Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 6,17.20-26

Dr. Thomas Breuer

11.02.2001 in St. Eberhard, Stuttgart

"In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei. Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht." (Lukas 6,17.20-26)

Das klingt wie die Botschaft aus einer anderen Welt: Selig, ihr Armen; selig, ihr Hungernden; selig, ihr Weinenden! Das hat doch mit der Realität absolut nichts zu tun - so scheint es zumindest. Fakt ist doch, dass die Reichen den Ton angeben. "Geld regiert die Welt", das weiß fast jedes Kind. Wer möchte schon arm sein? Niemand, auch die Armen nicht.

Sollen sie denn arm bleiben? Nein, zumindest nicht, wenn es nach der Bibel geht. Die Heilige Schrift preist nicht die Armut, sondern die Armen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Keineswegs möchte Gott, dass wir Menschen am Hungertuch nagen, keineswegs verlangt er von uns lebenslange Entbehrung als Eintrittspreis für die ewige Seligkeit. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, dass Gott den Menschen in einen Garten setzt, in dem allerlei Bäume mit köstlichen Früchten wachsen, Früchte, an denen sich der Mensch erfreuen darf. Und der Grundtext des Alten Testaments, die Erzählung vom Exodus, verschweigt zwar nicht, dass die Befreiung aus der Knechtschaft kein Kinderspiel, dass eine Zeit der Wüstenwanderung unvermeidlich ist, doch Ziel dieses Unterfangens ist nicht die Wüste, sondern das gelobte Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Gott möchte, dass wir ein Leben in Fülle haben, das ist die gemeinsame Botschaft des Alten wie des Neuen Testaments, und nichts berechtigt uns zu der Annahme, diese Fülle sei als billige Vertröstung allein für ein besseres Jenseits verheißen.

Weil jedem Menschen als einer von Gott geliebten Person eine unveräußerliche Würde zukommt, deshalb stellt sich Jesus an die Seite der Armen und Hungernden, denen diese Würde von ihren Mitmenschen vorenthalten wird. Die von ihm ausgesprochene Seligpreisung ist kein Zynismus und kein religiöser Zuckerguss auf dem realen Elend, sondern eine Zusage, die neue Verhältnisse schafft. Da, wo Jesus den Armen begegnet, entdecken diese ihre Würde, da erfahren sie, was es heißt, dass Gott selbst sich ihnen zuwendet: Gekrümmte können aufrecht gehen, Unberührbare werden berührt, Aussätzige werden in die Gemeinschaft aufgenommen und wo Hungernde ihre Brote teilen, bleiben zwölf Körbe voll übrig.

In seiner Solidarität mit den Armen steht der Mann aus Nazaret in einer Reihe mit Propheten wie Amos und Jesaja. Und wie diese scheut er sich nicht, den Reichen und Mächtigen ins Gesicht zu sagen, dass sie auf dem falschen Weg sind: "Weh euch, die ihr reich seid, weh euch, die ihr satt seid, weh euch, die ihr selbstsicher lacht, weh euch, die ihr von allen gelobt werdet". Selbst wenn die Weherufe nicht von Jesus selbst stammen sollten, sondern, wie manche Ausleger meinen, vom Evangelisten Lukas gebildet wurden, kann kein Zweifel bestehen, dass sie dem Geist des Wanderpredigers aus Galiläa entsprechen. Immer wieder warnt Jesus vor den Gefahren des Reichtums. Denken wir nur an die Begegnung mit dem reichen Jüngling. "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt", heißt es dort. Ein drastisches Wort, das nur unwesentlich dadurch gemildert wird, dass das Wort, das hier mit Kamel übersetzt ist, ursprünglich möglicherweise ein Schiffstau meinte.

Warum ist der Reichtum so gefährlich? Warum wird den Reichen ein "Wehe euch" entgegengeschleudert? Ich denke, wir sollten eine Antwort auf drei verschiedenen Ebenen suchen: auf der der Gesellschaft, auf der der Kirche bzw. der Gemeinde und auf der des Einzelnen:

