Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2, 1-7 – Alles auf Anfang

Pfarrerin Mechthild Friz (ev)

25.12.2014 in der Reuschkirche Göppingen

Weihnachtsgottesdienst mit Aufführung der 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums von J. S. Bach „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ (BWV 248)

Anmerkungen der Predigerin: Die eingereichte Predigt wurde im Rahmen der Aufführung der Kantaten 1-4 des Weihnachtsoratoriums (25.12.; 26.12.; 28.12; 01.01.) gehalten. Das Ziel meiner vier Predigten war, das Erlebnis der Musik mit den biblischen Texten zu verschränken.

 

Gottesdienst mit Teil I des Weihnachtsoratoriums „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage“

 

Einführung

„Bachs Musik ist doch Verkündigung pur!“, sagt der Eine. „Sie spricht für sich selbst! Warum willst Du sie erklären?“, fragt ein Anderer.

Erklären will ich nichts – und am allerwenigsten die Musik zerreden und der Musik ihre Würde nehmen. Ich habe so viel Freude an den Entdeckungen, die ich bei J. S. Bach gemacht habe, und mir als Laien erschließt sich dadurch so viel. Es geht mir so: „Wer mehr weiß, versteht mehr!“

Ein erstes interessantes Detail: J. S. Bach hat im Weihnachtoratorium viele Kantaten, die er bereits für Fürsten und deren Feste geschrieben hatte, wieder verwendet. Auf bereits bekannte Musik wurden neue Texte geschrieben. Eingebaut in den Zyklus des Weihnachtsoratoriums kann Bach die Melodien der Gelegenheitswerke über den Tag hinaus retten. Denn als Weihnachtsmusik sind sie wiederholbar.

 

Ein Oratorium (lateinisch orare = beten) ist eine Vertonung für Chor und Orchester. Vertont wird eine Handlung, eine Geschichte, die erzählt, bzw. singend erzählt wird. Nur von den Begleitinstrumenten Bass, Cello oder Orgelpositiv begleitet, kann der Sänger sprechend singen oder singend sprechen. Mit der Farbe der verschiedenen Tonarten gestaltet er Helligkeit und Dunkelheit, Weichherzigkeit oder Bestimmtheit, Melodiesprünge unterstreichen eine besondere Textaussage. Denn: die Musik von J. S. Bach geht immer vom Wort aus.

 

In den Kantaten des Weihnachtsoratoriums hat Bach Bibelworte, Kirchenlieder und freie Dichtung vertont. Im Weihnachtsoratorium hat er alles in einer besonderen Form angeordnet:

·        Zunächst kommt die gesungene Lesung aus der Heiligen Schrift, das Evangelium, die Geschichte (Und sie gebar ihren ersten Sohn, Nr. 6)

·        Danach eine Art Betrachtung. (Er ist auf Erden kommen arm, Nr. 7)

·        Darauf folgt eine Arie, (Großer Herr, o starker König, Nr. 8)einem Gebet ähnlich. Die Arie, die immer von einem einzelnen oder einer einzelnen gesungen wird, zeigt immer, wie der Einzelne, die Einzelne die Botschaft aufnimmt.

·        Zuletzt kommt mit dem Choral die gebetsartige Antwort des Chores, der im Weihnachtsoratorium in seiner Vielstimmigkeit dafür steht, wie die Gemeinde die Botschaft aufnimmt. (Ach, mein herzliebes Jesulein, Nr. 9)

 

Die erste Kantate steht in strahlender Tonart D-Dur, eine Festmusik für den Herrscher, eine Inthronisationsmusik für den König. Sie kreist um das Wunder der Menschwerdung: Hohes wird niedrig, Reiches arm, der König der Welt ein Krippenkind und mit dem Choral „Wie soll ich dich empfangen“, den er nach der Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ singen lässt, verbindet J. S. Bach Geburt und Passion, die „Theologie der Herrlichkeit“ und die „Theologie des Kreuzes“. Besonders kunstvoll, weil der Schlusschoral der sechsten und letzten Kantate die gleiche Melodie hat, der aber – eigentlich unpassend zur Passionsmusik unendlich viel festlicher und herrschergemäß gestaltet ist.

