Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,9-12

Pfarrerin Annette Holzapfel (ev.)

24.12.2009 in Linz am Rhein

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Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Da sitzen sie, die Hirten, des Nachts auf dem Feld. Dunkel ist es, die Sterne werfen ihr fahles Licht auf das Feld, die Herde und die Hirten. Viel ist nicht zu sehen. Die kleine Feuerstelle gibt ein wenig Wärme ab und immer wieder steht einer von ihnen auf, um sich die Beine zu vertreten, sich warm zu klopfen und einmal über die Herde zu schauen.

 

Alles in Ordnung so weit. Die Schafe schlafen und die Männer dösen und dämmern so vor sich hin.

Es ist Nacht – in der Nähe von Bethlehem.

 

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtet um sie und sie fürchteten sich sehr.

 

Liebe Gemeinde, hier geschieht Unglaubliches.

Plötzlich, ohne Vorwarnung und ohne dass man es hätte erahnen können, geschieht Unfassliches.

Er ist einfach da, der Engel des Herrn. Er fällt nicht vom Himmel, er kommt auch nicht irgendwie angerauscht oder angeflogen, nein, er tritt zu ihnen.

Es scheint, als benötige er nur einen einzigen Schritt. Und dann ist er da.

Ganz so, als hätte er schon die ganze Zeit daneben gestanden, wäre bei ihnen gewesen und hat nur auf den passenden Moment gewartet.

 

Und der passende Moment, der ist genau jetzt.

 

Und die Klarheit des Herrn leuchtet um sie und sie fürchteten sich sehr.

 

Von einer Sekunde auf die andere, liebe Gemeinde, stehen die Hirten mit dem Engel in der Klarheit des Herrn. Sie können es nicht fassen, sie können sich nur fürchten.

Ich glaube, das würde uns allen so gehen. Stellen Sie sich vor. Sie sitzen nachher zu Hause und schauen in den Weihnachtsbaum. Oder sie probieren miteinander schon einmal ein Spiel aus. Oder sie essen gemütlich und haben die Liebsten um ihren Tisch versammelt.

 

Und dann plötzlich, unverhofft, ohne Ankündigung: Tritt der Engel des Herrn zu Ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtet um Sie –  Ja, ich stelle mir vor, dass wir uns fürchten würden, zumindest zunächst.

 

Denn, was geschieht, bzw. geschah den Hirten?

Wenn ich das griechische Wort, das hier im Text steht, richtig verstanden habe, dann ist zweierlei passiert.

 

Zum einen hat sich mit dem Auftritt des Engels die Nacht zum Tag gemacht. Mehr noch, es muss ein solches Licht, von solchem Glanz und Strahlkraft gewesen sein, dass es einen bis ins Herz zu treffen und erleuchten vermochte. Es ist das Licht Gottes. Der reine, klare, Glanz der Herrlichkeit Gottes. Ein Licht, das bis in den letzten Winkel alle Finsternis hell macht.

 

Zum anderen muss sofort und unmissverständlich allen dort auf dem Feld klar gewesen sein, dass dieses Licht mehr ist, als nur Licht. Es ist eine Klarheit, die nicht nur hell macht. Dieses Licht stellt den angeleuchteten Menschen in Gottes Wahrheit. Und darum verkündet dieses Licht die Wahrheit über das Leben und den Menschen. Die Klarheit des Herrn dringt vor bis in Schuld und Vergehen, in Ungerechtigkeit, Leid und Schmerz genauso wie in Liebe, Glück und Gelingen. Diese Klarheit bringt die Würde und den Wert des Menschen ans Licht, so dass es alle sehen können und davon ergriffen sind. Dieser Glanz verkündet – doch das ahnen die Hirten zu diesem Zeitpunkt noch nicht: siehe, ich mache alles neu.

 

Wenn das kein Grund zum Fürchten ist, dann weiß ich es nicht.

