Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Pfarrer Frank Erichsmeier (ev.-luth.)

25.12.2014 in der Martin-Luther-Kirche in Detmold

am 1. Weihnachtstag 2014

Text: Ev Lk 2,15-20

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Seit 2000 Jahren schlägt sie sich nun durch, diese Truppe, auf dem Weg nach Bethlehem. Und im Laufe der Zeit, an unseren Krippen und vermutlich doch auch in unseren Köpfen, da ist dieser Zug der nächtlichen Besucher auf dem Weg zum Kind von Bethlehem immer länger geworden, und die rauen Jungs von den Herden haben Gesellschaft bekommen. Weise und Könige sind dazugekommen, mancherlei Tiere… An der Krippe bei uns zuhause zum Beispiel, da stehen neben den Schafen und Hunden der Hirten auch Elefanten und Giraffen, ein Pfau und sogar ein Nilpferd - Tiere, wie sie wohl selbst die Weisen aus dem Morgenland nicht alle im Schlepptau dabei hatten… Und andernorts, so lese ich, in Spanien etwa, da werden im Hintergrund des Geschehens auch Menschengestalten unserer Tage neben den Hirten in die Weihnachtskrippe dazugestellt, auch wenn etwa Pep Guardiola oder Prinz Charles in jener ersten Nacht von Bethlehem gewiß nicht dabei waren. Doch was soll’s? Der Zug der Hirten, die sich in jener Nacht durchschlagen zum Kind, der war doch nie ein exklusiver Club, und schließlich hat er sich doch auf den Weg gemacht, um der großen Freude zu begegnen, die allem Volk wiederfahren wird. Und wenn nicht nur alle Menschen, wenn eigentlich die ganze Welt, ja, die ganze Schöpfung aufgefordert ist, in diesem Kind nun neu ihrem Schöpfer zu begegnen - so ist die Vielfalt auch der möglichen und unmöglichsten Krippentiere gerade gut, um uns die kosmische Bedeutung dieser Geburt auch ganz sinnfällig vor Augen zu führen.

Nur drei Figuren, so dachte ich beim diesjährigen Bedenken der alten und doch immer wieder neuen Geschichte, die haben ganz gewiß keinen Platz an dieser Krippe und in dieser Geschichte. Doch gerade die fielen mir ein, gewissermaßen als Gegenbild zu den Hirten, den ursprünglichen Helden dieser Geschichte. Von wem ich rede? Von den berühmten drei Affen, wie sie mir als kleinem Jungen zuerst in Form kleiner, hölzerner Figuren im Wohnzimmer meiner Tante begegnet sind mit ihren charakteristischen Gebärden: Nichts hören! Nichts sehen! Nichts sagen!

Nichts sehen!? Nein, wer so wie sie nichts sehen will, der ist allerdings fehl am Platz auf dem Weg nach und in der Krippe von Bethlehem - denn hinzuschauen, das vor allem gilt es hier. „Laßt uns nun gehen und sehen“, so sagen es die Hirten ja nicht von ungefähr, wie es dann auch am Ende der Geschichte heißt: „Sie kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gesehen hatten.“ An Weihnachten, dem Fest der Menschwerdung Gottes da gibt es etwas zu sehen. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“(Jh 1,14), wie es das Johannesevangelium auf den theologischen Punkt bringt.

Nun könnte einer sagen: Ja, das war einmal, das galt vor 2000 Jahren, als das Kind noch leibhaftig in der Krippe lag! Da gab’s noch was zu gucken! Aber heute - da ist Weihnachten doch nur mehr eine Erinnerung daran, daß dieses Kind auf unserer Erde geboren wurde, daß Jesus von Nazareth auf ihr als ein Mensch gelebt hat. Doch wer so spricht, der übersieht, daß das, was in jener Geburt damals begonnen hat, ja genauso auch heute geschieht. Gerhard Tersteegen spricht es in seinem Weihnachtslied so aus: „Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlor’nen sich kehren“(EG 41,1). Sehet - heute! Doch um das zu sehen, da braucht es, wie der Apostel Paulus das einmal formuliert hat, „erleuchtete Augen des Herzens“(Eph 1,18). Mit unseren inneren, unseren Herzensaugen müssen wir lernen, das Bild von der Geburt Jesu zu schauen, damit dieser Anfang, diese Zuwendung Gottes zu uns, ja, diese seine Geburt heute und hier und jetzt - in uns geschieht. In vielen christlichen Traditionen lassen sich die Christenmenschen von den Darstellungen der Christgeburt, von den weihnachtlichen Bildern, den Ikonen, den in den Kirchen aufgebauten Krippen zu solch einem inneren Sehen, zu solcher Herzensschau helfen. Und ich glaube, auch unsere Krippe hier in der Martin-Luther-Kirche hat die Kraft, uns zu so einem weihnachtlichen Schauen und zur Anbetung zu führen - denn nicht von ungefähr wenden sich alle Figuren dieser Krippe anbetend dem Einen - Christus - zu.

