Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-20

Pfarrerin Monika Bertram (ev)

25.12.2014 in der Evangelischen Laurentiuskirche in Seeheim

Gottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Die Gnade Gottes, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Ich lese den Predigttext für den heutigen 1. Feiertag,

die Weihnachtsgeschichte, wie Lukas sie uns überliefert:

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Liebe Gemeinde,

an einem Satz in dieser so bekannten Erzählung bin ich in diesem Jahr besonders hängen geblieben:

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Was mögen die Hirtinnen und Hirten Maria erzählt haben,

dass Maria diese Worte behalten will?

Haben die Hirtinnen und Hirten einfach wiedergegeben, was sie erlebt haben?

Dass ein Engel zu ihnen kam, vor dem sie sich gefürchtet haben?

Dass der Engel mit ihnen gesprochen hat und erzählt hat, dass heute der Heiland geboren ist, in Bethlehem, in einer Krippe...

Dass dann plötzlich viele Engel auftauchten und Gott lobten?

Und dass sich alle Hirtinnen und Hirten auf den Weg machten und tatsächlich Maria und Josef fanden.

Oder sind auch die Hirtinnen und Hirten schon an WORTEN hängen geblieben?!?

Vielleicht ist einem gleich der erste Satz im Ohr geblieben:

Fürchtet euch nicht!

Oder einer anderen die wichtige Botschaft:

euch ist heute der Heiland geboren

Oder auch das Lied von der Menge der himmlischen Heerscharen: Friede auf Erden

Wie wichtig und bedeutend manchmal einzelne Wörter sein können, wie sie einen begleiten und so stärken können,

davon erzählt eindrücklich Ulla Hahn in ihrem autobiografischen Roman „Das verborgene Wort“.

Sie erzählt darin von ihrer Kindheit in einem rheinisch-katholischen Dorf in der Nähe von Köln.

Sie heißt in dem Roman Hilla und ist das Kind eines bildungsfeindlichen, sprachlosen Hilfsarbeiters,

sie wächst unter ärmlichen Bedingungen in einer einfachen Familie auf, die nicht verstehen kann, warum sie so gerne liest.

Ich lese ihnen einen Ausschnitt daraus vor, Hilla ist in der 2. Klasse:

Für fünfzehn Pfennig, heimlich aus dem Sparschwein gefischt, kaufte ich mir bei Kaisers Karl ein Schreibheft. ...

Ich wollte mir einen Vorrat anlegen. …

SCHÖNE WÖRTER, SCHÖNE SÄTZE, schrieb ich aufs Deckblatt, Für HILDEGARD PALM. Großgeschriebenem traute ich mehr zu. Ich teilte das Heft in der Mitte, füllte es mit schönen Wörtern vom Ende her, »Glasbläser« schrieb ich, »Bunsenbrenner«, »Meerjungfrau«. Und an den Anfang: »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.«

Wenn ich einen schönen Satz las oder hörte, war das, als hätte ich etwas Wertvolles ergattert. Ein paar kräftige Sätze aus »Kalle Blomquist« und »Bomba, der Dschungelboy« schrieb ich auf ein Stück Packpapier, eine alte Mehltüte. Zur Sicherheit. Ich trug den Zettel, winzig gefaltet, überall bei mir, unterm Fuß im Strumpf, verlagerte mein ganzes Gewicht auf diesen Fuß, wenn Sigrid ... mich vom Wasserhahn schubsen, Helga mir mein Pausenbrot aus der Hand reißen wollte.

So auf Kalle und Bomba fußend,spürte ich, wie mich Bärenkräfte durchströmten, Blitze aus meinen Augen schossen, böse Absichten im Keime vernichtend. …

(….)

Doch alles wurde wieder anders, als ich mein erstes Gebet- und Gesangbuch bekam. …

Es waren nicht die Geschichten, die Hexer, Holmes und Märchen den Rang abliefen. Erkannte Jesus, dass die Tochter des trauernden Vaters nur schlief, lag der Fall wie bei Schneewittchen. Scheintot. …

Jesus verwandelte Wasser in Wein, mit fünf Broten und zwei Fischen machte er fünftausend Menschen satt; »Tischlein deck dich«, sagte das Schneiderlein. …

Die Geschichten waren es nicht. Es waren die Sätze. »Ich bin das Brot des Lebens«, sagte Jesus. »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.« »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« »Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.« Wo immer ich das Buch aufschlug, seine Wörter und Sätze waren schön und geheimnisvoll, voller Zauber und Kraft. (…)

»Lasset uns also ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichts.« »Ich liebe, Herr, die Zierde Deines Hauses, die hehre Wohnung Deiner Herrlichkeit . Hosanna in der Höhe.« Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften und der ganzen himmlischen Heerschar den Hochgesang deiner Herrlichkeit.

