Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 23,33–49

Bärbel Karoline Bürner

in Münnersadt

Karfreitag 2005

Karfreitag 2005

Liebe Gemeinde,

Sie haben den Bericht des Lukas gehört. Man könnte meinen, er wäre dabei gewesen. Aber – direkte Augenzeugenberichte haben wir nicht. Lukas hat vor allem in Griechenland gelebt und sein Evangelium 80 bis 90 Jahre nach den Geschehnissen aufgeschrieben.
Lukas, so schreibt Anselm Grün in seinem Evangeliumskommentar, auf den ich mich – ohne es gesondert zu benennen – in dieser Predigt noch öfter beziehen werde, Anselm Grün meint: Lukas schreibt auf „was damals geschehen ist hat unsere Welt entscheidend verändert. Wenn wir uns mit der Geschichte Jesu auseinandersetzen, wird sie auch uns verwandeln“.
In der Tradition gilt Lukas als Arzt; gleich ob diese Berufsbezeichnung – in unserem Sinn und Verständnis - stimmt, aus der Art und Weise, wie er uns von Jesus berichtet, kann geschlossen werden: Lukas war ein Mensch, dem es um die Heilung des Menschen, des ganzen Menschen, ging.
Und so schreibt Lukas an vielen Stellen von den „zwei Seiten des Lebens“, von Gegenpolen im Leben: schwarz und weiß, Mann und Frau, West und Ost. Zwei Seiten einer Geschichte anzuschauen, bewahrt vor einseitigem Idealismus und bewahrt damit davor, wichtige Bereiche unserer Seele abzuspalten.
Und genau diese Versuchung unseres Lebens, unseres Lebens als moderne, aufgeklärte Menschen, stellt der Karfreitag vor uns hin: Im Machbarkeitswahn unserer Zeit sind wir in der Versuchung, uns glauben zu machen: Tod – was ist das? Wir sind versucht, den Tod abzuspalten.
Tod – wenn nicht jetzt, aber irgendwann wird es den Tod nicht mehr geben. Technik, Wissenschaft – irgendwann wird es gelingen den Tod aus der Welt, aus unserem Leben zu verbannen.
Da kann man eigentlich nur mit Paulus sagen: Ihr seid wie die Kinder! Kinder, die glauben, die eigene Hand vor dem Gesicht reiche aus, die Welt zu verändern.
Diese Welt ändert sich so nicht. Die einzige todsichere Realität wird bleiben solange die Erde steht: Was auf ihr wächst und gedeiht ist todgeweiht. Leben, irdisches Leben, findet statt im Angesicht des Todes.
Diese Realität erfahren die beiden – Herr Links und Herr Rechts – die neben Jesus gekreuzigt werden.
Herr Links hat sich mit dieser Tatsache abgefunden. Nicht nur abgefunden, er ist verhärtet – aus welchen Gründen immer. Wir wissen ja auch nicht, warum er die Todesstrafe verhängt bekommen hat. Die Todesstrafe, heute so bedenklich wie damals!
Der linke Schächer ist verhärtet, hart geworden. Sein Alltag hat dazu geführt – in der Tretmühle kein Lichtblick.
Wo ist unser Alltag – mein Alltag bei Herrn Links? Wo sind wir so eingespannt, dass wir hart werden, dass wir uns verhärten, weil wir es anders gar nicht aushalten? Die Kraft reicht manchmal nur für die eigenen Geschäfte. Bei mir ist das manchmal so – und bei Ihnen?
Herr Links hat sich in seinem Leben – wodurch immer – so verstrickt, dass er hart ist, hart und kalt „bis ans Herz hinan“. Im Spott kommt diese, kommt solche Härte zum Ausdruck. Mitgefühl, nicht einmal mehr für einen, der in der gleichen Lage ist. Kein Mitgefühl, keine Solidarität, nichts mehr – außer: Härte, Kälte Spott.
Unter das Kreuz des linken Schächers stelle ich das Brot.

Brot
Zeichen des Alltags
“im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“
Brot – immer mehr Menschen in unserem Land und in der ganzen Welt haben nicht mehr genug, nicht genug Mittel zum Leben

und es ist viel Härte in der Welt,
die nichts gegen diese „Brotlosigkeit“ unternimmt
Härte, die diesen Zustand einfach hinnimmt.

GOTT, wir schauen auf „unser täglich Brot“
Auf unseren Alltag
GOTT, wir legen unsere Härte vor dich.

Herr Rechts hat irgendwo in seinem Kopf, in seinem Herzen, in seiner Seele, „etwas“ bewahrt. Eine Ahnung: Es gibt noch etwas anderes, das hier – meine Tretmühle, mein Alltag – das ist nicht alles. Mein Weg hat mich hierher ans Kreuz geführt: Ich habe gefehlt, ich bin schuldig, ich habe meine Strafe – eigentlich – verdient – aber ...

Herr Rechts ist und bleibt offen, vielleicht nur einen winzigen Spalt – aber Licht dringt durch winzigste Ritzen. Herr Rechts zeigt Reue, ist reumütig – auf den rechten Schächer schauen fordert auf, den eigenen Weg ab und zu infrage zu stellen: Gehe ich in die richtige Richtung? Habe ich mich an der letzten Gabelung gut entschieden? Habe ich Wegweiser übersehen? Deute ich die Zeichen am Weg richtig?

Unter das Kreuz des rechten Schächers stelle ich den Kelch.
Zeichen des Festes
Feste – feste Termine, feste Zeiten im Jahreslauf
um inne zu halten
ein Fest – innehalten, nach einem Warum fragen:
warum ist Weihnachten, warum Ostern?
alle Jahre am Geburtstag fragen:
warum bin ich geboren? warum bin ich da?
sich klären und dann --- weitergehen
Reue – Umkehr - Korrektur
an ein paar festen Terminen im Jahr

und wenn wir alle diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen
wenn wir alle und alles übersehen
der rechte Schächer sagt uns
bis zuletzt ist der Weg in Reue offen
GOTT, wir schauen auf unsere verpassten Termine
GOTT, wir bitten: mache unsere Herzen reumütig.

Links und Rechts – Gegenpole – uns im Evangelium vor Augen gestellt.
Links und Rechts – lassen wir unseren Blick nun in die Mitte wandern.
In dieser Mitte angekommen – im Blick auf Jesu Kreuz singen wir: 85, 6

Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht; von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht; wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.
Auf dem Weg in die Mitte gehen wir den Weg ausgewogener Menschwerdung. Im Blick auf das Ende, den Tod, unseren Tod, meinen Tod müssen, sollten wir unsere Leben auswiegen – zwischen Alltag und Momenten der Ruhe und Besinnung.
Dieser Weg ist kein Heiapopeiaspaziergang mit duftkerzenschwangerer Luft – das stellt uns Lukas klar vor Augen.
In der Mitte der Szene steht der Tod Jesu, der Tod eines Menschen – des Menschen. Der Evangelist schildert ihn genau - in einem Bild: Mitten am Tag verfinstert sich die Sonne, und Finsternis bricht über das Land herein. So ist der Tod: dunkel, finster – für die, die zurückbleiben. Die Welt ist dunkler, eine ganze Zeit, manchmal den Rest des Lebens.
Jesus stirbt betend.
Mit kindlich-vertrauendem „Abba“ knüpft er an an den Zwölfjährigen: Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?
(Rose auf den Altar – in die Dornenkrone)
Wissen wir nicht, dass der Tod uns heimführt ins Paradies, ins Elternhaus, in die Vollendung der Liebe – der Liebe GOTTes, in Jesus Mensch geworden.

Amen.