Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 6,6-11

Pfarrerin Eva-Maria Busch

11.01.2009

Heilung eines Mannes am Sabbat

Was machen wir mit dem Osterleuchter?

Etwas ratlos waren wir diesen Herbst im Kirchengemeinderat, was die Handhabung dieses schönen Gerätes anbelangt.

Jetzt haben wir ihn, wir wollten ihn, mal was Neues in der Zanger Kirche, wie gehen wir jetzt mit ihm um? Wann zünden wir ihn an?

Tradition gibt es in der evangelischen Kirche nicht….so ein Osterleuchter ist zunächst mal was katholisches, wenn es ihn jetzt auch in vielen evangelischen Kirchen gibt.
In katholischen Kirchen wird er nur zu bestimmten Anlässen angezündet, lasen wir, bei Sakramentalen Feiern oder hohen Feiertagen.
Eigentlich schade. Dachten wir. Er ist so schön. Und wenn er Christi Gegenwart symbolisiert, kann man ihn doch nicht nur an den hohen Feiertagen anzünden sondern sollte man die Kerze immer leuchten lassen….
Meinungen gingen hin und her, natürlich auch kontrovers.
Habe jetzt ich mich mit der gefundenen Regelung durchgesetzt, oder Einzelne Kirchengemeinderäte? Eigentlich sollte man denken in einer Kirche hat der Pfarrer, die Pfarrerin das letzte Wort…..schön wäre es! Nein, zum Glück nicht. Und zum Glück auch nicht einzelne Räte oder Personen. Wir haben einen Kompromiss gefunden. Wir haben eine neuartige Regelung, die gibt es jetzt nur hier in Zang aber sie hat jeden von uns zufrieden gestellt: Erbauer, Kerzenbesorger, Pfarrer, Kirchengemeinderäte….

Zuerst aber ist das immer so: Wo immer neues geschieht und auftaucht, fühlt altes sich in Frage gestellt.
Bisher kam man doch ohne Osterleuchter aus, könnte man sagen. Warum nicht weiter?  Und mit anderen Neuerungen in der Gemeinde ist es ähnlich: Bisher hat man auch nicht bei Taufen geläutet, warum jetzt, bisher haben wir Bach und Silcher im Chor gesungen, warum nicht weiter….ist das alles nicht mehr gut genug? War alles, so wie es bisher war falsch? Und sofort sind Menschen im Innersten getroffen, die sich engagiert haben, und die Dinge eben so machen oder so.

Vermutlich haben sich die Kirchenoberen damals so gefühlt, als Galilei behauptete, im Mittelpunkt des Alls stehe nicht die Welt, sondern die Sonne. Wie, ist denn alles falsch, was in der Bibel steht, wie kann man Dinge behaupten und bisheriges so in Frage stellen? Sind wir denn alle Nichtwisser, Dumme Würstchen? Wir wissen doch auch etwas, wir haben doch auch gelernt und überlegt…..was denkt Galilei, wer wir sind?

Wir hören Worte aus dem 6.Kapitel des Lukasevangeliums

Die Heilung eines Mannes am Sabbat
6 Es geschah aber an einem andern Sabbat, dass er in die Synagoge ging und lehrte. Und da war ein Mensch, dessen rechte Hand war verdorrt.
7 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer lauerten darauf, ob er auch am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, ihn zu verklagen.
8 Er aber merkte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt hervor! Und er stand auf und trat vor.
9 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Ist's erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten?
10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat's; da wurde seine Hand wieder zurecht gebracht.
11 Sie aber wurden ganz von Sinnen und beredeten sich miteinander, was sie Jesus tun wollten.



Ein Mann wird geheilt. Nicht mehr und nicht weniger. Dummerweise am Sabbat.
Das ist eigentlich verboten. Das gehört sich nicht. Das war schon immer so, wer dagegen handelt, handelt gegen das göttliche Sabbatgesetz und gegen alle medizinische Erkenntnis. Das Gesetz sagt, es ist nicht erlaubt, die Erkenntnis sagt: Die Hand lässt sich nicht einfach so durch Handauflegung heilen. Da braucht man Spritzen, Operationen, Rezepte, Reha…..
Und da steht zwischen dem Naturgesetz und dem religiösen Gesetz dieser Jesus von Nazareth und tut es einfach. Fordert den Mann auf, in die Mitte zu stehen.
Und genau das ist es, was er immer und überall tut. Menschen anschauen, fragen, was sie wollen, und brauchen, sehen, wie sie leben, ob sie leben.

