Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Pfarrer Dr. Christoph Glimpel (ev)

24.12.2014 in der evangelischen Stadtkirche in Schiltach

Christvesper

Liebe Gemeinde!

 

Ich möchte ihnen gerne eine Buchempfehlung geben.

Auch wenn ich weiß, dass es zu spät ist,

das Buch für Heiligabend zu bestellen.

Nicht mal mit dem Premium-Versand dürfte das noch klappen.

Aber die Lektüre des Buches lohnt sich auch jenseits von Weihnachten.

Und man kann es ja auch jemandem zum Geburtstag schenken.

Im Übrigen kann es gut sein, dass sie das Buch kennen,

denn es ist vor über 10 Jahren erschienen und war gleich sehr populär,

wurde in viele Sprachen übersetzt und auch verfilmt.

 

Aber ich habe dieses Buch erst vor neun Tagen gelesen.

Die Lektüre hat mir eine Situation beschert,

die ich noch nie zuvor erlebt hatte.

Viele von Ihnen und Euch wissen ja,

dass ich ein leidenschaftlicher Bahnfahrer bin.

In all den Jahren meiner Bahnfahrerkarriere

war es mir aber noch nie passiert,

dass ich den Bahnhof verpasst habe, an dem ich aussteigen wollte.

Genau das geschah nun vor neun Tagen.

In Heidelberg hatte ich mir das besagte Buch gekauft

und fuhr dann mit dem Regionalexpress Richtung Stuttgart,

um in Bruchsal umzusteigen.

Aber das Buch nahm mich völlig in Beschlag.

Als ich dann merkte, dass der Zug eine Kurve nach der anderen durchfuhr,

und das gibt es ja nicht zwischen Heidelberg und Bruchsal,

da schaute ich auf die Uhr und stellte fest,

dass die Zeit verflogen war und ich mich ganz woanders befand.

 

Aber ich fand mich äußerlich nur deswegen ganz woanders,

weil ich schon innerlich ganz woanders war:

In einem tiefen Begreifen meines eigenen Glaubens.

Sie können sich denken,

dass meine Regale im Pfarrhaus sich unter der Bücherlast nur so biegen,

und unter den Werken dort steht wirklich einiges an theologischer Literatur.

Aber hier hatte ich ein Büchlein erstanden,

das es auf gerade mal 100 Seiten schaffte,

mir besser vor Augen zu führen was ich glaube,

als ich es je hätte in Worte fassen können.

Und wenn jemand überhaupt eine Ahnung bekommen möchte vom christlichen Glauben, dann kann ich ihm dieses Büchlein nur wärmstens empfehlen.

 

Wenn man so etwas Tolles liest als Theologe und Prediger,

dann denkt man natürlich rasch daran,

das auch mal in einer Predigt zu verwenden.

Aber gerade diese Vorstellung fiel mir zunächst schwer bei diesem Buch.

Je genialer etwas ist in der Literatur oder in der Musik oder in der Kunst, desto größer die Gefahr, es zu zerreden und ihm den Zauber zu nehmen.

Aber ich habe in den folgenden Tagen intensiv nachgedacht

und zu ergründen versucht, was dieses Buch denn eigentlich so besonders macht.

Wenigstens das Ergebnis dieses Nachdenkens möchte ich heute Abend präsentieren, auch wenn ich mit der Wiedergabe des Inhalts des Buches zurückhaltend sein werde.

 

Der Titel des Buches ist übrigens:

Oskar und die Dame in Rosa, von Eric Emanuel Schmitt.

Es handelt sich um einen Briefroman:
Der krebskranke, 10 Jahre alte Oscar schreibt jeden Tag einen Brief an den lieben Gott.

In diesen Briefen erleben wir seine letzten Lebenstage mit.

Wir lesen, wie er in der Krankenhauskapelle dem sterbenden Gott am Kreuz begegnet.

Wir lesen, wie er dem Schöpfer dankbar ist für die Frische eines Wintermorgens.

