Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7, 11-17

Pfarrer a.D. Ernst-Friedrich Jochum (ev)

16.11.2013 in der Namen-Jesu-Kirche in Bonn

Gedenkgottesdienst für Menschen, die auf Veranlassung der Stadt Bonn ohne Trauerfeier beerdigt wurden

Durch Jesus sind wir alle Töchter und Söhne Gottes, darum:

Liebe Schwestern und Brüder,

1
 „Weine nicht.“

Kann man das einfach so sagen?
Wir wissen, wie sinnlos das manchmal ist.
Wenn ein Mensch weint, dann helfen diese paar Worte oft kaum:
„Nun weine doch nicht.“
Worte prallen oft wirkungslos ab an Kummer, Trauer und Verzweiflung.

Die Frau in unserer Geschichte hat allen Grund zum Weinen.
Sie ist eine verwaiste Mutter und sie ist eine Witwe.
Erst starb ihr Mann, nun auch noch der einzige Sohn.
Wir haben hier ein schönes Beispiel für die Grausamkeit des Lebens.
Andere sagen: Für die Ungerechtigkeit Gottes.
Dieser Tod ist schlimm für die Frau:
Sie hat nun niemanden mehr, der sie ernährt.
Damals war das schlimm, ohne Mann in der Familie.
Nur Männer konnten vor Gericht ziehen. Als verwitwete, verwaiste Frau ist sie nun jeder Willkür ausgesetzt.

Sie hat keine Zukunft mehr. Sie ist in ihrer Existenz bedroht.
Verständlich, dass viele Menschen mit ihr gehen.
Ein solch hartes Schicksal berührt uns.
Da würden wir auch zur Beerdigung mitgehen.
Da würden auch wir unsere Solidarität bekunden.
Wir würden auch die Tränen nicht zurückhalten können.

2
Worüber weinen wir an Särgen und Gräbern?
Es ist unser Schmerz.
Wir sind verwundet.
Uns ist etwas weggerissen.
Eine Frau sagte mir nach dem Tod ihres Mannes: Ich fühle mich halbiert.
Wir weinen, weil wir uns das Liebste nicht auf ewig bewahren können.
Wir sind einer dunklen Willkür ausgeliefert, der Willkür des Todes,
der Menschen auch unzeitig aus dem Leben reißt.
Wir weinen, weil unsere Gemeinschaften unwiderruflich zerrissen werden,
unsere Hoffnungen müssen wir mit begraben,
Lebensfreude wird erstickt.
Wir sind alleine.

Wir finden uns an Särgen und Gräbern konfrontiert mit einer Welt,
in der der Tod das Sagen hat.
Unausweichlich ist der Tod.
Für alle.
Wir müssen seine Herrschaft anerkennen, der uns auseinanderreißt und uns solche Schmerzen zufügt.

3
Die Welt gehört dem Tod.
Diese Erfahrung machen wir nicht nur, wenn ein Mensch aus unserem Leben stirbt.
Bei der Naturkatastrophe auf den Philippinen sind tausende Menschen erschlagen worden, verschüttet, ertrunken, drohen jetzt auch noch zu verhungern.
Ein 19jähriger fährt sich zu Tode.
In Syrien wütet ein Krieg, der keine Rücksicht nimmt darauf, ob du Kämpfer bist oder ein einfacher Zivilist.
Wir können das beliebig erweitern. Überall grinst uns der Tod an.
Und weil wir dies Grinsen nicht ertragen können, blenden wir ihn aus unserem Leben aus.

Können wir Christen angesichts dieser Wirklichkeit überhaupt noch eine solche Geschichte wie die von Jesus und dem jungen Mann verbreiten?
Die Wirklichkeit spricht doch eine ganz andere Sprache als diese Totenauferweckung.
Hier starb ja ein Mensch nicht alt und lebenssatt.
Er wurde mitten aus dem Leben gerissen,
viel zu früh,
noch zu jung,
vorzeitig,
unzeitig.

4
Liebe Schwestern und Brüder,
gerade weil unsere Wirklichkeit so ist wie sie ist, brauchen wir diese Geschichten.
Wir brauchen den Blick auf unseren Jesus Christus.
Wir brauchen den Blick auf den, der dem Tod seine Herrschaft bestreitet,
Einen, der unsere Tränen trocknet.
 Wir brauchen Jesus Christus, weil er alleine
dem  Tod seine Macht genommen hat
.

Und so stellt unser Evangelist Jesus auch vor:
 Herrschaftlich, als Herr der Situation und als Herr des Todes.
Mit seinem „Weine nicht“ widerspricht Jesus der Herr der Allmacht des Todes.
 Es jammerte ihn die Frau: Er will unsere Trostlosigkeit nicht länger mit ansehen. Er will nicht, dass wir keine Hoffnung haben.
Er will nicht, dass wir an den Tod glauben.
Er trocknet unsere Tränen,
er öffnet uns den klaren Blick auf die andere Realität,
die Realität des Lebens.

