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Predigt über Lukas 6,36-42

Karsten Jung

13.07.2003 im Berliner Dom

Liebe Gemeinde,

Jesus kannte seine Mitmenschen gut. Wachen Auges ging er durchs Land. Und er nahm viele Dinge wahr, die die Menschen um ihn herum taten.
Er sah die Menschen auf dem Lande. Die gehen ihrer Arbeit nach, schuften hart. Aber sie sind Menschen mit Fehlern. Sie neigen dazu, beständig über andere zu richten, über andere zu urteilen.
"Hast Du schon gehört? Der Mosche betrügt seine Frau! Daß die sich das alles gefallen läßt, es ist unglaublich!" "Weißt Du es schon? Der Zöllner Claudius hat schon wieder in einem Prozeß gelogen, daß sich die Balken bogen. Und dann hat er auch noch Recht bekommen!"
"Da, seht euch den Demas an! Es ist noch nicht einmal Mittag, und er ist schon wieder betrunken. Er säuft sich noch um den Verstand! Bald muß seine Frau betteln gehen, was soll nur aus ihr und den Kindern werden? Hat denn der Mann keine Verantwortung?"

Aber Jesus sieht nicht nur die einfache Landbevölkerung. In den Städten sieht es nicht viel anders aus. Dort sitzen überall die Pharisäer, die über alles und über jeden ihr Urteil fällen. Sie selbst halten sich für unfehlbar. Schließlich halten sie die Gesetze Gottes. Eines Tages kommt ein Zöllner in den Tempel, der seine Sünden bereute, und laut rief: "Gott, sei mir Sünder gnädig!".
Aber wie reagierten die Pharisäer? Einer sprach: "Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, und halte deine Gesetze. Ich danke dir, daß Du mich besser gemacht hast, als jenen".

Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Berlin, Sommersemester 2003. In einem Seminar zur Predigtlehre müssen die Theologiestudenten Predigten selbst schreiben. Die Predigten werden dann mit den Kommilitonen diskutiert. Wir fragen nach, was darin gut war, was darin weniger gut war. Wo es an der Textauslegung haperte, wo rhetorisch noch ein wenig nachgebessert werden muß. Eine Studentin beteiligt sich an der Diskussion das halbe Semester nicht. Irgendwann ist sie dran, muß ihre Predigt der Kritik stellen. Sie bekommt Lob, aber auch Kritik. Vieles war gut gelungen, manches war aber noch verbesserungsfähig.
Ab der nächsten Seminarsitzung beteiligt sich die Studentin rege. Sie läßt an den Predigten der anderen Studenten fortan kein gutes Haar. Alles, was die anderen machen, ist in ihren Augen auf einmal schlecht.
Wie sie wohl den Satz vom Richten verstanden hat? Erst dachte sie: "Ich bin lieber mal still, kritisiere die anderen nicht, dann wird auch keiner meine Arbeit kritisieren". Und dann: "Jetzt, wo ich einiges an Kritik aushalten mußte, ist es mir egal. Wenn die anderen mich kritisieren, dann zeige ich's denen, das kann ich schon lange".

Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.

Das Beispiel zeigt, wie man diesen Satz gleich doppelt mißverstehen kann. Einmal: Stillhalten, berechtigte und sachliche Kritik nicht zu sagen, weil man sich selbst der Kritik nicht aussetzen will. Wer denkt, daß er sich gegenüber seinen Mitmenschen auf diese Weise ausklinken kann, der wird meist schnell eines besseren belehrt. Ein gutes Zusammenleben ist nicht möglich, wenn man sich nicht wechselseitig ermahnt und aber auch ermahnen läßt. Auch nicht, wenn man bei dem, was man tut, immer nur den Lohn vor Augen hat. Die Welt würde schnell im Chaos versinken, wenn gar nicht gerichtet würde.

Zum anderen: der Satz vom Richten läßt sich nicht umkehren, etwa so: Richtet, wenn ihr selbst gerichtet werdet. Wenn die anderen sich unfair gegenüber einem selbst verhalten, ist das noch lange kein Grund, es mit gleicher Münze zurückzuzahlen.

Jesus muß geahnt haben, daß seine Sätze mißverstanden werden könnten. Als ersten Satz stellt er eine Regel auf, die solche Mißverständnisse abwehren soll:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzig sein. Vergeben. Nur wenn man dies voranstellt, bekommt das Nicht-Richten sollen einen wirklichen Sinn.
Wir erleben solche Barmherzigkeiten oft. Aber nicht immer wissen wir sie zu würdigen. Da geht es gar nicht einmal um die großen Szenen, wie die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Jesus erzählt. Barmherzigkeit ist auch im Alltag spürbar.

Da ist eine Frau, die einen im vorübergehen anlächelt. Ich habe sie nie zuvor gesehen, ich sehe sie nie wieder. Aber ich lächele auch. Ich erfahre Sympathie und gebe sie weiter, ich habe selbst auch etwas davon.

Da ist der Kollege, der seit Jahren immer als erster im Büro ist, immer ein paar Minuten früher, und die Zeit vor Arbeitsbeginn nutzt, um für alle Kaffee zu kochen.

Da ist meine Familie, meine Freunde, die für mich da sind, wenn ich ihre Hilfe brauche. Auch, wenn ich die Liebe, die von ihnen ausgeht, einmal nicht zurückgeben kann, weil ich noch so in Gedanken bin.

Zur Barmherzigkeit gehört aber noch etwas anderes: es gehört dazu, daß man sich selbst erkennt. Daß man seine eigenen Schwächen kennt. Daß man eingesteht, daß man selbst auch Fehler macht.
Nur dann ist es ehrlich, wenn wir jemandem Gutes tun, aber auch, wenn wir jemanden ermahnen.

Jesus drückt das mit deutlichen Worten aus:
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?
Wer seine eigenen Fehler nicht sieht, der ist genauso blind, wie derjenige, den er führen will. Im Ergebnis fallen beide in die Grube, im Ergebnis haben beide nichts davon.

Jesus wird noch deutlicher:
Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir: es gäbe bei uns selbst genug zu richten.
Laß den Bruder seinen eigenen Weg gehen! Du hast genug zu schaffen mit deinen eigenen Verfehlungen. Die brennen wie ein helles Feuer. Wenn du löschen willst, fang da an! Lösch dein eigenes Feuer, es ist hell genug. Ein Heuchler ist, wer meint, sein Feuer ist schon gelöscht.

Harte Worte bringt Jesus uns entgegen. So wie das Nicht-Richten ohne die Barmherzigkeit ein Mißverständnis wäre, so wäre auch die Barmherzigkeit mißverstanden, wenn man als blinder Wohltäter durchs Land ginge, der vor allem blind gegenüber dem ist, was er selbst macht.
Beides ist nicht denkbar ohne Ehrlichkeit, vor allem gegenüber sich selbst.

Aber so klar all diese Forderungen Jesu an uns sind, so schwierig sind sie zu erfüllen.
Jesus wußte das. Er kannte die Menschen. Er wußte, wie schwierig es ist, sein Leben zu meistern. Sein Leben zu meistern, und dabei man selbst zu bleiben. Ehrlich zu sich selbst zu bleiben.

Deshalb spricht er auch tröstliche Worte. In der Mitte des heutigen Predigttextes stehen sie:
Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.

Das was Jesus von uns fordert, das fordert er wegen uns. Es wird euch gegeben werden. Ein volles Maß.
Es geht nicht nur um eine Aufrechnung - wie du mir, so ich dir. Es geht um mehr.
Was in diesem biblischen Vers steckt, ist eine Erfahrung, die wir jeden Tag aufs neue machen können. Erfahrungen, die aus dem Leben gegriffen sind.

Lassen Sie es auf einen Versuch ankommen: ein Lächeln reicht oft schon - der Mensch gegenüber wird mit Ihnen ganz anders umgehen.
Eine kleine Höflichkeit - kommen Sie noch ein wenig früher und bereiten Sie den Kaffee im Büro.
Hören Sie hin, was Ihre Freunde, was Ihre Familie bewegt.
Das Leben braucht solche Kleinigkeiten, um zu funktionieren. Und wer sein Leben im kleinen meistert, der wird es auch im großen besser angehen. Wer den anderen ernst nimmt, der kann sich selbst in ganz neuer Weise ernst nehmen.

Und Jesus verspricht noch mehr: ein volles, gerütteltes, überfließendes Maß an Gaben. An anderer Stelle spricht er davon, daß er gekommen ist, damit wir das Leben und volle Genüge haben. Ein volles, ein erfülltes Leben. Jesus eröffnet uns gerade hier eine neue Perspektive, sein Leben anders, besser anzugehen und zu füllen.

Vielleicht mag es für den einen oder anderen jetzt ein wenig zu einfach klingen. Bloß ein bißchen Gottvertrauen, ein bißchen Nettigkeit, das alles soll mir eine neue, eine bessere Perspektive für mein Leben geben?

Auch wenn es einfach erscheint: Probieren Sie es aus! Gerade einfache Dinge sind für uns heute, die wir gewohnt sind, in schwierigen und komplexen Systemen zu denken, manchmal schwer zu verstehen.

Ich glaube aber fest daran: für denjenigen, der sich diese einfachen Worte zu einer höchst persönlichen Begegnung werden läßt, dem werden sie unendliche Weiten eröffnen.

Amen.