Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2, 8 - 20

Prädikant Jürgen Deuerlein (ev)

24.12.2014 in Enzweihingen

Christmette

Textlesung: Lukas 2, 8 - 20

Mitten im Gebirge überrascht mich ein Gewitter. Unter dem Dachvorsprung einer Hütte suche ich Schutz vor dem Regen. Von den umliegenden Weiden flüchten auch einige Hirten unter das Dach. Dicht aneinander gedrängt, sehen wir durch den Regenschleier eine Gestalt auf uns zukommen. Sie schwankt hin und her. Es ist ein Betrunkener. Mühsam hält er sich auf den Beinen. Ehe er die schützende Hütte erreicht, stürzt er in den Schlamm. Einige Meter kriecht er noch auf den Knien, bis er in einer Pfütze liegen bleibt und sich nicht mehr regt. Der Wolkenbruch hält unvermindert an. Das Wasser in der Mulde steigt schnell. Ich reagiere panisch: "Er ertrinkt. Wir müssen ihn herausziehen!" Die Männer neben mir schütteln den Kopf: "Du wirst nur nass. Er ist selbst schuld. Soll er doch ersaufen." Keiner lässt sich erweichen. Ich renne durch den Regen und ziehe ihn alleine aus dem Wasser.

Als ich zu dieser Wanderung in die Karpaten aufgebrochen war, hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Ich hatte Hirten erwartet, die im Einklang mit der Natur durch die Berge ziehen. Ich hatte mir ausgemalt, wie sie abends am Lagerfeuer sitzen. Eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht: "Einer für alle, alle für einen". Genauso idyllisch wie unter dem Christbaum daheim. Dort sind die Hirten neben der Krippe friedlich um ein Lagerfeuer versammelt. Sie wirken so fürsorglich, mit ihrem Stab in der Hand und dem Lämmchen auf der Schulter. Doch wie war das zu der Zeit, als die Engel den Hirten erschienen? Nach allem, was wir über die damaligen Verhältnisse wissen, waren die Hirten arm und verachtet. In Osteuropa ist das heute nicht anders. Dort sieht man vielen Hirten an, dass sie am Rande der Gesellschaft leben. Häufig fehlen ihnen Zähne. Manche haben gar keine Zähne mehr. Die zerrissenen Kleider sind grob mit Schnur geflickt. Schon vor der ersten Begegnung fällt ihr größtes Problem ins Auge: Die Landschaft ist übersät mit leeren Flaschen. Nicht Limonade oder Cola, sondern Sanitäralkohol, vergält und zum Trinken ungeeignet. Sie trinken ihn trotzdem. Das Desinfektionsmittel ist billig. Ein Vollrausch für einen Euro, das geht nicht mit Wein oder Bier.

Seit ich die Lebensumstände vieler Hirten gesehen habe, frage ich mich, weshalb die Engel gerade den Hirten erscheinen. Von den Hirten, die ich kenne, kann ich mir das nur schwer vorstellen. Es hat doch nichts Gutes, sich gehen zu lassen und das Leben durch Alkohol zu zerstören. Es hat überhaupt nichts Gutes, gleichgültig zuzusehen, wenn ein Mensch ertrinkt. Wie kann es sein, dass gerade die Hirten die Stimme der Engel hören? In Israel lebten damals viele Menschen, die sich aufrichtig bemühten, ein gottgefälliges Leben zu führen. Warum kommen die Engel zu den Hirten und nicht zu den Frommen? Was war so schlecht an ihrer Frömmigkeit? Hören wir dazu die Engel selbst:

"Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens."

Es wird kein Zufall sein, dass sie beides in einem Satz erwähnen. Die Ehre für Gott und der Friede bei den Menschen gehören zusammen. Viel Unfrieden in der Welt kommt daher, dass Menschen ihre eigene Ehre suchen. Der Kampf um die Ehre kann schlimme Folgen haben. Der "Islamische Staat" beansprucht, für die Ehre des Islam zu kämpfen. Hitler wollte die Ehre des deutschen Volkes wieder aufrichten. Im Ukraine-Konflikt ist keine Lösung in Sicht, weil beide Seiten das Gesicht nicht verlieren können. Nicht nur auf der Bühne der Weltpolitik, überall bringt der Kampf um die Ehre Unfrieden: Machtkampf in Firmen, Gerangel ums Ansehen in christlichen Kirchen, Streit zwischen Geschwistern, Gezanke in der Partnerschaft. Solange Menschen um ihre Ehre kämpfen, kann es keinen Frieden geben. Damit der eine oben sein kann, muss der andere unten sein.

