Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,25-32.36-40 (Simeon und Hanna)

Pfarrer Sven Dreiser (ev)

28.12.2014 in der evangelischen Kirche in Baal

am Sonntag nach Weihnachten

Gott schenke uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen


Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit sitze ich einer Frau gegenüber, die mich zu sich gebeten hat. Sie ist weit über 80. Die Frau schaut mich mit großen, wachen Augen an: Sie habe so viele Fragen und so wenige Antworten. Bevor sie eines Tages stirbt, möchte sie gerne wissen, was dran ist an unserem christlichen Glauben. Alles nur Märchen? Sie möchte so gerne glauben, aber sie könne es einfach nicht. Nachdenklich fragt sie mich: „Werde ich in den Himmel kommen? Oder in die Hölle? Als Kind musste ich an einen strafenden Gott glauben, vor dem ich Angst hatte. Diese Angst sitzt noch sehr tief in mir“. Sie wurde mit ihren Geschwistern von der streng-religiösen Großmutter zu abendlichen Gebeten regelrecht gezwungen. Heute habe sie das Beten verlernt.

Ich spüre bei der Frau eine große Traurigkeit. Aber auch eine tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht, frei zu werden von dem falschen Glauben ihres bisherigen Lebens. Frei zu werden von den falschen Gottesbildern, mit der andere Menschen Macht über sie ausgeübt haben. Und ich spüre bei ihr die ehrliche Hoffnung, dass es dafür noch nicht zu spät ist.

Sie erzählt mir ihre Lebensgeschichte, die mich sehr berührt. Sie geht ihren Weg und wird Ärztin, ganz gegen den Willen ihrer Eltern. Sie gehört einer Generation an, in der es noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen eine eigene Karriere machen. Aber sie geht unbeirrt ihren eigenen Weg. Sie heiratet einen angesehenen Musiker, bekommt zwei Kinder. Der Sohn wird bei einem Autounfall schwer verletzt und muss immer wieder operiert werden. Als ihr Mann stirbt, ist sie allein. Der Sohn, immer wieder krank. Die Tochter hat sich schon lange von der Mutter abgewendet. Ohne sie ginge es ihr besser. Eine Nachbarin kümmert sich um die alte Dame und versucht sie von ihrem Glauben zu überzeugen. Allerdings predigt sie einen gesetzlichen und engstirnigen Glauben, der die alte Dame aber nur an den vermeintlichen Glauben ihrer Kindheit erinnert. Einen Glauben der Angst. Sie bricht den Kontakt zur Nachbarin ab und bleibt weiter auf der Suche. Sie spürt es, dass sie nicht mehr viel Zeit hat. Als sie fertig mit dem Erzählen ist, schweigen wir lange. Dann schaut sie mich fragend an.

Was soll ich jetzt antworten? Wie kann ich jetzt einladend von meinem Glauben erzählen, ohne dass ich sie direkt wieder verstöre? Ich will es wenigstens versuchen und ein bisschen komme ich mir vor, wie die Hirten in der Heiligen Nacht, die auch keine großen Redner waren, sondern auch nur stammelnd von dem erzählen konnten, was sie im Stall von Bethlehem gesehen und erlebt hatten.

Ich erzähle ihr, dass ich Gott in meinem Leben so ganz anders erlebt habe, wie sie. Ich erzähle ihr, wie ich als kleines Kind abends auf dem Schoss meiner Mutter gesessen habe und sie mir die biblischen Geschichten erzählt hat. In einfachen Worten hat sie mir von Jesus erzählt. Die Weihnachtsgeschichte und die vielen Geschichten, wie Jesus Menschen berührt und gesund gemacht hat. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn war dabei eine meiner Lieblingsgeschichten. Immer wieder musste meine Mutter sie erzählen. Für mich war als kleiner Junge klar, dass Gott die Menschen lieb hat. Keiner ist von dieser Liebe ausgeschlossen. Und alle können zu ihm kommen. Das Hören und Erleben dieser Geschichten auf dem Schoss meiner Mutter war für mich mit einem wunderschönen Gefühl der Geborgenheit und des Friedens verbunden. Gott war für mich keiner, vor dem ich Angst zu haben brauche. Und schon als Kind wollte ich dann Pfarrer werden und bin es auch geworden, um den Menschen die alten biblischen Geschichten wieder und wieder neu zu erzählen, damit sie getröstet werden. Und ins Staunen kommen über einen Gott, der in einem kleinen Kind Mensch wird, um uns Menschen ganz nahe sein zu können. Ein Gott auf Augenhöhe mit uns Menschen. Einer, dem wir vertrauen können und dem wir unsere Fragen, unsere Ängste, unsere Schuld anvertrauen können. Ein Gott, mit dem ich reden kann, wie mit einem guten Freund. Ein Gott, der nicht perfekt ist, weil auch wir Menschen es nicht sind. Ein Gott, der mitweinen und mitlachen kann. Der mit uns schweigt und dann auch wieder ein gutes Wort und einen guten Gedanken für uns hat. Einer, der uns Geborgenheit schenkt. Und zu dem ich kommen kann mit meiner Unruhe und mit meinen Sorgen. Dem ich mein Herz ausschütten kann.

