Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,12+15

Pfarrer Dr. Thorsten Jacobi

24.12.2002 in der Elseyer Kirche in Hagen-Hohenlimburg

Liebe Gemeinde, wann ist Weihnachten?

I

Beginnt Weihnachten, wenn im September die ersten Lebkuchen in den Regalen auftauchen? Ist Weihnachten, wenn im November die Kaufhäuser umdekorieren? Beginnt Weihnachten, wenn die Weihnachtsmärkte öffnen? Für viele unter uns ist Weihnachten erst dann, wenn "O du fröhliche" gesungen wird oder wenn sich die Tür für die Bescherung öffnet. Für mich ist Weihnachten, wenn ich die alte Weihnachtsgeschichte höre. Seit meiner Kinderzeit ist sie mir vertraut: die alte Geschichte aus dem Evangelium des Lukas, vorgetragen in der Übersetzung Martin Luthers: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging... . In meiner Heimatkirche wurde damals stets zur älteren Fassung gegriffen: Da ging noch ein jeglicher in seine Stadt. Und Maria und Joseph waren in Bethlehem noch nicht dort, sie waren noch daselbst. In dieser feierlichen, altehrwürdigen Sprache kam sie daher, die Weihnachtsgeschichte, Jahr für Jahr. Nie habe ich den Text auswendig gelernt. Allein durch das bloße Zuhören wurde er mir im Laufe der Jahre so vertraut, daß ich ihn nun zu großen Teilen auswendig kann. Als einzigen Bibeltext von größerer Länge. Und doch: Trotz aller Vertrautheit sind mir einzelne Dinge lange rätselhaft geblieben. So schön und eingängig ich die Geschichte fand, als junger Mensch habe ich vieles nicht verstanden von dem, was ich da hörte. Da war etwa das kaiserliche Gebot, "daß alle Welt geschätzt würde". Ich erfuhr im Laufe der Zeit, daß dies gar nichts mit Wertschätzung zu tun hatte. Es ging vielmehr um eine Steuererhebung, durch die der römische Militäretat finanziert werden sollte. Und irgendwann erfuhr ich auch, daß der "Landpfleger" Kyrenius kein syrischer Landschaftsgärtner war, sondern ein Prokurator, ein Statthalter, der mit harter Hand die Herrschaft Roms über den Orient sicherte. Und schließlich war da noch das "vertraute Weib" Maria. Sie entpuppte sich nicht als langjährige Vertraute des Josef, sondern sie war in Wahrheit ein junges Mädchen, das mit dem Zimmermann aus Nazareth verlobt worden war. Das alles weiß ich nun inzwischen. Und doch gibt es immer noch Sätze, über die ich stolpere. Noch immer finde ich in die Weihnachtsgeschichte Aussagen, deren Sinn zunächst rätselhaft ist. Etwa der Satz, in dem es heißt: Und das habt zum Zeichen... . Ein merkwürdiger, ein seltsamer Satz. Zuvor hatte der Engel den Hirten zugerufen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, ...denn heute ist euch der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen... . Zuerst wird also die Geburt des Heilandes verkündigt. Und dann wird auf das Kind in der Krippe verwiesen: Das habt zum Zeichen. Warum sagt Lukas nicht einfach: Christus, der Herr, den findet ihr als Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Stattdessen wird beides voneinander fein säuberlich getrennt, die Geburt und das Zeichen.

II

Liebe Gemeinde, mir drängt sich ein Verdacht auf: Wenn das Kind in der Krippe ein Zeichen war, Zeichen für den geborenen Heiland, gibt es dann etwa noch andere Zeichen? Will Lukas noch weitere Hinweise zulassen? Hinweise darauf, daß Gott in unsere Welt gekommen ist? Wenn das stimmt, dann war der Stern von Bethlehem das Zeichen für die Sternkundigen. Und das Krippenkind das Zeichen für die Hirten. Wenn das stimmt, dann existieren neben diesen alten Zeichen womöglich noch andere, Zeichen für unsere Zeit. Zeichen dafür, daß auch uns der Heiland geboren wurde, daß Gott den Weg auch in unsere Welt gefunden hat. Wir müssen sie dann nur finden, diese Zeichen. Und wenn wir sie gefunden haben, dann, ja dann könnte wirklich Weihnachten sein. Ein Weihnachten nicht nur für die Hirten und Sterndeuter damals, sondern auch für uns heute.

