Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 2,41-52

Pfarrerin Heike Bausch (ev.)

03.01.2010 in der Ev. Erlöserkirche Bad Soden und der Ev. Versöhnungskirche Salmünster

Kindererziehung in der Bibel? Jesus ist zwölf und die Abgrenzung von der Erwachsenenwelt beginnt! „Misch Dich nicht in mein Leben ein!“ „Ich weiß selbst, was für mich gut ist!“ „Ich bin schließlich alt genug!“ „Mama, Du hast in einer anderen Zeit gelebt!“

Zum Glück hatte der Evangelist Lukas Interesse an dem pubertierenden 12-jährigen Jesus. Den anderen Evangelisten war diese Lebensphase des göttlichen Kindes nicht so wichtig – ja, ich denke, da war ihnen Jesus noch nicht heilig genug. Was hätte ein 12-jähriger auch den Erwachsenen mitzuteilen gehabt? Das Predigen und die Vortragstätigkeit, die Konfliktberatung für die Menschen begannen erst später. 28 war Jesus, als er mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser Mission durch die Städte und Dörfer Galiläas zog. Die Kindheitsgeschichten blieben in der Erinnerung der Leute dahinter zurück – außer bei Lukas! Er ist der Einzige unter den vier Evangelisten, der uns hineinschauen lässt in das prägende Elternhaus des jungen Jesus.

Wozu erzählt Lukas uns diese Geschichte vom 12-jährigen Jesus? Vor langer Zeit hat mich die Frage eines Schülers in der 7. Klasse auf die Spur zu einer Antwort auf diese Frage gebracht. Natürlich will Lukas mitteilen, dass Jesus immer schon anders als die Anderen war. Göttlich eben und mit besonderen Gaben ausgestattet. Dazu hätte aber auch eine kleine Randnotiz genügt. Indem Lukas die Geschichte vom 12-jährigen Jesus so ausführlich erzählt, lädt er Hörerinnen und Hörer dazu ein, sich mit den Hauptpersonen zu identifizieren. Genau das ist sofort bei jenem Schüler in der 7. Klasse passiert, als er die Geschichte aus dem Lukasevangelium gehört hatte.

„Hat Jesus eigentlich auch solche Kinderkrankheiten gehabt wie wir – Windpocken zum Beispiel?“ Das war seine Frage. Es interessierte den Jungen nicht, was Jesus mit den Lehrern im Tempel geredet hat, weil ihn ja auch sonst in seinem Alltag das am Allerwenigsten interessierte, was die Lehrer zu sagen hatten. Das war nicht sein Thema. Und was die Sorgen der Eltern betraf, reagierte er genauso verständnislos wie sein 12-jähriger Altersgenosse aus Nazareth.

Der Junge aus der 7. Klasse wollte etwas Anderes wissen. Er wollte herausbekommen, ob er etwas mit Jesus zu tun hat. Und umgekehrt wollte er herausbekommen, ob Jesus etwas mit ihm zu tun hat. Noch genauer, ob Jesus überhaupt etwas mit ihm zu tun haben will. Ausgerechnet er, der mit seinem Benehmen in der Klasse alles dafür tat, dass zumindest die Lehrerinnen und Lehrer mit ihm am liebsten nichts tun gehabt hätten! Der fragt: „Hat Jesus eigentlich auch solche Kinderkrankheiten gehabt wie wir – Windpocken zum Beispiel?“

Natürlich konnte ich ihm nicht genau sagen, ob Jesus Windpocken hatte oder nicht. Ich konnte ihm etwas erzählen von meiner Phantasie darüber, dass es im Hause Josephs und Marias genauso zuging wie in vielen Familien bis auf den heutigen Tag. Das lässt die Geschichte vom 12-jährigen Jesus ahnen.

Es waren mindestens sieben Kinder, die die Füße unter Josephs und Marias Tisch setzten. Das immerhin verrät uns der Evangelist Markus an einer Stelle in seinem Evangelium. (Markus 6, 3) Da gab es die Brüder Jakobus und Joseph, Simon und Judas und die Schwestern Jesu, die Markus wegen der untergeordneten Rolle der Mädchen nicht mit Namen nennt. Zwei aber müssen es ja wohl gewesen sein. Sonst hätte er nicht von Schwestern sprechen können.

Sieben Kinder – da war 'was los in der Hütte! Der Schüler in der 7 war begeistert! Die Vorstellung von der über die von Joseph frisch gezimmerten Tische und Bänke springenden Geschwistermeute fand er äußerst anregend! Die Information über den Kinderreichtum im Zimmermannshaushalt in Nazareth weckte auch das Interesse seiner Mitschülerinnen und Mitschüler, die sich Jesus immer als ein Einzelkind mit Heiligenschein vorgestellt hatten. So wie ich mir das als Kind übrigens auch gedacht habe – in einer Zeit, in der man im kirchlichen Unterricht die heilige Familie mit einem Mantel des makellosen Perfektionismus umhüllte und sie damit in eine unerreichbare Ferne rückte.