Ja, von diesem Gott und meinem Glauben an ihn habe ich dieser alten Frau einfach erzählt. Und zum Schluss habe ich ihr einen meiner Lieblingsverse aus der Bibel aufgeschrieben: Furcht ist nicht in der Liebe.

Vor einem Gott, der uns Menschen lieb hat, braucht niemand Angst zu haben. Gott will nicht unsere Angst, sondern einen Glauben, der uns lieben lässt. Gott und die Menschen.

Längst war es draußen dunkel geworden. Und nur das sanfte Licht einer Kerze erhellte das Wohnzimmer, in dem wir saßen. Im Kerzenschein konnte ich aber erkennen, dass ihre Augen vor Rührung feucht geworden sind. Sie lächelte weise vor sich hin und sagte dann: „Ich werde über alles nachdenken. Der Gott, von dem sie mir erzählt haben, ist mir noch fremd. Aber ich möchte ihn unbedingt weiter kennen lernen. Auf diesen Gott habe ich mein Leben lang gewartet.“

Liebe Gemeinde, an diese Mut machende Begegnung aus diesem zu Ende gehenden Jahr musste ich sofort denken, als ich unseren Predigttext für heute gelesen habe. Die hochbetagte Prophetin Hanna und der gottesfürchtige und gerechte Simeon – beide warten schon viele Jahre im Tempel in Jerusalem auf den, der das Leben heil machen kann. Auf den, von dem die alten Texte und Verheißungen erzählen, dass er der Messias ist. Der Heiland, der Retter. Ihre Lebensaufgabe ist das Warten geworden, weil sie es in ihren Herzen spüren: wir werden nicht eher sterben, bis wir ihn gesehen haben. Diese Hoffnung hat sie durch das Leben getragen. Diese Hoffnung haben sie nicht aufgegeben, auch in den Ängsten und Zweifeln ihres Lebens nicht. Hanna hat ihren Mann verloren und damit ihre Liebe, ihr Glück, die Sicherheit und Geborgenheit. Sie hat sich einen neuen Ort suchen müssen für ihre Hoffnung und ihren Glauben. Im Tempel, ein für mich immer wieder schönes Bild für die Gemeinde, hat sie ihn gefunden. Hat sie ein Dach für ihren Glauben gefunden. Einen sicheren Ort für ihr Warten und die Sehnsucht: Da muss doch noch was kommen. Das kann doch nicht alles gewesen sein.

Auch Simeon ist hier zuhause. Als er das Kind, das Maria und Josef in den Tempel bringen, sieht und in die Arme nimmt, da hört er tief in seinem Herzen die Gewissheit: das ist für mich der, auf den ich gewartet habe. Nun kann all das Unerfüllte in meinem Leben heil werden. Er war sich auf einmal sicher: Die Fragen werden beantwortet und Zweifel in Vertrauen gewandelt. Jetzt kann ich im Frieden sterben.

Simeon hat mit seinem Herzen geschaut. Das Kind, in dem Gott Mensch wurde, hat ihm genügt. Er brauchte nicht die vielen Geschichten, die wir für unseren Glauben brauchen. Er sah das Kind und glaubte einfach. Das Kind, aus dem dann der Mensch wurde, von dem wir gelernt haben, Gott unseren Vater zu nennen. Von dem wir gelernt haben, wie wir beten können. Und an dem wir gesehen haben, dass der Tod nicht das letzte Wort im Leben behält. Jesus hat uns vorgelebt, wie die gerechte Welt Gottes aussieht. Wie Frieden werden kann. Jesus hat so den Menschen bis in unsere Zeit hinein eine Hoffnung ins Herz gegeben, mit der auch wir getrost und getröstet leben – und eines Tages auch sterben können. Dieser Glaube ist es, der mit diesem Kind im Stall von Bethlehem auf die Welt gekommen ist. Auch zu uns gekommen ist. Simeon und Hanna laden uns ein, das Kind zu schauen – und zu glauben. Ganz einfach zu glauben.

„Auf diesen Gott habe ich mein Leben lang gewartet“, so sagte mir die Frau, von der ich anfangs erzählte, bei unserem Abschied. Wir haben uns seitdem noch ein paar Mal getroffen. Ihre Angst vor einem strafenden Gott hat sie ablegen können. Sie kann wieder beten mit einem kindlichen Vertrauen. Sie hat ihren Frieden gefunden bei dem Gott, der ein Kind wird, um mit uns auf Augenhöhe zu sein. Ganz nahe bei uns Menschen. Amen