Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Pfarrer Friedrich Hörster (ev.-luth.)

24.12.2010 in der deutschsprachigen Gemeinde in Alanya / Türkei

in der Christvesper zu Heiligabend 2011

Liebe Gemeinde!

“Fürchtet euch nicht!“ riefen die Engel den Hirten auf dem Felde zu.

“Fürchtet euch nicht!“ —

das wäre kein schlechter Wunsch auch an unsere Adresse,

am Ende des Jahres 2011,

das mit Katastrophenmeldungen und Eurokrise konfrontiert hat

und viele wieder ganz elementare Ängste haben vor Inflation,

vor Heimtücke und vor zunehmender Gewalt,

die draußen irgendwo lauert,

aber erschreckenderweise auch drinnen, in der eigenen Seele.

Aber kehren wir erst einmal zurück

zu jener Nacht bei den Hirten auf dem Feld.

Es wird erzählt,

unter ihnen sei auch ein einäugiger Hirt gewesen,

der nicht viel sah und hörte und der einfach hinter den anderen her stolperte,

obwohl er keine himmlische Stimme gehört und kein Licht gesehen hatte.

Im Stall blieb er zurück und sagt nach einer Weile mürrisch:

“Was soll das alles! Hier liegt ein armes Kind zwischen Tieren

und eine Frau ist beschäftigt mit der Nachgeburt.

Der Mann steht nutzlos herum. Was macht ihr so verklärte Gesichter?

Es ist schmutzig hier, es stinkt und es ist kalt.

Was starrt ihr das Kind so an?“

Vielleicht empfinden wir Sympathie für diesen rüpelhaften, einäugigen Hirten. Vielleicht sind einige unter uns, die über Weihnachten insgeheim stöhnen,

es aber nicht wagen, so deutliche Worte zu wählen wie der einäugige Hirt.

Wann haben wir denn zum letzten Mal eine Himmelsstimme gehört?

Wann sind wir Engeln begegnet? Wann ging uns ein Licht auf?
Fragen, vor die uns auch dieses Jahr die Weihnachtsgeschichte stellt.

Schmutzig, kalt und stinkend präsentiert sich

nicht nur der Stall dem einäugigen Hirten,

sondern auch die ganze Welt dem Auge, das auf des Elend gerichtet ist.
Frieden in Nahost? — Weiter entfernt denn je.
Ausgleich zwischen arm und reich? — Eine schöne Utopie.
Heile Welt der Familie? — Eher tägliche Beziehungskatastrophe,

besonders an Weihnachten.
Zeit füreinander? — Da herrscht chronischer Mangel.
Gesundheit? — Für einige ein fehlendes Gut, für andere unbezahlbar.
Schulden? — Jede Menge, bei Bund, Länder und Gemeinden

und auch im eigenen Portemonnaie.

Die Politiker? — Ihr Ansehen tendiert gegen Null.
Die Gesichter der Menschen? — Sie verraten den einäugigen Blick.

Wie soll da Weihnachtsfreude aufkommen?

Wie können wir trotz aller Einwände und Widerstände

dennoch von der Weihnachtsfreude erfasst werden?

Werfen wir einfach heute wieder einen Blick auf die Weihnachtsgeschichte.

Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse damals

waren alles andere als rosig. Ganz im Gegenteil.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging,

dass alle Welt geschätzt würde.“

Augustus gibt den Anstoß zu der Wanderschaft von Maria und Josef,

und damit zur Rettungsaktion Gottes.

Aber wie harmlos klingt das in unserer Geschichte:

„…dass alle Welt geschätzt würde.“

Aber hinter diesem Satz verbirgt sich die harte, raue und brutale Welt,

in die Jesus hineingeboren wird.

Was damals eine Steuerschätzung für die Menschen bedeutete,

kann uns der Blick in ein historisches Dokument vermitteln.

In dieser Urkunde heißt es:

„Die Steuererheber erschienen allerorts und brachten alles in Aufruhr,

die Äcker und Schollen wurden vermessen,

jeder Weinstock und Obstbaum wurde gezählt,

jedes Stück Vieh jeder Gattung wurde registriert,

die Kopfzahl der Menschen wurde notiert,

in den Städten wurde die Bevölkerung zusammengetrieben,

alle Marktplätze waren verstopft von Herden und Familien,

überall hörte man das Schreien derer,

die mit Folter und Stockschlägen verhört wurden.

