baum runter.“ Der Zollbeamte in mir versucht es noch einmal: „Zachäus, der ist nicht hier, der ist heute dienstbefreit.“ „Zachäus komm doch runter. Heute möchte ich bei dir zu Gast sein, ich möchte bei Dir zu abend essen.“ Ein Traum? Ein Albtraum? Zittrig steige ich vom Baum. Es scheint wirklich so zu sein, er muss mich meinen, mich, Zachäus. Ich stehe ihm gegenüber, sein Blick trifft mich, er geht ganz direkt rein. Diesem Mann werde ich nicht widersprechen. Er will zu mir, zu mir persönlich. Also los.
Die Menge hat Abstand genommen. Keiner wagt es, näher heranzukommen, Aufgeregtes Murmeln. „Komm wir gehen!“ Sagt Jeshua. Etwas benommen und schwankend gehe ich voran. Er eben neben mir. Wir gehen in mein großes Haus. Die Dienerinnen haben schnell Wasser gebracht für die Füße und beginnen ein Mahl zu bereiten, wie sie es besser nicht hätten machen können. Als ob sie spürten, dass wir einen Gottesmann zu Besuch hatten.
Ich hatte daran keinen Zweifel. Hatte den Eindruck, er sähe mir direkt in das Herz. Er erkannte meine verkrümmte Seele und trat nicht nochmal hinein. Jeshua war einfach Gast und traute mir zu, ein liebenswürdiger Gastgeber zu sein. Er traute mir zu, dass ich, der schlimmste Nehmer aus Jericho, der beste Geber sein würde an diesem Tag.
Wir sprachen lange. Er erzählte mir von seinem Auftrag, wie Gott ihn zu seinem Boten gemacht hatte, Boten für ein Leben, das Liebe geben kann. Und das selbst Kraft dafür schöpft aus der Liebe Gottes zu uns allen.
Als die Sterne schon am Himmel standen, hörten wir plötzlich draußen Stimmen: „Jeshua bei der Sündersau, Jeshua bei der Sündersau“, brüllten sie im Chor. Ich war mürbe vom Tag und fing an zu weinen, wie ich seit meiner Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ich erzählte ihm bis in die späte Nacht alles, alles was mein Gewissen belastete. Alles. „Und weißt du was“, sagte ich ihm, „damit ist jetzt Schluss. Die Hälfte meines Vermögens will ich für die Armen geben und, die ich betrogen habe, denen werde ich’s vierfach zurück zahlen.“ „Tu es, nur zu“, sagte er. Als die Stimmen draußen wieder lauter wurden, sagte Jeshua: „Ich geh dann nochmal eben vor die Tür.“ „Tu das nicht, die sind zu allem fähig.“ „Hab keine Angst, auch Du bist ein Kind Gottes. Aicj di bost Abrahams Sohn. Heute abend bist du mein Gotteskind.“
Als er vor die Tür trat, wurde es still. Jeshua sagte nur dies: „Heute ist das Heil Gottes in dies Haus gekommen. Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Nach ein paar Zwischenrufen wurden die Stimmen leiser. Jeshua kam herein und legte sich schlafen. Als ich nichts mehr hörte, schaute ich noch einmal auf die Straße. Alle waren verschwunden. Sie hatten verstanden.
Mit diesem Tag begann mein neues, mein wirkliches Leben. Ein Leben in der Liebe Gottes. Reichtum brauch ich nicht mehr, ich bin wirklich sehr reich. Anders reich. Du weißt, was ich meine.

Von da an, liebe Gemeinde, hatte die Liebe Gottes für Zachäus ein Gesicht, Jesus von Nazareth, Jesus Christus. Und sie hatte viele Gesichter, all die Gesichter der Armen und Betrogenen, denen Zachäus etwas egeben konnte. Reiche und Arme begegnen einander. Gott hat sie alle geschaffen. Auch den Zachäus.

Amen.