Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2

Pastorin Heike Beckedorf

in Hemmingen bei Hannover

Heiliger Abend

Heiliger Abend

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!

Eigentlich war es wohl anders geplant: Unterwegs in der Fremde, unbehaust, in unwirtlicher Stätte - so hatten sie sich die Geburt wohl nicht gedacht. Keiner würde das so wünschen und planen. Aber nun ist es da, das neugeborene Kind:
Für alle ist alles neu: die Töne, die das Kind macht, sind für die Eltern neu, sie müssen es erst kennenlernen, verstehen lernen. Die Töne, die in dem Stall sind, sind für das Kind neu und unvertraut. Alle sind miteinander etwas fremd: die junge Frau, die zur Mutter geworden ist. Was ist das: Mutter sein? Der junge Mann, der Vater geworden ist: Was ist das: Vater sein? Das Kind, aus der wärmenden bergenden Hülle des mütterlichen Bauches durch viele Schmerzen hinausgeworfen in kalte harte Bedingungen und in eine große Schwere. Viele Neugeborene weinen viel. Und sie sind schutzlos und ohnmächtig darauf angewiesen, Liebe und Zuwendung durch seine Eltern zu erfahren. Das ist die eine Seite und die andere ist: Zugleich ist dieses winzige Bündel Mensch bereits das ganze Leben, der junge, der reife und der alte Mensch - alle Möglichkeiten ruhen in ihm. Der Glückliche, Traurige, der Verzweifelte und Hoffnungsvolle Mensch, der liebende, hassende und verzeihende: Alle Hoffnungen, alles spätere Tun und Lassen. Es wird niemanden auf der ganzen Welt geben, der so ist wie dieser kleine verletzliche Mensch in den Armen seiner Eltern. Einzigartig und überaus kostbar.
Das gilt für jedes neugeborene Kind und für jedes Menschen auf dieser Erde. In diesem Kind in der heiligen Nacht kommt Gott zur Welt.

Was heißt das nun für uns ?

Eigene Kinder, Kindeskinder stehen heute tatsächlich vielfach im Mittelpunkt des Heiligen Abends. Viele meinen deswegen, dass Weihnachten vor allem ein Fest für die Kinder sei.

Und Sie haben recht damit !

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht erfahren, was das Reich Gottes ist,“ sagt der erwachsene Jesus später zu seinen Freunden.
Wir alle waren mal Kinder. Und mache sind es auch heute noch, weil sie im Herzen Kinder sind oder auch weil sie nicht vergessen haben, wie es ist, ein Kind zu sein. Wir alle sind und bleiben Kinder, immer, bis an das Ende unseres Leben. Kinder unserer Eltern, Kinder Gottes.
Wir alle, jeder und jede, sind ebenso verletzlich und hilflos, wie dieses kleine Kind in der Krippe, so bereit für einen neuen Anfang und so offen für neue Eindrücke, wie dieses Kind in der Krippe. Und wir alle haben irgendwann erfahren, wie unangenehm es sein kann, hilflos und verletzlich. Es tut weh, verletzt zu werden. Viele von uns haben deswegen das Kind-Sein in sich verschüttet.

Unsere Weihnachtsgeschichte weiß hiervon und findet eine sehr tiefe und wahrhaftige Symbolsprache. Sie sagt: Schutzlos tritt das Leben in die Welt, verletzlich und unendlich kostbar zugleich. Im Bild von der Geburt des Heilandes unbehaust im Stall, und unterwegs in der Fremde werden große und alte Menschheitserfahrungen aufgenommen:
Jeder Mensch und nicht nur der neugeborene Heiland ist vom Tage seiner Geburt an unterwegs, unterwegs auf seinem Lebensweg. Wenig nur können wir wirklich festhalten und auf unserer Lebensreise mitnehmen. Vieles müssen wir loslassen, um neues hinzuzugewinnen. Kindheit, Jugend, erhebende Augenblicke ... sie alle sind flüchtig, vergehen und Neues wächst uns zu. Was in zwei Stunden sein wird, können wir jetzt noch nicht mit Sicherheit sagen, es ist uns noch fremd. Nicht nur die Eltern unseres Heilandes sind unterwegs in der Fremde. Wir sind es auch: Sie und ich... sind mitgemeint.

Ebenso verhält es sich mit der Geburt des Heilandes im Stall. Unwirtlich und zugig dürfen wir uns diese Stätte denken. Und genauso schutzlos, dünnhäutig und unbehaust wie es mit der unwirtlichen Geburtsstätte beschrieben wird, so fühlen wir uns doch manchmal selber in unserer eigenen Haut, wenn wir verletzt sind. So blank und bloß gescheuert liegen dann die Nerven, dass uns die Zugluft - von welcher Seite auch immer sie kommen mag - sofort zur Kränkung reichen kann. Am liebsten möchte man sich verkriechen. Doch wohin nur ? Wir stecken in unserer Haut. Manchem geschieht das gerade heute, wo wir doch eigentlich nur eines wollten, nämlich glücklich und zufrieden sein.

In der heiligen Nacht werden wir an das göttliche Kind erinnert: Ein Kind kommt in diese Welt und ist ihr zunächst nicht vertraut. Und doch ist es offen, bereit, sich auf das Leben einzulassen, es staunt sich in die Welt hinein, es begreift die Welt mit allen Sinnen, es spielt in ihr und mit ihr, ohne Absicht, einfach aus sich selbst heraus. Ein Kind hat keine Vorurteile und keine Nebenabsichten, es vertraut dem Gefühl und hört mit dem Herzen. Unendlich kostbar und verletzlich zugleich, ohnmächtig und zugleich voller Lebensfreude und Kraft, um zu wachsen .... kommt es in unsere Welt, kommt es in uns zur Welt.

Die alten christlichen Mystiker haben gewusst , dass es um die Geburt des Kindes in uns selber, in der Krippe unseres Herzens geht: Angelus Silesius - ein Mystiker aus dem Mittelalter - sagt hierzu:

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, so bleibst du ewiglich verloren.

Der heilige Abend geschieht - gleich, was wir erlebt haben, gleich, wo wir sind. Die Umstände sind weniger wichtig als wir selber oft meinen. Darum kann ich Weihnachten feiern so wie ich bin und so wie mir ist:
allein zuhause vor einer Kerze, im Kreise der Familie, manche auch heute mit Grund zur Trauer, andere vergnügt und unbeschwert. manche schlicht andere festlich gestimmt.

Viel wichtiger ist: Die heilsamen Kräfte sind, der Heiland, ist mitten unter uns. Das Kind ist neu geboren. Gott macht mit uns einen neuen Anfang. Und die kindliche Freude am Leben möchte erblühen und wachsen.

Amen.