Was wir mit dem Verstand nicht zusammenbringen,

das vermag die Erzählung miteinander zu verbinden und nebeneinander stehen zu lassen:

Den Schöpfer, der mein Leben und die Natur so wunderbar regiert

und den ohnmächtige Mann am Kreuz, der leidet und stirbt.

Die Theologie hat viel Aufwand betrieben,

diese beiden Gotteserfahrungen zusammenzubringen:

Das vorläufige Endergebnis war die Formel „wahrer Mensch und wahrer Gott“,

wie sie auf dem Konzil von Chalcedon im Jahre 451 verabschiedet wurde.

Bis heute haben viele Menschen Probleme, das zusammenzudenken,

dass das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz der wahre Gott sein sollen,

dass Gott geboren wird und stirbt.

 

Éric-Emmanuel Schmidt löst diese Ungereimtheiten,

indem er sie nicht beantwortet, sondern in die Form der Erzählung überführt.

Er erzählt so wunderbar von den Facetten der Gotteserfahrung,

dass unser Bedürfnis nach verstandesmäßiger Antwort entschwindet

und wir lernen, das Unvereinbare nebeneinander stehen zu lassen.

Und in diesem Lernen, das sich über Verstand, Gefühl und Herz vollzieht, führt uns der Erzähler in die Tiefe des Glaubens,

die gerade darin besteht, mit Brüchen und Widersprüchen leben

und mitten darin – Hoffnung  finden zu können.

 

Das verstandesmäßige Begreifen, das sei nebenbei gesagt,

das brauchen wir, um die Welt zu beherrschen.

Denn nur das, was wir zur Einheit verbunden haben

durch Logik und Regeln und Gesetzmäßigkeiten,

nur das lässt sich vorhersagen und kontrollieren.

Auch ein Volk, das möglichst einheitlich ist,

lässt sich besser regieren als eines, das bunt ist.

Wer die Welt beherrschen will,

wird darum immer Interesse an der Einheitsreligion,

der Einheitssprache und der Einheitshautfarbe haben.

Er wird Zensur üben und andere Meinungen nicht zulassen.

Am Ende wird er scheitern, weil das Leben zu kompliziert ist.

Aber das Blut, das geflossen, das Unglück, das angerichtet,

das Leid, das verursacht wurde, all das lässt sich nicht rückgängig machen.

Das Jahr 2014 lädt uns eine große Last auf.

Die schlimmen weltpolitischen Ereignisse haben wir alle vor Augen.

Und auch privat trägt die eine oder der andere von uns

einiges mit ins neue Jahr.

Es wird Zeit, Abschied zu nehmen von einfachen Antworten.

Es wird Zeit, sich dem Leben in seiner Buntheit,

mit seiner Vielfalt, mit seinen Brüchen zu stellen.

Es wird Zeit, vom Leben zu erzählen und von Gott zu erzählen.

 

Éric-Emmanuel Schmitt ist eine solche Erzählung gelungen,

eine Lebens- und Glaubenserzählung.

Wer sein Buch liest, wird herangeführt an einen Glauben,

der Widersprüche und Ungereimtheiten annimmt und nicht gegen sie, sondern in ihnen und mit ihnen – Hoffnung hat.

Dass Gott uns das eine Mal als der allmächtige Schöpfer

und das andere Mal als der ohnmächtige Heiland begegnet,

das wird uns auf diese Weise nicht zum Anstoß,

sondern zum Gegenstand der Annahme.

Und mit dem Gott, der sich so widersprüchlich zeigt,

werden wir dann auch unser Leben annehmen mit seinen Brüchen,

und wir werden beginnen, unser Leben zu erzählen,

statt es zu rechtfertigen.

 

So wird auch von Jesus zunächst einmal erzählt.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging von dem Kaiser Augustus…“

Auch dieser Text ist dazu angetan,

dass man vergisst, wo man ist und sein Reiseziel verfehlt,

um ein ganz neues Reiseziel zu finden.

