Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 9,1–6.10–17

Siegmar Beer (ev.-luth.), Personalleiter a.D.

15.11.2013 in der katholischen Kirche "Zu den Hl. Schutzengeln" in Eichenau

Ökumenisches Friedensgebet

Liebe Schwestern und Brüder,

um das Jahr 28 unserer Zeitrechnung beginnt in Palästina ein jüdischer Wanderprediger sein öffentliches Wirken. Es ist der etwa 30 Jahre alte Jesus von Nazaret. Den Kern seiner Botschaft hat der Evangelist Markus so zusammengefasst: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!«1 – Jesus verkündet also ein Dreifaches:

  1. Die Nähe des Gottesreiches;

  2. die Menschen müssen umkehren, also ihr Verhalten, ihr Tun und Lassen, radikal ändern;

  3. die Menschen sollen an das Evangelium, an die frohe Heilsbotschaft Gottes glauben.

Die meisten Zeitgenossen Jesu hoffen auf das Kommen des Gottesreiches. Sie sehnen sich nach einer Zeit, in der Gottes Wille geschieht und sein Friede herrscht, in der menschliche Herrschaftsansprüche, Aggressionen, Gewalt, Ungerechtigkeiten und Leiden ein Ende haben. Es ist auch die Sehnsucht nach einer Zeit, wo die Menschen solidarisch miteinander umgehen; wo Menschen für andere, die es dringend brauchen, in Wort und Tat einstehen.

Allerdings verbindet man im damaligen Judentum mit dem Begriff des Reiches Gottes im Einzelnen sehr unterschiedliche Vorstellungen. Das gilt namentlich für die Frage, wie das Kommen des Gottesreiches zu erlangen sei. So glauben beispielsweise die Pharisäer, sie könnten die Ankunft der Herrschaft Gottes durch peinlich genaue Erfüllung der biblischen Gesetzesvorschriften beschleunigen. Hingegen wollen etwa die Zeloten Gottes Herrschaft im militärischen Kampf gegen die drückende Last der verhassten römischen Besatzung herbeizwingen.

An all diese Erwartungen und Zukunftsvisionen des damaligen Judentums knüpft nun Jesus mit seiner Botschaft vom Reich Gottes an. Doch er gibt dem Ganzen neue inhaltliche Akzente. Nach Jesus ist das Gottesreich auch nicht mehr nur etwas Zukünftiges, sondern bereits nahe, ja anfanghaft schon da. Im Wirken Jesu ist Gottes Heil schaffende Gegenwart schon am Werk. Denn Jesus predigt nicht nur das Reich Gottes; er lässt es auch durch zeichenhaftes Handeln spürbar werden – vor allem indem er Kranke heilt und Dämonen austreibt, also körperlich und psychisch Erkrankte gesund macht. So betont Jesus einmal: »Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.«2 Und er sagt auch: »Wenn ich die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.«3

Die Botschaft vom bereits angebrochenen aber noch nicht voll entfalteten Gottesreich verbindet Jesus mit der Forderung: Wir Menschen müssen »umkehren«, wir sollen selber etwas tun. Weil Gott sich für die Welt entschieden hat und seine Herrschaft endgültig in der Welt aufrichten will, können und müssen auch wir uns entscheiden und entsprechend handeln. Das bedeutet: Wir müssen Gottes Gebote befolgen, namentlich das Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Allerdings können wir Menschen nicht selbst das Reich Gottes herbeiführen, nicht durch das Beherzigen des Doppelgebotes der Liebe, nicht durch solidarisches Handeln gegenüber unseren bedürftigen Mitmenschen. Nein, das von Jesus verkündete Reich kommt von Gott her. Deshalb lehrt uns Jesus auch, im Vaterunser zu beten: »Dein Reich komme.« Indes sollen wir für das Eintreffen des Gottesreiches bereit sein. Und die von Jesus geforderte Umkehr, die Sinnesänderung und die daraus folgende Verhaltensänderung, sind unsere Antwort auf die gnädige Zuwendung Gottes.

»Glaubt an das Evangelium«! Mit der von Jesus geforderten Sinnesänderung muss sich der Glaube an das Evangelium verbinden. Das Evangelium, die frohe Heilsbotschaft Gottes, soll an denen in Erfüllung gehen, die daran glauben, die darauf vertrauen. Und auch Glaube und Vertrauen sind letztlich ein Geschenk Gottes.

In unserem Text aus dem Lukasevangelium heißt es, dass Jesus auch seinen zwölf Jüngern die Kraft und die Vollmacht gibt, körperlich und psychisch Kranke gesund zu machen. Und er sendet die Zwölf aus, mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen.

