Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 9,57-62

Pfarrer Daniel Meißner (ev.)

15.03.2009 in der Kirchengemeinde Neckarbischofsheim- Vier Tage nach dem Amoklauf in Winnenden

Liebe Gemeinde, in was für einer Welt leben wir eigentlich? Diese Frage habe ich in den letzten Tagen immer wieder gelesen und gehört. Meistens waren es Jugendliche, die diese Frage gestellt haben. Jugendliche, die nicht verstehen können, wie ein Mitschüler zum Massenmörder werden kann. Jugendliche, die aber auch unsere Gesellschaft kritisieren, in der so etwas überhaupt möglich ist. „Hier ist etwas falsch“, sagen sie. „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“, fragen sie, und fühlen sich vollkommen unverstanden. Kann man in dieser Gesellschaft richtig leben? Oder ist hier nicht etwas grundlegend falsch?

Als ich ein Kind war, besuchten wir aus dem Westen regelmäßig unsere Verwandtschaft in Thüringen. Als wir die Grenze zur DDR passierten, bekam ich jedes mal Angst. Stundenlanges Warten, Menschen mit Maschinenpistolen, Stacheldraht, hohe Türme, scharfe Befehle. Und dann irgendwann, angekommen bei Tante und Onkel, da wurde gefeiert, gelacht, gegessen und getrunken. Und doch blieb bei mir als Kind das Gefühl – irgendetwas stimmt hier nicht. Hier ist etwas falsch.

Da standen immer Männer in einem schwarzen Auto am Dorfrand. Da durfte man bei Tisch manche Fragen nicht stellen und über manche Nachbarn nicht reden. Da platzte irgendwann nach ein paar Bier der ganze Frust und die ganze Angst heraus, die sich direkt unter der Oberfläche angestaut hatte. Und doch mussten die Menschen leben. Aber: konnte man in der DDR richtig leben?

In einem didaktorischen Unrechtsstaat, der seine Bürger einsperrt. Ein Staat, in dem Grundrechte mißachtet wurden. Und doch mussten die Menschen dort leben, sie mussten sich einrichten. Sie feierten und lachten, heirateten, bekamen Kinder, gingen zur Arbeit und zur Kirche. Konnte man in der DDR richtig leben?

Irgendwann haben die Bürger die Frage beantwortet: Nein, haben sie gesagt, hier ist etwas falsch. So können wir nicht leben. In einem Unrechtsstaat kann es uns nicht recht sein. Und die Menschen waren bereit, das Unsagbare zu sagen. Sie waren bereit, das Undenkbare zu denken. Und sie taten das Unmögliche. So kam es zu einem der größten Wunder unserer Zeit. Zu einer friedlichen Revolution.

In der Bibel ist uns eine Begebenheit überliefert. In der die Stimmung eine ganz ähnliche ist. Eine Unterhaltung mit Jesus. Aber was Jesus sagt, ist ungewöhnlich. Ein Mann kommt zu Jesus und sagt: Jesus, ich will dir folgen, egal, wohin du gehst. Und Jesus antwortet dem Mann: Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Ich weiß nicht, wo ich bleibe. Denn hier ist etwas falsch. Hier kann ich nicht bleiben. Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester. Nur der Menschensohn weiß noch nicht einmal, wo er sich zum Schlafen hinlegen soll.

Jesus kam mit einer einfachen Botschaft. Liebe Gott. Und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Mehr nicht. So einfach und so simpel. Und so gefährlich. Denn wer diese Botschaft ernst nimmt, stellt fest: Hier ist etwas falsch.

Jesus musste das merken, als seine Worte und Taten auf Widerstand stießen. Als er mit Menschen verkehrte, die als Unrein galten. Als er für Gnade vor Recht plädierte. Als er Menschen heilte, obwohl Feiertag war. Jesus lebte Gottes Liebe. Und damit stieß er ständig gegen das Normale, gegen das Gewohnte, gegen das Übliche. Gegen die Vernunft. Und gegen die Logik. Wer liebt, handelt unlogisch.

Jesus sagt: in dieser Gesellschaft kann man nicht richtig leben. Hier ist etwas falsch. Hier, wo die Liebe mit Füßen getreten wird, hier kann ich nicht bleiben.

Einen anderen fordert Jesus auf: „Folge mir nach!“ Der aber bat: „Erlaube mir bitte noch, erst meinen Vater zu beerdigen“. Jesus erwiderte ihm: „Laß die Toten sich gegenseitig begrabe, doch du geh und verkündige Gottes Herrschaft.“ Sei bereit, das Undenkbare zu denken. Sei bereit, das Unsagbare zu sagen.

