Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-21

Pfarrerin Kira Busch-Wagner

24.12.2002 in der Paulusgemeinde Ettlingen

Es war am Heilig Abend 1968. Meine Familie besuchte wie üblich am frühen Abend das großelterliche Grab. Ich stand also auf dem Karlsruher Hauptfriedhof, es war kalt. Ich meine, es lag sogar Schnee. Und ich schaute hinauf zum Mond, der hoch am Himmel hell strahlend stand. Ich wußte: dort oben kreist das Raumschiff Apollo 8. Es war das erste Mal, dass ein Fahrzeug der Erde den Mond umflog. Jede Flugstunde bedeutete eine Pioniertat. Tausende von Kilometern entfernt geschah das alles. Ich konnte nicht das Raumschiff sehen, nur den Mond, aber in Gedanken fühlte ich mich mit den Menschen dort oben eng verbunden.

Ich wünsche mir, es gelänge heute abend etwas ähnliches. Dass wir hören können die alten, größtenteils ja bekannten Worte aus dem Lukasevangelium, wie sie die Weihnachtsgeschichte erzählen. Zweitausend Jahre von uns entfernt. Und ich wünsche mir, dass wir uns eng verbunden erleben können mit denen, die da um die Geburt Christi kreisen: manche in großer Nähe, andere weiter entfernt:
Verbunden also mit dem Kaiser Augustus, im fernen Rom, der sich am Puls der Zeit wähnt, im Zentrum der Macht. Der doch gerade jetzt schon auf die hinteren Ränge verwiesen wird, noch gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Dass er einmal zwar bedacht werden wird in den Geschichts- und Schulbüchern, in wissenschaftlicher Literatur. Dass aber gefeiert werden wird die Geburt eines Kindes, das er selbst niemals auch nur wahrgenommen hat.
Lasst uns verbunden sein mit Quriniius, seinem Statthalter, bekannt vielleicht den Historikern, den Spezialisten.. Damals mögen Städte und Dörfer vor ihm gezittert haben, waren auf sein Wohlwollen angewiesen. Heute nehmen wir ihn wahr als Einleitungssatz unseres Weihnachtsevangeliums. Ein zur Episode zusammengeschrumpfter Machthaber.
Angesprochen in unserer Geschichte werden auch kurz die Familien des Josef und der Maria. Verbunden sind sie mit der alten Davidsstadt Bethlehem, eher ein Dorf, aber ein Königsdorf, an das sich prophetische Hoffnung auf eine andere, eine bessere Zeit des Heils knüpfen. Und noch die
nachgeborenen vier Brüder Jesu, von denen der Evangelist Markus berichtet, tragen sprechende Namen. Juda, Simon, Jakobus und Jose - sie haben eine lange biblische und historische Vorgeschichte. Es sind Namen, die von Glaube und Gottvertrauen erzählen, vom Widerstand gegen Unterdrückung und von der Erwartung auf Erlösung. Sie stehen in der Reihe, die mit dem Namen Erstgeborenen eröffnet wird, vom Engel Gottes der Maria genannt: Jesus. "Gott hilft".
Dann gibt es die Hirten, die am ehesten den Davidssohn erkennen. Denn wie der Hirte David ist er einer von ihnen, ein guter Hirte, der sein Leben einsetzen wird für die Herde, die Gott ihm anvertraut hat.
Und schließlich: der Engel mit seinem Gefolge! Das offene Feld verwandelt er in einen Thronsaal, gekommen ist ein Herold mit Hofstaat. Ein Kündiger mitsamt der Menge der himmlischen Heerscharen. Zebaoth sind sie, Heere ihres Herrn, nicht aber des Augustus, sondern des Ewigen in der Höhe.
So umgeben und umkreisen sie die Krippe, jeweils ein bisschen anders aufgestellt da und dort in den Familien und Kirchen, und doch immer dieselben, die wir wiedererkennen wie alte Freunde.
Und in der Mitte das Kind. Ausgeliefert den Härten dieser Welt und gleichwohl umsorgt. In der Krippe liegt es wie ein Findelkind, wie ausgesetzt. und doch sorgfältig gewickelt in eigenen Windeln. Biblisch Bewanderte mögen sich erinnert fühlen an die Kindergeschichte des Mose, den seine Mutter um seiner Rettung willen auch in einen Holzkasten tat und treiben ließ auf dem Nil.

