Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,1-11 (Der Fischzug des Petrus)

Pfarrerin Christina Bickel (ev)

05.07.2015 in der ev. Zionskirche in Kassel (EKKW)

Sonntagsgottesdienst

Lesung von Lk 5,1-11 (Der Fischzug des Petrus)

Wir hören Worte aus dem 5. Kapitel des Lukasevangeliums

 

Zeitungsgedanken - Nachfolgegedanken

 

Gestern saß ich am Frühstückstisch – Kaffeegeruch in der Nase, ein Croissant auf dem Teller, rechts die Zeitung. Über welche Ereignisse aus nah und fern sie mich heute wohl informieren wird?

 

Da fängt mein Auge auf der ersten Seite den Leitartikel ein: „Sorgloser Umgang mit Antibiotika. Resistente Bakterien in der Fulda“. Neugierig geworden überfliege ich den Text: Schülerinnen haben im Rahmen von „Jugend forscht“ Wasserproben aus der Fulda entnommen und einen hohen Anteil resistenter Bakterien festgestellt. – Die Ursache: Durch Kläranlagen und Tiermastbetriebe gelangen Antibiotika ins Wasser. – Für Fuldafische schädlich.

Petrus, von dem wir eben in der Lesung gehört haben, musste derartige Fische nicht essen. Er bekam bestimmt bessere Fische von Jesus – Wunderfische. Ich stelle mir Petrus als stämmigen Mann voller Tatkraft mit einer Sorgenfalte auf der Stirn vor. Denn Petrus hat seit Tagen nichts mehr gefangen und fürchtet, dass seine Familie hungern muss – eine prekäre Lage! Doch dann kommt es unverhofft zur Begegnung mit Jesus und zum großen Fang. Gott gibt Petrus das, was er braucht. Die Sorgenfalte schwindet. Unbeschwertheit, Freude und Zufriedenheit stellen sich ein. Beeindruckt von dem Fang wird er selbst zum Fang Jesu. Petrus wird zum Anhänger des Gottessohnes und folgt ihm nach.

Wir benötigen heutzutage keine Wunderfische von Jesus. Das Lebensnotwendige können wir problemlos erwerben. Damit das aber so bleibt, sollten wir verantwortungsvoll mit der wunderbaren Schöpfung, mit Natur und Lebensmitteln umgehen. Denn Gott hat seinem Ebenbild, dem Menschen, die Welt nicht zur Herrschaft, sondern zur Bewahrung gegeben. Für mich ist die Sorge um die Natur auch eine Form der Nachfolge, nämlich Nachfolge von Gottes Schöpfungsauftrag – so auch das Entnehmen von Wasserproben oder der bewusste Lebensmittelkauf – zum Beispiel kein Fleisch aus Massentierhaltung. Die Sorge für Umwelt ist wichtig, damit auch die nachfolgenden Generationen die Schönheit der Natur nachhaltig genießen können.

 

Dann fische ich die nächste Meldung aus dem Deckblatt: „Tigerentenrennen. 10.823 Enten schwammen auf der Fulda um die Wette“. Eine schöne Aktion! Für 3 Euro das Stück konnten die schwarz-gelb gestreiften Schwimmvögel auf Rädern – designed by Janosch – vor dem Renntag adoptiert werden. – Der Verkaufserlös kommt dem Verein „Soziale Hilfe“ zugute.  „Soziale Hilfe“ bietet Unterstützung und Mittagessen für Wohnungslose und Wohnungssuchende, Bedürftige und Haftentlassene. Für die schnellsten Enten winkten zudem 200 Preise, gestiftet von Kasseler Firmen und Einrichtungen.

