Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24,13-35

Dominik Fröhlich-Walker Konfession (rk)

01.04.2013 in der Kirche Guthirt in Zürich-Wipkingen (CH)

Gottesdienst am Ostermontag

Liebe Gottesdienstgemeinde,

I

den Frauen, die am leeren Grab von den beiden Engeln die Botschaft vernahmen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, konnten die Apostel nicht glauben. Ihre Botschaft von der Auferstehung hielten sie für Geschwätz. Petrus ist der einzige der Apostel, der sich auf den Weg zum Grab macht, um selber mit eigenen Augen nachzuprüfen, ob die Frauen vielleicht doch Recht hatten. Im Gegensatz zu den anderen Aposteln überwindet er die sich nach dem Tode Jesu von Tag zu Tag immer mehr ausbreitende Lethargie und Hoffnungslosigkeit unter den Aposteln; er steht auf und geht selber zum leeren Grab, in der Hoffnung, dass alles vielleicht doch ganz anders ist.

II

Nicht nur Petrus, auch die beiden Jünger im heutigen Evangelium sind auf dem Weg. Die Heilige Stadt – Jerusalem - den Ort des Tempels, das religiöse Zentrum und Ort des Todes und der Auferstehung Jesu, verlassen sie. Sie sind nicht wie Petrus oder die Frauen, bei denen nach dem Tod Jesu doch noch ein Keim von Hoffnung vorhanden scheint, auf dem Weg zum Grab, sondern nach Emmaus, einem kleinen Dorf. Auch sie machen sich also auf den Weg, sie ziehen aber weg von Jerusalem. Sie haben die Hoffnung ganz verloren und kehren der Heiligen Stadt den Rücken zu. Ich denke, ihre Richtungswahl ist ein Hinweis für ihre Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit. Damit, dass Gott in Jerusalem, der Wohnstätte Gottes in der Welt, handelt, können sie im Moment nicht mehr rechnen. Das Wesentliche, ihren eigentlichen Lebenssinn – und damit das, was ihrem Leben die notwendige Ausrichtung gibt - haben sie als Jünger Jesu mit dem Tod aus dem Blick verloren. „Sie waren wie mit Blindheit geschlagen“ – so fasst es der Evangelist Lukas prägnant zusammen. Interessant scheint mir der Name des Ortes, den sie in ihrer Orientierungslosigkeit anvisieren: Emmaus. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Quelle“. Die beiden ziehen also einerseits weg aus Jerusalem und irren ohne innere und äussere Orientierung herum. Andererseits ist dieser Irrweg nach Emmaus doch auch ein Weg zur Quelle, zu Gott. So zumindest deute ich das Gespräch zwischen dem Auferstandenen und den beiden Jüngern.

III

Soviel sei vorweggenommen: Der Weg nach Emmaus wird für die Jünger ein Weg der zunehmenden Klarheit. Schritt für Schritt distanzieren sich die beiden Jünger im Gespräch mit Jesus von ihren eigenen Erwartungen an Gott, bis sie zuletzt unmittelbar und klar den Auferstandenen vor sich haben. Auf dem Weg mit dem Auferstandenen passiert etwas ganz Wesentliches: Schrittweise ändert sich ihr noch immer unklares Sehen, Hören und Verstehen; schrittweise sehen sie klarer; bis das, was zwischen ihnen und dem Auferstanden steht, irgendwann wie Schuppen von den Augen fällt und sie die Erfahrung machen, die Wahrheitden zu Beginn Fremden als den Auferstandenen – klar zu erkennen.

Der Auferstandene wird von den zwei enttäuschten Jüngern zunächst nicht erkannt. Er stellt sich den beiden geschickt als Unwissender vor, der angeblich nichts von der Auferstehung mitbekommen haben soll. Er geht mit den beiden mit, zeigt sich interessiert und hört ihnen aufmerksam zu. Er lässt sich die Ereignisse schildern, wonach Frauen am leeren Grab waren und von einem Engel mit der Botschaft der Auferstehung vertraut gemacht wurden.

