Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,8-15

Pfarrer Jens Burgschweiger

24.12.2000 in der St. Martinikirche Minden

Es waren Hirten in derselben Nacht auf dem Felde bei den Hirten, die hüteten des Nachts ihre Herde.

Gut, daß er heute nacht in der Klinik blieb. Als sie den Dienstplan machten, hatte er sich gleich eingetragen: 24. Dezember - Nachtdienst - Chirurgie II - Dr. Kairos.
Nein, zuhause bleiben wollte er dies Jahr nicht. Um keinen Preis in der Welt. Allein unterm Weihnachtsbaum. Allein mit den Wiener Sängerknaben: "Stille Nacht, heilige Nacht." Ohne Petra und die Kinder.
Nein, das mußte er sich wirklich nicht antun.

"Es geht nicht mehr", hatte Petra gesagt. "Wir brauchen erst mal Abstand." Und er hatte stumm genickt. Ein paar Tage später waren drei Männer in blauen Latzhosen durch sein Haus gelaufen, hatten Teppiche eingerollt, Sessel hochgewuchtet und den Kleiderschrank zerlegt.
"Den Fernseher und das Regal behältst du", hatte Petra entschieden, während er sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor seine Bücherwand stellte. Wo früher die Couch war, hatte er jetzt einen hölzernen Gartenstuhl aufgeklappt - Blickrichtung Fernseher.
Überhaupt gab es in seinem Haus nur noch halbe Zimmer. Halbiert. Wie er selbst.

Das Schlimmste war, daß er Felix und Lena nur am Wochenende sah. Alle vierzehn Tage.
Wie oft war er mit dem Großen sonst abends noch mal schnell ne Runde zum Sport gefahren. Und die Kleine kriegte ihre Gute-Nacht-Geschichte. Vom Teddy höchstpersönlich....Wie ihre Augen leuchteten, wenn sie am Heilig Abend den geschmückten Baum sah, den Lichterglanz der Kerzen...

Ja, wirklich gut, daß er heute abend hier war. Die vertrauten Stimmen von Schwester Anke und Schwester Helga im Hintergrund, die da ihren Kaffee tranken und unvermindert den Rauch ihrer Zigaretten in die Luft bliesen.

Natürlich - er hätte auch in die Kirche gehen können.

Wie lange war er schon nicht mehr da. Bei der Taufe von Lena - nein, bei der Beerdigung seiner Mutter, nicht ganz zwei Jahren war das her. Diese eigentümliche Kapelle....Wie hatte seine Mutter sich quälen müssen. Gelitten die letzten Wochen und Monate. Und er, der Arzt, hatte hilflos dabei gestanden. Die besten Kollegen hatte er zu Rate gezogen, gemacht und getan, was in seiner Macht stand. Und doch: am Ende war er machtlos gewesen. Hatte nicht mehr tun können, als seiner Mutter die Hand zu halten. "Junge", hatte sie gesagt, "Junge", ich wollt', es wäre Schlafenszeit und alles wäre gut." Ja, so war sie, seine Mutter. Zitierte auf dem Sterbebett noch ihren Shakespeare...

Ob die Gedanken des Pfarrers heute Abend in der Kirche wohl seine Fragen berührten? Warum das alles so sein muß? Warum das zerbricht, was einem alles bedeutet? Warum es so vergänglich ist, das Glück?

"Junge", hätte seine Mutter gesagt, "hat uns der Herrgott denn jemals einen Rosengarten versprochen?" "Nein", hätte er gesagt, nicht einen Rosengarten, aber vielleicht ein kleines bißchen Glück."

Ja, war das ganze Leben nicht eine Suche nach diesem kleinen bißchen Glück? Hatte dieses ganze Weihnachtstheater nicht nur den einen Grund: Daß jeder versuchte, ein bißchen glücklich zu sein. Und - indem er dem anderen etwas schenkte, wenigstens ein kleines bißchen dafür geliebt zu werden... Nein, solche Gedanken waren in der Kirche wohl nicht zu erwarten. "Übt Mitmenschlichkeit und Solidarität! Vor allem mit den Schwachen und Armen!" So würde es von zehntausend Kanzeln widerhallen. Gutgemeinte Appelle. Und dann noch das Sahnehaubchen obendrauf: "Gott ist Mensch geworden aus Liebe zu den Menschen. Weihnachten ist das Fest der Menschlichkeit."
Und in den dichtbesetzten Bänken würden die Zuhörer nicken: "Ja, die Nächstenliebe, man sollte sie ganzjährig üben!"
Dabei war die Solidarität in diesem Lande doch gar nicht mal weniger geworden. Soweit er sich erinnern konnte. Das Netz der sozialen Leistungen beispiellos dicht. Und ganz konkret hielten doch die Leute in seiner Umgebung, in seinem Wohnviertel, in seinem Sportverein zusammen.

Wie viele hatten ihm ihre Hilfe angeboten, als seine Mutter starb. Wieviele gute Gespräche hatte er da gehabt, wie viele verständnisvolle Zuhörer. Nein, Ellenbogengesellschaft hin oder her, in seinem Umfeld gab es genug Menschen, die sich kümmerten. Wer könnte denn von seinen Nachbarn behaupten, keiner von ihnen habe jemals geholfen?
Ach diese frommen Weihnachtsreden! Einfach nicht fromm genug, das waren sie. Berührten nicht das Eigentliche.
Nein, er suchte keine noch so gutgemeinten Antworten. Was er suchte, worum er im Innersten rang, war der Lebendige selbst. Um Ihn ging es. Nicht um Lehre. Nicht um Ethik und Moral. Er suchte Ihn, den Lebendigen.