Auch dieser Text unterlässt den Versuch,

alles verstehen und begreifen zu wollen.

Auch hier begegnen uns Gottes Niedrigkeit und Gottes Herrlichkeit auf eine Weise, die die Gegensätze nebeneinander stehen lässt, indem sie sie kunstvoll erzählerisch verbindet.

Da sind die himmlischen Heerscharen, die von Gott dem Allmächtigen künden.

Und da ist das Kind in der Krippe, das von Gott dem Ohnmächtigen kündet.

 

Gott, der in einer Erzählung zu uns kommt,

steht nicht auf der Seite der stimmigen Persönlichkeiten,

der idealen Biographien, der perfekten Lebensläufe.

Solche Konstruktionen entlarvt er selbst als Trugbilder.

Er entlarvt sie als Trugbilder,

indem er selbst sich zugänglich macht durch Erzählungen.

 

Erzählungen reden nicht nur von der Gnade, sie sind gnädig.

Gnädig sind sie, weil sie uns Menschen stehen lassen

mit all den Brüchen und Widersprüchlichkeiten unseres Lebens;

gnädig sie sie, weil sie auch Gott stehen lassen

mit all den Brüchen und Widersprüchlichkeiten,

die unsere Gotteserfahrung ausmachen.

Und wenn die Erzählung dann auch noch besonders gut ist,

dann erübrigt sie das Bedürfnis,

mit dem Verstand das eigene Leben, die eigene Gotteserfahrung,

oder gar die Gotteserfahrung der anderen – kontrollieren zu wollen.

Stattdessen schürt sie Hoffnung – eine Hoffnung,

die man nur erzählerisch ausdrücken kann, wenn man sie nicht zerreden will.

 

Und so will ich die meisterhaften Erzählungen auch nicht weiter zerreden,

weder die Weihnachtsgeschichte, noch die Geschichte von Oskar und der Dame in Rosa.

Nur so viel sei angemerkt,

dass meine Rückfahrt von Heidelberg vor neun Tagen ja auch zu einer Episode geworden ist, die sich nicht mehr auf den Nenner eines stimmigen Fahrplans bringen ließ.

Auf dem nächtlichen Bahnhof von Bretten, von Güterzügen umtost,

musste ich mir eingestehen, dass es hätte besser laufen können.

So kommen wir auch in unserem Leben nicht umhin,

uns einzugestehen, dass es hätte besser laufen können.

Aber das Christkind ist nicht in die Idealwelt gekommen,

sondern in die reale Welt, in unsere Welt.

Es macht nicht irgendwelchen perfekten Persönlichkeiten Hoffnung,

sondern es macht uns Hoffnung.

 

Meine Fahrplankette war abgebrochen,

und damit war die letzte Verbindung nach Schiltach weg.

Aber ich hatte die Hoffnung, dass meine liebe Frau mich abholen würde.

Ich wusste freilich: selbst wenn diese Hoffnung wahr würde (und sie wurde wahr),

selbst dann würden sich die Brüche und Ungereimtheiten dieser Fahrt nicht erklären oder beseitigen lassen.

Aber die Lektüre hatte mich ja gelehrt,

dass es darum gar nicht geht in unserem Leben,

und dass Gott uns den Glauben schenkt nicht,

damit wir wieder ein neues Ideal aufbauen,

sondern damit wir das Unvereinbare nebeneinander stehen lassen,

erzählerisch verbinden,

und zwischen den Zeilen Hoffnung finden können.

 

So hatte der krebskranke Oskar in den letzten drei Tagen seines Lebens ein Schild auf seinen Nachttisch gestellt, auf das geschrieben stand: „Nur Gott darf mich aufwecken“.

 

Soweit meine Buchbesprechung für den heutigen Abend.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest.

Dass alles perfekt laufen wird, das ist höchst unwahrscheinlich.

Das Leben ist reicher, bunter, trauriger, dramatischer und schöner als unsere Pläne.

Und Gott ist mitten unter uns.

 

Amen