Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-14

Dietmar Jordan (rk)

25.12.2010 in der Justizvollzugsanstalt Aachen

Weihnachtsgottesdienst mit Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Aachen

 

              Knast, Krippe und Stall

 

Predigt im JVA - Gottesdienst

 

Weihnachten im Knast. Das ist ein schwieriges Fest. Alle Welt kommt zusammen, um beieinander zu sein und miteinander zu feiern.  Und Sie sind hier –

ohne Familie und Freunde, ohne die Menschen, die draußen zu Ihnen gehören oder früher einmal gehörten. Weihnachten ist ein schweres Fest – bei all dem, was mancher auf dem Buckel hat: die Enttäuschungen, die Wut und die Bitterkeit über so vieles, was irgendwie ziemlich schief gelaufen in unserem Leben. Was also fangen wir an mit Weihnachten – im Knast?

 

Ich kann jetzt nur von mir sprechen, von meiner Lebenserfahrung und meiner Überzeugung. Ich will es tun in der Hoffnung, dass es vielleicht dem ein oder anderen von Ihnen einen Zugang eröffnet zu dem, was wir hier und jetzt feiern.

 

Ob Sie es glauben oder nicht: Mir ist Weihnachten näher und kostbarer geworden seit ich im Knast arbeite und hier Menschen begegne, deren Schicksale mir vorher eher fremd waren. Die Begegnungen und Gespräche mit Gefangenen, die Lebensgeschichten und –wege, die manche von Ihnen mir anvertraut haben, sie lassen mich die Weihnachtsgeschichte anders und

wohl auch tiefer verstehen. Der Knast und das Leben hier, sie helfen mir zu einem neuen Blick auf die Botschaft um das Geschehen in jenem Stall auf den Feldern von Bethlehem.

 

Dabei ist mir persönlich das ganze Drumherum, das für viele zu diesem Fest gehört, immer unwichtiger geworden: der ganze Klimbim, die unvermeidlichen Schein-Idyllen in ach so trauten Runden, die nicht selten maßlose Esserei und der ganze Rummel um die Geschenke...

Ich will das nicht einfach schlecht machen. Aber ich frage mich und auch Sie: Ist das wirklich Weihnachten? Ist das alles, worum es bei diesem Fest geht? Lohnt sich dafür der ganze Aufwand?

 

Wenn ich die Botschaft des Lukas-Evangelisten aufmerksam höre, dann hat

 

Weihnachten ziemlich wenig zu tun mit dem, was bürgerliche Spießer und clevere Geschäftemacher daraus gemacht haben.

 

Zwei Menschen – unterwegs auf Befehl einer ungeliebten Besatzungsmacht, abgewiesen und schließlich untergekommen in einem nächtlichen Stall. Ein wehrloses Kind – nach der Geburt in eine Futterkrippe gelegt. Und Hirten, kleine und verachtete Leute, die als erste den Stern und das Licht dieser Nacht entdecken.

 

Schärfer kann der Kontrast zu unserer bunten Weihnachts-Flitter-Welt kaum ausfallen! Aber genau so, in Nacht und Kälte, in einem  wehrlosen Kind, in der Futterkrippe eines armseligen Tierstalls, so macht Gott einen neuen Anfang: mit mir und mit uns allen, mit unseren oft so schmerzlich und bitter verlaufenen Lebenswegen und Geschichten.

 

Seit dieser Nacht ist ER da, wenn es Nacht ist in mir und um mich herum, wenn ich nicht mehr weiter weiß in all meiner Dunkelheit. Seitdem ist ER da, wenn gute Worte an mir abprallen, wenn Resignation und Zweifel an mir nagen, wenn Angst und Einsamkeit mich zittern lassen. Seit dieser Nacht ist ER da, wenn ich mit den Abgründen und Brüchen meines Lebens nicht mehr klar komme, meine Sackgassen und Irrwege kaum noch ertragen kann. Seitdem ist ER da, wenn meine Fehler und meine Schuld mich erdrücken. Und ER sagt mir: Du darfst leben. Du bist angenommen und geliebt – trotz allem. Fürchte dich nicht!

