Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7, 36-50

Vikarin Anneke Ihlenfeldt (ev.-luth.)

11.08.2013 in der Johanneskirche in Ritterhude

normaler Sonntagsgottesdienst in einer Gemeinde im Speckgürtel von Bremen

Anm. der Predigerin: Die "Überschriften" sind nur für mich gewesen. Ich habe sie nicht vorgetragen.

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und von dem Herrn Jesus Christus.

„Die da! Die Frau da! Das ist eine Sünderin.

Das sagen doch alle. Lasst Sie bloß nicht an Euch ran. Redet nicht mit ihr. Unrein ist sie, Nichts für uns normale, gute Bürger. Eine, die ohne Mann lebt. Oder mit zu vielen. Die ist nichts wert! Für so eine das Haus öffnen?! Niemals. Mit der zu Tisch liegen. Bestimmt nicht.“ Solche Worte – offen oder verdeckt gesprochen – schmerzen. Verletzen mit jedem Mal mehr. Gegen solche Worte ist kein Kraut gewachsen und keine dicke Haut.

„Sünderin“ Ich stelle mir vor, das sind Frauen, die kein Mann absichert; und die dadurch am Rande der Gesellschaft stehen.

„Sünderin“, sagt man über sie und zeigt mit dem Finger auf sie, so dass sie ihr Gesicht verlieren und ihren Namen.

„Sünderin“, so redet man über sie; nicht mit ihr.

Mit jedem Mal gewinnt dieses Wort mehr Substanz, es wird immer richtiger, bis niemand mehr hinterfragt, was eigentlich dahintersteckt.

So funktioniert Ausgrenzung. Das Prinzip dahinter ist immer das Gleiche. Eine „Sünderin“ war es zu Jesu Zeiten, später „die Saujuden“, die „dreckigen Flüchtlinge“, die „Roten“, die „Schwulen“ oder die „Scheiß-Albaner“, wie noch vor kurzem an unserem Bahnhof zu lesen stand. Die Bezeichnungen haben gewechselt; das Prinzip ist über die Jahrtausende das gleiche geblieben.

Was hilft gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung und gegen die Gleichgültigkeit?

Kommen Sie mit mir auf eine Reise. Vielleicht finden wir in der Ferne Antworten. Wir reisen in eine Geschichte von vor 2000 Jahren. In eine Geschichte von der Not und von der Hoffnung;

vom Lernen und von der Liebe. Sie steht im Lukasevangelium Kapitel 7, 36-50:

Ein Pharisäer aber lud ihn ein, mit ihm zu essen, und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. Und seht, eine Frau, die in der Stadt als Sünderin galt, hörte, dass er im Hause eines Pharisäers aß, und brachte eine Alabasterflasche mit Salböl. Dann begab sie sich nach hinten, zu seinen Füßen, und weinte. Mit den Tränen begann sie seine Füße zu benetzen, mit ihren Haaren trocknete sie diese, und sie küsste und salbte seine Füße mit Salböl. Der Gastgeber aber sah dies und sagte zu sich: „Wenn es ein Prophet wäre, würde er merken, wer sie ist und was für eine ihn da berührt, nämlich: eine Sünderin“ Jesus aber sagte zu ihm: „Simon, ich muss dir etwas sagen.“ Der sagte: „Lehrer, nur zu, sprich!“ „Es hatte jemand an zwei Menschen Geld geliehen: Eine Person schuldete 500, die andere 50 Denare: Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer von den beiden wird ihn stärker lieben?“ Simon antwortete: „Ich vermute die Person, der er mehr geschenkt hat.“ Und er sagte zu ihm: „Du hast richtig geurteilt.“ Er wandte sich der Frau zu und sagte zu Simon: „Siehst Du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser für die Füße gegeben. Sie aber benetzte meine Füße mit Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. Du gabst mir keinen Begrüßungskuss, sie aber, seit sie herein gekommen ist, hat sie nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden wurden ihr vergeben, denn sie liebt stark. Wem aber wenig vergeben wurde, der liebt nur wenig.“ Er sagte zu ihr: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Am gemeinsamen Tisch begannen sie zu sagen: „Wer ist er, dass er auch Sünden vergeben kann?“ Er sagte zu der Frau: „Dein Glauben hat dir geholfen, gehe in Frieden.“

Eine Geschichte von der Not.

Lukas liebt die kleinen Leute. Für ihn ist der Heiland vor allem zu kleinen Leuten gekommen, zu Prostituierten, Zöllnern, Witwen und allen, die aus der Welt zu fallen drohen. Kleine Leute in großer Not. So wie diese Frau, die Jesus, den Retter, so dringend nötig hat, dass sie allen Regeln ihrer Gesellschaft und auch allen Regeln der Vernunft zuwider handelt: Sie bricht ein in ein Tischgelage. Bricht in Tränen aus; zerbricht ein Alabasterfläschchen und lässt Salböl im Überfluss fließen. Not macht sie, die kleine Sünderin, mutig. Wenn ich von dieser Frau in Not lese, kommen mir die Worte des Dichters Bert Brecht in den Sinn: „Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?“ Mit der Macht der Not kämpft sie für ihren Platz an der Tafel, zu den Füßen Jesu.