Das Rennen selbst – ein riesiges Fest, ein Event für Groß und Klein. Verweilen auf der Regattawiese bei Bratwürstchen, Kaffee und Kuchen, Bands, Künstlern, Kinderspielgeräten – strahlender Sonnenschein. – Neben dem Wettstreit - ein Fest der Freude, ein Fest des Helfens, ein Fest für die Notleidenden. Ein Fest der Nachfolge Jesu – Jesus, der sich für die Randgruppen der Gesellschaft eingesetzt hat. Präsent waren die Menschen, um die es ging, durch Bilder des Fotokünstlers Marc Kluckert: Da ist Rainer (55), der trotz Arbeit keine Wohnung findet oder Helmut (52), der seit 20 Jahren mit dem Rucksack durch Deutschland reist und gerne die Tafel aufsucht. Ich wünsche den beiden, dass die Aktion ihnen neue Perspektiven eröffnet und sie das bekommen, was sie benötigen. Das, was am Fuldaufer passiert ist, 10.823 Spendenenten im Wasser, ist keineswegs ein übernatürliches göttliches Wunder. Es ist aber eine Art „menschliches Wunder“, das mir zeigt: Jeder noch so kleine Betrag ist wichtig und kann in der Summe Großes bewirken.

 

Neugierig blättere ich acht Seiten weiter, denn ganz besonders interessiert mich der Kulturteil der Zeitung. Das abgedruckte Bild, ein Holzschnitt aus dem 18. Jahrhundert, lässt mich nicht los. Ich sehe ein kleines Mädchen mit langem Haar und freundlichem Gesicht im Wald im Schatten hoher Bäumen stehen. Beim genauen Hinsehen entdecke ich, dass es nackt ist. Seine Blöße wird durch Laub und Schatten der Bäume verborgen. Dann lese ich den Titel unter dem Bild und mir wird so einiges klar: Das Mädchen – Ich kenne es aus meiner Kindheit. Es ist das Mädchen aus dem Sterntalermärchen, eines meiner Lieblingsmärchen. Und weil Anfang September die Grimmwelten eröffnet werden, wird wöchentlich ein Märchen in der Zeitung vorgestellt. Sterntaler, das obdachlose Mädchen und Waisenkind, das aus Nächstenliebe und Mitleid mit den Armen sein letztes Hemd weggibt und Schutz zwischen den Bäumen des Waldes sucht. Dann das Wunder: Die Sterne fallen vom Himmel und werden zu Goldtalern und ein Kleid aus allerfeinsten Linnen fällt vom Himmel. Und wie das in Märchen so ist, lebte das Mädchen glücklich, zufrieden und sorglos bis an ihr Lebensende.

Das Mädchen aus dem Sterntalermärchen – für mich das Idealbild einer überzeugten Nachfolgerin Christi, auch wenn von Jesus in diesem Märchen nicht die Rede ist. Das Mädchen übt Barmherzigkeit mit den sozial Schwachen. Es handelt völlig selbstlos. Da regnet es als Geschenk Gottes Taler aus dem Himmel. Taler statt Fische. Gott sättigt die Jünger, das Mädchen und er sättigt auch uns heute mit dem Bewusstsein, dass das Leid dieser Welt uns nicht gefangen hält.

Für mich war das Mädchen immer ein Vorbild der Liebe und Uneigennützigkeit. Wie sähe wohl die Welt aus, wenn jeder Mensch die Grundeinstellung des Sterntalers hätte und immer zuerst an seine Mitmenschen und zuletzt an sich denken würde? – Hingegen würde ich unter den gegebenen Umständen eher nicht so handeln wie das Sterntalermädchen. Schließlich ist es auch wichtig, dass man für sich selbst sorgt und sich hin und wieder etwas Gutes tut – natürlich nicht egozentrisch, sondern ausgewogen, mit Sorge und Achtsamkeit gegenüber den Mitmenschen. Die Botschaft des Märchens lautet für mich nicht: „Gebt alles den Notleidenden“. Denn ohne das Sternenwunder wäre Sterntaler schließlich aller Wahrscheinlichkeit nach in derselben Nacht erfroren. Für mich ist die Botschaft: „Achtet auf die Notleidenden, helft ihnen, so dass sie das bekommen, was sie bedürfen – und noch etwas darüber hinaus.“

Immer, wenn Mitmenschlichkeit gelebt wird, berühren sich Himmel und Erde. Es ereignet sich ein kleines Wunder.