Schließlich kommen die Jünger von ihrer Missionsreise zurück und berichten Jesus, was sie getan und erlebt haben. Daraufhin möchte Jesus mit ihnen allein sein; so sie ziehen sich an eine einsame Stelle in der Nähe der Stadt Bethsaida zurück. Doch mit Ruhe und Einsamkeit ist es hier nichts. Denn die Leute haben von Jesu Rückzug erfahren, und eine große Menschenmenge folgt ihm – etwa 5000 Männer sollen es sein. Von Frauen und Kindern sagt unsere Geschichte zwar nichts. Doch gewiss waren auch sie dabei – so wie bei der Speisung der Viertausend, über die Matthäus berichtet und dabei ausdrücklich auch die teilnehmenden Frauen und Kinder erwähnt.4 Uns ist ja aus verschiedenen biblischen Berichten bekannt, dass zur Anhängerschaft Jesu viele Frauen gehörten.5

Aus welchen Motiven folgt nun die Menschenmenge Jesus? Ist es die Aussicht auf ein kostenloses Sättigungsmahl? Nein, in unserem biblischen Bericht steht nichts davon, dass sich hier Hungernde und Ausgehungerte zusammengefunden hätten. Auch können die Leute ja nicht voraussehen, dass sie am Abend noch bei Jesus in einem großen Gemeinschaftsmahl zu Gast sein werden. Nein, den Leuten geht es vielmehr darum, die Nähe Jesu zu erleben, sie wollen aus seinem Mund die Botschaft vom Reich Gottes hören; und die Kranken unter ihnen hoffen zudem auf Heilung.

Obwohl Jesus eigentlich mit den Jüngern allein sein will, weist er die Menschen nicht ab, vielmehr empfängt er die Leute freundlich, er schenkt ihnen seine Zuwendung. Ganz im Sinne seiner solidarischen Grundeinstellung, die er namentlich immer wieder gegenüber den Kranken, Aussätzigen, Sünderinnen und Sündern, Zöllnern und anderen Ausgegrenzten zeigt. Und dann redet Jesus zu den Leuten über das Reich Gottes und heilt die Kranken.

Als nach allem der Tag zur Neige geht, geschieht das Speisungswunder. Diese Wundergeschichte steht nicht nur bei Lukas, sondern auch in den drei anderen Evangelien: Matthäus, Markus und Johannes.6 Natürlich haben wir als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts unsere Schwierigkeiten mit dem Wunder der Speisenvermehrung. Hat sich das alles wirklich so ereignet? Zwei Dinge sollten wir hier im Auge behalten:

Erstens: Bei den vier Evangelien handelt es sich nicht um Tatsachenberichte von Augenzeugen. Vielmehr sind diese Texte erst Jahrzehnte nach dem Tod Jesu entstanden, und zwar vorwiegend auf der Basis von mündlichen Überlieferungen. Nun wissen wir aus eigener Erfahrung, wie das bei solch einer längeren Kette des Hörensagens verläuft: Oftmals weicht das letztlich Erzählte in mancherlei Hinsicht mehr oder weniger stark vom ursprünglichen Geschehnis ab.

Zweitens: Die Evangelien wurden auch gar nicht mit dem Ziel korrekter historischer Berichterstattung geschrieben, sondern aus der Perspektive des Glaubens. Sie künden vom Glauben ihrer Verfasser an den auferstandenen Jesus. Als Glaubenszeugnisse sollen sie Glauben bezeugen, wecken und stärken. Im Interesse dieser Ziele waren die Evangelisten immer wieder bestrebt, ihre Botschaft auch durch legendarische Ausschmückungen lebendig und eindrucksvoll zu gestalten. Und so haben sie in ihren Berichten über die Wunder Jesu teilweise der dichterischen Fantasie freien Raum gelassen.