Dagegen kam kein »Heute back ich, morgen brau ich« an, … kein »Abrakadabra«. …

Ich berauschte mich an den großen Worten, ihrer Melodie, den Bögen der Sätze, schlug sie um mich, wie kostbare Gewänder, legte mir Wörter wie „Seelenspeise“ zu, „Manna Himmelsbrot“, ... Hoffnungsstern, Liebesmahl, … Wörter, die sich auf mir niederließen wie Verbandsmull,weich, leicht, schmerzstillend. ULLA HAHN

Hilla hat Zeit, die Wörter zu sammeln und sie in sich auf zu nehmen.

Marias Situation dagegen ist eine völlig andere.

Sie hat gerade unter widrigen Bedingungen ein Kind geboren,

und da tauchen die Hirtinnen und Hirten bei ihr auf,

eher schmutzige Zeitgenossen, die direkt vom Feld, von den Tieren kommen.

Nicht der Besuch, den frau sich direkt nach einer Geburt wünscht...

Und da bin ich wieder bei meiner Frage vom Anfang:

Was haben die HirtInnen und Hirten Maria erzählt?

Wie haben sie das, was sie erlebt haben, wiedergegeben,

dass Maria diese Worte so wichtig waren??

War es das „Fürchtet euch nicht!,

Oder euch ist heute der Heiland geboren?

Oder Friede auf Erden?

Ich stelle mir vor, dass es diese wunderschönen Sätze waren,

die alle auch in das Heft von Hilla passen würden,

die Maria in ihrem Herzen behielt.

Die ihr Kraft und Trost gegeben haben in dieser außergewöhnlichen Situation.

Oder wie Hilla es ausdrückt:

Wörter, die sich auf mir niederließen wie Verbandsmull,weich, leicht, schmerzstillend.

Und vielleicht haben Maria diese Worte auch weiter begleitet.

Denn Maria weiß schließlich schon, dass es mit ihrem Kind etwas besonderes auf sich hat,

auch ihr ist ja ein Engel erschienen, 9 Monate vorher,

und hat auch zu ihr: „Fürchte dich nicht, Maria!“ gesagt.

Und ihr verkündet, dass sie einen Sohn bekommt,

der Sohn des Höchsten und Gottes Sohn genannt werden wird.

Sie ahnt vermutlich schon, dass es kein leichter Weg sein wird,

nicht für sie und nicht für ihren Sohn Jesus.

Damals – nach dieser Begegnung mit dem Engel – stimmt Maria direkt einen Lobgesang an, da sprudeln die Worte aus ihr heraus – Worte, die wir bis heute beten.

Aber diesmal, nach dem Besuch der Hirtinnen und Hirten behält sie alle diese Worte und bewegt sie in ihrem Herzen.

In einer anderen Übersetzung klingt dieser Vers übrigens so:

19 Maria aber merkte sich jedes Wort und dachte immer wieder darüber nach.

Was aus dieser berührenden Geburtsgeschichte bewegen Sie in ihrem Herzen, liebe Gemeinde,

über was denken sie immer wieder nach?!?

Welche Worte und Sätze, die sie in ihrem Leben gehört haben,

die jemand zu ihnen gesagt hat,

sind ihnen hängen geblieben?

Was hätten Sie, was würden sie in das Heft SCHÖNE WÖRTER UND SÄTZE schreiben?!?

Mir klingt heute noch das „Friede sei mit dir“, was der kleine Engel Philine beim Krippenspiel mit leiser Stimme von der Kanzel gerufen hat im Ohr.

Mitten in diese friedlose Welt – ein leises „Friede sei mit dir“ - von einer Kinderstimme. Das hat mich berührt und Hoffnung gemacht, dass Frieden möglich ist.

So wird mich dieser Satz noch begleiten,

in meinen Gedanken und in meinem Herzen.

Und vielleicht wird er mir in einer schwierigen Situation in den Sinn kommen, Kraft geben und mir helfen.

So wie Hilla es mit ihren Wörtern und Sätzen immer wieder erlebt hat.

Und wie auch Maria – so stelle ich es mir vor – die Worte der Hirtinnen und Hirten immer wieder hervor geholt hat,

sich daran erinnert hat.

Gerade, wenn es schwere Zeiten mit Jesus gab...

So wünsche ich auch Ihnen an diesem Weihnachtsfest,

dass auch Ihnen Wörter und Sätze begegnen,

vielleicht aus der Weihnachtsgeschichte,

vielleicht in einem Gespräch,

Wörter und Sätze die sie begleiten,

die sie behalten und in ihrem Herzen bewegen.

All diese Wörter nehmen uns hinein in den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen!