Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 19,1-10

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

08.05.2005 in Duisburg

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

»Niemand kann sich aus eigener Kraft von der Last seiner Vergangenheit befreien. Niemand entlastet sich selbst, weder einzelne noch Völker. Um frei zu werden bedarf es eines anderen, der uns eine Chance eröffnet...« Diese Worte, liebe Gemeinde, stammen von Ernst Lange, aus seinem Buch Chancen des Alltags.

Und tatsächlich kann die Vergangenheit eine Last sein, die uns einengt und bedrückt. Heute, am 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, liegt es nahe, zunächst an die deutschen Geschichte zu denken, unsere gemeinsame Vergangenheit.

Was in unserem Land in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft geschehen ist, prägt ja unser Leben heute, 60 Jahre später, noch in beinahe allen seinen Bereichen. Was wir reden und denken, wie wir uns positionieren in aktuellen Debatten, wie wir uns verhalten im Umgang mit Fremden, oder als Fremde im Ausland, immer schwingen in der Tatsache, dass wir deutsche Staatsbürger sind, die Schrecken der NS-Zeit mit.

Niemand von uns kann sich dem entziehen, niemand dieser Vergangenheit entrinnen. Wie auch immer wir uns selber zu dieser Vergangenheit stellen, uns distanzieren, weil wir damals noch nicht lebten, zu leugnen, dass es möglich war Verantwortung zu übernehmen, oder das ganze zu verdrängen, um die quälenden Fragen zu ersticken, in unserem Inneren haftet uns diese Vergangenheit an und sorgt nicht selten für Unfrieden in unseren Seelen…

Was für die Geschichte eines ganzen Volkes gilt, das gilt auch für die Vergangenheit eines einzelnen Menschen. Was wir in unserer Biographie erlebt haben, prägt unser Leben und unsere Persönlichkeit. Das kann durchaus positiv sein, aber auch sehr belastend. Die persönliche Schuld, die verpassten Gelegenheiten, die zerbrochenen Beziehungen – sie hängen uns an, haben Einfluss darauf, wie wir unsere Zukunft gestalten. Wie ein Gespenst taucht sie oft auf, unsere Vergangenheit, und verhindert, das es wirklichen Frieden gibt in unseren Seelen.
»Niemand kann sich aus eigener Kraft von der Last der Vergangenheit befreien. Um frei zu werden bedarf es eines anderen, der uns eine Chance eröffnet...«

Von der Last der Vergangenheit, einer heilsamen Begegnung und der Eröffnung einer Chance handelt der Predigttext, den ich für heute ausgesucht habe. Sie kennen ihn sicher alle, es ist die Geschichte vom Zöllner Zachäus. Ich lese Lukas 19, die Verse 1 bis 10:
1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren.
6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Klein ist er, der Zachäus, liebe Gemeinde, klein aber ziemlich reich. Früher haben ihn die anderen wahrscheinlich wegen seiner geringen Körpergröße ausgelacht. Jetzt lacht niemand mehr über ihn. Jetzt hat er Macht und Geld. Er ist Oberzöllner, ein Jude zwar wie seine Mitbürger, aber auch ein Verbündeter der römischen Machthaber, für die er die Steuern eintreibt. Das bringt ihm eine Menge Geld ein, aber in gutem Ansehen steht er deshalb nicht. Im Gegenteil, oft schlägt ihm Wut entgegen. Denn die Römer halten das Land besetzt, berauben Israel seiner Freiheit. Außerdem verführt das Steuergeschäft dazu, höhere Abgaben zu verlangen, als es notwendig wäre, um die Römer zufrieden zu stellen. Die Zöllner werden ja nicht im üblichen Sinne bezahlt, sie leben von dem, was von den Steuereinnahmen übrigbleibt, wenn Rom seinen Teil bekommen hat. Da ist die Versuchung groß…

