Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Manfred Hartmann (rk)

24.12.2011 in der Pfarrkirche St. Laurentius in Bergisch Gladbach

Heiligabend 2011

„Weihnachtseinstimmung für Erwachsene“

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

 

Die meisten von Ihnen werden einen PC zu Hause haben. Oder am Arbeitsplatz.

Das Motiv des Hintergrundbildes auf Ihrem Monitor ist vermutlich bewusst von Ihnen ausgewählt. Etwas, zu dem Sie eine besondere Beziehung haben. Oder was Ihnen besonders gut gefällt. Das kann ein Urlaubsfoto sein, ein schönes Naturmotiv, etwas, das mit Ihrem Hobby oder mit Personen zu tun hat, die Ihnen wichtig sind …

 

Ich habe seit einiger Zeit ein schönes Foto auf meinem Bildschirm. Von meinem ersten Enkelkind. Moritz, gut fünf Monate alt. Er strahlt mich förmlich an. Seine Augen leuchten. Mit einem Grinsen im Gesicht. Den Mund geöffnet, als wollte es etwas sagen. Obwohl er noch nicht sprechen kann, hat er mir schon viel zu sagen.

 Als ich bei der Vorbereitung dieser Ansprache mal wieder auf den Bildschirm schaute und Moritz mich wieder so anlächelte, kam mir der naheliegende Gedanke:

Das ist doch eigentlich auch ein Weihnachtsbild.

So wie dieser Moritz ist auch Gott selbst zur Welt gekommen. Unglaublich! So klein. So liebenswürdig.  So erwartungsvoll. So angewiesen auf die Nähe und Liebe vertrauter Menschen. So weltoffen. Der große Gott als kleines Kind, das einen anlächelt – eine Charmeoffensive Gottes, der man sich doch eigentlich gar nicht entziehen kann.

Aber das Schicksal dieses kleinen Kindes im Stall von Bethlehem möchte man keinem Kind der Welt, erst recht nicht seinen eigenen Kindern und Enkelkindern wünschen. Es beginnt armselig. In einer Krippe. Im Stall. Und es wird ebenso armselig, ja noch armseliger enden. Am Kreuz!

 

Aber was hat dieses Kind, geboren in dem kleinen unbedeutenden Kaff namens Bethlehem, was hat dieser spätere junge Mann, der nur 33 Jahre alt geworden ist,

der nur drei Jahre davon öffentlich in Erscheinung trat: Was hat der in Bewegung gebracht! Was hat der bei den Menschen ausgelöst! Welche Faszination geht bis heute von ihm aus. Weltweit. Eins ist sicher: Wenn es nicht so wäre, wären wir hier heute nicht versammelt.

 

Von Kaiser Augustus, der Kontrastfigur am Anfang unserer Weihnachtsgeschichte, kann man das wohl kaum behaupten. Dieser zu seiner Zeit so mächtige Kaiser der damaligen Weltmacht Rom, verehrt wie ein Gott, ist heute allenfalls noch eine Fußnote der Weltgeschichte. Wer hätte das damals geahnt. Wohl kaum jemand. Einige aber doch. Wie jener Lukas, dem wir diese wunderbare Weihnachtsgeschichte zu verdanken haben. Der diese Geschichte rund 80/90 Jahre nach der Geburt Jesu für die ersten Christen damals und für alle danach niedergeschrieben hat. Nicht als Historiker. Sondern um ein Glaubenszeugnis für diesen Jesus abzulegen. Lukas ist davon felsenfest überzeugt: dieser Jesus ist der wirkliche, der wahre „Retter der Welt“! Nicht die Großkopferten und die Mächtigen dieser Welt. Die spielen sich nur groß auf und stürzen die Welt doch oft genug nur ins Unglück.

 

Mit dem Kommen Gottes in unsere Welt ist deswegen noch lange nicht alles besser geworden. Weiß Gott nicht! Auch er wird sich mehr davon erhofft und versprochen haben. Auch von seiner Kirche, die ihn sicher oft genug mehr als genug enttäuscht hat. Bis heute. Soviel Ehrlichkeit muss sein.

Aber Gott respektiert die menschliche Freiheit. Wir sind keine Marionetten in Gottes Hand. Er ist geduldig. Er kann warten. Er ist barmherzig. Er kann verzeihen. Er wirbt um unsere Liebe. Mit der Macht der Liebe, die manchmal mehr ohnmächtig als mächtig ist. Aber nicht mit Gewalt! Er will unsere Herzen berühren und nicht uns den Kopf verdrehen.

Mit  diesem kleinen Kind, das uns an Weihnachten anlächelt, ist nicht auf einmal „Friede, Freude, Eierkuchen“ in aller Welt. Aber mit der Geburt dieses Kindes ist dieser Welt ein Samenkorn der Hoffnung eingepflanzt worden. Mit der Geburt dieses Kindes ist das Reich Gottes angebrochen, das sich ganz leise aber unaufhaltsam ausbreitet und alle Reiche dieser Welt überdauern wird.

Von diesem Hoffnungsschimmer spricht der Prophet Jesaja so.

„Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf!“. (Jes 9,1b)

Worte, 2500 Jahre alt, die zum Zeugnis einer Hoffnung geworden sind,

die einfach nicht klein zu kriegen ist. Das schafft kein Weihnachtsmann dieser Welt. Auch keine Werbestrategie, die uns Weihnachten nur als ein Riesenkonsumfestival und Lichterspektakel verkaufen will.

Das Original ist durch nichts zu ersetzen!

 

Ein Beispiel nur, das mich sehr beeindruckt hat: In der Fernsehsendung „Menschen 2011“ am 11. Dezember 2011 waren beim Moderator Hape Kerkeling die Eltern von Mirco Schlitter zu Gast. Die verzweifelte Suche nach dem zehnjährigen Jungen aus Grefrath bei Mönchengladbach von Oktober letzten Jahres bis Mitte diesen Jahres, bis er schließlich ermordet aufgefunden wurde, hat die ganze Nation bewegt. Der leitende Kriminalkommissar Ingo Thiel, der mit seinen Leuten den Fall aufklären und den Täter festnehmen konnte, sagte in dieser Sendung: „Was die (gemeint sind die Eltern von Mirco) aus dem Glauben für eine Kraft geschöpft haben, ist phänomenal.“

Und Mirco’s Vater, von Hape Kerkeling gefragt, sagte nur lapidar aber überzeugend: „Man muss einfach dieses Vertrauen Gott entgegenbringen!“  Einfach …!

Welcher Trost, auch für mich als unbeteiligtem Fernsehzuschauer, dass die Eltern von Mirco an diesem schweren Schicksal nicht verzweifelt und zerbrochen sind. Auch nicht an ihrem Gottesbild, an ihrer Vorstellung von Gott. Im Gegenteil.

„Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf!“.

Die Eheleute Schlitter haben es nicht nur erfahren, sondern sind selbst zum Licht für andere geworden.

Vor diesem Hintergrund - oder um eine bildliche Brücke zum Anfang zu schlagen -,

vor diesem Hintergrund-Bild des uns anlächelnden Jesuskindes auf dem Bildschirm unseres Lebens dürfen wir getrost und voller Freude Weihnachten feiern. Im Bewusstsein der Hoffnung, dass in allen Dunkelheiten unseres Lebens sein Licht aufstrahlt! Amen.