Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 9,10-17

Detlev Göldner

29.07.2001 in Mettingen

I.

Wenn ich mich als kleiner Junge an meine Mutter gewandt habe und sagte, ich habe Hunger, dann sagte sie für gewöhnlich, du hast keinen Hunger, du hast Langeweile. Was wirklich Hunger ist, das hast du nie erfahren. Und natürlich hatte sie Recht. Meine Mutter ist, wie viele von ihnen, ein Kind der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Sie hat erfahren, was es heißt, Hunger zu haben. Ich bin, wie viele meiner Altersgenossen, in einem relativen Wohlstand aufgewachsen und meine Jugend war dadurch geprägt, dass eigentlich alles, was ich zum Leben brauchte, im Überfluss vorhanden war. Und so ist das bis zum heutigen Tag geblieben und der Wohlstand hat mich und im Grunde auch die meisten anderen Mitglieder unserer Gesellschaft geprägt. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass nach einer Veröffentlichung der Ludwig-Erhard-Stiftung 31 % der Bevölkerung unsere Gesellschaft als Überfluss- oder Erlebnisgesellschaft charakterisieren. Dem Konzept dieser Gesellschaft zufolge ist die moderne Gesellschaft nicht mehr primär durch Probleme der Knappheit oder der Überlebensfragen bestimmt, sondern durch Probleme des Überflusses und des Erlebens. Da, wo alle wesentlichen Bedürfnisse gedeckt sind, ist das Leitziel für Tun und Lassen ein als lohnend empfundenes Leben. Es geht um das, was das Leben angenehm macht, das Besondere, das Immer-Mehr. Und das fängt schon, wenn man der Werbung Glauben schenkt, mit dem ersten Extra des Tages beim Frühstück an. Hunger in der Überflussgesellschaft? Das gibt es nicht. - Oder doch?

II.

Warum hat Jesus die Menschenmenge, die sich zu seinen Füßen versammelt hatte, nicht einfach weggeschickt? Die Jünger haben ihn doch darauf aufmerksam gemacht, dass der Tag zu Ende geht und ihn gebeten, das Volk in die umliegenden Dörfer zu schicken. Und ich meine, Jesus hat doch keine ausweglose Situation provoziert, um dann die Anwesenden mit seiner Wunderkraft zu beeindrucken. Warum also entlässt Jesus das Volk nicht ein paar Stunden eher? Ich denke, die Antwort auf diese Frage bekommt man, wenn man sich überlegt, warum die Menschen zu Jesus gekommen sind. Die Menschen haben sich zu Jesus aufgemacht, weil sie von einer besonderen Art Hunger angetrieben wurden, einem Hunger nach Leben, nach erfülltem Leben.

Jesu Wirken beginnt in einer Zeit, in der viele fromme Juden auf das Erscheinen des Messias gewartet haben, und in der es viele Spekulationen über das Erscheinen des Gesalbten Gottes gab. Ihr Leben war von einem großen Vakuum gekennzeichnet und sie warteten darauf dass endlich jemand erscheinen würde, der diese Lücke in ihrem Leben schließen konnte.

Jesus wusste, dass er die Botschaft hatte, die den Menschen Erfüllung bringt. Deshalb schickt er die Menschen auch nicht eher weg, bis er seine Predigt vom Reich Gottes beendet hat, bis der Lebenshunger der Menschen gestillt ist.

III.

Hunger in der Überflussgesellschaft? Das gibt es nicht. - Oder doch? Ich glaube, dass es auch in unserer Gesellschaft diesen Hunger gibt, von dem der Predigttext handelt. Es ist der Hunger nach Leben, nach dem, was einen ausfüllt, was einem das Gefühl gibt, man hat seinem Leben ein neues, ein besonderes Erlebnis hinzugefügt.

Hunger nach Leben - das hat ganz unterschiedliche Erscheinungsformen. Warum stürzen sich Menschen von hohen Brücken und sind dabei mit nichts anderem gesichert, als mit einem Gummiband an den Fußgelenken? Warum laufen Menschen 280 Kilometer durch die Wüste und setzen dabei ihre Gesundheit aufs Spiel? Hunger nach Leben. Man will seinen Körper spüren, man will seinem Alltag einen besonderen Kick geben, man will Leben spüren. Warum werden die Urlaubsziele immer exotischer? Warum wird die Urlaubszeit genauestens verplant warum wird der gesamte Urlaub wie eine rauschende Party zelebriert? Hunger nach Leben. Man möchte, wenn man erst wieder zu Hause ist, wenn einen der Alltag wieder einholt, nicht das Gefühl haben man hätte etwas versäumt. Man möchte etwas haben, woran man sich gern erinnert. Man will etwas erlebt haben.

