Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-21

Dr. Christian Wetz (ev)

24.12.2011 in der ev. Kirche Gießen-Kleinlinden

an Heiligabend mit normaler Sonntagsliturgie, vorwiegend erwachsene Predigthörer und -hörerinnen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Himmel war in heller Aufregung. Getuschel und Gemurmel auf den Gän­gen, in den Sälen und Säulenhallen allüberall. Gott, Gott selbdritt hatte in sei­ner unerforschlichen Weisheit bei sich beschlossen, den Menschen letztgültig zu zeigen, wer er ist und wie er ist. Er hatte beschlossen, sich noch einmal zu offenbaren. „Es muss ein für alle mal Schluss sein“, sprach er zu den Engeln, Erzengeln und dem ganzen Himmelsvolk, „Schluss mit den ewigen Speku­lationen darüber, wer ich bin, wie ich bin und – mir selbst sei’s geklagt! – ob ich bin.“ Und so lud er alle Engel, Erzengel und das ganze Himmelsvolk an einen runden Tisch, damit sie ihn berieten, wie das wohl in die Tat umzuset­zen wäre, dass die Menschen verstehen, wie Gott ist.

„Nimm ein Buch“, sagte Gabriel, der bei solchen Gesprä­chen gerne voran­preschte, „beschreib da drin dein Wesen. Dann müssen die Menschen nur das Buch aufschlagen, und sie wissen, was du willst und wer du bist. Der Vor­teil“, schob Gabriel nach, „der Vorteil: Deine Offenbarung überdauert die Zei­ten. Noch in tausenden von Jahren werden die Menschen deine Originaloffen­barung in Händen hal­ten.“

„Hm“, brummelte Gott, „irgendwas daran gefällt mir nicht. Wenn die Men­schen für alle Zeiten dieses Buch in Händen halten können, wenn sie es nur aufschlagen müssen, um zu sehen, wie ich bin, dann werden sie sich dieses Buch auch um die Ohren schlagen. Jeder wird glauben, dass er im Besitz der Wahrheit sei und wird meinen, dass seine Lesart meiner Offenbarung die ein­zig richtige ist. Das führt nur zu Unfrieden, Gabriel. Aber vielen Dank für die Idee!“

„Warum trittst du nicht als etwas auf, was die Menschen noch nie gesehen haben, was ihre Vorstellung übersteigt?“ schlug Uriel vor. „An was denkst du?“ hakte Gott nach. „Naja, vielleicht ein riesiges Tier mit elf Beinen oder wenn du einen Menschenleib hättest und einen Katzenkopf. Irgendwas Ein­prägsames. Und genau so sprichst du dann zu den Menschen.“

„Aber“, warf Michael ein, „dann werden die Menschen glauben, dass Gott den Kopf einer Perserkatze hat. Und außerdem: Schon nach wenigen Generatio­nen würde man eine solche Offenbarung für einen bloßen Mythos halten – irgendwas, was sich Menschen einmal ausge­dacht haben.“

„Ich glaube, Michael hat recht“, sagte Gott, „weitere Vor­schläge, bitte!“

„Du könntest als König oder als Kaiser auf die Erde kom­men“, schlug Raphael vor, „du bist der Allmächtige, da ist es doch naheliegend, wenn du auch als mächtiger Poten­tat, als Gottkaiser, auftrittst. Die Menschen werden vor dir erschauern, und alle werden die Knie vor dir beugen.“

„Das ist eine prima Idee“, gab ihm Gabriel recht, „und der Nebeneffekt wäre: Du hättest Armeen unter dir, mit denen du deinen Willen durchsetzen und deine Feinde vernichten könntest. Das würden die Menschen nie vergessen; sie wüssten immer, wie du bist und würden für alle Zeiten deinen Namen ver­ehren.“

„Als mächtiger Potentat?“ Der Ewige runzelte die Stirn. „Was für ein Bild habt ihr von mir? Und dann soll ich am Ende auch noch mit den Starken und Mäch­tigen in der Welt gemeinsame Sache machen? Habt ihr vergessen, dass ich bisher immer auf der Seite der Schwachen und Entrechteten stand? Dass ich Israel immer dann beigesprungen bin, wenn es von Feinden bedrängt war? Die Menschen singen noch heute Psalmen davon. Habt ihr vergessen, dass Propheten in meinem Namen aufgetreten sind und den Reichen die him­melschreiende Armut und Ungerechtigkeit im Lande in die Ohren gebrüllt ha­ben? …Ach, meine Propheten“, seufzte Gott, „ich könnte als Prophet auftre­ten …aber dann schlagen sie mich nur. Aber nie, nie und nimmer würde ich mich als Potentat, als Kai­ser oder König offenbaren. Dann doch lieber als Buch.“

Es trat eine große Stille im himmlischen Thronsaal ein. Die Engel, Erzengel und das ganze Himmelsvolk schauten betreten unter sich. Die Argumente des Ewigen waren ihnen einsichtig.

Da meldete sich nach einer langen Weile, die allen wie eine kleine Ewigkeit vorkam, auf der anderen Seite des runden Tisches, ein ganz gewöhnlicher Engel zu Wort. Er sang im Sopran des himmlischen Chores. „Ein Kind. Ein Säugling“, sagte er mit leiser Stimme. Ein Raunen ging durch den Thronsaal. Irritierte Blicke allenthalben, Finger, die zur Stirn gehoben wurden.