An den Schilderungen der Jünger fällt auf, dass sie eigentlich alles wissen, was man über die Ereignisse im Umfeld der Auferstehung überhaupt wissen kann: Sie kennen Jesu Leben und Wirken, seine Ankündigungen des eigenen Schicksals, sie wissen um das leere Grab, um die Erfahrung der Frauen und ihre Begegnung mit dem Engel. Und trotzdem: den Auferstandenen, der jetzt neben ihnen her geht; ihn sehen sie nicht.

Vielleicht stellen sie sich dieselbe Frage wie ich: Warum diese Blindheit? Warum sehen sie nicht, obwohl sie wissen? Was macht sie blind für die Wahrheit?

Vielleicht stellen sich die beiden Jünger den Erlöser Israels in Wirklichkeit doch ganz anders vor als es Jesus von Nazareth war. Ihre Überzeugung, dass ein Erlöser nicht am Kreuz sterben kann, bestimmt ihr Gottesbild immer noch. Vielleicht erwarten sie also letztlich doch einen Gott, der mit Macht und Gewalt den Frieden wenn nötig auch mit Zwang herbeiführt. Wahrscheinlicher aber noch ist, dass die Jünger einfach nicht glauben konnten, dass Jesus, der am Kreuz gestorben ist, wirklich lebt. Innerhalb der Grenzen ihres Verstehens war und blieb Jesus tot. Die grenzen ihres Denkens übertrugen sich deutlich auf ihr Gottesbild, sodass sie es Gott letztlich einfach nicht zutrauten, den Tod zu überwinden. Daran konnten selbst die Berichte der Frauen vom leeren Grab und ihrer Begegnung mit den Engeln nichts ändern.

Die gesamte Emmausgeschichte will deutlich machen, dass wir Menschen das Geheimnis von Tod und Auferstehung letztlich nur dann einsehen können, wenn Gott selbst uns die Wirklichkeit des Lebens nicht mehr mit unseren, sondern mit seinen Augen sehen lässt. Genau dies ist es, was in der Folge zwischen den beiden Jüngern und dem Auferstandenen geschieht.

IV

Noch einmal tut der Auferstandene das, was er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern immer wieder gemacht hat. Er entschlüsselt ihnen die Schriften des Alten Testamentes. Nirgendwo sonst als im Gesetz und den Propheten ist alles enthalten, was wir im Glauben zu wissen brauchen. Als Schriftausleger und Lehrer führt Jesus die orientierungslosen und verwirrten Jünger zur Begegnung mit der Quelle, mit Gott; er führt sie ganz wörtlich „nach Emmaus“. Als Schriftausleger überwindet er ihr mangelndes Vertrauen in Gottes Leben schaffende Macht. Ihre geprägten Vorstellungen, wie der Erlöser Israels sein sollte, mussten sie dabei wohl endgültig ablegen. Und sie mussten erkennen, dass ihre eigenen Erwartungen an Gott nicht Gottes eigenem Willen entsprechen. Als Schriftausleger befreit der Auferstandene die beiden Jünger von ihrer Blindheit.

Die Schriftauslegung durch den Auferstandenen hat Folgen: Die anfänglich eher zögerliche und fast distanzierte Haltung, die das Verhalten der Jünger gegenüber dem Auferstandenen kennzeichnet, weicht jetzt plötzlich einem lebendigen Interesse an ihm und seiner Botschaft. Sie drängen ihn gar dazu, noch bei ihnen zu bleiben. Nach einem langen Weg des Neu-Verstehens, am Ende des Tages, sind sie bereit, für Gott – die Quelle – offen zu sein. Im Brechen des Brotes gehen ihnen die Augen auf. Endlich klar sehend erkennen sie dann auch rückblickend, dass er die ganze Zeit schon da war.

So plötzlich der Auferstandene den beiden Jüngern begegnet, so plötzlich verschwindet er auch wieder. Sobald er von ihnen erkannt wird, entzieht er sich ihnen wieder. Gott bleibt für die beiden Jünger unverfügbar. Der Auferstandene entzieht sich den Jüngern, ihr Leben aber hat eine entscheidende Wende erfahren. Von der Wahrheit erfasst kehren sie um in die Welt, gehen zurück nach Jerusalem. Ihre Orientierungslosigkeit ist weg, die innere Ausrichtung wieder da und Jerusalem für sie der Ort in der Welt, wo sich die Osterbotschaft zu allererst bewähren muss.