Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 3,1-14

Johannes Bartels

11.12.2004 in der Kirchgemeinde Lößnitz-Affalter

Johannes in Gelmeroda

Wie wäre es wohl, wenn Johannes der Täufer nicht vor 2000 Jahren gelebt hätte, sondern wenn er heute leben würde? Vielleicht würde sich dann die folgende Geschichte ereignen:

Ich bin mit dem Auto unterwegs zum Neefe-Park, dem Einkaufszentrum bei Chemnitz. In der Werbung hatte gesehen, dass diese Woche Hugo-Boss-Hemden im Angebot sind. Warum eigentlich nicht mal ein richtiges Designerhemd kaufen, habe ich mir gedacht. Oder am besten gleich zwei oder drei, wenn ich einmal dabei bin. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Im Radio kommt das übliche Gedudel. Können die nicht mal was Ordentliches bringen? Doch plötzlich horche ich auf. In den Nachrichten ist von diesem Evangelisten die Rede. Johannes ist sein Name. Ein echter Prophet, wie man ihn sich vorstellt. Direkt, voller Eifer, fast ein bisschen fanatisch. Anscheinend nimmt er nie ein Blatt vor den Mund. Mut hat er bewiesen, das muss man sagen. Immerhin hat er es gewagt, dem Bundeskanzler nach der letzten Scheidung öffentlich die Meinung zu sagen. Ich habe ihn damals wirklich bewundert. Und ich glaube, es ist auch auf den Kanzler nicht ohne Eindruck geblieben.

Jetzt ist Johannes also mal wieder unterwegs. Wie zu hören ist, hält er seine donnernden Reden diesmal in der Autobahnkirche Gelmeroda, übrigens gar nicht so weit weg. Möchte wissen, wie der nun wieder ausgerechnet auf Gelmeroda kommt. In den Nachrichten melden sie, dass die Autobahnkirche geradezu überfüllt ist. Schon erstaunlich, was der für einen Zulauf hat!
Dabei scheint er gar nicht so richtig in unsere Zeit zu passen. Den Knigge jedenfalls hat er wohl nicht mal quer gelesen. Speckige Lederhose, verwaschene Jeansjacke, abgetragene Wanderstiefel. Irgendwie hat er was Faszinierendes, dieser Johannes. Dem scheint es einfach egal zu sein, was andere von ihm denken. Der zieht sein Ding einfach durch. Woher nimmt der eigentlich sein Selbstbewusstsein?
Eigentlich könnte ich ja auch mal bei ihm vorbeischauen, wenn er schon so in der Nähe ist. Aber ich habe keine Zeit. Wenn ich die Hemden jetzt nicht kaufe, wird es wieder nichts. Und dann muss ich wieder den ganzen Sommer die Sachen vom letzten Jahr tragen...

Ach, schau an! Ein Anhalter! Dass es so was noch gibt! Ich weiß gar nicht, wann ich den letzten Anhalter gesehen habe. Und wie lang ist es eigentlich her, dass ich selbst als Anhalter durchs Land getrampt bin? Eine halbe Ewigkeit. Also los, den nehme ich mal mit. Ich habe mich damals schließlich auch immer gefreut, wenn jemand angehalten hat.
Ob ich Richtung Chemnitz fahre, fragt der Anhalter. „Na klar, steig ein“, sage ich. Wir kommen ins Gespräch. Wie sich herausstellt, kommt er gerade aus Gelmeroda, von der Autobahnkirche. Na, das ist ja ein Zufall! „Was sagt er denn so, der Johannes?“, will ich wissen. Und dann fängt er an zu erzählen. Dass es bald eine neue Welt geben wird. Eine Welt, in der für Unrecht und Ausbeutung kein Platz mehr ist. Eine Welt, in der Egoismus und Ellbogendenken Tabu sind. Eine Welt, in der die Schwachen eine echte Chance haben. Eine Welt, in der der Ehrliche nicht mehr der Dumme ist, sondern der, der den Ton angibt. Eine Welt, in der das Recht nicht mehr eine Frage des Geldes ist. Eine Welt, in der die Mauern zwischen den Völkern fallen und die Selbstschussanlagen demontiert werden. Eine Welt, in der die Minenfabriken zu Topffabriken umgebaut werden, und in der niemandes Topf mehr leer bleibt.

Schön wär’s, denke ich nur. Doch der Anhalter scheint meine Gedanken zu erraten. „Du glaubst mir nicht? Hör zu, diese neue Welt steht unmittelbar bevor. Der Mann, der auserwählt, ist sie zu errichten, ist schon da. Es ist nur noch eine Frage von wenigen Wochen, bis er seine Mission beginnt.“
„Aber das ist doch Unsinn!“, sage ich. „Kein Mensch kann alleine so umwälzende Veränderungen herbeiführen. Wir sehen es doch fast täglich in den Nachrichten: Nicht einmal die Vereinten Nationen mit ihrem Milliarden-Etat und den Tausenden von Mitarbeitern schaffen das. Wie soll das wohl ein einzelner Mann schaffen?“
„Aber er ist doch gar nicht allein!“, sagt der Anhalter. „Gerade im Moment sammelt Johannes die Menschen, die dabei sein werden, wenn der Erwählte die neue Welt errichten wird. Er rekrutiert gewissermaßen die Armee der neuen Welt. Nur dass es eben keine Armee ist, die da zusammengestellt wird, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Wie gesagt, Waffen sind tabu. Aber mit Waffen ist ja ohnehin nichts auszurichten.“
Das leuchtet mir ein. Ich denke an den jüngsten Versuch der Amerikaner, im Irak die Demokratie herbeizubomben. Und der Erfolg? Tausende von Toten, eine zerstörte Infrastruktur und ein dramatischer Anstieg des weltweiten Terrorismus.
„Sie gehören wohl auch zu der Truppe?“, frage ich. „Ja“, sagt der Anhalter.
„Komisch, einen Anhänger von diesem Johannes habe ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt.“ Ich schiele verstohlen auf den feinen Anzug, den er trägt.
Wieder errät der Anhalter meine Gedanken. „Weil ich nicht so herumlaufe wie Johannes?“
„Na ja, eben.“
„Ja, wissen Sie, ich bin Anwalt.“
„Ein Anwalt, der als Anhalter durch die Gegend trampt?“
„Ja. Aber das ist eine lange Geschichte.“
„Bis Chemnitz haben wir doch noch ein paar Minuten.“ Ich bin neugierig geworden.

