Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2

Pfarrerin Doris Häfele

in Degerloch, Christvesper 2002

Liebe Gemeinde,

"Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."

Das habt zum Zeichen: Ein Kind ist euch geboren, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend." Ein Zeichen, das aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft weist. Und etwas, das sich auch in der Gegenwart ereignen will und mir sagt:
Hier passiert ein ungeheurer Neuanfang und dieses Kind vermittelt all' dieses in seiner Unschuld, seiner Freude, seiner Zukunftsfähigkeit und Hoffnung.

‚Ist dieses Kind tausendmal in Bethlehem geboren und ist es nicht in Dir geboren, so ist es nicht geboren,' ähnlich, dem Sinne nach, hat das der Dichter Angelus Silesius einmal in seine Worte gefasst.

Was will dieses Kind mir sagen? Wo will es meine Seele berühren? Wo berührt es meine weihnachtliche Sehnsucht nach erfülltem Leben? Nach Teilen von mir, die leben wollen und es nicht konnten und es sich doch so sehr wünschen? Meine Sehnsucht nach geglücktrem, heilen, friedvollen Leben? Ich selbst habe vor einem Jahr geträumt - was selten ist bei mir - den Traum von einer Geburt, als ich beschloss, mehr zu dem zu stehen, was ich eigentlich möchte und auf meine innere Stimme zu hören und ihr nachzuspüren, hineinzuhören, was ich fühle und denke, was mein Lebenssinn ist, welche Teile von mir nicht mehr am Leben sind und es doch so sehr wünschen und wollen. Und was da eigentlich in mir angelegt ist. Und da hat meine Seele mir einen Traum geschenkt, einen Traum von einer Geburt, ein Zeichen, dass etwas Neues entstehen will und darf und soll und dass es gut ist, so wie es ist. Und so wie in der Weihnachtsgeschichte an vielen Stellen Träume wichtig werden, für Joseph zum Beispiel, der vom Geheimnis der Schwangerschaft erfährt, für die drei Weisen, die ihren Weg gewiesen bekommen, so möchte ich heute meinen Weihnachtstraum entwickeln, von einer Kirche und von Christen und von mir als jemandem, die dieses Kind als Zeichen ernst nehmen. Das Zeichen, dieses kleine Kind in der Krippe, lässt spüren, dass Wärme und Liebe das Fundament sind von allem, was lebt und leben will, dass ohne diese tiefen Gefühle nichts ist und nichts wird und niemanden leben kann und will. Und doch fühlen wir die Dürftigkeit unseres sonstigen Lebens gerade heute. Als wenn solche Gefühle an Weihnachten ihre Berechtigung haben und sonst nicht.

Ich finde, über weite Strecken unseres Lebens tun wir so. Wir sichern und halten fest. Wir kontrollieren und üben Macht aus, wir tun sachlich und vernünftig und geraten ein wenig auf die Seite des Herodes, der seine Macht bedroht sah durch dieses kleine Kind, das durch und mit so ganz anderen Mitteln lebt und wirkt, die so gar nicht zu kontrollieren sind und doch so vollmächtig und eigen. Ich denke, wir sind gar nicht so klug, wie wir immer meinen zu sein, wenn wir in unserem Alltag und Weltgeschehen diese fundamentalen Gefühle so verleugnen, oft beinahe verraten. Ich wünsche mir eine Kirche und Christen, die erkennen, dass alles in unserem Leben auf diesem Fundament aufbaut, und dass jeder Glaube auf Vertrauen baut, jede Meinung auf einem Gefühl, jedes Wissen und jeder Beruf auf kulturellen Werten und emotionalen, gefühlsmäßigen Grundhaltungen, und es wäre klug, diese Dinge wieder miteinander zu verbinden, denn dann wüssten wir, worauf wir stehen, auf welchem Fundament und könnten ganz anders oder überhaupt damit umgehen. Um so komplizierter unsere Welt wird, um so mehr müssen wir lernen, mit uns und unseren Gefühlen umzugehen und dem Außen etwas im Innen entgegensetzen.

