Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,41-49

Pfarrer Christian Bernhardt

13.05.2007 in Niederschindmaas, Sachsen

Radlersonntag

Radlersonntag

Liebe Gemeinde,

ein großes Volksfest mit einer Menge Menschen: Damals das Passah - eines der wichtigsten Feste der Juden. Heute der Radlersonntag - das längste Straßenfest Sachsens.

Und ein Kind, das zwischen vielen fremden Menschen im Gotteshaus sitzt: Damals Jesus, der seinen Eltern ausgebüchst war. Heute Skyler Vladimir Schmidt, in Kasachstan geboren, aus einem Kinderheim adoptiert von Frau Schmidt, lebt nun in Chicago Illinois und ist jetzt hier in unserem Gotteshaus, um die Taufe zu empfangen.

Ein Bibeltext, in dem alles drin ist, was wir heute hier in Niederschindmaas auch erleben. Insofern spricht der Text von selbst - predigen ist fast zwecklos.
Ich will mich darauf beschränken, nur zwei Punkte noch ein bisschen heraus zu heben.

Da sind zum einen die Eltern Maria und Joseph, die anfänglich meinen, Jesus sei bei Freunden. Sie finden ihn zwar nicht in der Reisegruppe, mit der sie heimwärts unterwegs sind - aber sie machen sich keine Sorgen. „Dann ist er sicher irgendwo mit Freunden mitgelaufen. Der Bengel wird schon auftauchen.“
Darin steckt so viel Vertrauen in die Mitmenschen!

Wir als Familie waren letzte Woche auch auf einem Volksfest in der Partnergemeinde. Und da war plötzlich unser Mittlerer verschwunden. Ich muss gestehen: mir fiel es nicht ganz so leicht, wie Maria und Joseph. Ich hatte da Panik.

Aber diese beiden vertrauen ihr Kind - Jesus - anderen Menschen an. Sogar ohne dass dies vorher mit denen ausgemacht gewesen wäre.

Solche Menschen brauchen wir jeder auf unserem Lebensweg.
Wir Menschen sind auf Menschen angewiesen. Und wir können das beileibe nicht immer vorher organisieren oder planen, dass solche Begleiter dann auch da sind, wenn wir sie brauchen. Wir können nur darauf vertrauen, dass das von selbst funktioniert: dass wir immer wieder Menschen treffen auf unserem Lebensweg, die uns freundlich gesonnen sind und uns ein Stück des Wegs begleiten.

So, wie Skyler in Ihnen, Frau Schmidt, solch einen Menschen gefunden hat - eine Mutter, die für ihn da ist. Die ihn aus dem Kinderheim geholt hat und ihm auf seinem Lebensweg eine ganz wichtige Begleiterin geworden ist.

Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begleiten. Eine Sache, die wir nicht vorab planen oder organisieren können.

Der zweite Punkt, den ich ein bisschen herausheben möchte ist, dass Jesus sich dann im Tempel findet.

Er ist ja schließlich doch nicht auf dem Weg und auch nicht bei den Menschen, wo die Eltern ihn wähnten. Sondern er sitzt unter Lehrern. Kurz gesagt: unter Lehrern die den Menschen die Bibel erklären.
Und mehr noch: er sitzt im Tempel, im Haus Gottes. Sozusagen unter dem Schirm des Höchsten - wie es in einem Psalm heißt.
Jesus sitzt dort unter der Obhut Gottes.

Er ist nicht nur in der Obhut anderer Menschen - in der Obhut der Lehrer. Sondern er ist auch in der Obhut Gottes. Und das sicherlich gerade durch diese anderen Menschen. Gerade durch diese Lehrer ist er in Gottes Obhut.

So ähnlich ist das auch heute mit der Taufe. Indem Skyler getauft wird, wird er noch einmal in aller Deutlichkeit unter diese Obhut Gottes gestellt. Wir sprechen damit das Vertrauen aus, dass Gott ihn in vielen vielen Menschen begleitet, die er auf seinem Lebensweg treffen wird.

Das beginnt - ganz klar - bei Ihnen als Mutter. Sie haben das selbst in Worte gefasst: „Wenn der Skyler getauft ist, habe ich noch eine andere Verbindung mit ihm. Dann hat die Verbindung noch eine andere Dimension.“
Und nun ist es Ihre Aufgabe, Skyler in diese Obhut mit hinein zu nehmen. Ihn zu begleiten auf seinem Weg. Das beginnt bei Ihnen als Mutter. Und das betrifft Sie als Paten genau so. Sie drei sind sozusagen der geplante Teil, die organisierte Obhut und Begleitung in Gottes Auftrag.

Aber dann sind heute noch viele viele fremde Menschen hier. Welch wunderbares Sinnbild!

Wie viele Menschen, von denen jetzt noch niemand weiß, wird Skyler auf seinem Lebensweg treffen? Wir können nicht anders, als heute schon darauf vertrauen, dass viele ihm freundlich gesonnen sind. Ihn ein Stück seines Lebensweges begleiten. Und auf diese Weise hier und dort Gottes Obhut über seinem Leben sind.

Das können wir vorher nicht organisieren, sondern - wie gesagt - können nur darauf vertrauen, dass das funktioniert. Dass Gott hier und dort eine Kleinigkeit vorbereitet hat - Menschen schickt.

Sie alle, die große, bunt zusammengewürfelte Gemeinde des heutigen Tages: Ein Sinnbild für das Ungewisse und Fremde, das vor uns liegt; dem wir aber - Gott sei Dank - mit Vertrauen entgegen gehen können.

Sie alle, die große, bunt zusammengewürfelte Gemeinde: Sie geben dieser unbekannten Zukunft heute ein Gesicht. Ihr Gesicht.
Und wenn das Unbekannte ein Gesicht hat, fällt es uns schon viel leichter, darauf zuzugehen.
Und mehr noch: Sie sind heute Stellvertreter all der Menschen, durch die Gott Skyler auf seinem Lebensweg begleitet.

So möchte ich Sie jetzt bitten: sich zu erheben, damit wir gemeinsam unseren Glauben bekennen.

Credo

Amen.