Nach alledem können wir die Frage auf sich beruhen lassen, inwieweit es sich bei den Wundergeschichten der Evangelien um historische Fakten oder um visionäre Darstellungen handelt. Denn entscheidend ist, was mit diesen Geschichten vermittelt werden soll: Es ist vor allem die Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes, in dem auch die Hungrigen satt werden. – Und vergessen wir nicht: »Bei Gott ist kein Ding unmög­lich.«7

Wie geht es nun in unserer biblischen Geschichte weiter: Zunächst veranlasst Jesus, dass sich die Menschen in Gruppen zu je etwa fünfzig lagern. So bilden sich aus der großen, anonymen Menschenmenge relativ überschaubare Gruppen. Hier können die Leute miteinander ins Gespräch kommen; hier kann ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Mahlgemeinschaft entstehen. Gemeinsam eingenommene Mahlzeiten können ja eine Keimzelle für solidarisches Fühlen und Handeln sein. Denken wir hier auch an unsere Gemeinschaft beim Gang zum Tisch des Herrn. Und vergessen wir nicht, was Jesus einmal über den Gastgeber und die rechten Gäste gesagt hat: »Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.«8

Jesus nimmt die fünf Brote und die zwei Fische, blickt auf zum Himmel, segnet und bricht sie – so wie es dem religiösen Brauch der Juden entspricht. Nach dieser rituellen Handlung gibt Jesus die Brote und Fische den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilen. Alle essen und alle werden satt. Und es bleiben sogar noch zwölf Körbe voll mit Resten übrig.

Diese Wundergeschichte von der Speisung der Fünftausend interpretieren manche Ausleger so: Wenn wir miteinander teilen, werden alle satt. – Das ist gewiss ein beherzigenswerter Grundsatz, an den wir uns immer wieder erinnern lassen müssen: Wenn alle unter uns, die genügend haben, mit den Bedürftigen teilen, dann haben alle genug. Allerdings ist das nicht das eigentliche Thema unserer biblischen Geschichte. Denn hier reicht es nicht deshalb, weil 5000 Menschen einen kargen Vorrat von fünf Broten und zwei Fischen geschwisterlich miteinander teilen. Vielmehr werden hier alle satt, weil sie von Jesus beschenkt werden – dank der wunderbaren Vermehrung von Brot und Fisch.

Die Leute erleben hier unmittelbar Jesu wirkmächtiges Handeln; als seine Gäste feiern sie Mahlgemeinschaft mit ihm und untereinander. Sie essen von den Speisen, die Jesus gesegnet und gespendet hat. Mit dem Genuss dieser Speisen haben alle Anteil an dem göttlichen Segen Jesu. So bekommen sie einen Vorgeschmack auf das von Jesus verkündete Reich Gottes. Gestärkt an Leib und Seele ziehen diese Menschen schließlich von dannen.

Hören wir zum Schluss noch zwei Bibelzitate. In der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, heißt es im Buch der Sprichwörter: »Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt; wohl dem, der Erbarmen hat mit den Notleiden­den.«9 – Und nach Lukas sagt Jesus: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!«10

Amen.

Siegmar Beer – 15.11.2013

Benutzte Literatur

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Albrecht, Oliver

Lebensthemen – Grundkurs Biblische Theologie. Glashütten 2013; S. 176, 188–191, 375–397

Biser, Eugen / Heinzmann, Richard

Theologie der Zukunft – Eugen Biser im Gespräch mit Richard Heinzmann. Darmstadt 32010; S. 68–71

Conzelmann, Hans

Grundriß der Theologie des Neuen Testaments. Bearbeitet von Andreas Lindemann. Tübingen 61997; S. 67–74

Conzelmann, Hans / Lindemann, Andreas

Arbeitsbuch zum Neuen Testament. Tübingen 142004;

S. 92–95, 474–477

Feiner, Johannes /

Vischer, Lukas (Hrsg.)

Neues Glaubensbuch – Der gemeinsame christliche Glaube. Freiburg im Breisgau 1973/1993; S. 132–137, 337–340

Kliemann, Peter

Glauben ist menschlich – Argumente für die Torheit vom gekreuzigten Gott. Stuttgart 102002; S. 106–116

Lohse, Eduard

Vater unser – Das Gebet der Christen. Darmstadt 22010;

S. 45–53

Theißen, Gerd /

Merz, Annette

Der historische Jesus – Ein Lehrbuch. Göttingen 42011;

S. 221–253, 256–283

Ulrich-Eschemann, Karin

Predigt über Lukas 9,10–17. http://www.predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/predigt-ueber-lukas-910-17-1.html (Stand: 14.06.2014)

1Mk 1,15; vgl. auch Lk 10,9.

2Lk 17,21.

3Mt 12,28; vgl. Lk 11,20.

4Vgl. Mt 15,32–39; vgl. auch Mk 8,1–10.

5Vgl. Mk 15,40; Lk 8,2 f.

6Mt 14,13–21; Mk 6,30–44; Joh 6,1–13.

7Lk 1,37; vgl. auch Mk 10,27.

8Lk 14,13.

9Spr 14,21.

10Lk 6,36.


 


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