Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 21,1-4

Pfarrerin Katja Jochum


Nicht mehr? – nicht weniger!

Teilhabe als Vision einer gerechten Gemeinschaft

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Kurze Pause, um die größtmögliche Ruhe im Gottesdienstraum zu erreichen. Dann wird ein Ein-Cent-Stück in ein Holzbehältnis geworfen.

 

 

Liebe Gemeinde,

was kann damit ausgerichtet werden? Wer glaubt denn noch, dass sich dadurch die Welt verändert?

Was bewirkt eine Münze, so klein, dass man ihr Auftreffen nur als ein kleines Scheppern wahrnimmt? Wer will da von „Kraft“ reden?

 

Mit diesem Ton führen wir Sie hinein in die Predigt am Sonntag zur gerechten Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche.

 

Wie eingangs erwähnt, ist dieses Gottesdienstmaterial in der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen entstanden.

 

Sie fragen: Und diese Frauen wollen mit diesem Ton auf die Forderung gerechter Teilhabe aufmerksam machen? Das ist wohl nicht ganz ausgereift…

Oder?

 

Einwurf eines Ein-Cent-Stücks

 

Die Frage ist berechtigt. Wir alle hier im Raum wissen um die Kaufkraft von einem Cent. Verschwindend in der Wirkung in Ihrem Portemonnaie.

Und dennoch: Sie, die kleine Münze, spielt heute eine der Hauptrollen.

In kirchlichen Zusammenhängen wird sie eigentlich gerne ausgespart. Da wird immer häufiger von „stillen Kollekten“, auch „Scheinkollekten“ genannt, gesprochen.

Wir wissen, wie wichtig Geld ist, um Wirklichkeit nachhaltig zu verändern. Dass Bildung häufig gerade aus Mangel an Geld nicht ermöglicht wird, gerade für Mädchen.

Wir wissen, dass für Frauen, die sich in allen Teilen der Welt in Kooperativen zusammenschließen, sowohl das Erlernen von Fertigkeiten zählt als auch die „Hardware“, die Maschinen und Instrumente, die einen Arbeitsprozess erst ermöglichen – oder die Frauen den Schritt vom Rohstoff zum veredelten Produkt gehen lassen.

Frauen der Frauenhilfe arbeiten seit langer Zeit daran, Frauen in solchen Projekten zu unterstützen. In Kampagnen, die Blumen, saubere Kleidung oder Kaffee zum Thema haben, Spielzeug, Sportartikel u.a. versuchen sie, den Kreislauf der Unterdrückung, der Unfreiheit zu durchbrechen.

Also: Was kann auch hier die kleine Münze verändern? Braucht es nicht viel mehr? Wenn wir beim bloßen Geldwert bleiben, haben Sie bestimmt Recht.

 

Einwurf eines Ein-Cent-Stücks

 

Wer wirft so kleines Geld in die Sammlung? Wer traut sich, so einen Ton in den Raum zu bringen? Nun, wir haben Samtbeutel, um den Klingelbeutel einzusammeln; am Ausgang sieht kaum einer, was eingelegt wird.

In unserem Bibeltext ist das ganz anders. Die Opferstöcke, die Kästen, in die das Geld geworfen wird, stehen ganz öffentlich. Ein Priester sitzt jeweils daneben und verhandelt mit denen, die etwas einwerfen.

Reicht das Geld für ein bestimmtes Opfertier?

Wie viel geben die Leute?

Andere stehen interessiert herum und verfolgen die Verhandlungen.

Alles ist öffentlich.

 

Einwurf eines Ein-Cent-Stücks

 

Lesung:          des Bibeltextes: Lk 21, 1 - 4

1      Als er aber aufblickte, sah er die reichen Leute, die ihre Gaben in den Opferkasten warfen.

2      Er sah aber eine mittellose Witwe, wie sie dort zwei Münzen einwarf,

3      und er sprach: „Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingeworfen als alle.

4      Alle haben nämlich aus ihrem Überfluss zu den Gaben eingeworfen. Sie aber hat aus ihrer Armut heraus alles eingeworfen, was sie zum Leben hat.“

 

(aus: Bibel in gerechter Sprache, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006)

 

Lk 21, 1 - 4

1      Er sah aber auf und schaute die Reichen, wie sie ihre Opfer einlegten in den Gotteskasten.

2          Er sah aber auch eine arme Witwe, die legte zwei Scherflein ein.

3          Und er sprach: Wahrlich ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr denn sie alle eingelegt.

4          Denn diese alle haben aus ihrem Überfluss eingelegt zu dem Opfer Gottes; sie aber hat von ihrer Armut alle ihre Nahrung, die sie hatte, eingelegt.