Vielleicht aber ist Gott noch gar nicht bei jedem von uns angekommen. Womöglich ist er bei dem einen oder anderen immer noch unterwegs. Vielleicht ist er bei manchem sogar auf der Strecke geblieben. Und das Zeichen blieb aus. Strenggenommen lebt dann dieser Mensch noch im Advent. In Wartestellung, sozusagen. Er wartet darauf, daß Gott sich mal sehen läßt, daß er ihm endlich ein Zeichen gibt, damit Weihnachten auch für ihn wird. Denn ohne Zeichen kann noch kein Weihnachten sein. Und mag ein Mensch schon 50mal Weihnachten gefeiert und 100mal "O du fröhliche" gesungen haben. Denn Weihnachten ist dann, wenn uns die Augen aufgehen. Wenn wir das Zeichen finden, das Gott uns gegeben hat. Es kann sich um eine Begebenheit handeln, die sich ganz unerwartet ereignete, so unerwartet wie, sagen wir, eine Jungfrauengeburt. Es kann sich um ein Erlebnis handeln, das so wunderbar war wie ein neugeborenes Leben. Es kann sich um eine Sache handeln, die so klein und unscheinbar war wie ein mickriger Stall zu Bethlehem. Oder es kann sich um etwas handeln, das so improvisiert war wie eine zur Wiege umgebaute Futterkrippe.

III

Liebe Gemeinde, laßt uns nun gehen und die Geschichte sehen, die der Herr uns kundgetan hat. Laßt uns finden das Zeichen, das uns gegeben wurde: Die Älteren unter uns können Geschichten erzählen, wie sie in Bombennächten wunderbar bewahrt oder an der Front unerwartet gerettet wurden. Sie können erzählen vom unverhofften Wiedersehen nach der Kriegsgefangenschaft oder nach der Vertreibung. Und sie können erzählen davon, wie erfinderisch sie in der schlechten Zeit waren, wie sehr improvisiert werden mußte, um das Überleben zu sichern. Da wurde auch so mancher Behälter zur Wiege umgebaut. Wir Jüngeren können andere Geschichten erzählen: von Bewahrungserlebnissen auf der Autobahn, von unerwartet geglückten Vorhaben, von wunderbar erfüllten Augenblicken. Wir alle können erzählen von Menschen, die uns verlorengegangenes Vertrauen zurückgegeben haben, die uns irgendwann einmal wieder Mut gemacht haben. Wir können berichten von Menschen, die uns die Liebe gelehrt und unser Herz zum Hüpfen gebracht haben. Wir können schwärmen von Erlebnissen, die uns den Geschmack des Lebens und die Freude am Dasein vermittelt haben. Wir können erzählen von Erfahrungen, die uns Weisheit eröffnet, uns demütig und dankbar gemacht haben. Wir können schildern, wie sich in uns mit einem Male die Traurigkeit in Heiterkeit verwandelt hat und wie der großen Bedrückung das große Aufatmen folgte. Laßt uns nun gehen und die Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat.

Liebe Freunde, wann ist Weihnachten?
Nun, wer an seinen Erinnerungen entlangwandert und die Geschichte sieht, die ihm der Herr kundgetan hat, der wird an seiner persönlichen Krippe ankommen. Für ihn beginnt dann wirklich das Weihnachtsfest. Denn Weihnachten ist dann, wenn wir in dem angeblich so Zufälligen das Zeichen Gottes finden. Weihnachten ist dann, wenn wir im Unwahrscheinlichen die Fügung erkennen und im vermeindlichen Schicksal diejenige Geschichte sehen, die der Herr speziell uns kundgetan hat. Darum laßt uns nun gehen und sehen. Und finden das Kind, das Zeichen, die Geschichte, in der Gott für uns in die Welt kam, in unser Leben, in unseren Alltag.

Amen.