Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 2,41-52

Pater Ulrich Behlau

im Kloster Geistingen am Fest der heiligen Familie 2001

Wenn Jesus ein Handy gehabt hätte ...

Wenn Jesus ein Handy gehabt hätte, wäre seinen Eltern die Not des Suchens und die Rückkehr nach Jerusalem erspart geblieben.
Wirklich, Schwestern und Brüder? Ich behaupte: Wenn Jesus ein Handy gehabt hätte, hätte er es ausgeschaltet und wäre in Jerusalem geblieben. Und seine Mutter hätte ihren Vorwurf noch erweitert: "Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Warum hast du nicht wenigstens dein Handy eingeschaltet?" So entspräche es der Aussagerichtung des Evangeliums!

Als Bahnkunde erlebe ich auf der Fahrt zur Arbeit, wie das Handy genutzt wird besonders von jungen Leuten. Ob ich will oder nicht bekomme ich mit, wer angerufen wird und von wem. Häufig sind Eltern die Gesprächspartner. Da fragt eine Tochter nachts bei einer Zugverspätung: "Papa, hast du schon getrunken oder kannst Du mich vom Bahnhof abholen? Ich kriege den letzten Bus nicht mehr." Eltern erkundigen sich: "Wo bist du jetzt? Wann kommst du nach Hause?" Nicht selten wiederholen sich in kurzen Abständen die Nachrichten: "Jetzt steht der Zug schon wieder. Wir haben bereits soundsoviel Minuten Verspätung." Mir fällt auf, wie kurz die Leine zwischen Eltern und Kindern durch das Handy geworden ist. Eine Überwachung auf Schritt und Tritt ist möglich. Der Vertrag zwischen manchen Eltern und Kinder scheint zu lauten: "Wenn wir dir schon ein Handy schenken und finanzieren, dann musst du auch für uns erreichbar sein." Und ich freue mich im Nachhinein der Freiheit, die ich hatte, wenn ich mit Unschuldsmiene meiner Mutter beteuern konnte: "Ich habe nicht gehört, dass du gerufen hast."

Ich möchte keine Handy-Schelte halten und auch nicht dem einen oder anderen sein Weihnachtsgeschenk madig machen. Es geht mal wieder um den rechten Gebrauch und die Gefahr des Missbrauchs. Das Handy will zusätzliche Freiheit geben, nämlich von überallher anrufen zu können und angerufen zu werden. Es kann aber auch zum Instrument der Unfreiheit werden, zur kurzen Leine einer Totalüberwachung, die es so noch nie gab.

Aber kommen wir zu Jesus zurück und der Behauptung: "Wenn Jesus damals ein Handy gehabt hätte, hätte er es ausgeschaltet." Was spricht dafür, daß dies evangeliumsgemäß wäre?
Jesus tritt als Zwölfjähriger in die Erwachsenenwelt. Offensichtlich bedeutet das für seine Eltern, dass er nicht bei ihnen sein muss, als sie von Jerusalem zurückkehren. Jesus ist kein Muttersöhnchen, sondern ein kommunikativer Gemeinschaftsmensch, den die Eltern einen Tag lang irgendwo in der Pilgergruppe vermuten oder bei Verwandten und Bekannten. Sie lassen ihm diese lange Leine und trauen ihm die entsprechende Selbständigkeit zu.
Anderseits gehen sie davon aus, dass sich der Zwölfjährige erwachsen verhält und nicht einfach ohne Abmeldung in Jerusalem zurückbleibt. Sie erwarten, dass er sie nicht in Angst und Sorge versetzt. Übrigens geht es in diesem Bibeltext nicht um die Beziehungen innerhalb der heiligen Familie. Sie lassen sich nur nebenbei rekonstruieren.

Die Botschaft liegt dann, warum Jesus im Tempel von Jerusalem bleibt: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Jesus ist nicht so frei, ohne Abmeldung im Tempel zu bleiben, weil ihm das als nun Erwachsenem zusteht, sondern weil für ihn seine Bindung an den "Vater im Himmel" bestimmender ist als seine Rücksicht auf die irdischen Eltern. Durch sein Verhalten offenbart er etwas vom Geheimnis seiner Person. Er versetzt die Lehrer im Tempel in Erstaunen durch sein Verständnis, seine Fragen und Antworten. "Woher hat er das alles? Was ist da für eine Weisheit, die ihm gegeben ist!" (MK 6,2), werden die Bewohner seiner Heimatstadt Nazareth später fragen. Hier heißt es von seinen Eltern: "Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte." Wie später bei der Verklärung auf dem Berg Tabor scheint in dieser Tempelszene etwas von der Tiefe seines Wesens auf. Doch sogleich schließt sich der Vorhang wieder. Jesus reiht sich ein in die Entwicklung jedes Menschen: "Jesus aber wuchs heran, und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen." Wahrer Gott und wahrer Mensch - so bringt es das christliche Glaubensbekenntnis späterer Jahrhunderte auf den Punkt.


 


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