 

(aus: Luther-Bibel)

Wer ist diese Frau, die da in den Tempel gekommen ist? Ihre Kleider verraten es allen. Sie trägt das traditionelle Kleid der Witwen. Sie bringt die Armut in die Schatzkammer des Tempels.

Und wie gehen die anderen mit ihr um? Neugierig, was eine wie sie an den Opferstöcken zu suchen hat? Schauen sie weg, um diese Seite des Lebens in ihrem Alltag ganz schnell wieder zu vergessen?

Es wird – wie heute – beides gegeben haben. Wer hat die Kraft,  diese Reaktionen zu ignorieren?

 

Jeder Gang durch die aufgeregt Verhandelnden kostet Mut und Überwindung.

Und doch ist ihrem Gang anderes abzuspüren als schamvolles Herumdrücken. Ihr Auftreten trägt mehr in sich als stille Ergebenheit in ihr Schicksal, in ihre Zukunft. Da geht keine, die mit allem abgeschlossen hat.

 

Einwurf eines Ein-Cent Stücks

 

Sie wirft die beiden Scherflein ein – und mit dem Klang dieser letzten Münzen ist der Protest in den Tempel eingezogen. Die Frage wird durch ihr Dasein und ihr Tun unausweichlich:

In welcher Gesellschaft müssen Frauen in ihrer Situation buchstäblich das Letzte geben?

 

Was ist mit dem Schutz, dem Lebens- und Existenzrecht von Witwen, Waisen und Fremden, das an so vielen Stellen der Bibel durch Gesetze und Regeln des Miteinanders festgehalten wird? Wie verhalten sich die anderen im Tempel dazu, dass eine Frau im Witwenstand sich ihr Recht erkämpfen muss?

Hören sie das stille Grollen, das dem Klang des Scherfleins folgt? Das den Tempel und alle Gotteshäuser erfüllt, in denen die Geschichte dieser Frau seitdem erklingt?

 

Einwurf eines Ein-Cent-Stücks

 

Aber halt! Das ist noch nicht der ganze Klang der Münze! Was mitschwingt, ist „Trost und Protest“, wie Allan Boesak eines seiner Bücher in der Zeit der Apartheid in Südafrika überschrieben hat. „Trost und Protest“: Die Münze lässt uns etwas von den Wurzeln dieser Frau erfahren. Gegründet ist sie im Glauben an den Gott Israels, der aus Bedrängnis in die Freiheit führt, der die Not sieht und für Gerechtigkeit und Recht steht. Dessen Name verspricht, dass er die Treue zu denen, die ihm vertrauen, nicht aufkündigt.

Sie vertraut auf den Lebendigen, dessen Verheißung gilt, dass Segen für alle zum Leben reicht. Diesen Grund gibt sie nicht preis.

Und sie lebt ihren Glauben: Das Opfer ist für sie ein Zeichen der lebendigen Beziehung zu diesem Gott der Freiheit und Treue. Sie verzichtet nicht darauf, sichtbarer Teil der Menschen zu sein, die zu diesem Gott gehören. Und sie vertraut darauf, dass ihr Opfer etwas ausrichten kann.

 

Einwurf eines Ein-Cent Stücks

 

Und deshalb wirft sie ihre Münze in diesen Kasten – in keinen der anderen. Er ist bestimmt für das Ganzopfer, das Fleisch des Tieres kommt nur Gott zugute. Nur den einen Zweck erfüllt die Gabe dieses Kastens: Gott das zu zeigen, was in der Geschichte als Bekräftigung des Bundesschlusses gilt. ‚Ich aber und mein Haus – wir wollen dem Lebendigen dienen.’

Ihm, dessen Segen sich ausbreiten und im ganzen Volk Wirklichkeit werden soll. Ihm, der in Gerechtigkeit und Frieden in die Zukunft leitet. Ihm, der versprochen hat, die Hungrigen und Durstigen zu speisen, den Verachteten zum Recht zu verhelfen.

Sie gehört zu diesem Volk, um dessen Zukunft es ihr in ihrem Opfer geht  – und alle sollen es sehen und nicht vergessen.

 

Nicht weniger steckt im Klang der kleinen Münze.

In diesem Ton und seiner Botschaft finden wir uns wieder.

 

Einwurf eines Ein-Cent-Stücks

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.