1. Zunächst die gesellschaftlich-politische Ebene. "Über Geld spricht man nicht, Geld hat man". Der Reichtum ist diskret. Wieviel die Reichsten der Reichen tatsächlich haben, sagen sie nicht gern. Über Reichtum soll möglichst nicht geredet werden. Höchstens über die Belastungen der Reichen. Über nicht tragbare Spitzensteuersätze beispielsweise. Oder über Sozialhilfeempfänger, die den Reichen auf der Tasche liegen. Der Reichtum selbst ist tabu. Dabei ist die soziale Verteilung in Deutschland ungleicher, als vielen von uns bewusst ist: Das obere Drittel der privaten Haushalte hat mehr als die beiden unteren Drittel zusammen. Im Weltmaßstab ist das Auseinanderdriften der Schere noch drastischer: Das reichste Fünftel der Weltbevölkerung verfügt über 82,7 % des gesamten Welteinkommens; das ärmste Fünftel der Weltbevölkerung erhält nur 1,4 % des Welteinkommens. Mehr und mehr Menschen können nicht einmal mehr die wichtigsten Grundbedürfnisse befriedigen, Essen und Trinken. Wir nehmen die an Hunger sterbenden Kinder und Erwachsenen nur noch als Millionenstatistik wahr. Fast 1,3 Mrd. Menschen leben in absoluter Armut und müssen mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag auskommen. Die drei reichsten Menschen der Welt haben ein größeres Vermögen als die Gesamtbevölkerung in den ärmsten Ländern, in denen 600 Mio. Menschen leben. Es ist deshalb richtig und wichtig, wenn in diesem Jahr die Misereor/BDKJ-Jugendaktion diese wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen zum Thema macht und dabei Geld und Reichtum in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. In der Tat stimmt es nachdenklich, wenn man hört, dass eine zusätzliche Besteuerung von 1% auf das Vermögen der 200 reichsten Menschen der Welt den Zugang zur Primarbildung für alle Kinder dieser Welt sichern könnte. Es geht also nicht um Neid auf die Tüchtigen und Erfolgreichen, sondern um eine gerechte Verteilung des Wohlstands. Globalisierung darf nicht nur den weltweiten Markt im Auge haben, sondern muss auch weltweite Gerechtigkeit meinen.

2. Die Ebene der Kirche: Lukas thematisiert in seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte das Thema Reichtum und Güterverteilung wohl deshalb so ausführlich, weil dies in seiner Gemeinde ein echtes Problem gewesen zu sein scheint. Auch der Jakobusbrief hat das Problem vor Augen, dass in der christlichen Gemeinde die Reichen mehr gelten als die Armen. Hat sich daran bis heute etwas Wesentliches geändert? Wo sind in unseren Gemeinden die Armen? Nehmen wir sie als Subjekte wahr oder nur als Objekte der Caritas? Und welchen Stellenwert hat die politische Diakonie in unserer kirchlichen Gemeinschaft? Mir will scheinen, dass dieses Thema seit den 90er Jahren insgesamt nur noch von untergeordneter Relevanz ist. Während man sich in den 80er Jahren noch fragte, wie eine Theologie der Befreiung für Europa aussehen könnte, kümmert man sich heute mehr um das Enneagramm und die Heilkraft der Edelsteine nach Hildegard von Bingen. Nichts gegen spirituelle Suche, aber Kirche darf sich nicht reduzieren auf ein Heilprogramm gegen Wohlstandsneurosen!

3. Reichtum kann auch schlecht sein für den Einzelnen. "Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Reichtum", heißt es im Evangelium. "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott", hat ein Mönch gesagt, der als Reformator in die Weltgeschichte einging. In der Tat: Wer viel Geld hat, denkt meist unaufhörlich darüber nach, wie er dieses Vermögen noch vermehren oder wenigstens Verluste vermeiden kann. Wer sein Geld in Aktien anlegt, muss ständig die Aktienkurse verfolgen und darüber nachsinnen, welche Aktien er abstößt und welche er neu zeichnet. Das Geld hält seinen Besitzer gedanklich gefangen. Deshalb ist Onkel Dagobert so viel griesgrämiger als sein Neffe Donald und seine fidelen Großneffen Tick, Trick und Track. Auf seinen Geldsäcken sitzend und von seinen Großneffen gefragt, wie es ihm gehe, weiß er nur zu antworten: "Schlecht natürlich! Was für eine Frage!" Der Reiche ist hier der wahrhaft Arme, ist er doch in beständiger Sorge um seinen Reichtum.

Wer reich ist, steht in besonderer Gefahr, das Haben mit dem Sein zu verwechseln. Ernesto Cardenal schreibt in seinem "Buch von der Liebe": "Wir denken, wir wären mehr, wenn wir mehr haben. Wir kaufen einen schicken Wagen und denken, dieser Wagen wäre nun ein Teil unserer selbst, wie ein weiteres Glied unseres Körpers. Darum sagte der heilige Augustinus, sich vom Reichtum zu trennen sei so schwer wie sich von einem Glied seines Körpers zu trennen. Wenn die anderen unseren Wagen bewundern, fühlen wir uns, als ob sie uns selbst bewunderten."

