Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2, 1-14

Pfarrer Johannes Dress (SELK)

24.12.2014 in der Martini-Kirche in Radevormwald

Weihnachten - Christvesper

Das Friedenslicht

Predigttext des Evangeliums: Lukas 2, 1-14

Material: Das Friedenslicht von Bethlehem in einer Laterne. Für jeden Besucher eine Kerze.

 

Liebe Gemeinde,

erinnert ihr euch an das Wort des Jahres 2014? Es wurde in der Woche vor dem 3. Advent (12. Dezember 2014) von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben und lautet „Lichtgrenze“. Auf Platz 2 landete das Wort „Schwarze Null“. Auf Platz 3 „Götzseidank“. Aber wieso Lichtgrenze? Ihr habt es bestimmt im Fernsehen gesehen: 8000 weiße, leuchtende Ballons markierten den ehemaligen 15 km langen Mauerverlauf und die Grenze in der geteilten Stadt Berlin und riefen auch das mit dieser Mauer verbundene Leid in Erinnerung. Um so größer war die Freude, als am 9. November genau um 19 Uhr alle 8000 Ballons spektakulär in den Himmel stiegen und die Grenze „aufhoben“. In dieser Lichtinstallation steckte eine emotionale und visuelle Kraft, mit der man die Freude und die Dankbarkeit am Gedenktag des Mauerfalls vor 25 Jahren wunderbar ausgedrückt hat.

Lichtgrenze

„Lichtgrenze“ – das war vor 2000 Jahren schon einmal eine wuchtige Kraft am Himmel. In der Weihnachtsgeschichte heißt es, dass der Engel des Herrn zu den Hirten trat und die Herrlichkeit des Herrn sie umstrahlte. Dass muss schon ein ziemlich großes Leuchten gewesen sein, weil sich alle erschraken und sich fürchteten. Doch dann spricht der Engel die alles übersteigende Botschaft: „Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“ (V. 10+11).

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Weihnachten: Die Geburt eines kleinen Kindes hilfloser Eltern in einer Asylunterkunft in Bethlehem, weil es sonst angeblich keinen Platz gab. Es war Nacht und auf jeden Fall kalt. Ein wie auch immer eingerichteter Stall oder eine Grotte war der Kreissaal.

Ausgerechnet hier erfüllt Gott seinen Plan, dass er seinen einzigen Sohn zur Welt bringen will. Und dass mit diesem Sohn, mit Jesus dem Christus, der Messias, der Heilsbringer, der Friedensfürst geboren wird. Noch mehr: Dass die bisher unüberwindliche Grenze zwischen Gott und uns Menschen aufgehoben wird. Dass Menschen, die im Dunkeln wohnen, ein Licht sehen, sogar ein großes Licht, wie es der Prophet Jesaja vorausgesagt hat (Jes 9,1). Und dass mit diesem Licht endlich der so lang ersehnte Friede einkehrt, so dass die Engel singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ (V. 14).

Frieden?

Ihr fangt an zu zweifeln? Seid unsicher und denkt, schön wär’s!? Wo in der Welt - bitte schön - ist denn in den 2000 Jahren seit Christi Geburt Frieden eingekehrt? In diesem Jahr gab es weltweit so viel Konflikte und Kriege wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Dazu 1,3 Mio. Flüchtlinge. Ich erspare mir jetzt die Aufzählung aller Kriegsgebiete und wiederhole nur, was schon in der Bibel steht: „Sie sagen Friede, Friede und ist doch kein Friede“ (Jer 6). Dabei müssen wir wissen, dass in der Sprache der Bibel das Wort „Frieden“ nicht nur die Abwesenheit von Gewalt und Krieg bedeutet. Frieden heißt „Schalom“, das bedeutet Wohlergehen, Glück und Heil. Die Juden sagen „Schalom“, die Moslems sagen „Salam“, und wir Christen: „Frieden“. Darin sind die drei großen Weltreligionen einig, dass alle Menschen, die guten Willens sind, sich so sehr Frieden wünschen. Doch da gehen in diesen Wochen „Wutbürger“ in Deutschland auf die Straße, die diesen Frieden gefährden, weil sie zwischen Islam und Islamisten nicht unterscheiden können. Sie treiben mit ihren Parolen einen Keil durch unsere Gesellschaft und schüren Fremdenfeindlichkeit. Noch schlimmer: Da kommen Extremisten daher, die diesen Frieden mit blindem Haß kaputtmachen, manchmal bis zur Barbarei. Ob Jesus, der Friedensbringer, das alles schon geahnt hat, als er selbst einmal sagte: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe euch, wie die Welt gibt, euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Joh 14,27). Wo also ist dieser besondere Friede? Wo können wir ihn sehen und ergreifen? Wo ihn finden?

