Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24,13-32

Lars Fiedler (ev), 25 Jahre, Student

22.04.2014 im Evangelischen Konvikt Halle, Studienhaus in den Franckeschen Stiftungen

Abendandacht

Sie sind auf dem Weg. Die Nacht war kurz gewesen. Vieles trieb sie um in dieser Nacht. Die letzten Tage ging es drunter und drüber. Und dann dieser Morgen, war schon alles nicht schlimm genug? Sie ertragen es nicht, still da zu sitzen. Die Gefühle kreisen, sie müssen etwas tun.

Ein frühlingshafter Tag. Die Nachmittagssonne scheint, es ist schon recht warm. Kinder mit Sonnenhüten und einer Kugel Eis sitzen dort mit ihren Familien im Café. Eine Frau füttert die Tauben am Bahnhofsvorplatz. Am Zeitungskiosk stehen die Taxifahrer mit ihrem Kaffee, rauchen und unterhalten sich über das gestrige Fußballspiel. Marianne nimmt nicht wahr, was um sie herum los ist. Sie ist in Eile! Geradeso erreicht sie den Zug. Das Taxi hatte es nicht leicht durch den Verkehr. Aber das ist auch klar, so ist es um diese Zeit wohl immer, alle Welt scheint unterwegs zu sein. So sieht sie auch nicht das geschäftige Treiben der Händler, die vielen Leute, die im Bahnhof stehen und warten. Sie warten auf ihren Zug oder auf die Familie. Ein Pärchen verabschiedet sich gerade voneinander. Sie können einander nicht lassen und doch muss er fort. Die Menschen am Billettschalter, sie sind schon genervt, weil nur zwei von sechs Schaltern geöffnet haben. Zeit vergeht. Aber der Zug wartet nicht. Marianne hat keine Zeit zu warten. Sie ist in Eile! Der Termin muss unbedingt eingehalten werden. Zu viel steht auf dem Spiel. Die Firma hat einen riesigen Auftrag. Im Zug wird sie Zeit haben, um noch mal den Vertrag durchzusehen. Zwei Stunden wird sie brauchen, hoffentlich keine Verspätung. Das hätte noch gefehlt. Sie erreicht den Bahnsteig gerade als der Zug einfährt. Leute steigen aus, Leute steigen ein. Ein Pfiff. Die Türen schließen sich mit einem Piepsen. Marianne tritt in den Wagen. An einem Vierertisch nimmt sie Platz. Der Zug beschleunigt und verlässt den Bahnhof. Häuser, Bäume, Menschen und Autos ziehen an ihm vorüber. Marianne hebt den Blick, verweilt für einen Moment in der flüchtigen Landschaft. Erst jetzt nimmt sie den Mann, der ihr gegenüber sitzt, wahr. Er sieht sie freundlich an. Sein Gesicht ist vom Wetter gezeichnet. Tiefe Falten und ledrige Haut, aber dennoch ist es ein freundliches Gesicht.

Kann das sein? Die Frauen haben es erzählt, aber so etwas gibt es doch nicht. Voller Erwartungen waren sie. Der Tod zerstörte alle Hoffnung. Kleopas und sein Begleiter haben es nicht ausgehalten einfach da zu sitzen, wie die anderen. Sie mussten los. Raus! Bewegung! Egal wohin, nur los. Auf dem Weg unterhalten sie sich über das, was geschehen ist. Doch fassen können sie es nicht. Und da tritt einer herzu. Ein Fremder, der von alledem nichts mitbekommen hat. Sie erzählen ihm von dem, um den sie trauern. Welche Erwartungen sie alle hatten. Und dass es schlimm endete. Nicht einmal mehr der Leichnam ist da. Sie mussten los, es muss ja weitergehen! Verharren in Starrheit – wie die anderen – das kommt nicht in Frage.

Sie blickt zurück zu ihren Aufzeichnungen. Aber ihre Gedanken sind bei diesem Mann. ‚Seltsam‘, denkt sie, ‚saß der Mann schon da als ich mich setzte?‘ Sie blickt wieder auf. Er liest in einem Buch. Sie betrachtet ihn. Sein graues Haar, was sich leicht gelockt auf seinen Kopf legt. ‚Er ist schön‘, denkt sie. Er blickt nun ebenfalls auf. Ihre Blicke begegnen sich. Ganz vertraut schauen sie einander an, so, als würden sie sich schon lange kennen. Dabei kann das nicht sein. Doch wirkt er auf sie so vertraut, dass sie das Gespräch beginnt. Sie beginnt davon zu erzählen, wie sehr sie die Arbeit belastet, dass sie keine Zeit hat für die Freunde. Eine Familie, ja sowas hatte sie mal, aber das ist vorbei – die Ehe zerbrochen. Ihr Mann hatte sie mit den Kindern verlassen. Zu verübeln war es ihm nicht, sie war ja eh nie zu Hause gewesen. Und doch fehlt etwas. Sie weiß gar nicht, warum sie diese Dinge einem Fremden anvertraut. Ob es ihn überhaupt interessiert, aber hätte er dann nicht schnell das Gespräch abgebrochen?