Kann es sein, dass die Hirten, die Zöllner und die Dirnen in den Evangelien eine so große Rolle spielen, weil sie keine Ehre mehr haben? Von den Menschen werden sie verachtet. Ihre Selbstachtung haben sie verloren. Worauf könnten sie noch stolz sein? Kämen Gottes Engel zu den Frommen und Angesehenen, würden diese in ihrem Ansehen und ihrer Selbstgerechtigkeit bestärkt: 'Nicht nur bei den Menschen bin ich jemand, selbst Gott schickt seine Botschafter zu mir'. Die Hirten damals konnten in ihrem Ansehen nicht bestätigt werden – sie hatten keines. In den Gegenden Osteuropas, wo es heute noch viele Hirten gibt, ist das nicht anders. Die meisten Hirten, die ich dort getroffen habe, leben am Rande der Gesellschaft. Sie sind ganz unten.

In dem Moment, als ich den betrunkenen Hirten aus dem Wasser zog, kam mir ein Satz in den Sinn. Er stammt aus einem Gleichnis, das Jesus erzählt. Darin geht es um einen Pharisäer und einen Zöllner. Beide beten. Der Pharisäer betet: "Gott ich danke dir, dass ich nicht bin wie jener Sünder". Der Pharisäer ist stolz auf seine Frömmigkeit und zählt seine frommen Werke auf: "Ich faste, ich gebe den Zehnten". Der Zöllner hat nichts Gutes vorzuweisen. Er kann nur bitten: "Gott sei mir Sünder gnädig!" Jesus sagt, der Zöllner geht gerechtfertigt, nicht der fromme Pharisäer. Wie kann das sein? Die Zöllner der damaligen Zeit waren korrupt. Sie haben sich auf Kosten des Volkes bereichert. Trotzdem ist der Zöllner gerechtfertigt, denn er betet: "Gott sei mir Sünder gnädig!" Er schlägt sich an die Brust. Er sieht seine Schuld und macht sich nichts vor. Anders der Pharisäer. Dieser verlässt sich auf seine Frömmigkeit. Er hält sich für besser als der sündige Zöllner. So bleibt der Pharisäer beim Kampf um die Ehre. Auch wenn es eine fromme Ehre ist, bleibt er in dem System von oben und unten. Ich kann den Pharisäer sehr gut verstehen. In dem Moment hatte ich die gleiche Haltung: 'Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie dieser Betrunkene, der da im Schlamm liegt'. Er war unten und ich oben. Ich wähnte mich besser als er. Zusätzlich fühlte ich mich als Held, der handelt, während die anderen tatenlos zusehen. Es ging um meine Ehre. Die Engel verkünden etwas anderes:

"Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens."

Die Engel sprechen von der Ehre Gottes. Weil die Ehre alleine Gott gehört, kommen die Engel zu den Hirten. Die Hirten können keine eigene Ehre mehr beanspruchen. Die Engel kommen zu den letzten in der Reihe, damit die menschliche Hackordnung aufgelöst wird. Es ist die Auflösung der Reihenfolge, nicht ihre Umkehrung. Bei den vielen Reformen und Revolutionen der Menschheit wurde oben und unten meist nur umgedreht. Die vorher unten waren, sind danach oben. Nach der Revolution ist es in der Regel das alte Spiel nach den gleichen Regeln. Nur die Figuren sind ausgetauscht. Die Botschaft von Weihnachten ist eine andere. Die Armen sind nicht besser als die Reichen. Das ganze System von besser und schlechter, von oben und unten, ist aufgelöst. Vor Gott bin ich nicht besser als der hilflose Betrunkene in der Pfütze. Vor Gott sind wir beide schuldige Menschen, die Vergebung brauchen. Gott liebt ihn genauso wie mich. Vor Gott sind wir alle gleich. Keiner verdient sich das Heil. Die Engel kommen zu den verachteten Hirten, damit klar wird, es ist unverdient.

So bleibt der Ruf der Engel bei den Hirten nicht ohne Folgen. Sie laufen los. Sie wollen nicht mehr bleiben, wo sie sind. Sie wollen auch nicht mehr bleiben, wie sie sind. Auch diesen Aspekt der Weihnachtsgeschichte haben mich die Hirten Osteuropas gelehrt.