Zachäus wird in vielen Predigten als ein kleiner Ganove dargestellt, der sich selbstsüchtig bereichert und damit ganz zufrieden lebt. Ich stelle ihn mir – ehrlich gesagt – etwas anders vor, liebe Gemeinde: Ich kann mir nämlich vorstellen, dass Zachäus mit seinem Leben eben nicht wirklich glücklich ist. Weil da nämlich zwei Herzen in seiner Brust schlagen…

Als Jude, als Abrahams Sohn, liegt ihm an der Freiheit Israels, – ein von römischen Soldaten bewachter Tempel muss ihm ein Graus sein. Andererseits lässt sich den politischen Realitäten auch nicht einfach entfliehen. Bestimmt hat er Frau und Kinder, die es zu versorgen gilt. Und sein Beruf bindet ihn an die römische Besatzungsmacht, das kann er nicht leugnen. – Ich kann mir vorstellen, dass er sich deshalb manchmal selber nicht leiden kann. Und dass ihm die Ausgrenzung aus der Gemeinschaft des Dorfes, die er täglich erlebt, stärker zu schaffen macht, als er es nach außen hin zeigt. Gerne würde er vielleicht die Kluft zu seinen Mitmenschen überwinden, die Mauern einreißen und einfach neu anfangen, doch dazu gehört eine Menge Kraft und Mut. Wie schwer ist es doch, liebe Gemeinde, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen, Fehler vor sich selbst und vor anderen zu zugeben, auf andere zu zugehen, den ersten Schritt zu tun… – Innerlich zerrissen, mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden, das ist der Zöllner Zachäus, wie ich ihn sehe.

Doch dann passiert etwas. Der Besuch des Rabbis Jesus von Nazareth wird angekündigt. Wundersame Dinge erzählt man sich über ihn: Er spricht von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, sagen die Leute, von Vergebung und einem neuen Anfang. – Die Ganze Stadt ist auf den Beinen.

Auch Zachäus will ihn sehen. Will sich selber ein Bild machen, von Jesus, sehen, ob es stimmt, was die Leute sagen. Neugierig ist er, das steht fest, oder ist da etwa noch mehr? Eine Sehnsucht vielleicht, von der er selber nicht weiß. Das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, das er selber gar nicht genau beschreiben kann, eine dunkle verschwommene Ahnung, die sich in nichts anderem äußert als in dem Wunsch diesen Menschen zu sehen.

Das treibt ihn an, lässt ihn eilen. Dass die Menge ihm den Weg versperrt, kann ihn nicht hindern. Er kennt den Weg, den Jesus nehmen soll, läuft ihm voraus und klettert auf einen Baum. Hätte er Zeit gehabt darüber nachzudenken, dann hätte er das sicher nicht getan. Er riskiert damit, sich zum Gespött der Leute zu machen, wenn sie ihn sehen. Doch in diesem Moment denkt er nicht nach… – Und dann begegnen sie sich. Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. – Diese Worte sind Balsam für seine Seele. Er steigt herunter und führt Jesus in sein Haus.

Die Menge ist entsetzt. – Werden jetzt etwa die Sünder auch noch für ihre Schandtaten belohnt? Wut steigt in den Menschen auf. So wie bei uns manchmal, wenn wir die Urteile über Straftäter als zu milde empfinden, und für so manchen lebenslange Haft statt Therapie fordern. – Bei Jesu Umgang mit Zachäus würden wir es wahrscheinlich nicht wagen zu murren, aber tun wir es nicht reichlich an anderer Stelle, dort wo die Übeltäter nicht Zachäus heißen?

Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. – Was ist da passiert? Der Oberzöllner macht sich auf den Weg, um den Betrogenen gegenüberzutreten, seine Vergehen zuzugeben und sie wieder gut zu machen. Und dabei handelt es sich nicht etwa um die Bedingung, die Jesus gefordert hätte, damit er im Hause des Zachäus bleibt. Auch ist es keine Buße, die Zachäus auferlegt bekommen hätte.