Ich erinnere mich noch genau an die staunende Ehrfurcht, die ich empfand, wenn wir als Kinder zu Weihnachten die Krippenfiguren in unserem Weihnachtszimmer anfassen durften. Dass die Personen, die sie darstellen, zu ihren Lebzeiten gedacht und gefühlt haben könnten wie ich – das kam mir nie in den Sinn. Diese heiligen Figuren waren immer anders, heiliger als ich, besser, gehorsamer .... So etwas ganz Normales wie Kinderkrankheiten habe ich mit Jesus nicht in Verbindung gebracht. Diese Frage ist mir wirklich zum ersten Mal in jener 7. Klasse begegnet.

„Hat Jesus eigentlich auch solche Kinderkrankheiten gehabt wie wir – Windpocken zum Beispiel?“ Der Junge, der so fragte, holte mit diesen wenigen Worten Jesus ganz in seine Nähe, in die Nähe seiner Mitschülerinnen und Mitschüler und in meine Nähe auch. Auf einmal waren wir mittendrin in der Heiligen Familie, und die Heilige Familie war mitten unter uns. Vor allen Dingen der 12-jährige, der anfängt, seine eigenen Wege zu gehen.

Zum ersten Mal darf er, der Älteste unter den Geschwistern, mit nach Jerusalem zum Passafest. Das Fest dauerte eine ganze Woche und der Weg dorthin und wieder zurück ins Dorf brauchte mehrere Tage. Abgesehen vom Organisationstalent Marias und Josephs, die für ihre anderen Kinder zu Hause die Kinderbetreuung sicher gestellt haben müssen, hatten die Eltern ihren Sohn auf diese Reise vorbereitet.

Die Tempelwallfahrt diente nicht dem Vergnügen, sondern war Teil des religiösen Unterrichts. Noch heute wird jeder 13-jährige jüdische Junge im Rahmen der Bar Mizwa-Feier unter der Anwesenheit von Freunden und Verwandten als mündiges Mitglied feierlich in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen. Wenn man Glück hat, kann man als Tourist an der Klagemauer in Jerusalem miterleben, wie die Familien nach der Zeremonie aus der Synagoge kommen, den Jungen mit der Torarolle in der Hand auf den Schultern über den großen Platz tragen, wie sie ihn feiern, klatschend und singend hochleben lassen. Es gibt Geschenke, Küsse und Umarmungen! Wie zur Konfirmation in unserer evangelischen Kirche!

Bei dieser Parallele waren die Gleichaltrigen aus der 7. Klasse während des Erzählens schnell angekommen. Und bei dem Unterricht, der darauf vorbereitet. Der Pflicht ist und den die Eltern Maria und Joseph offensichtlich engagiert unterstützen und das gleiche Engagement auch von ihrem Sohn erwarten. Denn sonst wären sie nicht die ganz Woche in Jerusalem geblieben. Sonst hätten sie nur das Minimalprogramm mitgemacht.

Das Vorbild der Eltern prägt. Jesus ist mit Begeisterung dabei. Stolz gestaltet er das Programm im Tempel mit, versucht herauszufinden, wie das ist mit Gott „und so“, und stellt seine Fragen. Der 12-jährige Jesus – so erzählt es Lukas – gewinnt in diesem Unterricht Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Darüber vergisst er die Zeit, verpasst den mit den Eltern verabredeten Zeitpunkt für die Rückreise ins Dorf.

„Warum habt ihr mich gesucht?“ antwortet er auf die vorwurfsvollen Fragen Eltern. „Ich bin doch kein Kleinkind mehr!“ – fügten die aus der 7 hinzu. „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ (V49) Jesus hat im Gespräch mit den Lehrern Gottes Nähe und seine Freundschaft entdeckt. So wie eine Konfirmandin aus unserer Gruppe beim Nachdenken über das Glaubensbekenntnis für sich entdeckt hat, dass wir alle „Söhne und Töchter Gottes“ sind. Und eine andere fand heraus: „Gott gehört jedem von uns ein bisschen!“

Dieses Bewusstsein schafft Selbstbewusstsein. Wenn Gott jedem von uns ein bisschen gehört, dann bedeutet das ja, dass in jedem von uns etwas von Gott drinsteckt. Dann bedeutet das, dass wir gar nicht so unheilig sind, wie wir uns manchmal fühlen. Und umgekehrt bedeutet das, dass Jesus, seine Geschwister und seine Eltern nicht nur ein bisschen heilig waren wie wir, sondern ganz normal wie wir. Mit Vorwürfen auf den Lippen. „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“ (V48)

Ganz normal! Mit dem Streben nach Eigenständigkeit im Alter von 12, auch wenn das der Mutter noch viel zu früh erscheint, weil allen Müttern das Setzen eigener Maßstäbe, insbesondere der Söhne, immer zu früh erscheint! So wie es Vätern immer eine Sorgenecke in der Seele schafft, wenn sich die Töchter auf die Suche machen nach dem, was das Leben für sie bereit hält!