Hätte er früher gelebt, wäre er zu den Styliten gegangen. Wunderliche Käuze. Zogen sich in die Wüste zurück, um nahe bei Gott zu loben. Stiegen auf Säulen und verharrten dort stundenlang im Gebet, Meditation und Andacht.
Hatten sich mit Haut und Haaren der Gottsuche verschrieben. Bizarr. Aber zugleich faszinierend. Waren diese Burschen doch davon überzeugt, man müsse Gott suchen, um ihn zu finden. Und daß man dazu Räume brauchte. Räume und Riten. Ja, diese Gott-Sucher faszinierten ihn. Zu ihnen hätte er sich auf die Säule gehockt. Auf die Säule gehockt und geschwiegen.
"Sei stille in dem Herrn und warte auf ihn, er wird dir geben, was dein Herz wünscht." Mendelsohn-Bartholdy, "Elias" - sein Lieblingsoratorium.
Ob das das Geheimnis war? Wenn schon keine äußere, so doch zumindest eine innere Säule zu besteigen, eine Auszeit zu nehmen, zu schweigen. Vielleicht sogar nicht einmal zu suchen. Einfach zu horchen. Den Tönen nachzuhorchen, die tief in einem schlummerten. Die da aus der Tiefe der Seele aufstiegen.

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel des Herrn sprach zu ihnen: "Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids."

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens." Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: "Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat."

Er stand auf. Zog das Stethoskop aus der Kitteltasche, legte es auf den Tisch. "Ich geh mal'n bisschen Luft schnappen", hörte er sich sagen, während er sich den Kittel abstreifte und den Mantel überwarf. Die erstaunten Gesichter der Schwestern ignorierend, verließ er das Zimmer, nahm auf der Treppe zwei, drei Stufen auf einmal und eilte hinaus.

Die kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Er klappte den Mantelkragen hoch, vergrub die Hände in den Taschen.
Da war ja - da war ja noch ein Papier. Richtig: Der Brief! Der Brief von heute morgen. Beim Weggehen hatte er ihn aus dem Briefkasten geangelt, eingesteckt und dann schlichtweg vergessen. Also daß ihm so was passieren konnte. Einen Brief von Lena einfach zu vergessen. Dabei war sie doch das Wichtigste in seinem Leben. Sie und Philipp natürlich.
Mit dem Daumen riß er das Kuvert auf, fingerte den Brief heraus.
Ein Stall. Groß und braun mitten auf dem Papier. In dem Stall ein Kästchen, eine Frau und ein Mann daneben, die Frau hielt ein Kind auf dem Arm. Sah so eine glückliche Familie aus? Na ja, wie man's nahm. Die Beziehung der beiden hatte ja auch schon einige Kratzer und Schrammen. Wollte Joseph seine Maria ja schon verlassen, weil das Kind da nicht von ihm war? Aber dann - die nächtliche Stimme seines Gewissens - und Joseph war bei seiner Maria geblieben. Tja, war noch mal gerade so gut gegangen mit den beiden. Wie lange das Glück der beiden wohl gehalten hatte?

Links neben der Krippe zwei Vierecke mit spitzen Ohren, natürlich - ein Esel. Darüber ein fetter Ochse - ausgebreitet auf gelben Strohstrichen. Der hatte damals bestimmt noch kein BSE...
Auf der anderen Seite - unschwer zu erkennen - die Hirten, der eine schien eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm zu haben. Dieselben braunen Locken. Er hielt den Brief noch mehr ins Licht. Oder hatte doch eher Josef sein Gesicht?

Über dem Stall jedenfalls leuchtete ein Stern. Im schönsten Gelb, das der Farbkasten hergab. Zur Einschulung hatte er ihr den geschenkt, diesen Sommer. Da waren sie noch eine Familie gewesen, Lena mit der Tüte in der Hand, eingerahmt von ihnen beiden. "Nun haben wir schon eine richtig große Tochter", hatte Petra gesagt und dabei gelächelt, wie sie immer lächelte, wenn sie bewußt solche Allgemeinplätze von sich gab. Unter der Krippe waren Worte gemalt, die einen Satz ergaben. Worte in einer Krakelschrift, der man ansah, wie viel Mühe jeder einzelne Buchstabe gekostet hatte: "Für den liebsten Papi der Welt."
"Liebsten" mit einfachem "i".
Er biß sich auf die Unterlippe, um nicht von seinen Tränen übermannt zu werden.
Ja, dieser Hirte mit den braunen Locken, das war er. Da gab es keinen Zweifel. In diesem kaputten Stall, der ihm vorkam wie sein eigenes Leben, in diesem kaputten Stall stand er an der Krippe. Wie sagt der Cherubinische Wandersmann: "Nicht du bist in dem Ort, der Ort, der ist in dir."

Alle Fragen in ihm verstummten. Er hielt es in der Hand, das Wunder der Heiligen Nacht. Bethlehem - hier mitten auf dem Parkplatz der Klinik.

Sorgfältig steckte er den Brief zurück in den Umschlag´. Während er sich lächelnd umwandte und der Eingangstür entgegenschlenderte, blickte er hinauf in den Nachthimmel. Hoch oben sah er einen Stern. Und es war ihm, als leuchtete der Stern heute Nacht nur für ihn.