„Ein Kind? Ein Säugling?“ wiederholte Gott, „lass mehr hö­ren!“

„Nun“, sagte der Engel, „du willst ja, dass die Menschen wirklich verstehen, wer du bist. Und ich glaube, da ist es gut, wenn du so auftrittst, wie sie selber sind – um ihnen dann doch zu zeigen, dass du ganz anders bist.“

„Das klingt einleuchtend“, sagte Gott, „wenn ich als Unge­heuer mit elf Beinen auftrete, dann sind die Menschen schon von meinem Äußeren so irritiert, dass sie mein Wesen gar nicht mehr wahrnehmen. – Ich trete als Kind auf! Ich werde geboren!“

„Das ist ziemlich schmerzvoll“, warf Uriel ein.

„Ja, das ist es“, sagte Gott, „und auch alles andere wird sehr schmerzvoll sein. Aber das ist, was ich auch einmal erfahren möchte. Geboren zu werden, her­anzureifen, erwachsen zu werden, sich zu streiten, Schmerzen zu haben, viel­leicht sogar die Unwägbarkeiten der Liebe zu erfahren – ich, der ich die Liebe bin.“

„Du weißt schon“, gab Michael zu bedenken, „wie so ein Menschenleben ge­meinhin endet…“

„Ja, mit dem Tod“, antwortete Gott, „meine Erfindung. Aber auch das möchte ich einmal erfahren. Ich möchte einmal Mensch sein – mit allen Konsequen­zen.“

„Nun gut“, räusperte sich Raphael, „ich schaue gerade nach einer passenden Familie. Kaiser Augustus würde gerne Vaterfreuden entgegensehen. Das wäre eine angesehene Familie. Er ist der Kaiser von Rom, er ist der mäch­tigste Mann der Welt, und du könntest einiges bewe­gen.“

„Du hast nicht zugehört, Raphael“, maulte der Ewige, „ich möchte nicht als Kaiser geboren werden. Kein Mensch auf der ganzen weiten Welt kann sich mit einem Kaiser identifizieren. Dann bleibe ich ein vollkommen Fremder. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, wer ich bin. Ich möchte irgendwo ganz unten zur Welt kommen. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass Gott bei den Ärmsten ist, bei denen, die schon lange alle Hoffnung ha­ben fahren lassen. Die sich als Spielball der Mächtigen vorkommen. Und dazu möchte ich meine Allmacht aufgeben. Die Menschen sollen verstehen: Ich bin mit ihnen, gerade da, wo sie meinen, es gäbe keinen Ausweg mehr.“

Der Engel von gegenüber, der die Idee gehabt hatte, ergriff noch einmal das Wort: „Ich wüsste da eine Familie. Eine junge Frau, die mit einem Mann ver­lobt ist – Maria und Joseph. Es sind ganz einfache Leute, nicht bitterarm, aber ohne jeglichen Einfluss. Gerade eben wurden sie an­gewiesen, dass sie sich auf den Weg in ihren Heimatort machen sollen wie alle Menschen im römi­schen Reich, weil Kaiser Augustus eine Volkszählung durchführen las­sen will.“

„Ich glaube, das ist eine gute Wahl“, sagte Gott, „hier kann ich ganz nah bei den Menschen sein, ich kann ganz Mensch sein und doch ganz Gott bleiben und ihnen zei­gen, wer ich bin. Ich kann ihnen zeigen, dass die Liebe al­les bewirken kann. Ich kann ihnen Geschichten erzählen von einer Welt, wie ich sie mir wünsche, und ich kann Dinge tun, dass die Menschen verstehen: So schaut Got­tes neue Welt aus. Wenn alles gutgeht, werden die Menschen noch in tausenden Jahren davon erzählen und wissen, wer ich bin und nie­mals die Hoffnung verlieren und immer – so wie ich – auf der Seite der Armen und Schwachen stehen und dafür sorgen, dass die Mächtigen nicht zu mäch­tig werden. Wenn alles gutgeht, werden sie – so wie einst ich– die Gewaltigen vom Thron stoßen und die Niedrigen erheben. Sie werden die Hungrigen mit Gütern füllen, aber die Reichen leer ausgehen lassen. Meine Ge­burt wird der Anfang des neuen Friedensreiches sein. – Es ist beschlossen! Lasst es uns gleich in die Tat umsetzen! Und dich, Engel, dessen Name ich nicht einmal kenne, schicke ich jetzt sofort zu den Menschen, dass du meine Ankunft an­kündigst.“

Die Engel, Erzengel und das ganze Himmelsvolk erhoben sich vom Tisch und fingen an zu jubeln.

Der Engel aber, der die Idee mit dem Kind gehabt hatte, verschwand und er­schien im selben Augenblick auf einer nächtlichen Schafsweide. Es waren aber Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel trat zu ihnen, und die Klarheit Gottes leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ih­nen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr sollt finden das Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe liegen.“ Da erschienen auch die anderen Engel, Erzengel und das ganze Himmelsvolk, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Und dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in seiner Offenbarung, dem Kind aus Bethlehem, Christus Jesus, unserem Herrn und Bruder. Amen.