5
Das beginnt damit, dass Lukas Jesus hier mit dem Titel „Herr“ einführt: „Als sie der Herr sah, jammerte ihn.“
Der Herr – das ist der Titel, den wir Christen Jesus auf Grund seiner Auferweckung geben: Er ist der Herr über den Tod.
Jesus ist eingebrochen in den Machtbereich des Todes und  hat ihm das Zepter aus der Hand genommen.
Jesus geht nicht achtlos an diesem Zug des Todes vorbei,
der ihm und seinen Jüngern aus der Stadt entgegenkommt.
Ihn berührt das Schicksal der Menschen, die vom Tod betroffen sind.
Jesus muss keine Berührungsängste haben vor dem Toten.
Er berührt den Sarg.
Die Träger bleiben stehen.
Der Tod hält an.
Der Tod steht still.

Denn nun hört der Tote auch das Wort seines Herrn:
 Jüngling, ich sage dir: steh auf.
Und der Tote richtete sich auf
.
Ein weiterer herrschaftlicher Akt:
Der Tote kann Jesus hören.
Jesus dringt mit seinem Wort in den Tod ein.
Unsere Toten sind für Jesus Christus erreichbar.
Er kann sie anreden, und ihn hören sie.
Uns nicht mehr. Aber ihn.
Er bleibt der Herr über uns,
auch im Tod.

6
Liebe Schwestern und Brüder,
das kann uns trösten für uns selbst.
Das kann uns trösten für die Menschen, die uns lieb und wert sind.
Wir bleiben für Jesus Christus auch im Tod erreichbar.
Oft beginnt es ja schon auf dem Sterbebett:
Wir wissen nicht, ob der/die Sterbende uns noch hört.
Unsere Kommunikation reißt ab schon vor dem letzten Atemzug.
Aber die Verbindung Jesu Christi mit uns reißt nie ab.
Auch im Tod bleiben wir für ihn erreichbar.
Das Grab ist  kein Funkloch,
um es in der Handysprache zu sagen.

Der Jüngling hört seinen Herrn, und er richtet sich auf.
Und Jesus gab ihn seiner Mutter.
Ein weiterer herrschaftlicher Akt:
Dieser Mensch gehört Jesus Christus.
Er hat ihm jetzt das Leben neu gegeben.
Sein Leben gehört Jesus.
Jesus schenkt den Sohn der Mutter zurück.
Jesus schenkt dieses Leben seiner Mutter.

Menschen sind uns geschenkt auf Zeit.
Wir, die wir Gott gehören, sind einander anvertraut mit den Gaben und Talenten, die jeder von uns hat.
Wir haben keinen Anspruch auf eine bestimmte Lebenszeit.
Wir haben keinen Anspruch auf einen Menschen.
Wir haben keinen Anspruch auf eine bestimmte Zeit mit einem Menschen.
Wir sind uns geschenkt auf Zeit.
Und es ist Gottes Gnade und Barmherzigkeit, und Fürsorge,
wenn er uns einen Menschen in unser Leben hinein schenkt.


7
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit noch auf einen letzten Aspekt in unserer Geschichte lenken.
Jesus weckt den jungen Mann wieder auf.
Aber er weckt ihn auf in dieses Leben,
das Leben in unserer Welt.
Der junge Mann lebt heute nicht mehr.
Er ist ja wieder gestorben.

Mir sagt Jesus damit:
Die Ewigkeit ist noch nicht angebrochen.
Das Reich Gottes ist noch nicht vollendet.
Aber ihr wisst jetzt:
Der Tod hat seinen Meister gefunden.
Habt keine Angst vor dem Tod,
habt keine Sorge um eure Toten.
Sie sind bei mir gut aufgehoben.
Bis zum jüngsten Tag.
Bis zum letzten Tag.
Sie verschlafen alles weitere Unheil und Unglück dieser Welt,
und dann werden sie, werdet ihr, eines letzten Tages aufwachen
und alles ist gut.

8
Jesus weckt den jungen Mann auf in unser Leben.
Mir zeigt das auch:
Unser Leben vor dem Tod hat seinen Wert.
Jesus straft alle Lügen, die dieses Leben hier und jetzt nur als Jammertal abtun und ihm keine Qualität zusprechen.
Jesu sieht das anders.
Er will, dass wir hier leben.
Dass wir miteinander leben.
Leben – das ist ein Leben mit anderen.

