Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 9,18-24 und den Film "Son of Man"

Pfarrer Andreas Blum (r.-k.)

20.06.2010 in der Katholischen Hochschulgemeinde Köln

Lesung: Gal 3,26-29
Evangelium: Lk 9,18-24


Liebe Schwestern und Brüder,

in diesen Tagen schaut alle Welt nach Südafrika –
zumindest die Fußballinteressierte.
Wer wirklich hinschaut, sieht aber noch viel mehr als Fußball.

So zum Beispiel eine vor wenigen Jahren erst gegründete Theatergruppe[1],
die (Süd-)Afrikaner aus verschiedensten Stämmen einen wollte
und heute erfolgreich eint.
Gerade weil sie so verschieden waren,
war es zunächst gar nicht so leicht, ein Thema für das erste Projekt zu finden.

Da die meisten einen für (Süd-)Afrika typischen christlichen Hintergrund hatten,
fand man jedoch schließlich über das Evangelium zusammen,
entschied, die Christus-Geschichte neu zu erzählen,
und wurde so – wie es Paulus im Galaterbrief fordert –
im wahrsten Sinne des Wortes „einer in Christus“.

So ungewöhnlich das für eine im weltlichen Kulturbetrieb
an den Start gehende Theatertruppe auch gewesen sein mag,
so erfolgreich waren die Aufführungen in den Städten, Gemeinden und Townships.
Inzwischen gibt es sogar eine filmische Umsetzung:
Son of Man - Der Menschensohn[2].

Letztes Wochenende haben wir ihn mit etwa 20 Theologiestudierenden gesehen.
Mitten im Bergischen Land: das Evangelium auf afrikanisch, ins heute gesetzt;
schöne Bilder südafrikanischer Landschaft und tanzender Menschen,
erschreckende Bilder von Gewalt und Korruption,
oft auch unverständliche Bilder, die sich erst auf Nachfrage klärten.

Lassen sie mich einmal drei Bilder herausgreifen:

Das Böse, im Wettstreit um Macht und Einfluss in der Welt,
tritt gleich zu Anfang und immer in Begleitung einer Zikade oder Heuschrecke auf – später braucht man nur das eindringliche Zirpen zu hören, und weiß Bescheid.

In Afrika gelten Insekten gemeinhin als kleine Lebewesen,
die man leicht übersieht, vielleicht sogar gering achtet, die aber dem Gesamtgefüge großen Schaden zufügen können.

Da werden Krankheiten übertragen und ganze Landstriche entvölkert,
oder Hungersnöte hervorgerufen,
weil Ernten durch einfallende Schwärme vernichtet wurden.
Das Böse: eine Macht, - leicht zu verkennen, - aber tödlich.

Ein anderes Bild ist der Apostel als Heizer auf einer Dampflokomotive.

Anders als bei uns, wo die Bahn Städte und Menschen verbindet,
wurde sie in Afrika meist nur dort gebaut, wo die Kolonialmächte Rohstoffe
aus den Minen zu den Häfen zum Abtransport schaffen wollten.
Die Eisenbahn steht somit als Symbol für das durchbohrte Land, das ausblutet;
der Apostel aber ist der Kollaborateur, der afrikanische Zöllner.
Die Jünger Jesu: Außenseiter, - leicht zu korrumpieren, - aber von Jesus ge-/berufen.

Am Ende – und damit ein drittes und letztes Bild – wird Jesus erschlagen,
weil er sich weder von den im Land Herrschenden vereinnahmen lassen,
noch gewaltsam Widerstand gegen sie leisten wollte.
Im Hinterhof erschlagen und irgendwo in der Wüste verscharrt,
so wie es die Regime und Guerilla-Gruppen in Afrika tun,
damit sie keine unangenehmen Fragen vor einer Weltöffentlichkeit beantworten müssen, die eh am liebsten in Ruhe gelassen werden will.

Dann aber kommt Maria und findet ihren Sohn;
mit den eigenen Händen gräbt sie ihn aus und bringt ihn zurück zu den Menschen; dort hängt sie ihn mit farbigen Tüchern ans Kreuz, hoch über der Stadt.
Das Kreuz: Wahrheit, - gewaltloser Widerstand, - aber nicht mehr zu übersehen.