Man spielte die Söhne gegen die Väter aus

und presste die treuesten Sklaven zu Aussagen gegen ihre Herren,

die Frauen gegen ihre Ehemänner aus.

Es gab keine Rücksicht auf Alter und Gesundheitszustand,

selbst Kranke wurden herbeigeschleppt.“

Liebe Gemeinde!

Das sind die harten Konturen, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu dieser wunderbaren Stunde,

in der die Liebe geboren wurde.

Das ist der geschichtliche Raum,

in dem sich die menschgewordene Liebe Gottes ereignet,

die wir zu Weihnachten feiern, die uns überwinden will.

Weihnachten ist nicht nur eine stille Feier in privatem Winkel.

Weihnachten ist das Kommen Gottes in das wirkliche Leben,

und zu ihm gehört auch Augustus, der Herrscher seiner Zeit,

zu ihm gehören Befehle und Anordnungen, Geld, Steuerlast und Broterwerb.

Gott kommt in eine Welt,

in der der Mensch so unmenschlich werden kann,

in eine Welt,

in der die Bosheit sich so tief eingefressen hat in die Herzen der Menschen,

in der der Mensch des Menschen Feind geworden ist.

Er will uns herausreißen aus der Verkettung der Schuld und des Bösen.

Er will uns wieder zum Menschsein befreien und weiß,

dass er dafür einen mächtigen Preis zahlen muss: das Leben.

Gott kommt in der Heiligen Nacht durch die Hintertür in diese Welt

und zeigt uns sein menschliches Antlitz,

aber nicht im feierlichen Tempel zu Jerusalem

und auch nicht in der hochgeistige Atmosphäre einer Universität.

Der ewige Gott hat den Stall gewählt.

Gott hat sich selber, sich und seine unsterbliche Liebe in dieses Kind gewickelt.

Er ist in das harte Leben gekommen,

hat sich in den Keller unserer Angst und Sorge mit einschließen lassen.

Zu Weihnachten fängt jener gewaltige Kampf Gottes mit den Menschen an,

in dem es darum geht,

wer sich von der Liebe Gottes überwinden lässt, ja besiegen lässt.

Herodes hat ihn zu verhindern versucht. Er hat genau gewusst,

dass in diesem neuen Reich der Liebe und des Friedens

für ihn kein Platz mehr ist,

und vielleicht hat er geahnt,

dass dieses Kind sein gefährlichster Gegner werden würde,

so wie die Liebe immer der gefährlichste Feind des Bösen ist.

Das zeigt eine wahre Begebenheit, die sich zwischen zwei Menschen zugetragen hat

In einem KZ – 1943 - Weihnachtsabend. Heiliger Abend.

Der Kommandant des KZ hat sich von seinem Adjutanten

einen wunderbar gedeckten Tisch aufbauen lassen mit all den Leckereien,

die es damals für Privilegierte noch gab

und ließ einen Häftling, einen Italiener,

der um seines Glaubens willen in diesem KZ war, kommen: Enrico Dapozzo, Abgemagert auf 40 kg, von Foltern gezeichnet, Arme gebrochen,

ohne Behandlung wieder angewachsen, total verkrüppelt

steht dieser Mann vor dem gedeckten Tisch.

Und dann öffnet der Kommandant genüsslich unter dem Gefühl seiner Überlegenheit ein Päckchen und sagt:

Dapozzo, deine Frau ist eine wunderbare Köchin.

Sie hat dir all die Jahre so leckere Sachen geschickt

und ich habe sie immer abgefangen und sie mir schmecken lassen.

Hier ist das Paket von deiner Frau zu Weihnachten mit Gebäck.

Und dann isst er vor den Augen dieses Häftlings die Plätzchen auf

und lässt sie sich schmecken.

In Dapozzo kämpft es.