Das erste, was der junge Mann in seinem 2. Leben tut:
 Er fing an zu reden.
Er kommunizierte mit den Menschen um ihn herum.
Kommunikation, leben und reden miteinander – das ist ein Qualitätsmerkmal für uns.
Miteinader reden können – das ist ein Zeichen von Lebendigkeit.
Wenn wir nicht miteinander reden, dann sind wir füreinander gestorben.
Wer nicht mit anderen reden kann, ist sehr alleine, verbannt in Einsamkeit.
Dass wir reden können, das ist ein wesentliches Merkmal von uns Menschen.
Wir können Beziehungen zueinander und miteinander haben,
lebendigen Kontakt.

9
Auferstehung hinein in dieses Leben –
Der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti hat es so verdichtet:
„ihr fragt
wie ist
die auferstehung der toten?
    ich weiss es nicht.
ihr fragt: wann ist die auferstehung der toten?
    ich weiss es nicht.
ihr fragt:
gibt’s
eine auferstehung der toten?
    ich weiss es nicht.
...
ich weiss
nur,
wozu Er uns ruft
    zur auferstehung heute und jetzt.“
        (Leichenreden S. 25)

Darum: „Christen sind Protestleute gegen den Tod“.
Unser Protest kann so aussehen, dass wir das Klagen von Menschen aushalten.
Oder auch: Wir halten Menschen Lebensmöglichkeiten offen.
Wir spielen dem Tod nicht andere Menschen in die Hände.
Protestieren wie unsere Suchtberatungsstellen, die darum kämpfen, dass auch weiterhin Heroin durch einen anderen Stoff ersetzt werden kann,
damit den Süchtigen ein Weg aus ihrer Abhängigkeit offen gehalten wird.
Wir brechen Beziehungen nicht ab, sondern versuchen sie zu heilen.

Überall bestreiten Menschen dem Tod seine Allmacht und zeigen:
Wir glauben nicht, dass er gewinnt,
ob das Ärzte ohne Grenzen sind,
ob das Soldaten in Afghanistan sind, die einen friedlichen Aufbau des Landes sichern helfen,
ob das die Altenpflegerin ist, die einen Zugang sucht und findet zu demenzkranken Menschen.
Überall, wo Menschen beim Leben geholfen wird.
Wir, aus uns heraus, können dem Tod nicht Paroli bieten.
Aber im  Namen Jesu,
nicht aus  eigener Vollmacht,
können wir dem Tod sein ewiges Recht auf uns bestreiten.
Bis an den Rand des Todes selbst kann das gehen.
Davon können uns die Menschen erzählen, die Sterbebegleitung machen in Hospiz und Zuhause.

10
Und davon erzählt auch das kleine Büchlein von Eric-Emmanuel Schmitt:
 Oskar und die Damen in Rosa.
Oskar, ein 10jähriger Junge, hat Leukämie. Er hat nur noch 12 Tage zu leben. Ärzte und Eltern weichen dieser schmerzhaften Tatsache aus. Nur Mama Rosa, eine engagierte Betreuerin, begegnet seinen Fragen, Ängsten und Wünschen offen, feinfühlig und phantasievoll.
Sie schlägt vor, an jedem Tag 10 Jahre seines Lebens nachzuleben. „Von heute an betrachtest du jeden Tag, als wären es 10 Jahre“ ist ihre Idee, die für Hoffnung, Mut und Lebensfreude sorgt.
Oskar hält diese Jahre fest in Briefen, die er an Gott schreibt, an den er eigentlich gar nicht glaubt.
Oskar stirbt. Er ist nicht ins Leben zurückgerufen worden.
Nach seinem Tod schreibt Oma Rosa einen Brief an Gott,
der ein PS, einen Nachsatz, hat:
 Die letzten drei Tage hatte Oskar ein Schild auf seinen Nachttisch gestellt.  Ich glaube, es ist für Dich. Es stand drauf: „Nur der liebe Gott darf mich wecken.

Kann es ein schöneres Bild geben dafür, dass wir nicht an den Tod glauben:  Der Tod ein Schlaf, aus dem Gott mich aufweckt.
Mehr nicht.
Weniger nicht.

Amen.


1703  ~ 15 '



Gedenkgottesdienst 16.11.13

Einleitung Gedicht

Der Verein für Gefährdetenhilfe Bonn kümmert sich um Menschen in schwierigen Lebenssituationen,
z.B. Drogenabhängige, Wohnungslose.

Der VfG hat einen Band mit Gedichten herausgegeben, in dem Gedichte von Menschen aus diesem Kreis aufgenommen sind.
Im letzten Gottesdienst haben wir daraus schon zwei Gedichte gehört.


Heute ist Uwe Neumann selbst hier und trägt uns eins seiner Gedichte vor.
Uwe Neumann, Zeit der Leiden

Liedruf:   Bleib mit deiner Gnade bei uns