Für mich ist der weise und kluge Mensch ein Mensch mit kindlicher Seele. Er besitzt eine Naivität auf höherer Ebene, weil er sich etwas beibehalten hat von der Ursprünglichkeit des Kindes, dem direkten Spüren, dem spontanen Zugang zu seiner Welt und Umwelt, die er sich auch nicht nehmen lässt, trotz aller Vernünftigkeit und Sicherheit, trotz allen Zwängen und Pflichten, er weiß um seinen Kern, sein Selbst, seine Würde und sein Bild Gottes in sich und in jedem seiner Mitgeschöpfe und diese Dinge sind ihm heilig und ihnen begegnet er mit Achtsamkeit und Respekt. Er kann noch spüren mit dem Herzen und mit der Seele und das Kind in ihm ist ein wichtiger Teil, der zu ihm gehört. Wenn wir es ansehen, das Kind in der Krippe, in seiner Nacktheit und Zartheit und Hilflosigkeit, angewiesen auf unendliche Behutsamkeit. Wie erleben wir uns da? Kann ich solche Zartheit und Vorsicht zulassen? Oder muss ich zu mir sagen: So ist auch niemand je mit mir umgegangen, als Erwachsener schon gar nicht. Oder kann ich das nachspüren? Eigentlich hätte ich es mir gewünscht in meinem Leben, dass man behutsam mit mir umgegangen wäre; es tut mir noch heute weh, dass so wenig davon spürbar ist und war, und wenn ich so dieses verletzte Kind in mir spüre, dann kann ich meine inneren Tränen ein wenig weinen und annehmen und aushalten und manchmal kommen mir dann neue Kräfte und ich denke daran, vielleicht kann ich es anders machen, ein wenig wenigstens?

Und dann kann ich auch das andere Kind in mir und in diesem göttlichen Kind sehen: das Kind, das spielen kann und glücklich ist, einfach so in seinem Sein und Dasein. Das sich freut an seinem ganz eigenen Wert und an seinen Gaben und sie gerne und spielerisch ausübt, mit schier unendlicher Freude und Energie. Da ist viel da, wenn man es lässt und geschehen lässt, und es geschieht wie von selbst. Dieses selbst und von selbst, dieses ganz bei sich sein und einfach nur sein, von all dem hab' auch ich eine Ahnung und eine Erinnerung in mir; manche nennen es das göttliche Kind in mir, das oft verschüttet wird und wurde und doch immer zum Leben drängt. Dieses Kind, das die "Gottes"Gaben leben darf, mit Unterstützung der Erwachsenen, die in ihm angelegt sind, dessen innere Haltungen gefördert werden und dem nicht nur von außen etwas beigebracht wird.

"Ist dieses Kind tausendmal in Bethlehem geboren und ist es nicht in dir geboren, so ist es nicht geboren." Das Geheimnis und der Glanz von Weihnachten besteht darin, dass die Geburt Christi mit meiner Geburt als Mensch in Beziehung gesetzt wird. Ich versuche das, wenn ich meditiere, bete, in mich höre, meiner Hilflosigkeit und Verletzungen nachspüre. Ich suche Gott nicht hoch oben in der Erfüllung von religiösen Leistungen und Idealen, sondern in der Tiefe, an der Krippe und in mir. Ich lasse meine Hilflosigkeit, mein verletzliches Kind in mir zu, wenn ich merke, mich hat etwas sehr getroffen. Ich spreche bisweilen dann mit mir selbst und bin mir selbst Begleiter und manchmal geschieht Veränderung und diese anfängliche Hilflosigkeit wird zu meiner eigenen Stärke. Ich spüre, wie sich das aushalten läst und ich erfahre, dass ich die Kraft habe und von Gott bekomme, meine Angst und Ohnmacht auszuhalten und dann ändert sich da eine Grundhaltung in mir, nämlich, dass ich mich in meiner Hilflosigkeit nicht klein fühle, sondern geborgen und angenommen - vielleicht von mir und von Gott - stark und plötzlich manchmal auch voll Macht, und zwar eine ganz andere Macht, eine, die nicht etwas beherrscht und unterdrückt, sondern die annimmt und birgt und schützt, gerade das, was hilflos ist.

Ich wünsche mir eine Kirche und Christen, die um der Stärke von all diesen Wegen nach innen weiß, sie selber gehen lernt und lehrt, weil nur das eine innere Stärke und Kraft verleiht, die einer wahren Menschlichkeit zum Ziel verhelfen mag.

Eine Stärke, die nicht etwas in mir zudeckt, sondern die um alle meine Teile in mir weiß und sie annehmen kann und so eine eigene Stärke und Identität entwickelt, die in Freiheit offen ist auch für Neues und einen neuen Anfang. Die das Kind in mir als einen wesentlichen Teil meiner Lebenskraft nicht als kindlich abtut, sondern als wertvolle, vielleicht manchmal zu schützende Lebensfreude und Liebe wachhält. Und auch als Erwachsene noch verletzbar und verletzlich sich zu erkennen geben kann und somit immer wieder das Risiko des Menschseins wagt.

Nur wer sich öffnet, den kann Gott in seiner Seele berühren. Und nur wer offen bleibt, dem kann jemand und auch Neues begegnen.

"Ein Kind in Windeln gewickelt", ein Zeichen, das mich und die Welt verändert, ein Zeichen, das sagt: Gott wurde an Weihnachten Mensch, damit wir Menschen sein können. Ich gebe diesen Traum und diese Hoffnung und diesen tiefen Glauben nicht auf, dass es mit und der Welt immer wieder einen Neuanfang möglich macht.

Amen.