Die barocke Sprache erschließt sich uns heute nicht von selbst. Sie lebt von Gegensätzen: das Jauchzen und das Zagen, das Frohlocken und das Klagen – im Eingangschor (Jauchzet, frohlocket, Nr. 1), sodann die Armut und Majestät des Kindes, das sich durch die gesamte Kantate zieht (Er ist auf Erden kommen arm, Nr. 7, Großer Herr, o starker König, Nr. 8). Mit „herrlichen“ Chören „dienen“ (Jauchzet, frohlocket, Nr. 1). Zudem ist uns die barocke Sprache oft fremd: in Liebes- und Sehnsuchtsmanier wird nachher der Alt „den Schönsten, den Liebsten“ besingen. Und der Chor wird als Schlusschoral „mein herzliebes Jesulein“ besingen. Hinter der fremden Sprache und Bildwelt aber geht es elementar nur um die Botschaft, dass Gott Mensch wurde.

 

Predigt zu Lukas 2, 1-7 – Alles auf Anfang

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

Liebe Gemeinde am ersten Christtag,

die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums besingt die Geburtsgeschichte. Mit der Weihnachtsgeschichte setzt Gott „alles auf Anfang“! Bevor ich das an der Weihnachtsgeschichte in drei Punkten zeigen möchte, zuvor einige Gedanken, wie J. S. Bach in der ersten Kantate des Weihnachtsoratoriums musikalisch „alles auf Anfang“ setzt.

 

Alles auf Anfang – musikalisch – mit Melodien und Instrumenten

Mit einem mächtigen Eingangschor beginnt J. S. Bach das Weihnachtsoratorium. Und diesen Chor werden wir zum Schluss noch einmal hören. Die fünf Paukenschläge, mit denen die Musik beginnt, signalisieren „Achtung! Wichtig! Herhören! Alles andere vergessen!“ Dann gleich nochmals Paukenschläge: jetzt sind es neun. Falls noch nicht jeder „auf Anfang“ eingestellt ist. Man möchte aufspringen – mit der Musik mitmachen, Leben spüren. Dann erheischen die Paukenschläge und die Töne der Holzbläser Aufmerksamkeit für das Wichtige. Nochmals Signale: jetzt von den Trompeten und nach unten rasende Melodien. Alles in nur acht Takten! Das Leben will neu anfangen – der Himmel reißt auf, Gott wird Mensch!

Und schließlich scheint der Chor die Kraft der Pauken imitieren zu wollen und mit den Worten „Jauchzet! Frohlocket!“ seinerseits „alles auf Anfang!“ setzen zu wollen. Der Komponist setzt „alles auf Anfang“, wenn es um die Geburt des Retters geht.

 

Alles auf Anfang – politisch – mit dem Schwert

Noch einer setzt „alles auf Anfang“ und wird unfreiwillig zum Helfer. Es ist Kaiser Augustus aus Rom.

Kaiser Augustus hat, wie andere römische Kaiser, das Reich durch Kriege vergrößert. Nach außen also ein Imperator wie jeder andere. Nach innen aber schaffte er es, eine lang anhaltende Friedensphase, die Pax Augusta zu schaffen.

Nun also, sollte alle Welt, das gesamte römische Reich, das sich ums ganze Mittelmeer erstreckte, geschätzt, gezählt werden. Eine Volkszählung also. Warum will ein Herrscher sein Volk zählen? Wer die Zahlen hat, hat die Macht. Augustus hat alles in der Hand. Es geht um Macht und Machtausbau. Es geht darum, jeden einzelnen möglichen Steuerzahler in Listen zu verzeichnen, damit er dem römischen System nicht entwischen kann. Kaiser Augustus macht so eine Schätzung nicht alle Jahre, nein die Schätzung “war die allererste“. So weiß es der Evangelist Lukas zu berichten. Selbst der Kaiser setzt „alles auf Anfang“ und trägt so unfreiwillig seinen Teil zur Geburt des Heilandes bei. Während es beim Römer um Macht, Listen und Zahlen geht, geht es bei Gott darum, Mensch zu werden. Und so sieht die Welt die äußere Geschichte – die Volkszählung, die vielen, armen jüdischen Paare und Familien, die in jenen Tagen durchs Land ziehen und nirgends unterkommen- der Glaube sieht die innere Geschichte, gewissermaßen das Ziel dieser „allerersten Schätzung“, nämlich die Geburt des Heilandes.

