Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,1-11 (Lesung aus der Elberfelder Bibel)

Clemens Fricke (ev)

15.07.2015 in der Quellkirche in Güttersbach

Gottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis 2015

Anmerkung des Predigers: (Die Zwischenüberschriften werden nicht gelesen, sondern dienen der Orientierung.)

 

Fischzug I

Dunkel ist es. Die Wellen des Sees schlagen an die hölzerne Bootswand. Von hier ist kein Land zu sehen. Dunkel ist es wie in jeder dieser Nächte, in denen die Fischer auf den See fahren. Den Fisch suchen.

Kräftige Hände packen das Netz an den äußeren, den dickeren Seilen; mit einer weiten, über Generationen eingeübten Geste werfen sie es aus. Das Boot schwankt leise unter der Mühe. Wo das Netz auf das Wasser schlägt sprüht Mondlicht empor. Die Enden des Netzes halten sie fest in ihren Fäusten. Hoffen auf einen Fang, der ihre Familien satt macht. Warten.

Heute bleibt der See ein schwarzer Spiegel. Wie so oft. Ihr Netz bleibt leer. Noch einmal schwingen sie es aus, noch einmal ziehen sie es ein, die Muskeln spannen sich, doch das Netz ist viel zu leicht, ist wieder leer. Wieder und wieder fliegt das Netz, bliebt leer. Bis die Dämmerung über die Berge steigt.

 

Wort I

„Nimm dein Boot und fahr mich weg vom Land, dass mich diese Menschen sehen und hören.“ Die Fischer sind vertieft in ihre Morgenarbeit. In die tägliche Mühe. Die Boote an Land ziehen. Die Netze reinigen und flicken. Alles bereit machen für die nächste Nacht. Für die nächste Hoffnung. Sie blicken auf und sehen den Hang voller Menschen. Sehen Jesus, der vor ihnen steht und zu Simon sagt: „Nimm dein Boot und fahr mich hinaus.“ Sehen Jesus, wie er Simons Boot besteigt, mit Selbstverständlichkeit, als sei er der Herr des Sees. Da ist kein Wundern und kein Fragen: Simon rudert ein Stück auf den See hinaus, und Jesus beginnt zu sprechen. Von da an ist nichts mehr als diese Stimme, seine Worte, ein Leben, das sich als Möglichkeit auftut, die Verheißung in jedem Satz.

 

Fischzug II

Hell ist es. Anders ist es als je zuvor. Die Ohren der Fischer sind weit offen. Die Wellen des Sees schlagen an die hölzerne Bootswand. Am Ufer zerstreut sich langsam die Menge. Die Worte Jesu hallen noch wider über dem See. Hell ist es. Und Jesus sagt zu Simon: „Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab!“

Keiner wirft sein Netz aus im Licht der Sonne. Wenn die Fische in der Tiefe des Sees Zuflucht suchen, wenn nicht der Mond das Leben an die Oberfläche lockt. Jeder erfahrene Fischer weiß das. Und doch ist Simon bereit: „Auf dein Wort hin.“

Kräftige Hände packen das Netz an den äußeren, den dickeren Seilen; mit einer weiten, über Generationen eingeübten Geste werfen sie es aus. Das Boot schwankt leise unter der Mühe. Wo das Netz auf das Wasser trifft, funkelt Sonnenlicht wie tausend Sterne. Die Enden des Netzes halten sie fest in ihren Fäusten.

Das Gleiche tun heißt nicht das Selbe tun. In ihrem Netz gischtet der See auf, brodelt, kocht. Die blinkenden Leiber winden sich in irrem Getümmel. Der ganze Reichtum des Wassers ein Geschenk.

 

Geschenk

Ein Entsetzen erfasst Simon und alle, die bei ihm sind. Geschenke können gefährlich sein. Manchmal entreißen sie mir die Kontrolle, es zerrt ein übervolles Netz an mir. Jede Sehne des Arms ist zum Äußersten gespannt. Der Nacken schmerzt. Ich habe nicht mehr in der Hand, ob ich stehen bleibe oder falle.

Geschenke können gefährlich sein. Manchmal sind sie zu groß. Manchmal machen sie Angst. Ich verliere den Boden unter den Füßen, stehe auf einem schwankenden Boot. Auf einem Boot, dass zu kentern droht, in der Mitte des Sees. Nur wenn ich teile, bewältige ich die Fülle. Weil sonst die Netze reißen. Weil sonst mein Boot vom überreichen Fang auf den Grund des Sees gezerrt wird. Dann brauche ich Gefährten, den Fang zu bergen.

Geschenke können mich ängstigen. Wenn ich meine, sie nicht verdient zu haben. Wenn sie mich an den erinnern, der ich bin. Dem solche Fülle nicht zusteht. Dann erfasst mich Angst. Schrecken. Ein Entsetzen erfasst Simon und alle, die bei ihm sind, vor diesem Geschenk.