Der Widerspruch zwischen Krippe und Windel, zwischen liebevoller Sorge und dem Anschein, da sei ein Kind ausgesetzt, sich selbst überlassen, der Widerspruch ist so groß, dass er den Hirten ein Zeichen wird. Daran, verkündet der Engel, daran werdet ihr erkennen, dass ihr am richtigen Ort seid. Ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Die mittelalterlichen Maler haben beim Kind in der Krippe vielfach in ihrer Darstellung das Kreuz angedeutet. Rohes Holz am Anfang wie am Ende des Lebens. Niedrigkeit da wie dort.
Und wie die Windeln am Anfang das Kind fassen, so liegt der gekreuzigt schließlich wieder in Leinen gehüllt. Doch im österlichen Grab bleiben die Tücher zurück. Den Auferstandenen kann der Tod nicht halten.
So können uns die Windeln zugleich von Ostern erzählen. Von der Liebe und Sorge Gottes um sein Kind, von der Rettung des Menschen in aller Bedrohung, von der Überwindung des Todes, der auch in dieser Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 2002 allzuviele Menschen in seine Gewalt bringt. Und dem doch schon das eigene Ende angesagt ist in der Auferstehung.
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Das habt zum Zeichen. Lassen wir es uns zum Zeichen sein. Zeichen der Liebe Gottes, die uns in anderen Menschen begegnet, Zeichen des Auftrags, in dieser Welt zu bestehen, die hart sein kann, in der man sich manchmal wie ausgesetzt fühlen mag, und in der wir doch bewahrt sind.

Und nicht allein zeichenhaft, in übertragenen Sinn entwirft Lukas die Weihnachtsgeschichte.
Macht ist Macht, Gesetz ist Gesetz, Steuern sind Steuern - damals wie heute.
Armut, bescheidene Verhältnisse - das ist vorstellbar, realistisch, konkret.
Eine Geburt, zumal eine Erstgeburt ist Arbeit, bringt Schmerzen mit sich und körperliche Anstrengung. Schafe und Ziege riechen und ihre Hirten vermutlich auch.
Wi gut, dass Gott sich nicht nur auf Worte und Bilder einläßt, nicht allein auf Symbole, die von seiner Gegenwart erzählen. Sie mögen solchen Bilder begegnet sein in den zahlreichen Adventsfeiern der vergangenen Woche.
Licht - Stern - die offene Tür - die blühende Christrose.
Es sind schöne Bilder. Aber das reale Leben hat ja auch andere Seiten.
Wie gut,dass Gott sich auf uns einlässt, auf Holz und Windeln samt Inhalt, auf Arbeit und ihren Geruch, auf Mann und Frau, auf Kind und Greis. Auf Himmel und Erde.

Und wenn es nun wirklich gelungen ist, dass wir in Gedanken mitgekreist sind um die Krippe zusammen mit Augustus und Quirinius, mit Maria und Joseph und allen Verwandten, mit Hirten und Engeln, wenn wir uns haben bewegen lassen zum Gang an die Krippe, dann können wir heimkehren und von der Nähe Gottes in unserer Welt erzählen. Denen, die auf Herbergssuche sind, wie heute in der Zeitung stand, denen, die hungert nach Gerechtigkeit und einer anderen Welt. Wie es den Josef und seine Familie gehungert hat nach anderen verhältnissen. Wir sollen erzählen denen, die sich um den Frieden bemühen und denen, die am Krieg arbeiten. Denen, die Verantwortung tragen und darum auch mit dieser oder jener Macht ausgestattet sind, denen, die ihre Arbeit tun und denen, die auf Sorge und Liebe und Hilfe angewiesen sind.
Möge Ihnen, möge uns allen das zum Zeichen sein: das Kind - in Windeln gewickelt. Und in einer Krippe liegend.

Amen.