Der Anhalter, der ein Anwalt ist, zögert einen Moment. Aber dann erzählt er. „Wissen Sie, wir Anwälte wollen Geld verdienen. Ob das, was wir tun, immer sinnvoll und vernünftig ist, ist eine andere Frage. Ich jedenfalls habe mich darum nie besonders gekümmert. Wenn es was zu verdienen gab, habe ich geklagt – auch wenn von vornherein klar war, dass keine Aussicht auf Erfolg besteht.
Vor kurzem war wieder so ein Fall. Ein Mann war in einen Unfall verwickelt. Die Schuldfrage war nicht 100prozentig eindeutig – jedenfalls schien es so. Also hat sich mein Mandant einen Anwalt genommen. So bin ich zu dem Fall gekommen. Ich habe natürlich sofort gesehen, dass die Schuldfrage im Grunde doch völlig eindeutig ist. Mein Mandant war schuld, juristisch gab es daran überhaupt keinen Zweifel. In diesem Fall einen Anwalt zu beauftragen war eigentlich völlig überflüssig. Aber was soll’s? Es gab was zu verdienen. Also machte ich es.
Und nicht nur das. Als mein Mandant erwartungsgemäß schuldig gesprochen wurde, legte ich ihm nahe, in die Berufung zu gehen. Was wir dann auch taten. Also blieb mir der Fall noch eine Weile erhalten. Und ich habe noch ein bisschen weiter verdient.

Meinem Mandanten hat das allerdings gar nichts gebracht – außer einem Haufen Schulden. Die Prozesskosten gingen in die Tausende. Das Geld, was der Mandant dringend gebraucht hätte, um sich ein neues Auto zu kaufen, war bei diesem völlig unsinnigen Prozess draufgegangen.
Ich habe mir zunächst keine Gedanken darüber gemacht. Aber dann hat mich ein Freund mitgenommen zu dieser Autobahnkirche, wo der Johannes seine Reden hält. Und ich muss sagen, der Mann hat mich begeistert. Und gleichzeitig hat er mich beschämt. Diese neue Welt, von der er spricht, von so einer Welt träume ich ja auch manchmal. Aber ich habe gemerkt, ich passe da gar nicht hinein. Für mich und meine Methoden wäre da kein Platz.
Und dann hat der Johannes davon gesprochen, was man tun muss, um zu der neuen Welt dazu zu gehören:
‚Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keins besitzt. Und wer etwas zu essen hat, soll seine Mahlzeit mit den Hungrigen teilen.’
Ehrlich gesagt, einen Menschen, der kein Hemd hat, kenn ich gar nicht. Ich kenn auch niemanden, der wirklich Hunger hat. Deshalb habe ich nachgefragt, was ich denn tun kann. Und was der Johannes dann gesagt hat, ging mir durch Mark und Bein:
‚Fülle deinen Geldbeutel nicht auf Kosten deiner Mandanten!’ Woher wusste der überhaupt, dass ich Anwalt bin? Und wusste er etwa auch, wie ich meine Mandanten betrüge? Ich kann Ihnen sagen, ich habe mich selten so elend gefühlt.

Das war vor drei Tagen. Ich habe seitdem kaum noch geschlafen. Und dann habe ich meinen Entschluss gefasst. Ich habe dem betrogenen Mandanten meinen Zweitwagen geschenkt. Was heißt geschenkt? Ich habe ihm im Grunde bloß das zurück erstattet, was ich ihm genommen hatte. Ich bin zu ihm gefahren, habe ihm das Auto da gelassen, und dann bin ich von dort aus nach Gelmeroda getrampt. Und da habe ich mich taufen lassen.“
„Und von dort kommen Sie jetzt“, folgerte ich.
„Genau. Sie haben also einen frisch getauften Mann im Auto. Einen Mann, der sich so gut fühlt wie noch nie.“
Eine erstaunliche Geschichte, die der Anhalter da zu erzählen hat. Irgendetwas lässt mir keine Ruhe. Fast verpasse ich die Ausfahrt. Doch der Anhalter, der ein Anwalt ist, passt auf. Ich lasse ihn raus. Und dann fahre ich weiter. Aber nicht zum Einkaufszentrum. Ich fahre wieder auf die Autobahn. Diesmal in die andere Richtung. Zur Autobahnkirche.
Die Hemden kann ich später noch kaufen. Vielleicht brauche ich sie auch gar nicht mehr.

Amen.