Und dann klopft der Teufel an seine Herzenstür und sagt:

Enrico - glaubst du das jetzt auch noch:

"Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein..."

Glaubst du das jetzt auch noch?

Und er muss sich innerlich überwinden und sagt:

Ja, Herr, ich glaube dir! –

Und so lässt er dem Hass keine Chance in sich.

Und dann bittet er den Kommandanten,

dass er wenigstens an den Plätzchen einmal riechen darf,

um - die Liebe seiner Frau zu spüren.

Der Kommandant verweigert es ihm und er isst die Plätzchen auf

und dann wird E. Dapozzo in seine Zelle zurückgebracht.

Wie durch ein Wunder kann Enrico Dapozzo aus dem KZ entkommen.

Nach dem Krieg taucht der Kommandant unter.

Und dieser Italiener - inzwischen ein weltbekannter Evangelist –

sucht 10 lange Jahre nach diesem Kommandanten,

der einen neuen Namen und einen neuen Wohnort gefunden hat.

Nach 10 Jahren spürt er endlich diesen grausamen sadistischen Mann auf.

Er nimmt einen Freund mit, lässt von seiner Frau einen wunderbaren Kuchen backen und klingelt an seiner Wohnungstür.

Der Mann erkennt ihn nicht und Dapozzo fragt ihn:

Erinnerst du dich an Heilig Abend 1943?

Nee, antwortet er.

"Sagt dir die Nr. 1753 was?"

Und plötzlich wird der Mann leichenblass

und er erkennt in ihm den Häftling von damals.

Voller Angst schreit er auf und sagt:

"Bist du gekommen, um dich zu rächen?" -"Ja."

Und dann packt er das Paket aus, stellt den Kuchen auf den Tisch

und bittet die Frau Kaffee zu kochen.

Dann essen sie schweigend den Kuchen.

Und als der eine voller Angst und der andere noch mit sich kämpfend –

den Kuchen gegessen haben, sagt Dapozzo:

"Um der Liebe Jesu willen vergebe ich dir."

Ein Jahr später kommt dieser ehemalige KZ-Kommandant durch diese Begegnung zum Glauben, ein Jahr später seine Frau - und aus brutalen sadistischen Quälgeistern und Teufelsmenschen werden geheiligte Gotteskinder,

- weil einer die Kraft hatte aus der Liebe Jesu zu vergeben.

Liebe Gemeinde!

Auf dem Feld von Bethlehem waren nicht nur einäugige oder blinde Hirten.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt nun von den Hirten,

deren inneres Auge in dieser Nacht geöffnet wurde.

Sie spürten, dass hier eine neue Stunde für ihr Leben,

ja für die Menschheit geschlagen hatte.

Sie sahen nicht nur ein Kind, eine Frau und einen Mann in ihrer Armut.

Sie sahen, wenn ich das einmal so ausdrücken darf,

ein unverfälschtes und reines Glück mitten in aller äußeren Armseligkeit.

Natürlich freuten sie sich wie jeder Mensch über den Anblick eines Neugeborenen, aber es war nicht nur das. Es war, als ob in diesem Stall

die Welt auf einmal durchsichtig geworden ist auf Gott hin.

Deswegen ist soviel vom Licht und von den Sternen

und vom Glanz der Engel die Rede.

Sie spürten, wie die Bitterkeit und der Groll aus ihren Herzen wichen,

wie das Eis der Seele schmolz.
Man könnte sagen, das Kind in ihrer eigenen Brust wurde wieder lebendig,

wurde froh, arglos und voller Gottvertrauen.
Während der einäugige Hirte nur die Hälfte sieht,

gingen den anderen Hirten die Augen auf und über.

Und uns?
Liebe Gemeinde!

Darf das Leben wirklich noch einmal beginnen?

Ist es vielleicht doch möglich,

unter den Menschen Vertrauen gegen Vertrauen zu setzen?

Kann man Habsucht, Selbstsucht und weitere Süchte hinter sich lassen?

Ist Verständigung zwischen Erzfeinden vielleicht doch eine echte Möglichkeit?

Fassen wir wieder gemeinsam Tritt in unserer zerbrechlichen Partnerschaft?

