Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-14 und das Erdbeben von Christchurch

Pfarrer Andreas Blum (rk)

24.12.2011 in der Katholischen Hochschulgemeinde Köln

Weihnachten 2011


Lesung: Jes 9,1-6
Evangelium: Lk 2,1-14

Liebe Schwestern und Brüder,

Weihnachten hält sich an keinen Kalender. Völlig unvorbereitet hat es mich dieses Jahr am 22. Februar getroffen. Allerdings konnte ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich erkennen – ähnlich vielleicht den Hirten, die wohl auch nicht mit einem Blick in den Stall die ganze Dimension des Geschehens erfasst haben werden.

Ich hatte als Bordgeistlicher auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert. Und so kam ich auf der Route rund um Neuseeland am 22. Februar in eine Stadt, von der ich trotz ihres frommen Namens vorher noch nie gehört hatte: Christchurch - wenig spektakulär, aber immerhin die zweitgrößte Stadt des Landes.

Heute kennt sie fast jeder – erst gestern war sie aufgrund von weiteren Zerstörungen wieder in den Nachrichten.

Als ich dort war, suchte gegen Mittag ein schweres Erdbeben die Stadt heim. In wenigen Minuten kostete es fast 200 Menschen das Leben, mehr als 1/3 der Innenstadt wurde zerstört, darunter auch die Kathedrale, deren Turm einfach auf das Kirchenschiff fiel. Die unterirdischen Verwerfungen waren so gewaltig, dass bis heute nicht klar ist, ob man die Stadt jemals wieder ganz aufbauen kann.

Wie ich unmittelbar nach dem Beben aus der mehrstöckigen Bibliothek gekommen bin, weiß ich immer noch nicht. Dafür habe ich umso deutlicher die Bilder von dem ganzen Chaos, dem Staub und Dreck, den eingestürzten Häusern und aufgerissenen Straßen, den tränen- und blutverschmierten Gesichtern der Menschen vor Augen - und das angsterfüllte Schreien während der vielen Nachbeben.

Plötzlich war es Nacht. Mitten am Tag – eine Stadt „im Dunkel“ (Jes 9,1).

Und während ich - genauso hilflos wie die meisten anderen – nach Orientierung suche, sehe ich aus den Augenwinkeln eine Szene, die eigentlich zu den Alltäglichsten und Banalsten im Leben des Menschen gehört, die aber in dieser Umgebung und zu diesem Zeitpunkt schier unglaublich wirkt.

Mitten in dem ganzen Durcheinander, der laufenden Evakuierung, dem ständigen Dröhnen der Rettungshubschrauber, kniet eine junge Frau am Boden und wickelt ihr Kind. Mein erster Gedanke: Ja, das Leben muss weitergehen. Die notwendigen Dinge müssen getan werden. Es gibt Wichtigeres als den Untergang.

Und das Baby strahlt, - lacht, - hat nur Augen für die Mutter. Da mag im wahrsten Sinne des Wortes die Welt versinken, diesem Kind reicht der Blick auf die Mutter,
und es fühlt sich sicher und geborgen.

Ich beneide das Kind – um seinen begrenzten Horizont. Es kann das Drama ringsum weder richtig wahrnehmen noch begreifen.

Und ich frage mich, wohin eigentlich mein Blick in dieser Stunde geht? Stiere ich in einen Abgrund? -  Oder habe ich auch einen Fixpunkt der mich hält? Kann ich auf den Vater schauen? Reicht mir der Blick auf den der sagt, dass ich nicht tiefer fallen werde als in seine Hand?

Zuhause, theoretisch, akademisch fällt die Antwort mehr oder weniger leicht; hier aber bekommt sie eine ganz andere Fallhöhe.

Gleichwohl ist die Szene von Mutter und Kind über die Wochen und Monate
immer weiter in den Hintergrund getreten, wurde fast schon ein wenig verschüttet. Doch dann lese ich im Evangelium dieser Nacht die Botschaft des Engels:
„Und das soll euch als Zeichen dienen:
Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2,12)

Und sofort ist alles wieder da. Ganz lebendig. Ganz deutlich. Und ich kriege die Szene in Christchurch nicht mehr aus dem Kopf. Gut, Stall und Krippe fehlen, aber plötzlich wird mir die weihnachtliche Dimension des Gesehenen klar: Da hat nicht nur das Kind auf die Mutter geschaut, sondern ebenso die Mutter auf das Kind.

Und im Schauen auf das Kind hat sie den Halt und die Sicherheit bekommen, das zu tun, was anstand, was möglich war, was eigentlich nur natürlich und selbstverständlich ist, aber unter den gegebenen Umständen wie aus einer anderen Welt schien. Das Wickeln in Windeln wurde zum Zeichen für Lebensmut und Lebenswillen!

Und um nichts anderes geht es doch an Weihnachten. Wie damals die Hirten vom Engel gerufen wurden, das Kind zu schauen, ruft uns heute das Evangelium und die Feier dieser Nacht. Wir sollen das Kind sehen, und trotz aller Abgründe und Nächte die sich im Leben auftun, darauf vertrauen, dass es einen Retter gibt – gerade auch im Abgrund und in der Nacht.

In einem Kind den Retter sehen? Das scheint genauso unwirklich wie die Erlösung durch einen Gekreuzigten - scheint wie aus einer anderen Welt. Und doch habe ich es gesehen. In dieser Welt. In unserer Welt. Vielleicht war der Frieden, der von Mutter und Kind inmitten eines Trümmerfeldes und Chaos ausging, ja nur möglich, weil es ihr Kind war, weil sie auf ihr Kind schaute. Mag sein. Aber was hieße das anderes, als dass wir das Kind dieser Nacht als unseres annehmen und verstehen müssen, wenn wir an seiner Rettung teilhaben wollen. Es hieße, sich um das Kind in der Krippe kümmern, sich mit ihm auseinandersetzen, hören was es zu sagen hat, seine Wege soweit wie möglich mitgehen, ihm zur Seite stehen als wäre es das Eigene, … Wenn das gelingt, dann ist Weihnachten tatsächlich an kein Datum mehr gebunden, dann kann vielmehr unser ganzes Leben Weihnachten werden - der wunderbare Wendepunkt, der Licht in die Dunkelheiten meines Lebens bringt. Gottes Sohn jedenfalls ist da.