Liebe Schwestern und Brüder, warum erzähle ich das alles …?
Nun, weil hier eine Gruppe von Menschen hingegangen ist,
und die Frage des heutigen Evangeliums ernst genommen
und auf sich und unsere Zeit bezogen hat: „Für wen haltet ihr mich?“

Natürlich ist eine persönliche Antwort immer angreifbar,
theologisch fehlt dies und das, jenes wird einseitig gesehen, anderes verfälscht;
aber das Aufsagen der korrekten Lehrbuchformel ist eben auch keine Lösung,
wie nicht zuletzt Petrus im Evangelium erleben muss:
“Du bist der Messias Gottes“ bekennt er ganz richtig,
und ist doch – wie er (und wir) später erfahren müssen –
weiter denn je von der Wahrheit des Gottessohnes entfernt.

Diese Wahrheit aber – und daran lässt das Evangelium heute keinen Zweifel –
hat etwas mit leiden, sterben und auferstehen zu tun:

Leiden versuchen wir in der Regel mit aller Gewalt zu vermeiden,
Sterben erklären wir aufgrund seiner Unausweichlichkeit am liebsten zum Tabu,
und Auferstehung fällt uns einfach schwer zu glauben.

Damit sind wir bestimmt nicht allein.

Aber wie gut tut es,
wenn Menschen – und sei es im fernen Südafrika – einmal erzählen,
was es für sie, angesichts von Ungerechtigkeiten, Leid und Tod bedeutet,
sich täglich am Gauben und an der Hoffnung in Jesus Christus aufzurichten,
sich nicht aufzugeben, durchzuhalten,
zu kämpfen für eine menschenfreundlichere Welt.
“Für wen haltet ihr mich?“, fragt Jesus.
“Du bist Kraftquelle, Widerstandsymbol, Gerechtigkeit …“,
antwortet die afrikanische Theatertruppe.

Die Studierenden letztes Wochenende waren berührt, beeindruckt, auch beschämt: Eine solch große Rolle kann der Glaube spielen, soviel bewegen?
Das Kreuz mehr als ein Streitobjekt, ob es nun im Klassenzimmer oder im Gerichtssaal hängen darf oder nicht?

Aber Deutschland ist nicht Afrika, Köln nicht Kapstadt.

Natürlich muss der Glauben in einem freiheitlichen Staat
nicht mehr als gemeinsames Schutzschild und öffentliche Plattform
gegen unterdrückende und brutale Machthaber fungieren,
so wie das in einigen ehemaligen Ostblockländern der Fall war und in vielen afrikanischen Ländern heute noch ist –  Gott sei Dank muss er das bei uns nicht;
aber wenn der Glaube so privat wird, wie das bei uns mehr und mehr der Fall ist,
wenn der Glaube so intim wird, dass ich kaum noch darüber zu sprechen wage,
dann sperren wir ihn ein, berauben ihn seiner Kraft,
ganz so wie die Jünger vor Pfingsten.
 
“Für wen haltet ihr mich?“
Wann haben wir das letzte Mal gemeinsam darüber nachgedacht
und nach Worten für eine ehrliche Antwort gesucht?
Für einige Studierende war es letztes Wochenende das erste Mal seit langem.
Entsprechend stotternd fielen die Bemühungen aus – aber was soll es!

Die Bemerkung einer Studentin war es alleine schon wert:
“Bisher habe ich meinen Glauben immer unter dem Aspekt gesehen,
dass er mir gut tut: dass er mich tröstet, mir Kraft gibt, mir Spaß macht.
Aber da ist auch noch etwas anderes. Ich glaube, er wird mich auch etwas kosten.
Das macht mir ein wenig Angst; verleiht meinem Glauben aber auch Gewicht.
Ich will es mir nicht zu einfach machen – und schauen, was geht
.“

Draußen war Sonnenschein -,
um uns viel Bergische Natur mit Wäldern und Wiesen-,
aber nirgendwo war da ein Zirpen!


[1] Dimpho Di Kopane

 

[2] Spier Films with Spier Distribution Ltd.