Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7,36-50

Pfarrer Andreas Brummer

26.08.2001 in der Ev.-luth. Nikodemus-Kirchengemeinde, Hannover-Heideviertel

Liebe Gemeinde!

Bei dieser Geschichte knistert es. Es knistert, weil da am Tisch des Pharisäers Simon zwei Welten aufeinanderprallen. Man könnte sagen: Hier die Welt der klaren Ordnung, der Rechtschaffenheit, ja, auch der Moral und dort eine Welt, in der Grenzen, zumindest die Grenzen der Moral übersprungen werden. Eine Frau - die war in der Stadt eine Sünderin. Da schimmert das Rotlicht bereits in der Formulierung hindurch. Eine stadtbekannte Prostituierte. Und in dem, was sie da tut im Hause des Simon, wird dies noch unterstrichen. Jenseits allen Anstands, mit unschicklich weit offenem Haar, beginnt Sie Jesus die Füße zu salben und zärtlich zu küssen. Kein Wunder, daß da der Pharisäer innerlich die Nase rümpft. Also da knistert es. Und Jesus sitzt oder besser liegt zwischen den Stühlen.

Jetzt kann man diese Geschichte natürlich ganz unterschiedlich anpacken.
Ich will es heute mal so machen, daß ich ein Bild zur Hilfe nehme. Verstehen Sie das Ganze, das da stattfindet, einmal als eine Art Tauziehen. Ein Tauziehen zwischen zwei Welten.
Da ist auf der einen Seite die Einladung des Pharisäers. Und es bat ihn aber einer - einer von den Pharisäern, bei ihm zu essen. Der Pharisäer will Jesus in sein Haus, in seine Welt, auf seine Seite ziehen. Und Jesus geht mit. Und Jesus ging hinein in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. So weit, so gut.
Doch dann kommt diese Frau. Aus ihrer Welt des Rotlichts dringt sie hinein in die Welt der Rechtschaffenheit und beginnt Jesus an den Füßen zu packen. Das ist sozusagen die andere Seite, die am Tau zieht. Und Jesus ist auf einmal das Tau in der Mitte. Der eine zerrt gewissermaßen am Kopf, die andere hält ihn an den Füßen fest. Und die Frage der Geschichte ist dann: Wie wird das Tauziehen entschieden? Wohin läßt sich Jesus ziehen? Auf welche Seite schlägt er sich?

Jetzt kann man sagen: Na, das ist doch klar. Auf die Seite der Frau läßt er sich ziehen. Das ist ja die Zielrichtung des Ganzen. Denken Sie nur an den letzten Satz. Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden. Also, keine Frage: Mag der Pharisäer sich in seiner Rechtschaffenheit noch so sehr dagegen stemmen, die Frau setzt sich durch. Sie zieht Jesus auf ihre Seite. Sanft und zärtlich. Und dann lernen wir in der Geschichte, was eigentlich wichtig ist: Nämlich nicht überkorrektes Pharisäertum, sondern die unkonventionelle Freiheit der Liebe. Nicht ein verkopfter Glaube, sondern eine Religiösität, die Leib und Seele und Herz bewegt. So wie das eben die Sünderin zeigt.

Sicher: Jetzt geht es in der Geschichte natürlich darum, daß diese Frau - die stadtbekannte Sünderin - gewürdigt wird, daß sie angesehen wird und angenommen. Daß sozusagen die, die im moralischen Sinne bisher obdachlos durch die Stadt geirrt ist, ein Zuhause findet. Deine Sünden sind dir vergeben, wird Jesus sagen. Und das ist eine schöne Wendung der Geschichte.
Die Gefahr ist nur - und die Auslegungsgeschichte dieses Textes belegt das - daß diese schöne Wendung um den Preis erkauft wird, daß der Pharisäer plötzlich vor der Türe landet. Er wird dann zum Antitypus, zum Gegenbild, das man dann getrost und sozusagen politisch korrekt in die religiöse Obdachlosigkeit schicken kann und sagen: So darf man's eben nicht machen.

Ein plakativer Satz dazu aus einer Predigt zu diesem Text. Da heißt es: "Jesus will keine Schrankenwärter, sondern Brückenbauer". Man muß nicht viel zu diesem Satz sagen: Schrankenwärter, damit ist natürlich der Pharisäer gemeint, der aufpaßt, daß da keiner über den Bahnübergang der Gebote hinüber tritt. Und solche will Jesus also nicht. Keine Schrankenwärter, sondern Brückenbauer. Pharisäer werden arbeitslos.
Nur: Wer sagt eigentlich, daß es da um ein Entweder-Oder und um ein Nicht-Sondern geht? Wenn nun Jesus beide brauchen könnte, den Schrankenwärter und den Brückenbauer? Der Eisenbahnzug zum Reich Gottes jedenfalls muß zwar gewiß über Kluften und Schluchten hinweg fahren können, um zu seinem Ziel zu kommen, - aber, liebe Gemeinde, was nützen die schönsten Brücken, wenn's schon am nächsten Bahnübergang kracht? Ich vermute jedenfalls: Bei der Reich-Gottes-Eisenbahngesellschaft werden auch Schrankenwärter eingestellt. Und da haben auch Pharisäer ihren Platz. Wenn Jesus die Einladung des Pharisäers Simon so selbstverständlich annimmt, dann ist das jedenfalls dafür auch ein deutliches Zeichen.

