Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,17-26

Br. Dietmar Brüggemann ofm (rk)

01.06.2010 in St. Franziskus in Dortmund

am Gemeindefest einer katholischen Pfarrgemeinde auf dem Hintergrund der Missbrauchsdebatte

Liebe Schwestern und Brüder,

es gehört zu den besonderen Erlebnissen meiner Kindheit, dass ich hin und wieder meinen Vater als Fahrer des Krankenwagens in unserm Landkreis bei einer seiner Dienstfahrten begleiten durfte.  Einmal im Jahr gab es eine ganz außergewöhnliche Fahrt durchzuführen. Ein Benediktinerpater, der ganz gelähmt war und nur den Kopf bewegen konnte, wurde an seinem Weihetag von der Klinik zu seinem Heimatkloster gebracht. Wenn wir mit dem Krankenwagen auf dem Klosterhof vorfuhren, kamen schon die Mönche auf uns zu und trugen den bewegungsunfähigen Pater unter Glockengeläut ins Kloster, legten ihm die liturgische Kleidung auf und feierten eine festliche hl. Messe,  in der der Pater auf der Trage liegend die Präfation sang.  Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt:

Die Mönche tragen ihren gelähmten Mitbruder zum Altar.

Erst im letzten Jahr las ich in der Geschichte des Klosters, dass  ausgerechnet dieser Pater im Verdacht stand,  in der Hitlerzeit womöglich eigene Mitbrüder an die Nazis verraten zu haben.

So hatten also die Mönche immer wieder den Mitbruder an den Altar getragen, von dem sie nicht wussten, ob er Jahre vorher vielleicht einige unter ihnen verraten und zum Teil nach Dachau gebracht hatte, und der nun gelähmt war von seiner Schuld.

Das Bild vom gelähmten Pater, den seine Mitbrüder tragen,  führt mich zum Evangelium des heutigen Tages.

Vier Männer tragen ihren gelähmten Freund, und weil sie nicht zu Jesus durchkommen, steigen sie aufs Dach und lassen ihn an Seilen direkt vor Jesus hin. Und es heißt: als Jesus ihren Glauben sieht, sagt er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

 

 

Wenn ich dieses Evangelium heute höre, ist für mich die Kirche die Gelähmte.                                                                                            Gelähmt von ihrer Schuld,  von der wir in den letzten Monaten so viel hören und ertragen mussten,                                                       gelähmt von ihrer Angst, sich zu verändern.                           Gelähmt, weil sie sich zuviel mit sich selbst beschäftigt.

 

Und es gibt nur zwei Möglichkeiten der Therapie für die gelähmte Kirche:

1.    Dass es genug Freunde gibt, die bereit sind, sie trotz allem zu tragen

und 2. dass Jesus deren Glauben sieht und sagt: Meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben

und er ihr dann Beine macht, damit sie wieder auf die Menschen zugehen  und von der Frohen Botschaft erzählen kann.

 

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir an diesem Wochenende unser Gemeindefest feiern, dann geht’s da um mehr als um viele Leute und gute Stimmung, um ausverkaufte Stände und guten Reinerlös.

Es geht um die Fortsetzung von Fronleichnam. Wir feiern, daß es in unserer Pfarrei  viele Menschen gibt, die auf ihre ganz persönliche Weise die Kirche tragen und mittragen. Ich denke, an die, die das in allem Engagement als Hauptamtliche tun, ich denke aber auch an die vielen Ehrenamtlichen um unsere Kirche, um das Kloster und die Altenbegegnungsstätte herum. Ich denke an die, die sich bewusst als Christen auch in anderen gesellschaftlichen Organisationen einsetzen. Und ich kann nur ahnen, wie viele alte und kranke Menschen das Leben unserer Kirche und Gemeinde durch ihr stilles Gebet aufrechterhalten. Sie alle, wir alle tragen die Kirche, unsere Gemeinde und die Menschen in unserem Stadtteil und bringen sie in Bewegung, so wie die vier Männer im Evangelium ihren gelähmten Freund, - direkt vor Jesus hin.   

Und ich bin sicher, wenn Jesus den Glauben all der Menschen sieht, die hier in St. Franziskus die Kirche tragen, dann sagt er: Deine Sünden sind dir vergeben. Steh wieder auf, Kirche und überwinde alle Lähmung und Schuld.  Ich mach dir Beine. Geh wieder dahin, wo du hingehörst, zu den Menschen.

Und wenn das dann geschieht, dann  ist das doch wohl Grund genug, ein fröhliches Fest zu feiern.

Deshalb: Ihnen allen ein frohes Gemeindefest 2010.