Jesus, wo immer er geht und steht, stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Nicht Institutionen, Akten, Thesen, Naturgesetze, sie seien so oder so.
…ismen und Doktrinen und Tradition –aber auch Innovation, alles was mit -ion endet und mit ismus…ist ihm mit Verlaub total egal. Kümmert ihn nicht. Es gibt für Jesus nicht eine Tradition um der Tradition willen, Neuerungen um der Neuerungen willen.
Gesetze um der Gesetze willen. Es gibt für ihn nur den Menschen.
Und das ist das wirklich revolutionäre und umwälzend neue an seiner Haltung.
Es gibt für ihn nicht den Menschen als Krone der Schöpfung oder als Untertan Gottes sondern nur den Menschen vor Gott .Einem offenen, friedliebenden, gerechten, sich zuwendenden- und darum heil machenden Gott. Egal wie herum die Sonne dabei kreist.

Was heißt das für uns, was heißt das  für Jesu Kirche? Sie ist ja immer schon eine Kirche gewesen, die sich schwer tat mit andersdenkenden. Die gewisse fundamentale Glaubensgrundsätze hat, die sie auch bereit ist, mit Zähnen und Klauen und Feuer zu verteidigen.
Nun:
Wenn Jesu Zuwendung dem Menschen gilt, muss auch seine Kirche eine dem Menschen zugewandte Kirche sein. Dann gelten eben  nicht zuallererst Doktrin und Paragraphen und…ismen. Dann wird nicht gefragt, was erlaubt ist, was man macht, sondern welches Bedürfnis haben Menschen. Was brauchen sie. Jetzt.
Hier.

Und dabei kann man zu unterschiedlichen Antworten kommen.

Manchmal ist das, was Menschen brauchen auch durchjaus die Heimat vergangener Traditionen, die Sicherheit alter Gebete und Lieder. Alle Gemeinschaften, die Neuerungen um des Neu seins willen einführen, fragen genauso wenig nach dem Menschen wie diejenigen, die sich seit 2000 Jahren kaum geändert haben.
Welches Bedürfnis haben Menschen. Was können wir ihnen geben. Jetzt. Den einen- und den anderen. Wie viel Wurzeln brauchen sie, wie viel Visionen, wie viel Nähe, wie viel Distanz um sich heimisch zu fühlen.…. Das ist die zentrale Frage. Nicht, wie alt das Lied ist, das jetzt gesungen wird und ob die Pfarrerin untertags in Jeans rum läuft.

Einfach ist das nicht.

Aber eine Kirchengemeinde, die in der Nachfolge Jesu den Menschen ins Zentrum der Fragestellung rückt, wird immer neu suchen und fragen und überlegen müssen. Endgültiges wird sie nie in Händen haben, denn es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich verändert und entwickelt, je nachdem, wie sich Gesellschaft verändert und entwickelt.
Eine Kirchengemeinde, die in Jesu Nachfolge nach dem Bedürfnis der Menschen vor Ort fragt, wird sich auch nie an festen und bestimmten Gruppierungen orientieren, an dem, was wir Kerngemeinde nennen. Sie wird über Grenzen hinweg gehen müssen, der Kultur, der sozialen Stellung….vielleicht sogar der Religion.

Eine Kirchengemeinde, die in Jesu Nachfolge Menschen ernst nehmen will, wird auf ihre Fragen hören und gemeinsam mit ihnen nach Antworten suchen müssen. Und Fragen wird es immer geben. Menschen sind fragende, sie haben Verstand und Intellekt und ihre Zweifel und ihre eigene Biographie aus der heraus sie vielleicht so oder so glauben. Um ein unterwegs sein, um Respekt, um das Lehren von Respekt und Gerechtigkeit geht es auch hier.

Jeder Mensch braucht etwas anderes. Jeder Mensch braucht eine andere Antwort, eine andere Zuwendung. Der eine braucht den Christbaum am Heiligen Abend, der andere braucht das Abendmahl am Karfreitag….der eine  braucht schöne Silcherlieder und der andere Rock- und Popmusik. Nehmen wir das wahr? Nehmen wir das ernst. Und wenn wir es sehen, wie gehen wir damit um ?

Ein neues Weltall tut sich da auf für eine Kirchengemeinde, die so zu leben versucht.
Da strecken sich viele Köpfe aus der Käseglocke…würde Kopernikus sagen. Und Fragen tauchen auf, die sicher auch Angst machen, die einen selbst in Frage stellen, und die unbequem sind….auch für mich.
Die hören bei Osterleuchter und Liedgut noch lange nicht auf.

Solange aber dabei der Mensch im Mittelpunkt steht, ist die Konstellation und die Perspektive die richtige. Sind alle Ketzer und Entdecker und Bewahrer, Traditionalisten und Reformer in einem. Über eine solche Kirchengemeinde kann mit Galilei inmitten aller Weltgeschehnisse gesagt werden: Und sie bewegt sich doch.

In Zang glaube ich, tut sie es .Nicht immer. Aber immer öfter. Amen.