Nun will ich aber die Gegensätze, die es da gibt, nicht einfach nivellieren. Die sind da. Natürlich ist Simon einer, der sich an Grenzen orientiert und sie sehr streng achtet, während die Biographie jener Frau diese eher ausweist als eine, die Grenzen mehr oder weniger leichtfertig überspringt. Und natürlich sind da auch Aussagen in diesem Text, an denen der Pharisäer schlucken muß. Wem wenig vergeben ist, der liebt wenig. Auch wenn der Pharisäer da nicht direkt angesprochen ist, klingt da doch eine harsche Kritik an, zumindest eine Anfrage. Oder ist es vielleicht doch eher ein Angebot, die Zügel einmal lockerer zu halten?

Was mir wichtig ist: So sehr da Gegensätze sind und von Jesus zur Sprache gebracht werden - es wird eben nicht das eine gegen das andere ausgespielt. Das, liebe Gemeinde, das sind ja unsere Spielchen. Das sind unsere menschlichen Sichtweisen, daß wir die Gegensätze unter uns werten und gegeneinander ausspielen. Weil wir nämlich diese Gegensätzlichkeiten nicht ertragen. Und weil wir das Anderssein in der Regel als Angriff auf uns statt als Ergänzung unserer selbst verstehen. "Führt zur Abwertung", heißt es manchmal bei der Stiftung Warentest. So ist's, denke ich, bei uns nur zu oft: Anderssein führt zur Abwertung.

Nur: Das ist nicht das Spiel Jesu. Auch wenn er Partei ergreift in dieser Geschichte, auch wenn er sich vor jene Frau stellt - er stellt sich eben nicht in einem absoluten Sinne gegen den Pharisäer. Das ist für mich das besondere und auch das packende an dieser Geschichte: Jesus hält den Kontakt zu beiden. Er hält den Kontakt zu jener Frau, obwohl sie ihn da so unschicklich berührt. Doch er hält eben genauso - und das darf man nicht übersehen - er hält genauso den Kontakt zu dem Pharisäer Simon, der mit ihm zu Tisch liegt und der sich über das, was da geschieht, nur entsetzen kann. Jesus hält den Kontakt zu beiden fest. Er entzieht der Frau nicht seine Füße und dem Pharisäer nicht sein Ohr. Er behält den Platz in der Mitte. Den Platz zwischen den beiden, die da so nah beieinander sind in diesem Raum und doch so weit voneinander entfernt.

Es gibt einen Satz in unserer Geschichte - fast genau in der Mitte - da wird das ganz deutlich, wie Jesus diesen doppelten Kontakt aufrechterhält. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon, heißt es da. Und da scheint auch schon zaghaft durch, was denn das Ziel Jesu sein könnte, nämlich daß die beiden - die da so weit auseinander und so gegensätzlich sind in ihren Biographien wie in ihren Eigenschaften und Anschauungen - daß die beiden einander wahrnehmen. Daß sie aufeinander verwiesen werden.

Wer ist dieser? werden am Ende die anderen Tischgenossen fragen. Durch das ganze 7. Kapitel des Lukas zieht sich diese Frage in unterschiedlichen Schattierungen. Und das ist auch so etwas wie eine heimliche Frage dieses Textes. Eine Antwortsspur - nicht die einzige, aber eine! - des Textes könnte heißen: Jesus ist der, der die Gegensätze an einen Tisch bringt. Oder besser, der sie aushält. Und der sie zusammenhält. Und der gerade so einen Weg eröffnet, den Anderen oder die Andere neu wahrzunehmen und zu sehen.
Und wenn wir uns dann in der Nachfolge Jesu verstehen, dann ist das die Aufgabe, die uns zuwächst: Gegensätzliches auszuhalten und Gegensätze zusammenzuhalten. Spalten - das tun schon die anderen. Das Zusammenhalten und zusammenbringen ist unsere Aufgabe. Mag das im Kleinen des familiären Alltags sein, etwa zwischen Eltern und ihren pubertierenden Kindern oder in der Welt der politischen Auseinandersetzung: Der Weg zum Frieden - in den hinein die Frau schließlich entlassen wird - der Weg zum Frieden geht nicht über zuknallende Türen und Ausgrenzung, sondern darüber, daß die Gegensätze ausgehalten werden und zusammengeführt.

