Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24,13-33

Pastoralassistent Florian Joos (rk)

08.05.2011 in der Schweiz

3. Sonntag der Osterzeit

Die Emmausgeschichte – daraus lässt sich eine schöne, frohe Osterpredigt machen. Wenn da nicht dieses Mädchen wäre, Chloé, die sich vor einer Woche dreizehnjährig das Leben genommen hat. Alle, die betroffen sind, alle die schockiert sind vom Freitod dieses Kindes, sind zurückgeworfen nach Golgotha. Mir ging es jedenfalls so. Eine Woche nach Ostern fühlte ich mich an den Karfreitag zurückversetzt, an den eigentlichen Beginn der Emmausgeschichte.

Ob bewusst oder unbewusst, ob man es so interpretieren will oder nicht: alle Trauernden gehen zumindest ein Stück dieses Weges in Richtung Emmaus. Wie weit jeder kommt, ist völlig offen. Jedenfalls: am Kreuz stehen bleiben ist unmöglich. Das hält niemand aus.

 

Viele Jugendliche habe ich auf diesem Weg in der Situation des Karsamstags erlebt:

Sie haben gemeinsam geweint, sich gehalten und gedrückt. Coole Jungs sind in Tränen ausgebrochen und wurden von anderen Jungs umarmt und getröstet. Die Tränen der Trauer haben Masken weggespült. Aber kein Mädchen und keinen Jungen habe ich einsam und allein trauern gesehen. Und doch waren sie alle irgendwie allein - mit ihren Fragen ohne Antworten. Ich denke, es braucht diese Zeit der offenen Gefühle und es braucht diese Zeit der offenen Fragen. Nicht reden ist angesagt, sondern weinen.

Viele stehen jetzt, eine Woche danach, vielleicht an der Stelle, wo Kléopas und sein Freund die Stadt verlassen. Auch diese beiden sind gemeinsam unterwegs und auch sie sind allein mit ihren Fragen. An dieser Stelle aber fangen sie an zu reden, die Emmausjünger. Und auch das habe ich erlebt: Die Jugendlichen fingen an, nach Gründen zu suchen, Fragen wurden ausgesprochen, Tränen und Diskussionen flossen ineinander über.

Ganz allein gelassen waren sie an dieser Stelle nicht. Wegbegleiter waren dazugekommen: Lehrpersonen, SeelsorgerInnen, Eltern.

 

Am Mittwoch kam dann der Beerdingungsgottesdienst. Eine bewegende Feier, eine Kirche voller Jugendlicher und Erwachsener, die sich in Trauer verbunden waren. Bilder von Chloé, Texte und Musikaufnahmen von ihr, Mitschüler erzählen Erinnerungen, Vater und Bruder berichten aus ihrem Leben. Und immer noch sind wir alle gemeinsam irgendwie allein.

Bis zum Evangelium.

Man hätte es auch weglassen können. Auch ohne diesen alten Text aus der Bibel hätten alle gesagt: Das war eine bewegende Feier, das hat mir gut getan, mich getröstet.

Genau wie auch den Emmausjüngern die 12 Km des gemeinsamen Weges gut getan hätten – auch ohne jenes geheimnisvolle Brotteilen am Schluss.

Am Ende des Weges hätten sie zu dem Fremden gesagt:

„Das hat mir gut getan, diese Stadt zu verlassen, wo all dieser Wahnsinn passiert ist.

Das war auch ein echter Trost für mich, mit dir zu reden, vielen Dank!“

 

Aber dann kam dieser Text, dieses Evangelium. Wie aus einer anderen Welt kamen diese Worte. Jesus kommt durch die geschlossene Tür mitten in die Gemeinschaft der alleingelassenen Jünger. Und mit einem einzigen Wort aus seinem Mund verändert sich die Welt: „Friede sei mit euch.“

Friede eurer Trauer, Friede eurem Schmerz und eurer Angst, Friede eurer Schuld, eurem Versagen!

Dieses Wort des Friedens ist deshalb wirklich wirksam und befreiend, weil es aus einer anderen Welt kommt, aus dem Mund des Gekreuzigten und Auferstandenen, aus dem Herzen Gottes. Dieses Wort ist deshalb wirksam und befreiend, weil es bedingungslos und endgültig ist. Menschen können sich heute den Frieden wünschen und sich morgen gegenseitig umbringen. Der Friede, den der Auferstandene uns zusagt, ist unendlich, endgültig, absolut. Dieser Friede ist die Basis, auf der wir Christen im Leben stehen. Dieser Friede ist die Grundlage, auf der wir unser Leben bewältigen, und die Grundfarbe, die unserem Leben und unserem Leiden einen hellen Ton gibt.

 

Unterwegs hören die Emmausjünger dem Fremden zu. Einer von aussen bringt Licht in die Sache, stellt das Erlebte in einen anderen Zusammenhang, öffnet die Augen. Das ist unsere Aufgabe. Diesen Dienst können wir einander leisten. Eltern reden mit ihren Kindern, Lehrer mit ihren Schülern, Seelsorger mit jenen, die sich ihnen anvertrauen. Lebenserfahrung weitet den Blick, ein Vorschuss an Bildung lässt Zusammenhänge erkennen, Gedanken werden sortiert, gewisse Fragen beantwortet. Gefühlen wird behutsam auf den Grund gegangen und dann der Blick auch wieder in die Zukunft gelenkt. Das ist der Dienst, des unerkannten Jesus an seinen Freunden. Das ist unser Dienst, den wir uns gegenseitig leisten können und sollen - im Geist und im Frieden Jesu.

 

Die Dreigruppe kommt in Emmaus an. Die beiden bitten den Unerkannten zu bleiben. Im Text steht ausdrücklich, dass Jesus nur so tat, als wolle er weitergehen. Er fordert sie heraus, er wartet auf ihre Reaktion. Sind sie zufrieden mit einem kompetenten Trost von Mensch zu Mensch oder wollen sie mehr? Bleiben sie jetzt stehen oder suchen sie weiter?

Sie drängen ihn zu bleiben: „Geh nicht, Herr, es wird dunkel“. Und sie meinen damit: Es wird dunkel, wenn du gehst! Wenn du nicht mehr da bist, dann wird es Nacht. Wenn du jetzt gehst, dann kommen die Fragen wieder und die Zweifel. Und vielleicht geht dann das Feuer aus, dessen Glut uns für einen kurzen Augenblick ergriffen hat. Wir selber können es aus eigener Kraft nicht am Brennen halten.

 

Und Jesus bleibt. Er bleibt auch heute:

Mit seinem Frieden,

mit seinem Geist der Liebe,

mit seinem Wort aus einer anderen Welt

und mit dem Brot, das er selber ist, mit dem er sich immer und immer wieder selber schenkt.

 

Unser Glaube an den Auferstanden ist nicht von dieser Welt.

Und er gibt uns mehr, unendlich mehr, als alles, was diese Welt zu bieten hat.

Amen