Ein anderer sagte: „Ich will dir folgen, Herr. Aber erst laß mich Abschied nehmen von meiner Familie.“ Jesus erwiderte ihm: „Wer pflügen will, darf nicht nach hinten schauen. Sonst ist er für Gottes Herrschaft ungeeignet.“ Sei bereit, das Unmögliche zu tun.

Was Jesus sagt, schockiert. Jesus fordert einen radikalen Abbruch. Er sagt: All das, was Dir gut und wichtig erscheint: lass es. All das, was Dir richtig und notwendig erscheint, vergiss es. Hinterfrage alles. Jesus sagt: Wenn Du mir nachfolgen willst, dann sei bereit, das Undenkbare zu denken. Sei bereit, das Unsagbare zu sagen. Sei bereit, das Unmögliche zu tun. Ich weiß nicht, wo ich morgen schlafen werde. Ich weiß nicht, was dabei herauskommen wird. Folge der einfachen Botschaft. Liebe Gott. Und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Mehr nicht. So einfach und so simpel. Und so gefährlich. Dann wirst du feststellen: Hier ist etwas falsch. Und du wirst dich fragen: Kannst du damit richtig leben?

Was Jesus sagt, schockiert. Aber auch wenn Jesu Worte hart und unbarmherzig klingen: es sind Worte der Liebe. Es sind Worte, die uns herausfordern, diese Frage zu stellen: Wo wird die Liebe mit Füßen getreten? Wo ist etwas falsch?

Wenn wir mit wachen Augen durch unser Land gehen, dann stellen wir fest: hier ist etwas falsch. Es braucht keine DDR, es braucht keine Diktatur, um zu sagen: hier ist etwas falsch. Egal, wo und wann wir leben. Und leider gibt es bei uns viel zu viel, das falsch ist:

Jeden Tag sterben rund 26.000 Kinder an Hunger. Das entspricht der Menge von 65 Boeing 747. 65 Flugzeuge voller Kinder, die jeden Tag abstürzen. Und das nicht, weil wir zu wenig hätten. Wir haben so viel Essen, dass wir alle Menschen auf der Welt gut ernähren könnten. Es ist genug für alle da. Und täglich werden in der EU Massen von Lebensmitteln vernichtet. Hier ist etwas falsch.

Wenn man alle Konjunkturpakete, die jetzt wegen der Finanzkrise beschlossen werden, zusammenrechnet, kommt man auf eine unvorstellbar große Summe. Wir reden von Billionen €. All das Geld, das Deutschland, die USA, Frankreich, England und andere Länder zur Rettung ihrer Banken und ihrer Wirtschaft ausgeben, all das Geld mal zusammengerechnet: Mit dieser gigantischen Summe könnte man allen Menschen auf der Welt Essen kaufen. Niemand müsste mehr hungern. Niemand müsste mehr an Hunger sterben. 272 Jahre lang. Das haben Entwicklungspolitiker in Brüssel errechnet. Selbst wenn sie sich um ein paar Jahre verrechnet haben: Hier ist etwas falsch.

Jesus Christus sagt: Sei bereit, das Unsagbare zu sagen. Sei bereit, das Undenkbare zu denken. Sei bereit das Unmögliche zu tun. Das Beispiel der DDR hat uns gezeigt, dass man sich nicht mit allem zufrieden geben muss. Vielleicht können auch wir eine friedliche Revolution einleiten. Ich lese die Worte Jesu noch einmal am Stück vor. Sie stehen bei Lukas, im 9. Kapitel.

Unterwegs wandte sich jemand an Jesus: Ich will dir folgen, egal, wohin du gehst. Jesus erwiderte ihm: Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester. Nur der Menschensohn weiß noch nicht einmal, wo er sich zum Schlafen hinlegen soll. Einen anderen fordert Jesus auf: „Folge mir nach!“ Der aber bat: „Erlaube mir bitte noch, erst meinen Vater zu beerdigen“. Jesus erwiderte ihm: „Laß die Toten sich gegenseitig begrabe, doch du geh und verkündige Gottes Herrschaft.“ Ein anderer sagte: „Ich will dir folgen, Herr. Aber erst laß mich Abschied nehmen von meiner Familie.“ Jesus erwiderte ihm: „Wer pflügen will, darf nicht nach hinten schauen. Sonst ist er für Gottes Herrschaft ungeeignet.“

Sei bereit, das Unmögliche zu tun. Das ist keine heillose Überforderung. Das ist ein Auftrag Jesu, der unter einer Zusage steht, die wir auch aus Jesu Mund hören: Gott mutet uns viel zu, aber er hilft uns auch. Denn was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.