Wer ist dieser? Jesus ist der, der die Gegensätze aushält und gerade so einen Weg eröffnet, den Anderen, die Andere neu wahrzunehmen und zu sehen. Um dieses Sehen geht es dann ja auch: Siehst du diese Frau?, fragt Jesus den Pharisäer. Und da schwingt die Frage mit: "Wie siehst du diese Frau? Siehst du sie wirklich? Oder siehst du in ihr nur das Bild, daß du von ihr hast? Und ordnest du dann einfach alles, was sie tut und läßt in dieses Bild ein? Nach dem Motto: Einmal Sünderin, immer Sünderin?"
Auch das ist ja eine Erfahrung: Je fester das Bild, das ich von jemandem habe, desto schwerer ist der Blickwechsel. Es gibt dann nämlich einen Sog, nur das zu sehen, was ins Bild paßt.
So ähnlich ist es hier. Und deshalb braucht der Pharisäer eine Sehhilfe, sozusagen eine andere Brille. Jesus setzt sie ihm auf. Das Gleichnis, das er erzählt, ist diese andere Brille:

Zwei Schuldner waren einem Geldverleiher Geld schuldig. Der eine 500, der andere 50 Denare. Bezahlen konnte es keiner. Beide bekommen's erlassen. Frage: Wer wird die größeren Luftsprünge machen? Wer wird den Verleiher herzlicher umarmen?

Ein Gleichnis als Sehhilfe. Denn das heißt doch so viel wie: "Simon, guck doch mal hin. Das, was du da verurteilst an dieser Frau, daß was du als unanständig und maßlos und aus dem Rahmen fallend einstufst - wenn das nun einfach ihr Luftsprung ist? Ihre Art Luftsprünge zu machen? Stell dir vor: Soviel an Mißachtung, an Verachtung, an abschätzenden Blicken. Immer wieder hat sie es erlebt. Und auf einmal spürt sie: Da ist einer, von dem werde ich angesehen, nicht nur mein Körper. Der gibt mir Ansehen, Würde. Und dann fließt es über, weil gerade das ihr so gefehlt hat, das Ansehen, die Achtung trotz ihrer stadtbekannten Geschichte. Und das, Simon, die Freude, die Tränen, die Küsse - das ist eben ihre Art, es zu zeigen. Sie lebt eben im Überschwang. Als Sünderin hat sie das schon so gemacht, jetzt tut sie es in ihrer überschwenglichen Liebe. Du magst darüber die Nase rümpfen, aber das ist ihre Art."

Jedes nach seiner Art, so heißt's in der Schöpfungsgeschichte über die Erschaffung der Lebewesen. Wenn's beim Tauziehen zwischen Pharisäer und Sünderin nun auch darum ginge - nicht ausschließlich, aber eben auch? - : daß die beiden das begreifen und ernst nehmen und annehmen, daß jeder und jede nach seiner und ihrer Art einen Platz bei Jesus hat und so auch nach ihrer Art ihren Glauben leben sollen? Sei es nun als Schrankenwärter oder Brückenbauer?
Ich weiß: Gerade das ist schwer zu akzeptieren. Weil da nämlich die Unterschiede so groß sind.
Wo der eine in der Distanz bleibst, da wird die andere überschwenglich.
Wo der eine sich kritisch zurückhältst, da läßt die andere alle Vorbehalte fallen.
So ist's in unserer Predigtgeschichte. Der Pharisäer sucht das theologische Gespräch, die Frau ist mit Herz und Hand dabei. Und da kann man natürlich fragen: Ist das eine nun falsch und das andere richtig oder mehr und weniger wert?

Man kann's aber auch einmal ganz anders sehen und die Geschichte als ein großes Ganzes nehmen und den Pharisäer und die Sünderin als unfreiwillige Partner und dann staunen und sagen: "Wißt ihr was? Da haben sich ja zwei - ohne es zu begreifen - in ihrer Andersartigkeit ergänzt. Der eine hat eingeladen und das Haus bereitgestellt und die andere hat dem eingeladenen Gast die gebührende Ehre erwiesen." So jedenfalls könnte das ganze aus der Perspektive Jesu aussehen. Er hat ja alles empfangen, was er als Gast erwarten konnte - und noch manches mehr! Grund zum Klagen jedenfalls hat er nicgt gehabt. Und dann hätten die beiden, Sünderin und Pharisäer, in ihrem so verschiedenen Miteinander schließlich gemeinsam den empfangen, von dem es nur wenige Verse vorher heißt, daß in ihm Gott sein Volk besucht und es heilt.
Und das ist dann nun wirklich eine Wendung in dieser Geschichte, die Hoffnung macht.

Amen