Das Friedenslicht aus Bethlehem

Vor euch steht eine kleine Flamme. Dieses Licht hat einen weiten, abenteuerlichen Weg zurückgelegt. Es wurde entzündet in der Geburtsgrotte Jesu Christi in Bethlehem, nicht weit weg von der großen Mauer, die sich schneidend zwischen Israelis und Palästinenser schiebt. Es hat den Flug bis Wien in einer explosionssicheren Lampe überstanden und wurde dann am 3. Adventswochenende von Tausenden Pfadfindern in viele Städte Europas gebracht, u.a. nach Köln, dann zum Altenberger Dom. Von dort haben meine Frau und ich es bei einer Aussendungsfeier abgeholt. Dieses Licht aus Bethlehem hat Mauern und Grenzen überwunden, um überall als Friedensboten zu leuchten. Es ist in Rathäuser, Krankenhäuser, Kindergärten, Flüchtlingsheimen, ja sogar in den Bundestag - und natürlich auch in Kirchengemeinden weitergereicht worden. Über Weihnachten leuchtet es an so vielen Orten, heute abend auch in allen Radevormwalder Kirchengemeinden. Dieses Licht, das für den neugeborenen Retter und Erlöser steht, soll Menschen verbinden, erfreuen und Hoffnung geben.

Frieden verschenken

Angesichts der aktuellen Situation weltweit, wo Krieg und Flüchtlingselend, wo Gewalt und Gegengewalt an der Tagesordnung sind, mag manch einer lächeln über dieses Engagement Tausender von Lichtträgern. „Was ändert diese kleine Kerze an Terror und Krieg in der Welt oder an menschlichem Leid hier bei uns?“ „Nichts“ ist man versucht zu antworten. In der Tat: Dieses Licht ist kein magisches Zeichen. Aber dennoch: Ist es nicht allemal besser ein Licht anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern? Ist es nicht besser, die Sehnsucht nach Frieden wach zu halten und weiterzugeben als zu resignieren? Ich will dazu ein Beispiel erzählen:

Es war an Heiligabend heute genau vor 100 Jahren, 1914. Und was ich jetzt erzähle ist wahr: Da tobte der 1. Weltkrieg in Europa. Fast 800 000 Todesopfer hatte der Krieg bis zu diesem Zeitpunkt schon gefordert. Am Heiligabend fangen in Belgien deutsche Soldaten in ihren Schützengräbern an zu singen das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht….“ Und auf englisch gegenüber hört man: "Silent Night, Holy Night…“ Plötzlich schweigen die Waffen, Kerzen werden angezündet, französiche, englische und deutsche Soldaten kriechen aus ihren Schützengräbern, gehen aufeinander zu und wünschen „Frohe Weihnachten“ und „Merry Christmas“. Männer, die sich eben noch mit dem Bajonett gegenüberstanden, reichen sich nun die Hand oder beschenken sich. Sie singen zusammen und manche spielen sogar Fußball. Es gab auch Verweigerungen. Aber das Wunder der friedlichen Weihnacht passierte, immerhin an Heiligabend. Und es möchte so gerne heute seine Fortsetzung finden, z.B. in Israel und im Gazastreifen, in der Ukraine, in Nigeria, im Irak, in Syrien, in Flüchtlingsheimen, auch bei uns in Deutschland!

Friede ist riskant

Darf ich fragen, wie es bei dir aussieht? Frieden ist ja riskant, insbesondere für den, der den ersten Schritt auf ihn hin macht. Wenn ich also auf jemanden zugehe, um ihm die Hand zu reichen und ich weiß nicht, ob er sie annimmt. Soll ich mir die erneute Enttäuschung lieber sparen? Oder wenn ich erlebe, wie manche Menschen schon so verhärtet sind und eigentlich beide Parteien keinen Frieden wollen. Was wäre das für ein Weihnachten, wenn wir um der Geburt Jesu willen einander verzeihen, den ersten Schritt tun, uns selbst nicht so wichtig nehmen, lieben und loslassen können, Fehler nicht aufrechnen, aber auch Liebe nicht aufrechnen!

Seht doch jetzt noch einmal auf das kleine warme Licht hier vorn. Wie hat Gott das eigentlich gemacht? Er hat nicht gewartet, bis wir auf ihn zugehen, sondern er hat den ersten Schritt getan. Er hat den Himmel verlassen, hat die Grenze überschritten und ist ein kleines Kind geworden. Er möchte jetzt ganz nah bei dir sein und dein Herz erleuchten. Das meint, deine Blockade, deine Grenze in dir aufbrechen, damit du dich selbst annehmen kannst. Und dann bittet er dich, deine Komfortzone auch an Weihnachten zu verlassen, die Grenze zu überschreiten und auf den zuzugehen, mit dem du auf Kriegsfuß stehst: „Lass uns doch noch mal darüber reden…. Lauf doch nicht weg ….. Wenn ich dich verletzt habe, bitte verzeih mir!“ Frieden wird es nicht ohne Begegnung geben. Aber diese milde Licht hat eine Wirkung. Das Friedenslicht von Bethlehem, obwohl es so klein ist, ist noch wirkmächtiger als die wuderbare Lichtgrenze in Berlin. Nimm es an und gib es weiter. Amen.

Johannes Dress, Pfr.

Lied: Ich steh an deiner Krippen hier (EG 37. 1-4).

Wort zum Friedenslicht – Weitergabe des Lichtes an jeden Besucher.

Währenddessen (nach 1 Min.) singt der Chor: „Die ist die Nacht, da mir erschienen…“

Die Lampen in der Kirche werden gelöscht.

Fürbittengebet - Vaterunser - Entlassung – Segen.

Schlusslied: Stille Nacht, heilige Nacht (EG 46)