Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 23,32-43 und den Song von Herbert Grönemeyer "Erzähl mir von morgen"

Pfarrer Andreas Blum (rk)

09.06.2011 in der Katholischen Hochschulgemeinde Köln

anlässlich eines Workshops für Theologiestudierende "Musik und Liturgie"

Liebe Studierenden,

Psalmen sind von gestern.
„Erzähl mir von morgen“ aber ist von heute -
ein Psalm, ein klassisch-biblisches Thema, in zeitgemäßer Sprache.
Hören wir hin:

[Text und Zitate werden im Folgenden von einem Lektor vorgetragen]

“Erzähl mir von morgen

Erzähl mir von morgen
Zeig mir Dein Land
Kannst Du mich Dir borgen, Dir leihn
Hab alles verloren
Alles vertan
Das Gewissen los
Hilf mir bereuen

Gott interessiert sich
Für viel und die Welt
Bloß nicht für mich


Alles verkehrt
Und auch umsonst
Nur Schuld, kein nachher


Hab mich haltlos verbündet
Haltlos verrannt
Fatale Abgründe


Monströse Sünden
Die nicht verschwinden
Hilf mir mich befreien
DU musst mich befreien


Gib mir den Grund zu hoffen
Gib mir ein vages Ziel
Denn die Hölle ein Ort ohne Liebe
Und so unendlich still


Leugne mich
Und mit mir meine Welt
Sie ist so überdeutlich
Dass mir alles zerfällt


Brich mir mein Herz
Und dann flieh mit mir
Lieb mich für mich


Gib mir einen Grund zu hoffen
Gib mir ein vages Ziel
Denn die Hölle ist ein Ort ohne Liebe
Und so unendlich still


Leugne mich
Und mit mir meine Welt
Es ist so überdeutlich
Dass mir alles zerfällt
Und zertrümmre mein Schafott
Geh mit mir ins Gericht
Und brich mir mein Herz
Und dann flieh mit mir
Lieb mich für mich“



Ein Psalm, ein klassisch-biblisches Thema, in zeitgemäßer Sprache.
Gehen wir noch einen Schritt weiter, tauchen wir ein in seine Welt:

 „Erzähl mir von morgen“ -
Schon die erste Zeile deutet eine transzendentale Stoßrichtung an.
Da scheint jemand im Hier und Jetzt gefangen, unglücklich, verzweifelt, …
und er will etwas von Morgen hören, von der Zukunft, von Hoffnung, …
mehr noch: jenseits leerer Worte und phantastischer Versprechungen will er,
dass sein Gegenüber konkret und anschaulich wird:
„Zeig mir dein Land“.
„Der Herr zeige uns seine Wege“, bitten schon die alten Propheten (Jes 2,3; Mi 4,2).

Die Verzweiflung ist total: alles verloren, alles vertan, …
aber nicht materieller Verlust wird beklagt, sondern der moralische Bankrott erklärt:
„Das Gewissen los“.
Da ist jemand so sehr am Boden,
dass er aus eigener Kraft noch nicht einmal mehr bereuen kann,
dass er aus eigener Kraft gar nichts mehr kann, sondern nur noch bittet,
dass ihn jemand aufrecht hält, am Leben erhält, quasi in seine Haut schlüpft:
„Kannst du mich dir borgen, Dir leihn“.
Es heißt „borgen, leihn“ -
also nicht für immer, aber doch hier und jetzt!
Keine endgültige Selbstaufgabe, sondern Akzeptanz der eigenen Hilfsbedürftigkeit.
„Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, freut sich am Ende auch Paulus (Gal 2,20).

Aber bevor es soweit ist,
beklagt unser Psalm in typischer Weise für das Alte Testament
die Abwesenheit und das Desinteresse Gottes:
„Hat Gott seine Gnade vergessen, im Zorn sein Erbarmen verschlossen?“
heißt es da beispielsweise (Ps 77,10);
hier: „Gott interessiert sich für viel und die Welt – bloß nicht für mich“

Im Kontrast zu dieser Verlassenheit steht,
dass es am Anfang wohl ein Bündnis gab, einen Zusammenschluss -
aber dieser Bund trug nicht, sondern machte haltlos,
führte an fatale Abgründe
und zu monströsen Sünden:
„Hab mich haltlos verbündet“.
Aufs falsche Pferd gesetzt könnte man lakonisch sagen,
wenn der Hilferuf nicht so verzweifelt wäre:
„Hilf mir, mich zu befreien“ –

nein, selbst das geht nicht mehr:
„DU musst mich befreien“.