Möchte ich plötzlich und ohne Vorwarnung mein ganzes Leben in Gottes Klarheit sehen? Möchten Sie mit einem Mal ihr ganzes Leben erkennen und verstehen? Der Lebensweg wird erleuchtet, Fragen werden beantwortet. Alles wird sichtbar und alles ist klar – das Gute und das Misslungene, das Dunkle und das Helle?

 

Wie gut, dass an dieser Stelle die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Und wie gut, dass alle Geschichten Gottes mit uns Menschen nichts mit Furcht zu tun haben sollen. Gott will uns nicht fürchten machen, im Gegenteil.

Und so muss es dann genauso weitergehen in der Geschichte, wie es weitergeht:

Und der Engel sprach zu ihnen: fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Liebe Gemeinde,

das ist die Botschaft, die sich mit dem Licht ankündigt.

Diese gute Botschaft darf uns klar werden, wenn wir im Licht Gottes unser Leben betrachten. 

 

Also beginnt die Geschichte Gottes mit uns Menschen erneut ganz am Anfang. Mit der Geburt. Ganz klein und unbeholfen kommt Gott zu uns. Als Kind. Wir brauchen uns nicht zu fürchten.

Er kommt und will bei uns sein, als einer von uns. Darum kommt er als Mensch. Als Kind ohne Gewalt und Macht, bei der Geburt ganz ohne Glanz und Herrlichkeit.

Und nicht ohne Grund kommen wir jedes Jahr aufs Neue zusammen, um diese Geburt zu feiern, um uns an diese Geschichte zu erinnern. Wir tun es in einer Nacht. In einer Nacht am Ende des Jahres, wenn es draußen dunkel ist. Und weil wir die äußere Dunkelheit über das Jahr hinweg auch in uns selber erlebt haben. Nicht andauernd – hoffentlich, aber das eine oder andere Mal sicher.

 

Jede und jeder von uns hat Stunden hinter sich in diesem Jahr, die dunkel waren und schwer, die missglückt sind, in denen wir Schuld auf uns geladen haben. Aber auch Stunden, das mussten Sie gerade noch in der Gemeinde erleben, die entsetzlich waren vor Schmerz und Trauer, vor Verzweiflung und Wut.

Bei einer kleinen Musik wollen wir das Vergangene bedenken.

 

Musik

 

Und der Engel tritt zu uns und sagt:

Fürchtet euch nicht. Denn euch ist heute der Heiland geboren.

 

Das Lied, das wir vor der Predigt gesungen haben: wisst ihr noch wie es geschehen, sagt es so schön, und etwas anders, in der dritten Strophe: „eilte jeder, dass er’s sähe arm in einer Krippen liegen. Und wir fühlten Gottes Nähe. Und wir beteten es an.“

 

Euch ist heute der Heiland geboren – und wir fühlten Gottes Nähe.

Das wäre das Schönste, was heute Abend und Nacht geschehen könnte, wenn wir Gottes Nähe fühlen und uns dabei nicht fürchten.

Fürchtet euch nicht. Denn euch ist heute der Heiland geboren.

 

Die Furcht soll ein Ende haben, denn Gott ist da. Er ist da, um unsere Leben, unsere Herzen zu heilen, heil zu machen, was verwundet ist. Er ist da, um zu Recht zu rücken, was uns missglückt ist.

Fürchtet euch nicht. Denn euch ist heute der Heiland geboren.

In diesem Kind ist Gott zur Welt gekommen. Und er bringt uns alles, was wir brauchen. Er ist da, um Trost und Liebe in unsere Seelen zu gießen, die manchmal ausgetrocknet und beinahe verdorrt sind vor Trauer, Einsamkeit und Angst.

 

In jedem Jahr gehen wir darum in die dunkle Nacht, weil wir darauf hoffen, es möge der Engel zu uns treten und uns sagen: euch ist heute der Heiland geboren. Er ist da, der euer Leben kennt.  Er ist da, der euer Leben hält. Er ist da, der es euch zutraut, zu leben. Denn er ist da, der euer Leben neu macht.

