Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,15-20

Pfarrer Klaus Baschang

25.12.2003 in der Waldenserkirche in Neureut-Süd

Was bewegt eigentlich unsere Herzen? Von den Medizinern wissen wir:

Nicht nur der Blutdruck und die Cholesterinwerte sind wichtig für unser Herz.
Wichtig, geradezu lebenswichtig ist, welche Gefühle und Gedanken unser Herz bewegen. Also nochmals: Was bewegt heute, an Weihnachten, unsere Herzen?

Ich habe mich umgehört:
Unser Sohn sagte: Mich bewegt die Frage, ob unsere sozialen Sicherungssysteme Bestand haben werden. Denn davon ist abhängig, ob ich es einmal im Alter ähnlich gut haben werde wie ihr. Das bewegt sein Herz und die Herzen vieler Leute seines Alters.
Ein Lehrer hat mir berichtet: Die Frage nach Krieg und Frieden bewegt die Herzen der Kinder und Jugendlichen weitaus mehr, als wir Erwachsenen vermuten. Denn die Kinder und Jugendlichen kennen den Krieg aus dem Fernsehen. Da zeigt er eine noch viel schrecklichere Fratze als in den Erzählungen von Erwachsenen, die den Krieg erlebt haben.
Die Herzen vieler älterer Menschen sind von der Frage bewegt, wie denn einmal ihr Lebensende aussehen wird, ob sie einmal in Würde sterben können.

Was bewegt mein eigenes Herz an diesem Weihnachtsfest?
Mein Herz wird von der Frage bewegt, wie Menschen zum Glauben kommen und ihren Glauben bewahren können. Denn davon ist abhängig, wie unser Herz mit den anderen Problemen umgehen kann, die auf es einstürmen.

Ich bin nämlich zutiefst davon überzeugt: Vom Glauben bewegte Herzen halten besser durch.

Maria ist ein Beispiel dafür. Es heisst: "Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen." Sie ist eigentlich der ruhende Pol in dieser ganzen Geschichte.
Man übersieht ja oft, dass die Weihnachtsgeschichte eine Geschichte von dramatischen Bewegungen ist. Da ziehen viele Menschen vom Wohnort zum Geburtsort, um sich in Steuerlisten einzuschreiben und die Gefahren und Mühen waren damals weitaus größer als beim heutigen Reisen. Da ziehen Hirten auf ihren Feldern umher. Engel kommen vom Himmel und schicken die Hirten zum Stall. Und neue Engel kommen dazu und gehen wieder weg und die Hirten gehen - eilend sogar - nach Bethlehem und von dort wieder auf ihre Felder zurück. Eine bewegte Gesellschaft, eine mobile Gesellschaft. Ähnlich wie bei uns. Und mitten drin Maria, der ruhende Pol. "Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen." Vom Glauben bewegte Herzen halten besser durch.

Es ist ja nicht so, als ob Menschen mit vom Glauben bewegten Herzen ein besseres Schicksal hätten. Aber sie werden mit dem Schicksal besser fertig.

Nochmals Maria. Sie muss alsbald aufpassen, dass sie über dem Besuch der drei Könige nicht arrogant und selbstgefällig wird. Eine normale Alltagsversuchung ist das. Sie muss gleich darauf mit Josef und dem Kind von Bethlehem nach Ägypten fliehen. Politische Gewalttaten und Verbrechen gibt es ja auch schon damals und nicht erst zu unseren Zeiten. Sie muss es hinnehmen, dass ihr zwölfjähriger Sohn sie zurecht weist. Wir wissen, wie bitter für uns Ältere das sein kann. Sie muss unter dem Kreuz aushalten. Letzte Gottesferne. Aber ihr Leben war von den Worten bestimmt, die sie in ihrem Herzen bewegte. Vom Glauben bewegte Herzen halten besser durch.

Was sind das eigentlich für Worte, die Maria im Herzen bewegt? Es sind wohl zunächst die Erzählungen der Hirten von ihren Erlebnissen mit den Engeln auf den Feldern. Einfache Worte waren das vermutlich, die sie von diesen ungebildeten Leuten hörte. Aber die haben sie gewiss an die Worte des Engels erinnert, der ihr die Geburt Jesu angekündigt hatte. Und an die Worte der schwangeren Elisabeth, als Maria während ihrer eigenen Schwangerschaft bei ihr war. Wenn man in der Bibel nachliest, erkennt man, dass alle diese Worte Anklänge an das Alte Testament enthalten.

Gottes Wort kommt auf vielfältige Weise in unsere Herzen. Und heute wird es sogar nicht nur gesprochen und gesungen, sondern es kann im Abendmahl auch gesehen und geschmeckt werden. Denn Gott will, dass wir seinen guten Willen mit uns im Herzen bewegen und im Leben besser durchhalten können, weil unsere Herzen vom Glauben bewegt sind.

Sehen Sie, darin liegt unsere ganze Hoffnung: Gott selbst sorgt dafür, dass wir zum Glauben kommen und im Leben durchhalten können. Der erste Mensch, dem die unglaubliche Weihnachtsbotschaft anvertraut wurde, kam dadurch tatsächlich zum Glauben. Der Unglaube ist nicht der Normalfall. Der Normalfall das ist Maria, der Glaube, das Hören und Bedenken der Bibelworte, das vom Glauben bewegte Herz, durchhalten können, mit dem Schicksal besser fertig werden.

So wird Weihnachten praktisch. So geht es vom Fest in den Alltag weiter, von der Kirche auf die Straßen und in die Wohnungen.

Wir wissen nicht, wie sich der Glaube der Maria damals geäußert hat. Sicher waren das ganz einfache Gedanken und Worte. Es war ja der allererste Anfang der Geschichte des christlichen Glaubens. Die großen Denker des Glaubens kamen erst später: Paulus, Augustin, Luther, Schleiermacher, Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer. Maria konnte da am Anfang die ganze Weite und Tiefe noch nicht erkennen. Dazu hat es Jahrhunderte in der Kirche gebraucht und wir sind längst noch nicht am Ende.

Aber der Anfang war gemacht. Auf den Anfang kommt es an. Es kann das Vater Unser sein, wenn am Abend die Betglocke läutet. Man kann Amen sagen, wenn man Brot und Wein empfängt; die Glaubenszusagen sollen für mich gelten, die mir mit Brot und Wein zugesprochen werden. Man kann - wie die Alten - wieder anfangen am Morgen die Losungen zu lesen und man kann sie sich sogar auf den PC laden und sie dann jedesmal im Herzen bewegen, wenn er eingeschaltet wird.

Weihnachten kann den Alltag verändern. Denn die Weihnachtsbotschaft dringt in unsre Herzen ein. Vom Glauben bewegte Herzen halten aber besser durch.

Amen.