Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Pastorin Mareile Grzanna

24.12.2002 in Aistaig

Gedenken an einen Freund, der am 11. September in New York umkam

In der Weihnachtsgeschichte des Lukas hören wir, was die Hirten beschließen: "Lasst uns nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist."
Ja, liebe Mitchristen, Weihnachten ist die Zeit für Geschichten. Warum brauchen wir das so nötig?
Von Gott lässt sich eigentlich nur erzählen. Unser Glaube an ihn lebt von Geschichten, lebt von dem, was geschehen ist. Ohne Geschichten wäre unser Glaube an Gott wie die Sonne ohne Strahlen.
Das muss man sich mal vorstellen: Die Sonne ohne Strahlen!

Dann wäre sie ja nur eine kalte gelbe Scheibe am Himmel, die wir nicht mal spüren. Und das muss man sich mal vorstellen: Gott ohne Geschichten!
Dann wäre er ja nur ein kalter Begriff, den wir nicht mal verstehen.
Nur mit seinen Geschichten, mit dem, was unter uns Menschen geschieht, kann Gott seine Liebe und Wärme zu uns bringen. Und solche Geschichten passieren auch noch heute.
Wir müssen eben wie die Hirten hingehen und sehen, was geschehen ist.
Sehen, wie menschlich Gott mit uns umgeht, wie er uns im Unscheinbaren genauso wie im Wunder, im Alltäglichen wie im Außergewöhnlichen begegnet.

Der 11. September hat in New York Geschichte geschrieben. Wir haben sie auf dem Bildschirm gesehen, uns gefragt: Wo warst du, Gott?
Heute, am Heiligabend möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die da auch geschehen ist.

"Der Weihnachtsengel vom Rockefeller Plaza.
Die Bilder wollen einfach nicht aus ihrem Kopf verschwinden. Unauslöschlich hatten sie sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, als sie die beiden Türme qualmen sah. Völlig außer Atem stand sie an der Uferpromenade in Brooklyn Heights und starrte fassungslos über den großen Fluss auf die Skyline von Manhattan. Stumm rauchten die Zwillingstürme. Nur das Sirenengeheul, das aus den Straßenschluchten herüber hallte, machte allen klar: Es war wirklich. Schreien, Schluchzen, Weinen, God, oh my God ... rings um sie her.

Die Leute hingen wie Trauben an den Münzferngläsern, die sonst nur Touristen benutzten.
"Sie springen, mein Gott, sie springen!" schrien Beobachter verzweifelter Menschenschicksale dort drüben, ohne auf das kleine Mädchen zu achten, das da bei ihnen stand.
"Fliegen möchte ich zu meinem Vater hinüber im 95. Stock und ihn retten." Noch nie hatte sich die neunjährige Katie so sehr gewünscht, für ihren Dad ein Schutzengel zu sein.
"Mein kleiner Engel" hatte er immer zu ihr gesagt vor dem Gutenachtkuss. Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter.

Als Katie sich umdrehte, blickte sie in das besorgte Gesicht eines New Yorker Polizisten.
"Komm, meine Kleine, das ist nichts für dich, ich bringe dich nach Hause."
"Aber dort drüben ist doch mein Vater!" Katie konnte sich nicht lösen.

Vom Geländer der Promenade, an das sie sich festgeklammert hatte, löste der Cop behutsam ihre Hände und trugt sie zum Polizeiwagen. Wie früher bei Paps, dachte das kleine Mädchen.  Am Haus in der First Street in Brooklyn Heights stand die Mutter. Als sie den Streifenwagen halten sah, lief sie schnell die Treppen des alten Backsteinhauses herunter, um ihre Tochter in die Arme zu schließen.
"Oh Katie, es ist so schrecklich, was passiert. Wo warst du bloß so lange?"

Eigentlich hätte Katie von dem kleinen Schreibwarenladen in der Montequestreet unweit der Uferpromenade längst zurück sein müssen an jenem 11. Septembermorgen. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, nur ein paar Hefte und Farbstifte wollte sie besorgen. Dann lief sie dem Menschenauflauf hinterher.

"Sie hat alles mitangesehen," erklärte der Cop der besorgten Mutter. "Arbeitet etwa Ihr Mann in den Towers?"
Karen schluckte beim Nicken.
Sie wusste nicht warum, als sie sagte: "Ja, John, mein Mann, ist dort im ersten Turm, oben in der 95. Etage."
Warum sagte sie "mein Mann"? Sonst sprach sie nur von ihrem "Ex". Seit fünf Jahren waren sie geschieden.
Der Polizist nickte nur, als sich die Blicke der beiden Erwachsenen trafen.

Zu Katie gewandt sagte er: "Es sind hunderte Feuerwehrleute drüben, die werden auch deinen Dad retten, glaub mir, Kleine." Dann bückte er sich zu Katie und strich ihr über den Kopf. Wie damals bei Vater, fühlte sie wieder.

Und all ihre Hoffnungen, all ihre Wünsche flogen über den East River zum World Trade Center, das gerade in sich zusammengestürzt war.
"Es gibt keine Lebenszeichen von John, er hat sich bis heute nicht wieder gemeldet." Karen hielt den Telefonhörer fest an den Mund gepresst, damit Katie nichts hörte.
Am anderen Ende der Leitung war Karens Vater. Wie lange hatten sie nicht mehr miteinander telefoniert? Ihr Vater verschmerzte die Scheidung seiner Tochter nicht.
"Ein prächtiger Schwiegersohn," sagte er immer stolz über John. Karen spürte, wie geknickt Vater über Johns Schicksal war.
"Es gibt wohl keine Hoffnung mehr. Warum zieht ihr nicht beide zu uns aufs Land, weg von dieser furchtbaren Stadt?"