 

In einem Stall wird das Krippenkind geboren, nicht in einem gut bürgerlichen Wohnzimmer oder Salon. In den Häusern und Wohnungen, da wo die Menschen sich gut eingerichtet haben und sich daheim fühlen, dort sind die Türen verschlossen. Kein Platz in der Herberge. In einem Stall kommt Gott zur Welt. In armseligem Ambiente lässt er sich ein auf uns und unser Leben. Dem Lukas-Evangelisten geht es hier nicht um eine rührselige Beschreibung. Wenn er die Geburt Jesu in einen Stall verlegt, dann malt er mit Worten eines der großen Bilder christlichen  Glaubens.

 

 

Im Stall ist es normalerweise weder besonders aufgeräumt noch besonders sauber. Im Stall riecht es. Man spürt den Dunst von tierischen Ausscheidungen. Der Stall ist ein Bild unseres Lebens und unserer Befindlichkeiten. Auch tief in uns drin ist es oft nicht besonders sauber und aufgeräumt. Auch in uns lebt manch „Tierisches“, was nicht gezähmt ist und was wir nicht im Griff haben. Wenn wir genauer hinschauen, findet sich manches, vor dem wir uns ängstigen oder schämen: Instinkte und Triebe, Süchte und  Leidenschaften, verdrängte Gemeinheiten und Gewaltphantasien. So mancher Unrat hat sich da angesammelt, fault und modert so vor sich hin.

 

Aber gerade im Stall, da wo all der Mist liegt, in uns und um uns, da will Gott geboren werden. Gerade hier im Knast können wir IHM keine „gute Stube“ und erst recht keinen Salon bieten. Wir haben nur uns selbst: den nicht selten unaufgeräumten und schmutzigen „Stall“ unseres oft so beschädigten Lebens. Und der ist nicht gerade ansehnlich.

 

Das ist uns vielleicht eher peinlich. Aber es macht nichts. Vor Gott brauchen wir nichts vorweisen und nichts verdienen. Vor Ihm darf alles sein wie es ist. In der Nähe des Krippenkindes verliert auch das Schmutzige und Weggeworfene, das Zertretene und Verächtliche seine Unansehnlichkeit. – Betrachte alles im Licht der Krippe und Du wirst sehen: Durch das Kind bekommt es ein neues Ansehen. Von seiner Liebe wird es verwandelt.

 

Das ist das Einmalige, das Tröstende dieser Botschaft von Bethlehems Stall: Das Christkind kommt in die Dunkelheit und das Chaos unseres Lebens. Es verlangt von Dir weder ein aufwendiges Wohnzimmer noch ein teures Damast-Bett. Dieses Kind braucht „nur“ einen Platz irgendwo im Heu und Stroh Deines Lebens. Und es braucht Dein Ja, Dein Einverständnis und Dein Vertrauen. So wie Du bist, darfst Du Christi Wohnung sein, der Stall, in dem er für Dich und für die Welt geboren wird.

 

 

 

 

 

Wenn es auch Nacht ist

                 Nach Johannes vom Kreuz

 

in dunkelheit

weiß ich vom licht

wenn es auch nacht ist

um mich

 

in meiner angst

weiß ich vom licht

wenn es auch nacht ist

um mich

 

in traurigkeit

weiß ich vom licht

wenn es auch nacht ist

um mich

 

hungrig nach liebe

weiß ich von dir

wenn es auch nacht ist

um mich

 

ich bin befreit

bin schwerelos

wenn es auch nacht ist

ich bin befreit

durch dich

 

Dieses Lied der Kölner Gruppe RUHAMA lehnt sich an einen Text des mittelalterlichen Mystikers Johannes vom Kreuz an: „Ich weiß,

es strömt der Quell und fließt, obwohl es Nacht ist.“