Und der Fremde beginnt zu erzählen. Die beiden hören aufmerksam zu. Doch verstehen sie nicht, was er will. Er erzählte von sich, dass es so kommen musste, wie es die Alten vorhergesagt haben. Doch so ganz wurde es ihnen nicht klar. Aber der Fremde hatte etwas, eine Vertrautheit. Ihr Gespräch ging während des Weges immerfort. Und da kamen sie an. Doch er wollte weiter.

Das Gespräch ist sehr intensiv. Marianne genießt es. Es ist wohl schon lange her, dass sie sich so gut unterhalten hat. Die Landschaft draußen ist kaum noch zu sehen. Drinnen ist der Wagen in ein angenehmes warmes Gelb getaucht. Er ist weit gereist. Zu Fuß und allein. Durch halb Europa ist er gekommen, war in Afrika und Indien. Das Gespräch wird durch die Ansage unterbrochen. „Oh, hier werden sich wohl die Wege trennen oder müssen Sie auch raus?“, fragt er sie. Sie stimmt zu und beide steigen aus. Eigentlich ist sie mit dem Clemens verabredet, aber kurzerhand entschließt sie sich mit dem Mann noch etwas zu Abend zu essen. Sie sagt Clemens mit einem kurzen Telefonat ab. Sie erzählen weiter. Er ist unterwegs zu einem alten Schulfreund. Über dreißig Jahre haben sie sich nicht gesehen und morgen würden sie sich treffen. Aber nun hat er den Abend frei.

Und der Abend kam und sie baten ihn doch zu bleiben. Das Gespräch war nett und ein Gefühl, in irgendeiner vertrauten Weise berührt zu sein, ließ sie ihn bitten zu verweilen.

Abendlied von Rheinberger vom Chor

Nachdem sie gegessen hatten, lädt Marianne den Mann noch auf einen Spaziergang ein. Von ferne hören sie Musik. Die romantischen Gässchen passen eigentlich gar nicht in diese Stadt. Ihr ist das nie aufgefallen. Immer war sie doch in Eile. Der Kalender bestimmt den Tagesablauf und ihm gilt es zu folgen. Diese Begegnung ist etwas Besonderes, sie kann es noch gar nicht in Worte fassen, aber es tut so gut. Es ist so vertraut mit ihm unterwegs zu sein, die schönen Gespräche. Dass sie herzlich lachen kann, hatte sie schon fast vergessen.

Sie ließen sich im Hause nieder um zu Abend zu essen. Der Fremde lud sie ein, obwohl die Initiative von den beiden ausging. Und da! Das Brechen des Brotes ließ sie erkennen, wer der Fremde war, der ihnen begegnete. Es konnte doch nicht wahr sein. Sowas ist doch nicht möglich! Die Begegnung wurde klar. Es konnte gar nicht anders sein! Dieser Moment war einfach überwältigend. Die Herzen brannten ihnen. Ein Schmerz, von dem allerdings auch wohltuende Wärme ausging.

Es ist spät und Marianne denkt wieder an Morgen. Es ist schon merkwürdig. Diese Begegnung mit dem Mann war ganz zufällig. Sie hatte alles vergessen. Dieser Moment, in dem die Gegenwart so deutlich wurde, war als hätte sie sich aus der Zeit gerissen. Sie ist sich und ihrer Umwelt selten näher gewesen als in diesen Stunden. Sie waren zeitlos gewesen. Und er, er musste weg. Traf eine alte Freundin, die auch hier in der Stadt ist. Aber es bleiben diese Augenblicke im Zug, wo sie sich ansahen. Von da an, beim Essen und auch beim Spaziergang war es so zauberhaft. ‚Und nun?‘ Marianne steht mit einem Weinglas auf dem Balkon in ihrem Hotel. Es ist das Zimmer, das sie immer hat, wenn sie hier in der Stadt ist. Sie setzt sich in einen der Korbstühle und blickt über die Dächer der Stadt. Ein warmer Abendwind umspielt ihr Gesicht, die Haare wehen im Wind. Sie weiß nicht einmal wie er heißt, doch war es wunderbar. Diese Zeit mit ihm, so kostbare Stunden, die sich doch nur wie Minuten anfühlen. Sie lächelt. ‚Morgen werde ich Petra anrufen!‘, denkt sie, eine Schulfreundin, ‚was sie wohl macht?‘ Marianne schließt die Augen, die Geräusche der Stadt mit dem Rauschen des Verkehrs verbinden sich mit dem Wind. Sie holt tief Luft und atmet durch. Morgen wird sie voller Kraft zur Arbeit gehen, aber die Arbeit soll nicht mehr ihr einziges im Leben sein. Alte Freunde will sie wieder treffen. Zeit mit ihnen verbringen. Die Dinge tun, die sie vergessen hatte – vergessen hatte Zeit zu geben. ‚Diese Begegnung‘, denkt sie, ‚tat so gut. Es hat mir gefehlt.‘ Ihr Herz wird wohlig warm, wenn sie daran denkt.