Kindererziehung in der Bibel? Haben Sie gemerkt, wie viel davon drinsteckt in der Geschichte vom pubertierenden Jesus mit 12? Die in der 7. Klasse haben gleich gemerkt, dass Jesus ganz auf ihrer Seite ist. Selbstständig sein wie er ohne die Bevormundung der Erwachsenen – der Eltern, Lehrer, Pfarrerinnen, der Großeltern, die sitzen da alle in einem Boot – das ist der große Traum! Da lockt das Leben, da lockt Freiheit! Abhauen wie Jesus, verabredete Zeiten, auch egal! Cool, dass Jesus sich das traut.

Für die in der 7 war das die erste Botschaft. Jesus macht das, was er für richtig hält. Er nimmt keine Rücksicht darauf, ob er seiner Mutter damit Sorgen bereitet. Schwer für Eltern, wenn der Junge etwas Anderes tut als sie es sich für ihn ausgedacht haben! Das steht da wirklich drin in der Geschichte: „Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“ „Junge, ich versteh' dich nicht!“

Aber – und deswegen ist die Geschichte eine Erziehungsgeschichte – die Botschaft von dem Mut des für sich selbst entscheidenden 12-jährigen ist zwar die erste, aber nicht die einzige Botschaft. Die zweite Botschaft ist: In allem Streben des jungen Jesus, der mit seinen Eltern wenig zimperlich verfährt, werden die Maßstäbe von den Eltern und Lehrern gesetzt. Jesus kann nicht alles machen, was er will! Die Vorbereitung für die Aufnahme als mündiges Mitglied in die Religionsgemeinschaft gehört zu den Verbindlichkeiten in seiner Familie. So wie in den meisten Familien in unserer christlichen Kirche die Taufe, die Feier der Ersten Heiligen Kommunion und die Konfirmation und der dazu gehörende Unterricht für Eltern und Jugendliche verbindlich sind.

Die dritte Botschaft in der Geschichte vom pubertierenden 12-jährigen Jesus ist: Jesus muss sich fügen!. „Und er ging mit ihnen nach Hause und „war ihnen untertan.“ (V51) Eine Erziehungsbotschaft? Ich verstehe sie so, auch wenn wir zum Glück Kinder und Jugendliche nicht mehr untertänig – bedeutet willenlos gehorchend – machen oder gar ihren Willen brechen wollen, wie man das vor 50 Jahren in Schulen und Elternhäusern als Erziehungsprinzip propagiert hat. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, in denen Informationen, Wissen, Erfahrungen von einem Kind und von dem, der auf keinen Fall mehr ein Kind sein möchte, erworben werden können. Wissen über Gott „und so“, um beim religiösen Unterricht in Jesu Familie (und nicht nur in der) zu bleiben.

Michael Winterhoff, ein anerkannter Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie schreibt:1 „Kinder brauchen ... in der Schule und im Kindergarten genauso wie im Elternhaus Struktur, weil Struktur Halt gibt. ... (S. 171) Zum Thema „Kind als Partner“ sagt er: „Der Schutzraum, den Kinder früher dadurch hatten, dass Eltern ihnen Entscheidungen abnahmen, die sie noch nicht treffen können, weil sie deren Tragweite nicht überblicken, ist vollkommen verloren gegangen. ... Wie soll ein Kind frei, unbeschwert und fröhlich sein, wenn es ständig von Erwachsenen damit belastet wird, Entscheidungen zu treffen ..., die es hoffnungslos überfordern?“ (S. 55)

Joseph und Maria schaffen eine Struktur für ihre Kinder. Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb, nahm Jesus „zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Die Eltern können stolz sein!

Und wo ist Gott in der ganzen Geschichte? Will Gott etwas zu tun haben mit dem Schüler, der die bemerkenswerte Frage nach den Kinderkrankheiten Jesu stellte? Ich glaube, Gott gehört nicht nur jedem von uns ein kleines bisschen. Gott steckt da überall mit drin, wo er denen aus der 7 den Mut für die ersten eigenen Wege gibt und den Eltern und allen, die mit ihnen im gleichen Boot sitzen, die Kraft, strukturierte Vorbilder zu sein.

„Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ (V49) Von Gott holte sich Jesus sein Selbstbewusstsein, seinen Mut. Von ihm holten sich seine Eltern ihre Kraft. Gott will viel mit uns zu tun haben – und mit dem aus der 7 auf jeden Fall!

Amen.


1              Michael Winterhoff, Tyrannen müssen nicht sein, Gütersloh 2009

 


 


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