 

Es soll nicht alles beim Alten bleiben. Es soll neu werden. Ein Anfang ist gemacht. Damals in der Nacht, als der Engel zu ihnen trat. Jetzt geht es darum, die Würde zu leben, die eigene Lebenswahrheit zu akzeptieren und zu verfolgen. Den Weg des Lebens gehen. Sich selbst finden und andere. Dabei Gerechtigkeit und Frieden üben gegen jedermann. Und lieben – so viel es geht. Sich selbst und den Nächsten. Lieben, lieben, lieben.

 

Liebe Gemeinde,

wenn wir gleich nach Hause kommen, wird denn etwas anders sein als vorher?

 

Die Menschen, die wir vermissen, werden wir doch weiter vermissen.

Der Streit in der Familie und in den Beziehungen, wird doch irgendwann weiter gehen.

Und die Tatsache, dass mancher keine Arbeit hat und der andere finanziell sehr in der Klemme ist, wird weiter bestehen.

Auch darüber, das die eine von uns sehr einsam ist und der andere mit sich selber und allen Lebensumständen unzufrieden oder auch in Angst ist, darüber brauchen wir uns nicht hinweg zu täuschen.

Das alles ist so.

 

Und doch wird in dieser Nacht auch alles anders sein, wenn wir Gottes Nähe spüren. Wenn wir ahnen, dass der Engel nur einen Schritt von uns entfernt ist, um uns die gute Botschaft zu sagen. Dir ist heute der Heiland geboren.

 

Er tritt zu uns und wir spüren einen zarten Trost, weil wir die Menschen, die wir vermissen in Gottes Hand wissen.

Er tritt zu uns und wir spüren Gottes Nähe. Sie erzählt von Vergebung und Erlösung. So gewinnen wir endlich den Mut zu sprechen. Wir beginnen zu sprechen und dürfen vertrauen, dass ein neuer Anfang miteinander möglich ist.

Er tritt zu uns und die Klarheit des Herrn spricht uns unsere Würde und unseren Wert zu, der uns unabhängig macht, vom Urteil anderer.

Wir sind frei. Wir können frei das Wagnis neuer Anstrengung auf der Suche nach Arbeit, auf der Suche nach einem Menschen, auf der Suche nach dem, was uns fehlt, auf uns nehmen.

Er tritt zu uns, der Engel des Herrn, denn er ist ganz nah und er bringt uns große, wirklich große Freude. Sie sagt uns: JA, Gott ist Mensch, wie Du. Er hat ein menschliches Gesicht und ein freundliches Herz. JA, Gottes Sehnsucht und Liebe gilt Dir. JA, die Nacht ist vorbei, der Morgen bricht an, jetzt wird alles neu.

 

 

Liebe Gemeinde,

damals, in der Nacht in der Nähe von Bethlehem, haben die Hirten in der Tat ganz und gar Unglaubliches erlebt. Es war ja plötzlich nicht nur der Engel mit dieser sagenhaften Klarheit da. Es kam ja auch noch die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen. Und schließlich fuhr diese gesamte Engelsschar nach kurzer Zeit wieder in den Himmel hinauf.

 

Was für eine Szene. Und dann:

Licht aus. Dunkelheit. Die Hirten hätten eigentlich mit offenen Mündern erstarren können nach so einer Erscheinung. Sie hätten sich genauso gut total perplex auf ihre Hosenboden setzen und ins Feuer gucken können mit dem Gedanken, einen gigantischen Traum erlebt zu haben.

 

Dem war, wie wir alle wissen, Gott sei Dank nicht so.

Stattdessen waren sie entzündet. Entzündet von Klarheit, entzündet von Neugier und wahrscheinlich vollkommen durchdrungen von der großen Freude, endlich von Gott gesehen zu sein.

So machen sie sich auf den Weg: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen.

 

Das wollen wir jetzt auch tun, liebe Schwestern und Brüder, lassen sie uns aufbrechen und gehen: nach Hause oder zu Freunden oder zu den Großeltern, den Eltern oder den Nachbarn – alles ist möglich in dieser Nacht.

Und dabei nicht vergessen: der Engel des Herrn braucht nur einen Schritt, um bei Ihnen zu sein. Und dann wird es richtig hell.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn.