Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 6,36-42

Pfarrer Achim Behrens

13.07.2003 in der Ev. Luth. St. Martinsgemeinde Altenstadt, Höchst a.d. Nidder

Liebe Gemeinde!

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Um diese Frage zu beantworten, ist es auch für Christen ratsam, nicht nur in die Bibel, sondern auch in die Zeitung oder die Tagesschau zu gucken. Vielleicht kann man ja an den Schlagzeilen und Meldungen der letzten Woche ablesen, in was für einer Welt wir leben. Was ist passiert?

In Singapur sind zwei Frauen nach einer tagelangen Operation verstorben. Die Ärzte hatten, versucht die beiden, die seit ihrer Geburt zusammengewachsen waren, zu trennen. Auf der Suche nach einem würdigen Leben haben sie den Tod gefunden. In Frankfurt tritt Michel Friedmann vor die Presse und erkennt einen Strafbefehl an. Indirekt gesteht er damit die Einnahme von Kokain ein. Er bittet um Verzeihung und um eine zweite Chance. Die IG Metall Führung ist hoffnungslos zerstritten. Die Betriebsräte in einigen Metall verarbeitenden Betrieben fordern, die Gewerkschaftsführer sollten nicht in den Urlaub fahren, sondern sich lieber den Ärger der Kollegen vor Ort abholen. Der Kanzler fährt nicht in den Urlaub nach Italien, weil ein italienischer Staatssekretär alle deutschen Touristen als tumbe Teutonen dargestellt hat. Der SPD-Generalsekretär fährt auch nicht mehr nach Italien, aber der Innenminister fährt. Die Oppositonsführerin findet das albern, und der FDP-Vorsitzende überlegt, ob er nun nicht gerade nach Italien fahren sollte, um dem Kanzler eins auszuwischen. Dafür findet ein Angehöriger der Bayerischen Landesregierung, dass man eigentlich keinen Urlaub in Hannover machen sollte, weil es da so langweilig ist...

Da findet sich wirklich Tragisches neben einer Art politischem Kaspertheater, das vielleicht auch einen ernsten Hintergrund hat, den man aber als unbedarfter Zeitgenosse nicht immer erkennt. Da kann man dann den Eindruck bekommen, dass hier Blinde versuchen, Blinde zu führen. Der Absturz droht, ist vielleicht unausweichlich. Wir schauen uns das ganze Weltgeschehen so an, schütteln vielleicht mit dem Kopf und richten uns in der Rolle des Zuschauers ein. Die anderen turnen uns was vor, und wir geben dann Noten ab. Aber Vorsicht! Allzu leicht fällen wir pauschale Urteile über "die" Politiker oder "die" Gewerkschafter (oder die Alten, Jungen, Behinderten, Ausländer und was es sonst noch gibt...) und schütten dabei das Kind mit dem Bade aus. Wir fallen in die Rolle des Richters - und die haben wir nun mal nicht. Gerade im großen politischen Geschehen fällt es leicht, den Splitter im Auge des anderen zu sehen. Leicht vergessen wir dabei, dass wir nicht bloß Objekte sind, an denen gehandelt wird. Auch wenn unser Einfluss gering erscheint oder in vielem auch gering ist: Der Staat, das Gemeinwesen sind wir alle, nicht bloß die Regierenden in Berlin oder anderswo. Auch in diesen Dingen können wir die Mahnung hören: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

Nun stammt ja dieses Wort aus der Bibel. Jesus hat es seinen Jüngern gesagt, und das soll keine allgemeine Lebensweisheit sein, die wir beim Zeitungslesen berücksichtigen, damit wir beim nächsten Mal unseren Groll gegen die Gewerkschafter oder die Politiker ein wenig dämpfen. Das wäre zu kurz gedacht. Gottes Wille zielt auf unser ganzes Leben. Er will uns als ganze Menschen prägen und uns helfen. So soll das "Richtet nicht", "Verdammt nicht" etc. zu einer Lebenshaltung aus dem Glauben werden, nicht bloß zu einer politischen Benimmregel. Aber dennoch gelten diese Regeln nicht bloß in einem irgendwie höheren geistigen Sinne, sondern für unseren konkreten Alltag.

Das, was Jesus uns heute Morgen noch einmal zuruft, beginnt mit den Worten "seid barmherzig!" Barmherzigkeit ist ein altmodisches Wort, eins von denen, die ihren Platz vielleicht noch in der Kirche, aber scheinbar nicht mehr im alltäglichen Leben haben. Als man vor kurzem Jugendliche nach ihren wichtigsten Werten und Zielen gefragt hat, da kam Barmherzigkeit in der ganzen Skala nicht vor. Wenn man mich gefragt hätte, wäre das Ergebnis wohl nicht anders gewesen. An erster Stelle standen Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen. Auch das sind wichtige Eigenschaften. Aber zum Selbstbewusstsein gehört eben auch der angemessene Umgang mit den Anderen, gehört, wenn man so will auch die Barmherzigkeit. Wo Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen zu Egoismus werden, da ist der Mensch bestimmt von der Angst zu kurz zu kommen. Da kann einer jemand anderem gegenüber gerade nicht barmherzig sein.

Die Aufforderung "seid barmherzig" mahnt uns an unsere Mitverantwortung für diese Welt. Sicher, die Kirche ist kein politisches Geschäft, und wo in der Kirche das Politische die Oberhand gewinnt, da geht das Eigentliche, die Verkündigung der frohen Botschaft, verloren. Aber die Kirche und der Glaube sind auch nicht Bereiche, die dieser Welt völlig entnommen wären. Wie es ja überhaupt kein wirklich unpolitisches Dasein gibt. Wer sich immer nur passiv verhält, lässt die anderen doch gewähren. So ist es auch nie der Sinn des Glaubens gewesen, dass Christen sich aus dieser Welt zurückziehen oder aus allem heraushalten sollten. Schließlich sollen wir ja das Salz der Erde sein. Und eine Möglichkeit dazu eröffnet die Aufforderung: Seid barmherzig.

Was aber ist denn nun eigentlich Barmherzigkeit? Nach zwei Seiten hin wird das hier verdeutlicht. "Vergebt, so wird euch vergeben" und "Gebt, so wird euch gegeben." Also das Erlassen von Schuld und das großzügige Schenken sind hier Kennzeichen der Barmherzigkeit.

Das Vergeben kann manchmal ganz schön schwer sein. In unmittelbarer Nähe unseres Predigttextes steht im Lukasevangelium das Vater Unser, in dem der Satz fällt "...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern". Wenn wir das als Bedingung lesen - erstmal müssen wir vergebungsbereit sein, damit uns Gott auch vergeben kann - dann wird das eine zentnerschwere Last. Dann muss ich mich immer fragen, habe ich denn eigentlich genug vergeben, so dass Gott mir nun auch mal was vergeben kann? Wie ist das mit Menschen, mit denen ich immer wieder Schwierigkeiten habe? Aber so ist das gar nicht gemeint. Umgekehrt wird ein Schuh draus! Weil Gott uns vergeben hat, deshalb sollen wir auch bereit sein, anderen Leuten eine neue Chance zu geben. Wenn wir uns im Gottesdienst sagen lassen, dass uns unsere Schuld vergeben ist, aber im Alltag unseren Schuldnern gegenüber unbarmherzig Erbsen zählen, dann läuft was falsch. Es geht auch darum, dass wir uns selbst immer wieder realistisch wahrnehmen. Es ist doch viel leichter, bei anderen den Splitter zu sehen, als bei uns selbst den Balken zu erkennen. Aber wer läuft schon gern mit einem Brett vorm Kopf rum? Wir selbst sollen frei werden. Daher: Vergebt, so wird euch vergeben.

Eine andere Seite der Barmherzigkeit ist das großzügige Schenken, das Geben für die, die in Not sind. Von Anfang an war dies ein Erkennungszeichen der Christen. Hier geht es nicht darum, dass Christen sich ausnutzen lassen sollen. Aber vor der Angst, ich könnte mit meinem Gaben vielleicht etwas falsch machen, soll der Blick für die Not des anderen stehen. Es geht darum, dass wir alles, was wir haben, als Gaben unseres Gottes erkennen. Er teilt vielen von uns reichlich aus. Wenn wir etwas davon weitergeben, dann wird uns das nicht um Haus und Hof bringen. Im Gegenteil. Wir geben, weil uns gegeben wurde und wir werden von unserem Gott empfangen, was wir brauchen. In Zeiten, in denen das wirtschaftliche Denken alles beherrscht, mag das naiv klingen. Aber gerade jetzt ist es Zeit daran zu erinnern, dass es noch andere Maßstäbe als die des freien Handels gibt. Verlassen wir uns auf die Zusagen unseres Gottes. Dann können wir mit freiem Herzen auch barmherzig sein.

Nun mahnt uns aber Jesus nicht nur zur Barmherzigkeit, sondern er nennt uns auch den Antrieb und die Grundlage dafür. Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Nächstenliebe hat ihre Wurzeln darin, dass ich die Liebe Gottes erfahren habe. Das ist ein Sinn unseres Gottesdienstes. Wir lassen uns stärken für unseren Alltag. Es gibt viele Aufgaben, die uns begegnen, Menschen, die für uns eine Herausforderung sind, Probleme die bewältigt werden müssen. Hier lassen wir uns zuerst mal zusagen, dass Gott auf unserer Seite ist und ein bisschen lassen wir uns auch die Richtung zeigen, in die unser Christenleben in der nächsten Woche führen könnte. Wenn wir es schaffen, ein altes Kriegsbeil zu begraben, eine alte Geschichte endlich ruhen zu lassen und mit Menschen wieder neu anzufangen, so wie Joseph das mit seinen Brüdern tat, die ihn verraten und verkauft hatten, dann wird Gottes Barmherzigkeit in unseren Leben sichtbar und erfahrbar. Wo wir ein Brett vorm Kopf verlieren und etwas zwischen uns und anderen Heil wird, da ist Gott mitten unter uns.

Noch einmal malt uns Jesus Gottes Großzügigkeit vor Augen. Er tut das mit dem Satz: "Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben." Hier steht wohl ein Getreidemaß im Hintergrund, in das eben mehr rein passt, wenn man es rüttelt und drückt. Anders gesagt: Gott ist wie ein Wirt, der nicht kleinlich auf den Eichstrich schaut, sondern auch mal unverlangt "Doppelte" ausgibt. Und er schenkt auch noch mal nach. Er tut das jedes Mal, wenn er uns sagen lässt, dass unsere Schuld vergeben ist, dass wir wieder neu anfangen können. Und er tut das, indem er uns das gibt, was wir zum Leben nötig haben, an Leib und Seele.

So weist er uns an diese Welt mit den Worten "Seid barmherzig wie euer Vater barmherzig ist." Wir sehen die Welt mit Gottes Augen. Trotz allem Tragischen und trotz allen Kaspertheaters ist es Gottes gute Schöpfung, für die wir Mitverantwortung haben und an der wir mitgestalten dürfen. In so einer Welt leben wir!

Amen


 


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