"Gib uns Zeit, Dad." Karen wusste selbst nicht, wie es weitergeht. "Ich muss jetzt Schluss machen, Vater, die Leute aus Johns Kirche sind da."

Während die Töchter des Pfarrers mit Katie spielten, saßen George, Johns Pastor, und Karen am Küchentisch.

Karen wärmte sich an der heißen Kaffeetasse ihre Finger, die sich wie Eiszapfen anfühlten. Sie war aufgeregt. Noch nie hatte sie mit dem Pfarrer über John gesprochen. Sie teilte den Glauben ihres Exmannes nicht, hatte immer andere Interessen, das Leben auszukosten, auf Partys zu gehen, mit Freunden auszusein und Trubel zu haben. Da waren die Wochenenden ausgebucht.

"Es tut mir so Leid um John. Ich fühle mich irgendwie schuldig auch gegenüber Katie. Ich weiß, wie sehr sie an ihrem Vater hing. Ihr sehnlichster Weihnachtswunsch war immer eine Familie. Aber weder wollte ich John bei uns haben, noch ließ ich Katie zu ihm gehen. Es tut mir alles so Leid und ich kann nichts mehr gutmachen. Ich weiß, dass er ein guter Mann war. Warum habe ich das nie an ihm geschätzt?"

Karen ließ den Kopf hängen, ihre Wangen glühten. Noch nie hatte sie sich darüber ausgesprochen. Auch ihre Beziehung nach John war zerbrochen.

"Ich habe einfach kein Glück im Leben, immer scheitere ich nur," hämmerte es in ihrem Kopf. "Einen Schutzengel habe ich nie gehabt, Pastor," versuchte sie lächelnd dem Gottesmann zu verstehen zu geben.

"Ich weiß gar nicht, ob es welche gibt. Bei John war ja auch keiner," resignierte Karen.
Das hatte Katie mit anghört, als sie unbemerkt an der Küchentür stand, um Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Und darauf fasste sie einen Plan für den heiligen Abend.
Der größte Engel in ganz New York, erinnerte sie sich, stand immer zur Weihnachtszeit auf dem Rockefeller Plaza. Katie wusste, was sie zu tun hatte. "Mom, Michelle hat mich für heute Abend eingeladen, in einer Stunde bin ich zurück," rief sie noch, als sie die Haustüre hinter sich zuklappte.

Die Menschen in der U-Bahn drängten sich, viele mit vollen Kaufhaustaschen in der Hand und man konnte ihren müden Gesichtern doch die Vorfreude auf friedliche Weihnachten zuhause ansehen.
"Oh," entfuhr es ihrem staunenden Mund, als Katie vor dem hell erleuchteten Engel am Rockefeller Center stand, wie er mit seiner Posaune in den schwarzen Himmel blies.

"Hallo Engel," flüsterte sie, damit es niemand sonst hörte.

"Kannst du meinem Dad im Himmel etwas ausrichten?" fasste sie Mut zu fragen. "Ich weiß wohl, dass du nur eine Lichterkette bist, aber ich glaube an dich. Sag Dad, wie sehr wir ihn vermissen, auch Mom. Sie ist ganz anders geworden und will sogar mit mir den Weihnachtsgottesdienst von Pastor George besuchen. Ist das nicht wunderbar? Und noch etwas. Kannst du nicht Mutters Schutzengel sein? Sie wünscht sich so sehr einen. Und ich bin dafür noch ein wenig zu klein."

Als sie das sagte, war es Katie als ob sie zum Lichterengel und zu ihrem Vater gleichzeitig sprach.
Und als ob er sagen wollte: "Wird gemacht, kleine Lady," strahlte der Engel mit den Kerzen des großen Weihnachtsbaumes am Rockefeller Plaza um die Wette und stieß in seine Posaune ein "Joy to the world", dass die Passanten sich umdrehten, weil sie meinten, etwas gehört zu haben. Da legte sich eine Hand auf Katies Schulter.

Und als sie sich umdrehte, blickte sie in das freundliche Gesicht eines New Yorker Polizisten. "Ich habe zwar schon Dienstschluss, aber eine Familie wartet sowieso nicht auf mich heute Abends, da bringe ich dich wohl mal wieder nach Hause, Kleine. Den Weg weiß ich ja schon. Merkwürdiger Zufall," brummelte er vor sich hin. Und als Katie ganz stolz mit dem Cop an der Hand zum Streifenwagen lief, drehte sie sich um und rief laut: "Danke Schutzengel!"

Einen Plan für den heutigen Heiligabend hatte sie auch schon. Jedenfalls blieb der Streifenwagen länger als nötig war, um ein kleines Mädchen abzuliefern. Und es schien, dass in dieser Nacht über dem alten Backsteinhaus in der First Street ein besonderer Weihnachtsstern leuchtete, um Katies Wunsch zu erfüllen."

Einen solchen Weihnachtsstern wünsche ich auch über Ihnen leuchten, liebe Mitchristen, wo auch immer Sie den Heiligabend verbringen werden.

Amen