Nicht das wir uns missverstehen. Ich treibe selber Sport und genieße es, an meine körperlichen Grenzen zu kommen. Ich fahre auch in den Urlaub und freue mich über Zeiten der Entspannung und Erholung. Aber wo man das Erreichte nicht mehr genießen kann, wo man sich nicht mehr freuen kann an dem, was man hat, sondern wo man stets auf der Suche nach dem nächsten Kick ist, nach dem, was der unruhigen Seele neue Zufriedenheit verspricht, da wird man vom Hunger nach Leben angetrieben. Denn wie bei jedem Hunger ist es auch hier so, dass dieser Hunger nur vorübergehend gestillt werden kann, dass nach dem Erleben besonderer Zeiten und Situationen zwar eine Sättigung eintritt, dass aber diese Sättigung nur von kurzer Dauer ist und dass man schon bald von Neuem auf der Suche nach den Dingen ist, die den Lebenshunger stillen.

Jesus lädt uns heute Morgen ein, unseren Lebenshunger bei ihm zu stillen. Er kennt unsere Sehnsüchte und Wünsche und sagt von sich selbst, ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten (Joh. 6, 35). Wir dürfen uns einladen lassen, mit unserer inneren Unruhe und Unzufriedenheit über das, was unseren Alltag und unser Leben ausmacht. Wir dürfen, wie diejenigen, die damals bei der Speisung der Fünftausend dabei waren innehalten und uns lagern und Jesu Wort für uns entdecken. Jesus stillt den Lebenshunger der Menschen, heute wie damals.

IV.

Das ist der eine Aspekt des Predigttextes: Hunger nach Leben. Um einen zweiten Aspekt richtig zu verstehen, müssen wir einen Standortwechsel vornehmen. Verlassen wir also den Standort der Volksmenge, die Jesu Predigt verfolgt, und versetzen wir uns einmal in die Situation der Jünger.

Jesus geht es nicht nur um die Seele der Menschen, die zu ihm gekommen sind, sondern auch um ihren Leib. Und weil Jesus den ganzen Menschen im Blick hat, will er das Volk nicht ungesättigt in die Dörfer zurückschicken. Auch die Jünger haben das körperliche Wohlergehen des Volkes im Blick. Der Tag geht zu Ende und wir sind hier in der Wüste. Wenn sich die Leute nicht rechtzeitig auf den Weg machen, besteht eine echte Gefahr für ihre Gesundheit. Doch als sie Jesus darauf aufmerksam machen ist seine Antwort überraschend und provozierend zugleich. Gebt ihr ihnen zu essen. Nachdem ich für ihre Seele gesorgt habe, sorgt ihr für ihren Leib. Gebt ihnen zu essen.

Wie sollte das gehen? Sie hatten nicht einmal für jeden von ihnen ein halbes Brot und auch nur ein bisschen Fisch und wo sollte man für so eine große Volksmenge einkaufen? Vielleicht wollte Jesus den Jüngern aber schon hier deutlich machen, was er von seinen Nachfolgern erwartet. Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat - was könnte ihnen das helfen? So ist der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber (Jak. 2, 15 - 17).

Gebt ihr ihnen zu essen. Doch das, was hier so unmöglich klingt, was eine unüberwindbare Herausforderung zu sein scheint, löst sich am Ende beinahe von allein.

Zuerst scheint mir wichtig, dass Jesus seine Jünger nicht überfordert. Nicht sie sollen das Wunder vollbringen und die versammelte Menge satt machen. Sie sollen das tun, was in ihren Möglichkeiten steht. Dazu müssen sie zunächst bereit sein, das, was sie selber haben, Jesus anzuvertrauen. Ihre Habe, das was ihnen gegeben ist, ist nur eine Kleinigkeit angesichts der Aufgabe, die es zu lösen gilt. Aber dieses Geringe ist wichtig, es ist notwendig und Jesus kann, Jesus will es gebrauchen.

Und das Zweite, Jesus tut das Wunder nicht über die Köpfe seiner Jünger hinweg, sondern er setzt sie ein, er gebraucht sie. Sie sollen an dem Wunder mitwirken und so hat er eine Aufgabe für sie. Teilt die Volksmenge in Gruppen zu je fünfzig ein und dann, wenn ich das Dankgebet gesprochen habe, teilt das Brot und den Fisch unter die Menschen aus.

Nun ist das, was die Jünger hier austeilen nicht gerade ein opulentes Mal. Aber darum geht es auch gar nicht. Es soll kein Festmahl gefeiert werden, sondern Jesus möchte deutlich machen, dass da wo Menschen bereit sind, von dem, was sie haben, abzugeben, alle satt werden können. Jesu Jünger sollen das alltägliche mit den Menschen um sie herum teilen, sie sollen den Alltag teilen. - Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Wie gern teilen wir die Festtage miteinander? Wie gern laden wir andere an einen festlich gedeckten Tisch? Das hat sicher auch seine Zeit, aber, wenn wir immer nur auf solche Festtage und außergewöhnliche Anlässe warten, dann verpassen wir so manche Chance, dem anderen den Alltag zu erleichtern.