 

Berührt von diesem Märchen blättere ich ein paar Seiten weiter und stoße auf die Kategorie „Kirche in Kassel“. Ich fische eine kleine Anzeige der Hoffnungskirchengemeinde heraus: Mittwoch, 15. Juli 2015, 13 Uhr: Busfahrt zur Ev. Kommunität nach Imshausen bei Bebra, Gespräch mit den Mitgliedern der ökumenischen Lebensgemeinschaft in den künstlerisch gestalteten Räumen der Kommunität. Das ist ja eine schöne Idee, denke ich. Ich war auch schon dort zu Begegnung und Gespräch mit Brüdern und Schwestern der Gemeinschaft und auch unsere Seniorengruppe war vor einigen Wochen dort. Mich hat beeindruckt, wie die Mitglieder gemeinsam leben, beten, Gottesdienste feiern und in der Landwirtschaft im Einklang mit der Schöpfung zusammenarbeiten. Wichtig für die Brüder und Schwestern ist die Gastfreundschaft. Ich konnte diese beim gemeinsamen Abendessen, einer Brotzeit mit Salaten und exotischen Früchten, erfahren. Wir saßen an einem warmen Sommerabend auf Bänken vor dem Kommunitätsgebäude und unterhielten uns beim Essen über nachhaltige Energien. Die Kommunität ist also kein isolierter spiritueller Verein, sondern eine Gemeinschaft, die ihre Verantwortung für Welt und Umwelt ernst nimmt.  

Der Ort hat eine weite Ausstrahlung. Ich traf auf einen Pfarrer von der Nordsee, eine Schweizer Diakonisse und auf  Mitglieder der Hamburger Flüchtlingshilfsorganisation „Brot und Rosen“. Die Menschen dort überzeugen durch gelebten Glauben, ökumenische Spiritualität und Gastfreundlichkeit – Die Kommunität: ein Menschenfischer und Christusnachfolger!

Etwas unterhalb der Kommunität steht ein großes Holzkreuz – christliches Zeichen des schrecklichen Kreuzestodes Jesu Christi, aber auch Zeichen des Neuanfanges, des Sieges über Leid und Tod, Zeichen der Freiheit und Gerechtigkeit. Das Holzkreuz in Imshausen - ein Holzkreuz, das an den Imshäuser Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz erinnert. Von Trott war am gescheiterten Hitlerattentat beteiligt und wurde dafür hingerichtet und zum Tode verurteilt. Er ist schuldig geworden, um das Böse zu beseitigen, die Gewaltherrschaft zu brechen. Auch hierin zeigt sich für mich Nachfolge Christi -  Nachfolge Christi bedeutet, sich verantwortungsvoll, wenn es sein muss unter Einsatz des eigenen Lebens, für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit einzusetzen.

Auf dem Warteberg, unserem Gemeindegebiet, steht auch ein Adam-von-Trott-zu-Solz-Denkmal, ein Rund mit Gedenkstein, geheimnisvoll umgeben von hohen Bäumen.Das Denkmal steht hier, weil von Trott hier in Kassel aufgewachsen ist, das Wilhelms- und Friedrichsgymnasium besuchte und als Staatsanwalt tätig war. Am Denkmal feiern wir bei schönem Wetter Himmelfahrtsgottesdienst. Am Denkmal habe ich den kleinen Noah getauft. – Nachfolgebeginn! 

 

Versunken in die Zeitung habe ich Zeit und Umwelt vergessen. Ich hebe den Kopf, falte die Seiten zusammen. Mein Kaffee ist inzwischen kalt geworden. Na ja, koch ich mir schnell einen neuen. Das Gelesene gibt mir Hoffnung, ist kein kalter Kaffee. Es gibt, gab und wird Menschen geben, die aus christlichem Glauben handeln: Es gibt diejenigen, die ihre Tigerente schwimmen lassen, Helden und Widerstandskämpfer, Naturforscher und umweltbewusste Konsumenten, gastfreundliche Brüder und Schwestern, selbstlose Helfer in der Not. Vieles geschieht im Verborgenen. –

Wahrscheinlich sind wir nicht so selbstlos wie das Sterntalermädchen. Dennoch wünsche ich uns allen einen geschärften Blick, den Blick Jesu Christi, auf unsere Mitmenschen, egal welchen Glaubens und welcher Kultur sie entstammen. Auf diese Weise können sich Himmel und Erde berühren und sich etwas Ähnliches wie der wundersame Fischzug in unserem Leben ereignen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.