Wäre Josef wohl mit der hochschwangeren Maria überhaupt diesen langen beschwerlichen Weg von Nazareth nach Bethlehem gegangen, wenn er sich nicht hätte schätzen lassen müssen mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger? Nein, niemals. Josef hätte seine Arbeit erledigt und sich mit Maria auf das erste Kind gefreut. Aber Jesus musste in Bethlehem, in der Stadt, aus der König David stammt, zur Welt kommen! Jesus ist ja schließlich – und auch das will die Verheißung und die göttliche Geschichte, ein leiblicher Nachfahre Davids. Nämlich: „Der Held aus Davids Stamm.“ Und so verheißt es der Prophet Micha: »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« (Micha 5, 1/ Matthäus 2, 6)

 

Alles auf Anfang – familiär - mit Liebe und Strenge

Jede Mutter und jeder Vater hier in der Kirche kann sich noch daran erinnern, wie es war mit dem ersten Kind. Alles auf Anfang. Der Wunsch, Eltern zu werden. Die Gewissheit, schwanger zu sein. Alles auf Anfang. Den Namen auszusuchen, das Warten und manchmal das Bangen. Und das Gefühl, das sich langsam als Wissen ins Bewusstsein schiebt: „Jetzt stehe ich wirklich in der Verantwortung, die jede andere Verantwortung übersteigt. Und: jetzt habe ich eigentlich nichts mehr in der Hand.“ Nicht das Wunder der Geburt, nicht die Entwicklung meines Kindes, nicht sein Wohlergehen oder seinen Erfolg. Ich kann ein wenig mittun – ich kann Liebe und Strenge in gutem Maß einsetzen. Ich kann Grenzen setzen und Regeln geben, um meinem Kind Orientierung zu geben. Ich kann für die äußeren Dinge, wie Essen, Wohnung, Kleidung und Bildung sorgen – ich kann meinem Kind Liebe und Zeit schenken, das Wichtigste. Aber letztendlich habe ich nichts mehr in der Hand. Ich kann mein Kind Gott anbefehlen. Aber mit dem Kind, das Gott schenkt, schenkt er einen Anfang, den Eltern heute staunend nur in Zahlen fassen können: „3700 Gramm/ 53 cm/ 35 cm Kopfumfang“. Oder schwärmerisch erfassen: „Ach, mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhn in meines Herzens Schrein, dass ich nimmer vergesse dein.“

Auch für die kleine, jüdische Familie aus Nazareth setzt Gott mit dem ersten Kind „alles auf Anfang“. Lukas wird später schreiben und diese Worte haben sich uns ins Herz geschrieben: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

 

Alles auf Anfang – die Heilsgeschichte - mit Liebe

Mit der Geburt des göttlichen Kindes setzt Gott die ganze Weltgeschichte „auf Anfang“ und fängt mit der ganzen Menschheit neu an.

“Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“

(Galater 4, 4)

Denn das ist doch der Bogen und Sinn der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen: dass er selbst herabkommt, dass ausnahmslos alle Gottesvorstellungen umgedacht werden müssen, dass Hoheit und Niedrigkeit, Allmacht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche, Gott und Mensch aufs Engste zusammengedacht und geglaubt werden müssen. „Er wechselt mit uns wunderlich, Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran.“

Und warum das alles? Warum wird das göttliche Kind Mensch? Warum muss ein Retter geboren werden? Bei dessen Geburt sogar die ganze Weltgeschichte, Augustus, und der ganze Kosmos, der Stern der Weisen, mithelfen.

Warum der Retter der Welt in Gestalt eines kleinen Kindes? Und später – viel unverständlicher noch, sein Ende? Weil nur die Wandlung von Macht in Liebe die Welt  weiterbringt. Weil nur der, der ohne Sünde ist, die Sünde der Menschen ans Kreuz hinauftragen kann. Darum liegt Gott in der Krippe im Stall. Darum begegnet Jesus jedem mit liebenden Augen. Weil Gott an Weihnachten mit jedem neu anfangen will. Weil Gott für jeden heute „alles auf Anfang“ setzen will. „Denn euch ist heute der Heiland geboren.“. Amen.