Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2 eine nacherzählte Geschichte aus der „Thüringer Allgemeinen“

Pastor Frank Howaldt (ev.-luth.)

24.12.2010 in der Christianskirche in Hamburg-Ottensen

Christvesper

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!

Der Zug fährt durch die Nacht. Durch die Schneelandschaft, an den Dörfern vorbei. Seine Lichter brennen hell. Für Augenblicke erleuchten sie die Umgebung. Die Weichen sind nicht gefroren, die Signale auf freie Fahrt gestellt. Die Räder rollen gleichmäßig und in gewohntem Rhythmus. Drinnen sind Menschen auf der Reise. Leipzig ist die letzte Station. Es ist Weihnachten. Die meisten fahren nach Hause, da wo die Wurzeln sind und die alten Geschichten erzählt werden aus Kindertagen. Ein paar Touristen sind dabei. Japaner auf Europareise. Des Nachts ist der Zug unterwegs.

Der Lokführer ist erfahren. Er blickt auf 40 Dienstjahre zurück. Heute ist sein letzter Arbeitstag. Weihnachten. Er schaut in die Dunkelheit. Er kennt die Strecke. Unzählige Male hat er den Zug gefahren. Er sieht die Lichter der Häuser vorbeiziehen. In den Abteilen ist es warm. Es wird geschlafen und gelesen, Kinder drücken sich die Nasen platt oder malen Pferde auf die beschlagenen Scheiben. Drei ältere Herrschaften sagen Kontra und Re. Ein junger Mann mit Glatze hat Kopfhörer auf und summt „Stille Nacht“. Eine Frau wiegt ihr Kleines in den Schlaf.

Der Zugführer merkt nichts davon. Er schaut in die Nacht. Er denkt: „ 40 Jahre und niemals habe ich die Fahrgäste gesehen. Niemals habe ich die Menschen gesehen, die ich tagaus, tagein befördere.“ „Bedauerlich“, denkt er, „sehr bedauerlich. Gerade an Weihnachten. Ich hätte sie gerne gesehen, die Menschen.“ Der Zug fährt. Des Nachts.

Liebe Gemeinde!
Des Nachts hüteten sie ihre Herde. Die Hirten. Wärme und Licht nur von ein paar Feuern, um die sie standen. Und von den Sternen. „Wann wird er kommen“, murmelte einer, „wann wird er kommen, der Zug, - der Zug, den Gott anführt, durch die kargen Landschaften, der Zug, vor dem sich die Hügel flach legen und die Täler in die Höhe wachsen und der alle mitnehmen wird in eine neue Zeit, in ein anderes Reich.“

Sie schauten ins Feuer des Nachts bei den Schafen. „Er wird kommen“, sagt ein anderer mit fester Stimme, „er wird kommen, es ist versprochen, der Friede wird anbrechen und die Liebe wird um sich greifen, er wird kommen.“ Denn es wird höchste Zeit, höchste Zeit, weil die Suppenschüsseln ausgehen und zu viele Kinder von der Hand in den Mund leben müssen, und weil zu vielen das letzte auch noch aus der Hand geschlagen wird, - weil die Boote an den Riffen brechen, mit denen sie in die Freiheit wollten, - weil die Eisbären auf Schneeinseln treiben und die mit den vollen Taschen den Untergang nicht merken, - weil geübte Redner mehr Nächstenliebe fordern, diese Nacht, und ihre Taten lange aufgehört haben, zu folgen,

- weil all dies geschieht, ist es höchste Zeit, dass er kommt, der Zug voll Licht und Leben, den Gott aufs Gleis gesetzt hat, sagen sie, einer nach dem anderen, denn die Hoffnung stirbt zuletzt, des Nachts.

Der Zug ist unterwegs. Letzter Halt vor Leipzig. Die Lichter der Häuser verschwinden im Dunkel. Eine junge Frau betritt den Speisewagen. Am Arm trägt sie einen Korb voller Rosen. Sie hält inne und räuspert sich. Draußen steht ein heller Stern am Himmel über den Bäumen eines dichten Waldstückes. „Diese Rosen“, sagt sie mit freundlicher Stimme, - die Reisenden erheben die Häupter und sehen auf -, „mit denen habe es eine besondere Bewandtnis.“ Ob ihr die verehrten Mitreisenden, dafür einen Moment Aufmerksamkeit schenken würden. „Werden jetzt in der Bahn auch schon Rosen verkauft, reiche das nicht in den Kneipen“, schäumt einer auch vom Bier.

Ein Kellner drängt sich durch den Gang und wiederholt lautstark ein paar Bestellungen. Die Tür zur schmalen Küche wird geöffnet. Man hört das Geklapper der Töpfe und das Geplapper der Küchenleute. „Vor Leipzig will ich hier alles klar haben“, ruft der Koch, „es ist Weihnachten!“ Ein paar Menschen versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Das hatte sich die junge Frau gewünscht. Leicht war es nicht. Des Nachts.

Des Nachts hatten sie keinen Raum in der Herberge. Ihr Klopfen hatte man kaum vernommen. In all dem Lärm der Welt ringsum. Alle Welt hatte sich aufgemacht, ein jeder in seine Stadt. Ein Riesendurcheinander. Wohin man gehörte, das wusste mancher nicht zu sagen. Die Raststätten war überfüllt, die Landkarten ausverkauft, die Heimatlosen wurden zu den Sesshaften. Ihr Klopfen hatte man kaum vernommen. Fast wären sie gegangen, dann zeigte ihnen die Wirtsfrau einen Stall. Denn die Frau war schwanger. Dort konnten sie ausruhen, zum ersten Mal seit Tagen, meist gingen sie schweigend.