Finden wir wieder Zugang zu unseren problematischen Nachbarn oder Kollegen?

Die Hirten knieten nieder und legten diesem Kind

all den hinuntergeschluckten Schmerz, den Zynismus, die Verzweiflung,

alle Sorgen, allen Kummer und alle Unversöhnlichkeit zu Füßen.

Noch einmal anfangen wie ein Kind, so unbeschwert, so voller Vertrauen.

Und es wäre wahr, was das Weihnachtslied erträumt,

„Brich an du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tagen“

und das Kind in der Krippe zeigt Wege aus der Wüste unserer Seelen,

aus dem Bösen, aus zwischenmenschlicher Kälte und aus der Gewalt.
Weihnachten ist das große Fest der Liebe Gottes.

Auch Schuldbeladene und Schicksals-Belastete können froh werden.

„Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein,

der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“

Ich habe nur den einen Wunsch, dass wir in diesem Jahr nicht nur von außen stehen bleiben und von ferne ein Leuchten sehen,

sondern herzukommen, hinzutreten und es ganz persönlich glaubend aufnehmen:

Euch ist heute der Heiland geboren.“

Die Hirten auf dem Felde wussten etwas davon,

dass der Mensch Gott braucht,

dass das Leben nach Liebe und Zuwendung ruft,

und manchmal in uns sogar schreit wie ein Neugeborenes,

und sie sahen diese Gottesnähe.

In der Nähe Gottes, beim Anblick dieses göttlichen Kindes,

spürten sie, wie sich ihre Hartherzigkeit in Barmherzigkeit verwandelte,

wie wunderbar befreiend es ist, Groll und Unversöhnlichkeit loslassen zu können,

sie spürten, wie sich ihre Ängste in der Gegenwart Gottes lösten,

wie sie getröstet wurden.

Möge bei uns allen das gleiche weihnachtliche Wunder geschehen,

wie bei dem einäugigen Hirten, von dem unsere Legende erzählt.

Das Kind in der Krippe sieht nämlich den einäugigen Hirten

und lächelt ihm freundschaftlich zu.

Da wankte sein Herz – und als er ganz nah herankommt,

da berührt das Kind sein kaputtes Auge und es wird ihm aufgetan.

Und auf einmal kann er all das sehen, was ihm bisher verborgen geblieben ist.

Er sieht die gleichen Dinge, aber mit anderen Augen.

Er sieht, dass hier ein Schatz liegt,

kostbarer als alle Diamanten, die heute Abend verschenkt werden,

ein Schatz, der mehr Erkenntnisse bereithält, als alle Computerprogramme.

Die Rettung aus aller Verlorenheit, aus aller Finsternis und Unmenschlichkeit beginnt mit einem Kind, mit dem Kind in der Krippe,

mit dem Vertrauen eines Kindes ins Leben.

Und unser persönliches Weihnachten beginnt damit,

uns das blinde Auge öffnen zu lassen

und zu sehen,

dass Gott uns den Keim des Friedens und wahrer Menschlichkeit

ins Herz gelegt hat.

Deine Augen sehen nur ein Kind und seine Mutter.

Doch mit dem Kind ist ein Wort verknüpft.

Dieses Kind ist selber eine Botschaft an dich.

Jeder Mensch kann auf seine Weise Echo auf diese Liebe sein.

Dann werden Nächte zu Heiligen Nächten.

Alle Kranken und Trauernden, die es nicht zu hoffen wagen,

dass es in der Heiligen Nacht auch für sie hell würde,

werden von der Freude erfasst,

dass sie einen Begleiter haben, der nicht mehr von ihnen weicht.

Jedem verbitterten Menschen wird in der Geburt Jesu versichert:

Du bist nicht allein, du hast einen Beistand, einen Helfer, einen Heiland.

Und der alte Brummbär, der sich so in sein Schicksal verbissen hat,

dass er jeder Freude aus dem Wege geht,

wird erleben, dass diese göttliche Freude ihn wieder zum Menschen macht.

Darum: „Freuet euch ihr Christen alle, freue sich, wer immer kann,

Gott hat viel an uns getan.“ Amen.