Mit dem Glauben, der aus Verzweiflung wächst, kämpft sie für ihren Anteil an der Hoffnung.

Eine Geschichte von der Hoffnung

Gott wird Mensch; das ist die Hoffnung. Gott wird Mensch und wir finden ihn in unserer Mitte. Wir feiern Abendmahl und er teilt sich uns mit. Wir erinnern uns an die vielen Tischgesellschaften, an denen er gegessen und getrunken hat. Das glauben wir und deswegen feiern wir Abendmahl.

Dennoch stellen wir uns heute den Menschen Jesus eher als eine vergeistigte Figur vor. Gott und Mensch, ja gewiss, aber muss es denn unbedingt so ein richtiger Mensch sein? Einer, der schwitzt und stinkt? Vielleicht sogar einer mit verhornten, staubigen Füßen und Fußpilz?

Ja, genau so ein Mensch muss es sein, denn er macht sich auf den Weg zu den Menschen. Das ist kein kleiner Sonntagnachmittag-Spaziergang. Das ist ein harter Gang. Er macht sich auf den Weg zu den Prostituierten, zu den Zöllner und Witwen; in die engen Gassen der Stadt und die letzte Dorfstraße.

Und: Er macht sich auf den Weg durch alle Zeit zu uns.

Eine Geschichte vom Lernen

Simon, Simon, du guter Bürger, du Gastgeber und Kenner der Schrift. Simon, da lädst du diesen Jesus, den wanderden Prediger an deinen Tisch und er verhält sich so ungehörig. Er lässt sich von „so einer“ berühren. Ach, Simon, du reitest so großartig das hohe Ross. Du weißt so genau, was richtig und was falsch ist. Ich höre deine Gedanken: „Ein Prophet?! Ha, wer´s glaubt!“ Ich höre deine Gedanken und erkenne meinen eigenen Hochmut. So oft hältst du uns einen Spiegel vor.

Wenn ich von Dir lese, denke ich: Das hohe Ross, auf dem du reitest; es ist meins.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von ihm hören?

Simon, fühlst du dich ertappt, als der komische staubige Wanderprediger dich bei deinem Namen nennt? Erkennst du deinen Fehler?

Simon höre, was diese Geschichte uns zu sagen hat: Gott geht in unser Haus ein. Gott lässt sich nicht abhalten von Ungastlichkeit; von unseren Fehlern. Er hat weiter Interesse an uns. Jesus kommt zu uns und lehrt uns die Liebe, die uns vom hohen Ross holt.

Eine Geschichte von der Liebe

Es riecht und duftet; Salböl fließt im Überfluss aus der Alabasterflasche und macht aus dem vielleicht etwas ungeliebten Gast mit müden Füßen einen König, einen gesalbten Hoffnungsträger. Die „Sünderin“ zeigt damit ihr Übermaß an Liebe. Es ist mehr als die damalige Sitte von einem Gastgeber verlangt: nicht nur Wasser für die Füße, sondern Salböl, das eigentlich für die Kopf bestimmt ist. Küsse auf die Füße, die sich auf den Weg gemacht haben. Auf den Weg zu Simons Haus. So wie auch sie sich auf den Weg gemacht hat, um in das Haus zu kommen, in dem Jesus weilt. Das ist mehr als Willkommenskultur, das ist Liebe.

Hier erst merkt sie: Nicht nur zu Simon hat Jesus sich auf dem Weg gemacht, sondern auch zu ihr. Er wendet sich ihr zu: er sieht ihre ganze Not, die Verstrickungen, die sie in den Augen der ganzen Stadt zur „Sünderin“ macht. Jesus sieht sie in ihrer Liebe und gibt ihr seine Liebesgabe: Er hebt sie auf. Er erklärt all ihre Not für Null und Nichtig. Befreit sie und macht sie groß. Mit einem Wort schenkt er ihr den so lang ersehnten Frieden.

Was hilft gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung und gegen die Gleichgültigkeit; das war die Frage mit der wir uns auf den Weg gemacht haben in eine Geschichte von vor 2000 Jahren.

Mit Simon dürfen wir lernen, was es alles zu gewinnen gibt, wenn wir unsere Häuser und Herzen den Fremden öffnen: nicht weniger als die Befreiung aus allen Verstrickungen.

Mit Jesus können wir erleben, wie wohltuend unerwartete Gastlichkeit ist.

Mit der Frau, von der Lukas erzählt, erfahren wir, dass Willkommenskultur heute heißt, nicht: lass mich in Frieden, sondern mit Jesus sagen: Friede sei mit Dir.

In diesem Sinne: Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.