Die Begegnung mit Jesus hat ihn verändert. Sein Blick, der ihn auf dem Baum entdeckte, die Worte, die seine Sehnsucht kannten, Jesu Liebe, die auf den Mangel in seinem Herzen fiel wie warmer Regen, haben seine zerrissene Seele geheilt. Deshalb muss Zachäus jetzt nichts mehr verdrängen, kann über seine Fehler reden und zum ersten Mal zu sich selber stehen. – Versöhnung ist geschehen, noch bevor Zachäus etwas hätte gut machen können. Und das hat ihn verändert…

Aber nicht so, dass er seine Vergangenheit einfach abstreifen, aus seiner Welt ausbrechen und seinen Job an den Nagel hängen würde. Die Vergebung die er erfahren hat bedeutet nämlich nicht, dass die Vergangenheit ihr Gesicht verloren hätte. Das Vergangene bleibt der Grundriss seines Lebens. – Er bleibt Oberzöllner und wird doch ein ganz anderer. Die Liebe Gottes, die ihm in Jesus begegnet ist, hat ihn von der Last seiner Vergangenheit befreit und ihm eine Chance eröffnet… – Und Zachäus macht sich tatsächlich auf, um für seine Schuld einzustehen.

Wie es ihm dabei ergangen ist, wissen wir nicht. – Viele werden ihm sicher weiter mit Misstrauen begegnen, ihm vielleicht erst gar nicht anhören wollen. – Sein neuer Weg ist nicht leicht, das soll und darf hier nicht verschwiegen werden.

Doch über all dem steht eine große Freude: Die Freude darüber, dass sich Zachäus’ Tiefe Sehnsucht erfüllt hat: Was in seinem Leben zerbrochen war und unversöhnlich entzweit, ist geheilt worden. – Die persönliche Schuld, die verpassten Gelegenheiten, die zerbrochenen Beziehungen, das alles ist nicht weg, aber es hat einen angemessenen Platz gefunden in seiner Biographie. Trotz der Unannehmbarkeit, die aus dieser Vergangenheit spricht, kann Zachäus sich selber annehmen, weil erfahren hat, dass er angenommen ist in der Liebe und Gnade Gottes. – Jesus bringt es auf den Punkt: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.

»Niemand kann sich aus eigener Kraft von der Last der Vergangenheit befreien. Niemand entlastet sich selbst, weder einzelne noch Völker. Um frei zu werden bedarf es eines anderen, der uns eine Chance eröffnet...« – Zachäus hat das erlebt. – Aber was heißt das für uns, liebe Gemeinde, heute, am 08. Mai?

Ich denke, das kann es heißen: Frei werden, können wir niemals von unserer Vergangenheit und unserer Geschichte, frei werden können wir nur mit unserer Vergangenheit und in unserer Geschichte. Das gilt für jeden Einzelnen von uns, und es gilt für die deutsche Geschichte insgesamt. Den Stimmen in unserer Gesellschaft, die fordern die Nazi-Vergangenheit nun endlich abzulegen und einen Schlussstrich zu ziehen unter diese Epoche unserer Geschichte, ist daher deutlich zu widersprechen. Wir können und wir dürfen uns nicht von unserer Geschichte befreien.

Wir dürfen aber hoffen, frei zu werden mit dieser Geschichte und in ihr. Dass wir zu unserer Vergangenheit stehen, aus ihren Fehlern lernen, und uns zuversichtlich und mutig den Herausforderungen der Zukunft stellen. Denn als Christen dürfen wir wissen: Versöhnung mit uns und anderen ist möglich, wenn Gott in Christus bei uns einkehrt und uns vergibt. Wenn wir seinen Ruf hören und uns von ihm bewegen lassen: „Geliebte Kinder, steigt eilend herunter, denn ich muss heute in eure Häuser einkehren!“

Amen.