Kein Klagespsalm ohne die Wende zu einem Ausdruck der Hoffnung,
hier: „Gib mir den Grund zu hoffen, gib mir ein vages Ziel“.
Es muss ja nicht gleich die Erfüllung aller Sehnsüchte sein,
aber ein Ziel - und es sei es noch so vage - braucht es schon,
um sich immer wieder neu danach ausrichten und daran aufrichten zu können.


Demgegenüber verlangt der Grund zur Hoffnung jedoch Eindeutigkeit.

Da scheint jemand schon zu oft auf vollmundige Versprechen hereingefallen zu sein
und braucht nun, wenn er denn überhaupt zur Hoffnung zurückfinden soll,
einen tragenden Grund, auf dem diese Hoffnung auch Bestand haben kann.

Sonst bricht beim nächsten Mal wieder alles in sich zusammen.
Und deshalb braucht es auch nicht irgendeinen neuen,
letztlich immer wieder austauschbaren Grund,
sondern den Grund.

Ignatius von Loyola spricht davon,
dass wir uns immer wieder auch zur Hoffnung entscheiden müssen.
Grund und Kraft dafür findet unser Psalmist
im Gegenbild einer Hoffnungslosigkeit,
die er als erfahrene Hölle beschreibt:
„Denn die Hölle ein Ort ohne Liebe
und so unendlich still“ -
nicht still, sondern unendlich still, - also tot!

Dabei ist diese Hölle nicht der jenseitige Ort der Verdammnis,
sondern die selbstgezimmerte Welt,
die zu einer selbstzerstörerischen geworden ist.
Und weil sie so dominant und beherrschend ist,
kann es Hilfe nur jenseits dieser Welt und dem darin gefangenen Ich geben:
„Leugne mich – und mit mir meine Welt“.

Die so verstandene „Welt“ als Gegenbild zum Heil
kennt etwa auch die johanneische Theologie:
„Wir wissen: Wir sind aus Gott,
aber die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen“ (1Joh 5,19).

So sehr scheint hier das Herz an diese zerstörerische Welt gehangen worden zu sein,
dass nur noch die Bitte taugt:
„Brich mir mein Herz“ -
was auf das erste Hören, wie eine unerhörte, skandalöse Bitte klingt.
Aber schon Ezechiel wusste über den Neuanfang zu sagen:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“ (Ez 36,26).


Und wie befreiend der Wunsch nach einem Neuanfang schon klingt:

„Flieh mit mir“ -
das Alte zurücklassen, gemeinsam nach vorne, …
die Hoffnung findet Grund, klingt dynamisch, aufbrecherisch, …
da geht (wieder) was!

Aber ein Psalm ist nicht einfach eine lineare Erfolgsgeschichte mit Happyend,
sondern spiegelt wie im richtigen Leben das andauernde Auf und Ab des Menschen.


Noch einmal hören wir:
“Zertrümmer mein Schafott,
Geh mit mir ins Gericht“.
Wer aber will schon ernsthaft, dass jemand mit ihm ins Gericht geht? -
Vielleicht jemand wie jener Schächer auf Golgotha,
dessen gescheitertes Leben ihn am Ende nur ans Kreuz gebracht hat,
der aber neben sich in Christus seine einzige Hoffnung erkennt

und sich entscheidet, ihm zu vertrauen:

„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm:
Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,42f).

 

Ausklingen aber tut der Psalm mit den Worten:

„Lieb mich für mich“.
Vielleicht ist dieser Satz Ausdruck für die Bitte,
zu mir zu stehen, mich zu lieben,
wenn ich mich schon lange nicht mehr ertragen kann.
Vielleicht geht es aber auch darum, dass die bisherige Liebe zu sich selbst,
nichts weiter als kaschierter Egoismus war,
und wahre Liebe zu sich selbst erst gelernt sein will,
weil es nicht einfach die Erfüllung aller Wünsche und Launen ist.

Vielleicht ist es am Ende die Übereignung an den,
der die Liebe ist: „Gott“ (1Joh 4,8).
„Lieb mich für mich“.

Natürlich haben die meisten von euch das Lied längst erkannt:
es ist ein aktueller Grönemeyer-Song (Album Schiffsverkehr 2011).
Für mich aber ist es ein Psalm, ein klassisch-biblisches Thema, in zeitgemäßer Sprache; mehr noch: für mich ist es der zeitlose Ruf des Menschen.