„Und du meinst wirklich, flüsterte der Mann vorsichtig, „ du meinst wirklich, der Engel hat gesagt: Er wird Sohn des Höchsten genannt werden?“ „Ja, doch, Josef, erwiderte die Frau, „das Gotteskind!“ „Aber, Gott, ...“ sucht der Mann nach Worten, „... Gott ist doch ganz anders, mächtig und groß, nicht klein und verletzlich. Gott wird den Zug anführen, davon reden sie, er wird kommen und sein Reich aufbauen.“ „Vielleicht ist es anders“, sagt Maria, „vielleicht will er zuerst mal nach den Menschen sehen.

Vielleicht hat er sie zu lange nicht gesehen. So fern. Und vielleicht will er, dass die Menschen ihn sehen, ganz nah, nicht fern, vorn im Führerhaus eures großen Zuges.“ Joseph sah nach draußen. Ein Stern am Himmel. „Ich sag ja nur, vielleicht ... „ flüsterte Maria, „es geht los, es kommt, des Nachts.“

Nächtliche Zugfahrt. Weihnachten. Am Ende ist der Lärm verebbt. Es sind doch mehr Menschen als eben noch gedacht, die der jungen Frau mit den Rosen ihre Aufmerksamkeit schenken. Sie sei, sprach die Frau, die Tochter des Lokführers. Und ihr Vater habe just in dieser Nacht seine allerletzte Fahrt. Er habe es immer wieder so bedauert, dass er nie die Fahrgäste, nie die Menschen habe sehen können, für die er da war.

Und sie habe sich gedacht, dass heute eine gute Gelegenheit sei und ob sie allen eine Rose aushändigen dürfe, die diese wiederum bei der Ankunft in Leipzig ihrem Vater überreichen würden? Es war einen Moment still, erst sah man viele erstaunte Gesichter, dann viele nickende Köpfe. Die Rosen waren schnell vergriffen an  Bundeswehrsoldaten, Manager, Monteure, Omas und Enkel, eine Skatrunde, einen Kellner. Alle warteten jetzt mit mehr Erwartung auf das Ziel. Alle spürten wie sich da eine seltsame Wärme im Körper breit machte und ein leises Lächeln. Der Zugführer sah auf die dunklen Gleise. Und zählte insgeheim die Menschen, für die er da war in all den Jahren, fast eine Ewigkeit, da war, ohne sie je zu sehen, es sind mehr als Sternlein stehen, dachte er.

Des Nachts kam das Kind. Jesus, flüsterte Maria. Und der sah die beiden an. Die ersten Menschen, die er je zu Gesicht bekam. Des Nachts. Und die beiden sahen ihn an. Das Gotteskind, das erste, das sie je zu Gesicht bekamen. Und betrachten es froh. Gott den Menschen. Die Menschen Gott. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit. Wie man sich gefehlt hatte, bemerkte man nun erst. Josef verdrückte eine Träne.

Wie konnte man nur so lange füreinander da sein, ohne sich wirklich zu sehen, wie man eben ist, aus Liebe. Des Nachts kam das Licht auf die Felder. Und die Hirten ließen ein paar Hoffnungen sterben, die von einem Gott, der mit einem Zug alles richtet. Und ein paar neue Hoffnungen leben, die von einem Menschen, der in vollen Zügen sein Leben in die Hand nimmt und das Beste dafür gibt und auch für den anderen und die Eisbären. Und sie kamen, sich sehen zu lassen von Gott in neuem Licht.

Als der Zug in Leipzig einfuhr war alles anders als sonst, wenn ein Zug ankommt. Des Nachts. Der sonst so eilige Strom der Reisenden schob sich gemächlich dahin. In andere Richtung. Nicht zum Ausgang. Auf die Lok zu, vor der sich lange Schlangen bildeten. Und jeder sagte dem nach kurzer Zeit tränenüberströmten Lokführer einen kleinen Spruch ins Gesicht. Und schon bald war der Führerstand übersät mit Rosen.

Das dreiköpfige Empfangskomitee der Bahn, das am Bahnsteig auf den Jubilar gewartet hatte um einen kleinen Strauß zu überreichen starrte fassungslos auf das Geschehen. Und ein paar Japaner berichteten nach Hause von einem wunderschönen deutschen Bahnhofsritual zur Heiligen Nacht, bei dem die Lokführer nach ihrer Tour mit Blumen überschüttet werden.

Der Zugführer konnte kaum etwas sagen. Nur so etwas wie: Nun habe ich die Menschen gesehen, für die ich da bin. So lange hat es gedauert. Fast eine Ewigkeit. Bei Gott. Und Gott im Himmel erinnerte sich an jene erste Nacht, als man sich wieder ins Gesicht sehen konnte, Gott und Mensch und wieder wissen konnte, wie das ist, sich wirklich zu sehen, und die Liebe und das Leben. Und die junge Frau sprach zu denen, die noch dastanden: Gesegnete Weihnachten! Amen