Der Blick auf unseren eigenen Reichtum versperrt uns den Blick auf den unermesslichen Reichtum unserer Schöpfung. Cardenal schreibt weiter: "Eine Handvoll Wasser, das mir zwischen den Fingern zerrinnt, ist nicht weniger wertvoll als eine Handvoll Diamanten. Ein goldener Fisch in der Lagune, ein Fröschlein, grün wie Jade, ein Kieselstein oder ein trockenes Stück Holz, das auf dem Wasser schwimmt, alles das sind Schätze, auch wenn sie keinen festen Preis an der Börse haben."

Reichtum kann eine Krankheit sein. Er kann uns unempfänglich machen für die einfachen Schätze dieser Welt und unempfindlich für die Nöte unserer Mitmenschen. Nur geteilter Reichtum ist wahrer Reichtum. Deshalb sagt ein afrikanisches Sprichwort: "Nicht vom Geben, sondern vom Behalten werden wir krank". Wer an Geldverstopfung leidet, wird an Vergiftung sterben.

"Selig, ihr Armen; wehe euch, ihr Reichen". Ich sagte eingangs, dies hört sich an wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Und das ist sie auch. Aber es ist keine schlechthin jenseitige Welt hinter unserer Welt, sondern es ist Gottes Welt, die in unsere Welt der Scheinsicherheiten und scheinbaren Sachzwänge hineinbricht. Eine Welt, die quer steht zu unseren Selbstverständlichkeiten und zu unseren anerkannten Wertmaßstäben. Eine Welt, in der Solidarität kein Fremdwort und Teilen keine Rechenaufgabe ist. Eine Welt, die anders ist, aber nicht andernorts. Eine Welt, die wir hier und jetzt erfahren können.

Hören wir dazu - meine Predigt abschließend, aber unsere Wahrnehmung aufschließend - einen Text von Horst Nitschke:

Wo das mal passiert
dass sich die Starken davonstehlen müssen,
dass den Sicheren, denen man niemals was nachsagen kann,
dass den niemals Zweifelnden einmal die Rechnung nicht aufgeht,
dass den strahlenden Helden das Lachen im Hals stecken bleibt,
dass sich der Große geirrt hat, der Vater dem Kind sagt: Vergib!,
dass auch die Frau das Recht hat, nein zu sagen und stärker zu sein,
dass, der wochenlang stirbt, endlich sterben darf,
dass Liebe sein darf, auch wenn sie kein Kind will,
dass wieder Liebe geschieht, wo Untreue war,
dass der Rentner mal mehr hat, als ihm von Rechts wegen zusteht,
dass einer drauf pfeift, wie viel Leistung er einmal "erbracht" hat,
dass einer gelegentlich faulenzt und seine Pflicht nicht erfüllt,
dass einer zum Umfallen schuftet, aber nicht, weil er muss,
dass ein Lehrer den Schüler gegen die Regel durchkommen lässt,
dass der Sitzengebliebene fröhlich nach Hause geht,
dass einer sagt, was er denkt, und man schmeißt ihn nicht raus und sperrt ihn nicht ein,
dass einer was Neues erkennt und das Neue auch macht,
dass einer mal gegen was anstinkt, obwohl's keinen Zweck hat,
dass einer was einsetzt und auch mal Verlust machen will,
dass einer dem andern mal kräftig den Lack abkratzt,
dass hier und da mal was umverteilt wird an Gewicht und Besitz,
dass Weiße sagen müssen: Der Schwarze hat recht,
dass man mal erntet, wo man nicht säte,
dass Geld sich mal in andern Beuteln vermehrt,
dass es mal anders zugeht und diese Welt [ein] bisschen Kopf steht,
dass Hoffnung nicht grün ist, sondern mal rot,
dass der Alltag nicht grau ist, im Schnee blühn die Rosen,
unglaublich wär's, aber warum nicht probieren -
und merken: Da wiederholt es sich ja,
was damals bei Jesus passierte.

Horst Nitschke
(in: Bergpredigt, hrsg. u. eingel. von S. u. H. K. Berg,
Biblische Texte verfremdet, B.8, München-Stuttgart 1988, 24f.)