 

Wort II

„Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab!“ Dass die Welt anders wird auf ein Wort hin: Das ist das eigentliche Wunder. Davor besteht keine Erfahrung. Nicht das Wissen der Väter und Großväter. Nicht die Gewohnheit. Es bleibt nur Vertrauen und Handeln: „Auf Dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

Und tiefes Erschrecken ist da. Vor der Erkenntnis, dass alles anders werden wird. Dass nach diesem Morgen, nach diesem Fang keiner von ihnen mehr der Fischer sein wird, der er war. Was aber wird geschehen? „Fürchte Dich nicht.“ Das Wunder ist das wirksame Wort.

 

Bewegung

Die Richtung ihres Lebens ändert sich. Es sind nicht mehr die Boote, die hinaus fahren auf den See. Die bleiben jetzt still liegen. Die Fischer selbst kommen in Bewegung. Simon. Jakobus und Johannes. Sie ziehen hinaus und lassen alles hinter sich. Es wird kein nächtliches Rudern auf den See mehr geben. Nicht die Straße des Mondes auf dem Wasser, hinüber zu den Bergen am anderen Ufer. Nicht das Rufen von Boot zu Boot. Nicht den stillen Morgen nach getaner Arbeit. Das wasserglatt polierte Holz unter den Händen. Die vertrauten Gesten. Ihre Familien. Ihr woher und wohin.

Nicht mehr nach Fischen werden sie suchen, zu den Menschen brechen sie auf. Um zu erzählen, was ihnen geschehen ist. Wie an einem Morgen alles anders wurde. Wie ihre alte Welt endete und eine neue aufging. Eine freie Welt. Ein Welt, in der Menschen verbunden sind miteinander in Gemeinschaft und heil werden können. Das tun sie auf nicht mehr als ein Wort hin. Ein Wort, das ein Wunder war. Das Gleiche tun heißt nicht das Selbe tun.

 

 

Netz

Auch wir halten das Netz in der Hand. Wie Simon sollen wir hinaus fahren und alles hinter uns lassen. Unsere Überzeugungen. Unsere Gewissheiten. In die Welt gehen und Menschenfischer sein. Wir halten das Netz. In unserer Hand liegt das starke, das äußere Seil, den Fang einzuholen. Unzählige Maschen verbinden uns mit all den anderen. Mit denen hier in der Kirche. Mit denen draußen. Mit den trauernden Nachbarn, die ihren Vater, ihren Mann verloren haben. Mit dem Vater, der zum ersten Mal den Blick seines Kindes fängt. Mit dem sterbenden Griechen, der seit Monaten nicht mehr die Medikamente gegen seinen Krebs bekommt. Mit dem, der auf dem Mittelmeer um seine Freiheit und sein Leben kämpft. Mit dem, der seine Tür öffnet und sein Weniges teilt. Das große Netz verbindet uns mit der Hand des Flüchtlings, die sich um den Stacheldrahtzaun in Ceuta klammert wie mit der Hand, die den Schweiß von der Stirn eines Kranken tupft. Mit dem Kind, dass seine Hand in der der Mutter birgt. Mit dem Christen in Syrien, der nur noch heimlich in den Ruinen seiner zerstörten Kirche zu beten wagt. Mit der schwarzen Familie in Charleston, die um ihre Kinder weint. Mit dem schwarzen Präsidenten, der versucht Trost zu schenken. Mit allen sind wir verbunden. Werden gehalten und halten sie. Sind Fisch und Fischer.

 

Menschen fischen

Menschenfischer sein. Das Netz ist so voll. Oft scheint es uns viel zu schwer zu werden. Das zerrt an uns. Wir fürchten, dass uns die Arme aus der Schulter springen, die Sehnen reißen. Wir fürchten, dass unser Boot kentern könnte. Dass wir alles verlieren. Alles aufgeben, und nichts dafür gewinnen.

Menschenfischer sein: Das scheint zu schwer. Eigentlich macht das kein vernünftiger Mensch. Unsere Erfahrung spricht dagegen, unser Wissen, unsere Rationalität. Die vertrauten Bahnen unseres Lebens laufen anders. Alle halten wollen? Keinen durch die Maschen fallen lassen? Vertrauen, dass unsere Welt auch ganz anders sein könnte? Bestimmt von Barmherzigkeit? Von Liebe? Das ist wie in der hellen Sonne auf den See fahren und fischen.

 

Menschenfischer sein: Wie Simon können wir unser Leben anvertrauen. Das Geschenk der Freiheit und der Gemeinschaft annehmen, barmherzig und liebevoll sein: Weil das Wort die Welt neu und anders macht. Und wenn wir auch manchmal voll Angst sind. Wenn der Boden unter unseren Füssen unsicher schwankt und wie ein kenterndes Boot sich neigt. Wenn wir nicht mehr in der Hand haben, ob wir stehen oder fallen. Das Netz wird halten: „Auf Dein Wort hin will ich handeln.“ Amen.