Und das Dritte, die Jünger sind am Ende die Beschenkten. Was haben die Jünger wohl gedacht, als Jesus sie aufforderte, ihm ihre Vorräte zu geben? Hätten sie wohl lieber etwas für sich zurück behalten, wenigstens einen Teil des Brotes und den Fisch? Oder waren sie sofort bereit, alles abzugeben, weil sie wussten, dass es bei Jesus in guten Händen ist? Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber mir fällt es nicht immer leicht, so freigiebig zu sein. Natürlich gebe ich von meinem Überfluss ab, wenn mich jemand danach fragt. Aber wenn es darum geht, das Letzte von einem Gut abzugeben, dann werde ich zögerlich. Brauche ich das wirklich nicht mehr? Ist es nicht gerade so, dass man eine Sache immer dann vermisst, wenn man sie gerade weggegeben hat? Ist nicht der Appetit dann am Größten, wenn der Kühlschrank fast leer ist?

Jesus fordert seine Jünger auf, ihm alles zu geben. Alles, was ihnen Sicherheit gibt und wenn es auch hier nur die Sicherheit ist, dass sie den Tag nicht hungrig beschließen müssen. Vor einiger Zeit las ich auf der Schultasche eines Schülers den Satz, alles was du hast, hat am Ende dich. - Alles was du hast, hat am Ende dich. Wie wahr dieser Satz ist. Seit ich mein neues Auto habe, achte ich viel mehr darauf, dass alles auch ordentlich und gepflegt ist. Ich halte die Kinder dazu an, aufzupassen, dass sie nicht mit schmutzigen Schuhen einsteigen, nicht mit ihren Fingern die Sitze beschmieren, mit ihren Spielzeugen nicht den Lack zerkratzen und so hat mich das Auto im Griff, wenn ich bedenke, wie viel Zeit ich aufwende, um alles sauber zu halten und wie viele Worte allein um des Wagens willen gemacht werden. Alles was du hast, hat am Ende dich. Das gilt aber auch für ganz andere Dinge.

Das gilt für den Streit mit anderen, der mich beschäftigt, der mich gefangen nimmt und es mir unmöglich macht, den Tag unbeschwert zu genießen. Dieser Streit hat mich im Griff, beeinträchtigt mich in meinen Empfindungen und spannt mich an bis zum Platzen. Die Reihe der Beispiele ließe sich sicher noch weiter fortsetzen, da ist der Besitz, aber auch der Beruf, die Sorge um die Gesundheit oder etwas anderes.

Können sie sich vorstellen, dass auch das Dinge sind, die man bei Jesus abgeben kann, die man abgeben darf? Die Sorge um den Besitz und das angenehme Leben genauso wie die Sorge um das körperliche Wohlergehen oder die Vorbehalte und Vorurteile anderen gegenüber. Jesus will, dass wir ihm das, was uns beschäftigt und in Besitz nehmen will, bei ihm abgeben. So wie die Jünger in unserem Predigttext ihr Essen bei Jesus abgeben sollen, damit sie sich nicht länger mit dem Gedanken beschäftigen, was sie wohl am Abend essen werden, damit der Gedanke ans Essen sie nicht länger in Besitz hält und sie darüber die Not der Zuhörer Jesu vergessen. Abgeben und teilen, loslassen, um nicht selber in Besitz genommen zu werden. Wo Jesu Jünger dazu bereit sind, da werden ihnen die Augen geöffnet für das, was die Menschen um sie herum brauchen.

Und trotzdem stehen sie am Ende nicht mit leeren Händen da. Die Jünger, die sich und das, was sie haben, in die Hand Jesu geben, verlieren zwar die Möglichkeit, ihren Hunger, ihren Lebenshunger selbst zu stillen, aber sie gewinnen die Sicherheit, das Jesus für sie da ist und sie versorgt.

Nach der Speisung der Volksmenge sammeln die Jünger alles, was übrig geblieben ist, ein und füllen damit zwölf Körbe voll. Zwölf Körbe, für jeden Jünger einen. Sie haben gegessen und sind satt geworden und haben darüber hinaus noch genug für die kommenden Tage. Das ist eine Verheißung, die auch uns gilt. Wenn wir Jesus das anvertrauen, was wir haben, wenn wir das abgeben, was wir besitzen und uns doch nur vorübergehend Zufriedenheit gibt, dann sind wir am Ende die beschenkten, und wir stehen nicht mit leeren Händen da.

Amen