Es beginnt in der Dämmerung mit einem Gefühl der Angst. Wir hören eine Meute Hunde bellen. Sie kommen näher. Die Hunde der Hirten sind aggressiv und wegen der Tollwut eine Lebensgefahr. Es gibt nur einen Ausweg: Nach dem Hirten Ausschau halten und eine Schachtel Zigaretten hochhalten. Dann erst pfeift er die Hunde zurück. Eine Schachtel Zigaretten, das ist der Wegzoll. So suchen wir auch diesmal den Hirten. Als ein Pfiff ertönt und die Hunde von uns lassen, sehen wir ihn. Ich gehe ihm entgegen und biete Zigaretten an. Er lehnt ab: "Steck deine Zigaretten wieder ein. Ich rauche nicht." Er ist der erste Hirte, der nicht raucht.

Vieles an ihm ist ungewöhnlich. Die Hunde sehen gepflegt aus. Hinterdrein kommt ein Pferd. Im Gegensatz zu den Pferden, die wir bisher sahen, ist es gut genährt, mit schönem, glänzendem Fell. Er hatte uns von weitem gesehen und war uns nachgelaufen. Seine Begründung: "Die Nacht wird kalt. Kommt in meine Hütte! Das ist besser als draußen übernachten." Wir nehmen das Angebot an. Die Hütte ist anders als die meisten Hirtenhütten. Sie ist ordentlich und gut in Schuss, nicht das übliche mit Plastiktüten notdürftig geflickte Dach. Als er uns eine Schüssel Wasser zum Waschen der Füße hinstellt, ahne ich noch nichts. Als ich auf dem Tisch ein Buch liegen sehe, frage ich nach. In der einfachen Hütte, ohne Lampe oder Strom, hätte ich kein Buch erwartet. Es ist eine Bibel. Jeden Abend liest der Hirte in der Bibel. In dem Moment wird mir klar, weshalb so vieles an ihm anders ist: die schöne Hütte, die gepflegten Tiere, seine Freundlichkeit. Er erzählt, dass er seit 40 Jahren keinen Alkohol mehr trinkt. Auf meine Frage weshalb, antwortet er: "Früher habe ich getrunken wie alle anderen. Irgendwann tat es mir leid um meine Frau und meine Kinder. Sie waren mir zu schade. Ich wollte meinen Kindern eine ordentliche Ausbildung ermöglichen. Dafür habe ich gespart und mein Geld nicht für Alkohol ausgeben. Auch bin ich mir zu schade, um betrunken zu sein. Ich bin ein Kind Gottes. Ich bin zu wertvoll."

In dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Wir sind die Menschen seines Wohlgefallens. Wir sind so wertvoll für Gott, dass er uns den Retter schickt. Wenn wir für Gott so wertvoll sind, dann sind wir zu schade, um ständig betrunken zu sein, sei es im Alkoholrausch oder im Rausch von Ansehen und Ehre. Wir sind zu schade, uns schlecht zu behandeln oder uns zu überfordern. Unsere Lebensweise will diese Würde spiegeln. All die Tugenden, wie Ehrlichkeit und Nächstenliebe, drücken nur aus, wie wertvoll wir für Gott sind. Es geht nicht darum, uns damit etwas zu verdienen. Es geht nicht um Tugend oder Ehre. Unsere Lebensweise ist Antwort.

"Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens."

Das befreit uns von dem Zwang, um die eigene Ehre zu kämpfen. Wir brauchen keine eigene Ehre aufbauen. Wir haben Teil an der Ehre Gottes. Wir sind so wertvoll, dass er uns seinen Retter schickt. Das ehrt uns. Es ehrt uns so sehr, dass wir loslaufen wie die Hirten. Es ehrt uns so sehr, dass wir nicht mehr bleiben wollen, wie wir sind. Wir wollen antworten, mit unserem Leben antworten, indem wir gut mit allen umgehen, mit uns selbst und allen Kreaturen. Wie Nikolai der Hirte. Seine Lebensweise ist die Antwort, dass der Retter für ihn geboren ist und er zu den Menschen seines Wohlgefallens gehört. Sogar das Fell seiner Tiere spiegelt die Antwort.

Wir antworten mit unserem Leben – aus Freude. Auch wenn uns nicht nach fröhlicher Weihnacht zumute ist, weil Einsamkeit, Krankheit oder Schuldgefühle quälen. Auch dann antworten wir, wenn wir uns nur an die Brust schlagen und beten: "Ja Gott, sei mir Sünder gnädig!"

Das gibt Gott die Ehre und den Menschen Frieden.