Doch wichtiger als alle äußeren Darstellungen ist für das innere Sehen noch ein anderes: Das Hören. Und das war nun auch schon bei den Hirten damals in Bethlehem so. Aufbrechen zum Sehen können sie, weil sie vorher die Botschaft des Engels gehört haben. Darum heißt es am Ende der Weihnachtsgeschichte komplett so: „Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt worden war.“ Also: Man sieht nur mit den Ohren gut - jedenfalls, wenn es darum geht, Gottes weihnachtliches Handeln, Gottes Zuwendung, seine Freundlichkeit und Nähe sichtbar im eigenen Leben zu entdecken. Denn ohne die Botschaft des Engels im Ohr und im Herzen, was hätten die Hirten schon gesehen, selbst, wenn es ihnen auch so gelungen wäre, sich nach Bethlehem durchzuschlagen? Na eben, ein Kind in Windeln - da, wo es nicht hingehört, im pieksigen Stroh. Und das alleine wäre nun eher ein Bild zum Erbarmen als ein Bild des Erbarmens, des göttlichen Erbarmens nämlich, das anzuschauen wir niemals aufhören sollen. Doch das wissen die Hirten und auch wir doch nur, weil es zuvor eben zu hören, vom Boten Gottes zu hören war: „Euch ist heute der Heiland geboren. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Wer hören kann, dem tun sich Zeichen auf. Dem werden die erbärmlichen Umstände des Lebens zu einem Hinweis auf den, der mitten in diesen Umständen und in diesem Leben bei uns und unter uns in seinem Erbarmen am Werke ist, damit wir sein Heil sehen.

Und damit wird die Weihnachtsgeschichte von den Hirten, die ausgezogen waren, das Sehen zu lernen, weil sie zuvor gehört hatten, auch zu einer großen Frage an uns: Können wir das noch - zuhören? Einander zuhören? Gestern, heute, bei den Begegnungen dieser Tage? Und dann auch, im Gottesdienst - auf Gottes Wort hören? Seinen Fingerzeig, seine Zeichen erkennen? Oder vielleicht müssen wir das Hören, das bewußte Hören in dieser Zeit tausendfacher Begleitgeräusche erst wieder ganz neu entdecken, ganz neu üben? Und vielleicht braucht es dazu auch unser Herz - unsere ganze, ungeteilte Person? Damit wir als Hörende zu Sehenden werden?

Zu Sehenden, zu Hörenden - und schließlich zu Sagenden! Daran erinnert mich der dritte der drei Affen. Wer hören kann, der soll auch reden - und auch das läßt sich von den Hirten von Bethlehem lernen. Eben noch war es der Engel, der ihnen die Geschichte, wie es heißt „kundgetan“ hat. Doch kaum sind sie bei der Krippe angekommen, geschieht eine merkwürdige Verwandlung mit diesen vermutet doch eher rauen, wortkargen Gesellen - sie werden gewissermaßen selbst zu Engeln, zu Boten Gottes. Denn es heißt: „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Und im Original steht sogar dasselbe Wort da wie für das vorher erwähnte „Kundtun“ der Engel. Und sie tun ja auch tatsächlich nichts anderes - sie wiederholen die Botschaft der Engel. Wer Gottes Zusage gehört und daraufhin seine Zuwendung geschaut hat, der kann, darf, ja soll nun auch selbst ein Redender werden - eine Rolle, die für die Hirten vermutlich ganz ungewohnt war. Denn wer hatte es schon bisher für nötig gehalten, ihnen zuzuhören? Nun aber ist es keine geringere als Maria, die der Predigt dieser Engel-Hirten lauscht - zusammen mit all den ungenannten Anwesenden in Bethlehem, vor die nun auch kam, und die sich sehr darüber wunderten, „was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber, so heißt es, behielt alle diese Worte“ - die der Hirten! - „und bewegte sie in ihrem Herzen“. Oder, wie es wörtlich dasteht: „Sie setzte sie in ihrem Herzen zusammen.“ Denn ja, auch Maria mußte hören, um dann zu sehen, was es an der Geburt dieses ihres Kindes wirklich zu sehen gab. Dazu war sie angewiesen auf den Besuch und die Worte der Hirten. Wie diese umgekehrt auch wieder angewiesen auf das, was Maria ihnen an der Krippe zu zeigen hatte. Damit sie glauben konnten, mußten sie‘s beides zusammensetzen. Das, was zu sagen und zu hören und das, was zu sehen war, hier, in diesem Stall zu Bethlehem. Um dem Geheimnis dieser Geburt zu begegnen, mußten sie sich zusammensetzen, die Hirten und die Eltern, und wohl auch die Tiere und später noch die Weisen, mußten sie sich zusammensetzen an dieser Krippe, um es miteinander zu empfangen, das große Geschenk, das Kind, das Für-Euch des lebendigen Gottes.

 

Und so - so ist es bis heute geblieben. Die Gegenwart Gottes in diesem Kind auch in unserem Leben, die werden auch wir nicht anders erfahren, als indem wir uns zusammensetzen, und miteinander zusammensetzen, was wir von Gott erfahren, was wir gehört, und was wir darum zu sagen haben. „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben“(Act 4,20), das ist nicht zufällig in der Apostelgeschichte des Lukas ja die Devise der Christen in der ersten Gemeinde. Das Urbild dieser Gemeinde, das ist aber schon dieses Zusammenkommen um die Krippe in Bethlehem. Die Gemeinde des Gotteskindes Jesus wird da leben, ihn erfahren, ja, ihn in seiner Zuwendung schauen, wo in ihr Menschen sind, die zueinander kommen, zueinander reden, miteinander und aufeinander hören. Da bleibt er lebendig, und da kommt er heute zur Welt. Wo wir zueinander finden: Die Frommen und die Zweifelnden. Die Einheimischen und die Fremden. Die Fragenden und die, die das Fragen schon aufgegeben haben. Wo wir unsere Köpfe zusammenstecken über seiner Krippe, da können wir ihn sehen. Und da schaut er uns an. Schaut uns an, um uns zu verwandeln. Damit wir seine Boten werden, seine Engel in dieser Welt. Gesegnete Weihnacht! AMEN.