Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Marc Chagall „Die weiße Kreuzigung“

Pfarrerin Angelika Schulze

25.03.2005 in Rosenberg und Sindolsheim

Karfreitag

Liebe Gemeinde!

Am Karfreitag gedenken wir des unschuldigen Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Am Karfreitag gedenken wir all des Leides, das Menschen über Menschen bringen, gedenken wir all dessen, was Menschen bis heute beten, flehen, schreien lässt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich vergessen?“
Am Karfreitag gedenken wir der Gottverlassenheit Jesu und der Gottlosigkeit der Welt.

Karfreitag 2005 - Gedenktag in einem Jahr der Gedenken.
Vor 60 Jahren fielen Städte wie Dresden, Würzburg, Mannheim in Schutt und Asche, waren Menschen auf der Flucht vor deutschen Soldaten, vor russischen Soldaten. Menschen wie Maximilian Kolbe, Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer fanden in den Todesmaschinen der Konzentrationslager ihr Ende. Auschwitz, Buchenwald wurden befreit.
Vor 60 Jahren ging der furchtbarste Krieg zu Ende.
Wir gedenken all der Not und Verzweiflung, der Angst, des Leides, all der Toten und der Mörder. Wir gedenken der Gottverlassenheit und der Gottlosigkeit der Welt.

Vieles von dem, was uns in diese Tagen und Wochen leidvoll beschäftigt, finden wir auf dem Bild wieder, das Sie in der Hand halten. 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten, hat es der jüdische Künstler Marc Chagall geschaffen. Es führt uns das vor Augen, was uns an diesem Karfreitag 2005 beschäftigt, bedrückt, bewegt:
Da ist Jesus, der Gekreuzigte. Getötet auf die grausamste Weise. Er ist Jude - der geteilte Gebetsmantel um sein Hüfte weist ihn aus, und doch ist er viel mehr - Sohn Gottes, Gott selbst und doch der „Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ (Jesaja 53, 2.3), so beschreibt es Jesaja.
Und die Menschen unter dem Kreuz, sie wenden den Blick ab. Schauen von Jesus weg, dem Gottverlassenen, in ihre Welt der Gottlosigkeit.
Eine Synagoge brennt, angezündet von denen, denen kein Glaube, keine Religion heilig ist. Einer versucht Gottes Wort, die Torarolle, zu retten. Menschen sterben für ihren Glauben, wagen es, Rückrad zu zeigen, dem „Rad in die Speichen zu fallen“, wie Dietrich Bonhoeffer es von sich gesagt hat.
Ein anderer Mann - im grünen Mantel - flieht. Es sieht nicht nach rechts, nicht nach links. Bücher brennen. Er hat sein Bündel auf dem Rücken und läuft davon. Nicht anders die Frau die ihr krankes (?), totes (?) Kind birgt. Es ist, als wollten diese Menschen sagen: „Mir ist der Glaube nicht mehr wichtig. Ich muss mein Leben rette, dabei hilft mir keiner.“ Mit geschlossenen Augen rennen sie los, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. -
Ein Mann hat für sich eine andere Lösung gefunden. Er zieht sich mit dem Trost der Heiligen Schrift zurück. „Soll doch jeder sehen, wie er glücklich wird. Ich habe meine Antworten gefunden! Hauptsache, ich haben meinen Glauben!“
Der Mann am linken Bildrand mit der blauen Schürze blickt ratlos ins Leere. Achselzuckend stiehlt er sich davon. „Was kann ich alter Mann schon tun?“, scheint er zu sagen. „Was kann ein Einzelner schon ändern? Wir sind doch machtlos!“
Und wir sehen die Menschen im Boot - Juden damals, die fliehen vor deutschen Soldaten, Deutsche aus den Ostgebieten auf der Flucht vor sowjetischen Soldaten, Menschen heute auf der Flucht aus Somalia, Ruanda, „Boatpeople“, ausgesetzt, heimatlos, haltlos, Treibgut der Geschichte, zum Untergehen verurteil.
Ein Dorf brennt, die Welt ist aus den Fugen. Menschen teilen die Beute oder beweinen das Leid. Gewalt zieht auf, Soldaten, Menschen, die die Worte „Hass“, „Kampf“, „Blut“ auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Faschismus, Kommunismus, Fundamentalismus - die Fahne kann jede Farbe tragen. Palästina, Somalia, Tschetschenien - Namen für die Gottlosigkeit der Welt und Menschen, die jammern, die klagen, die die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen - damals wie heute - und sagen: „Wie kann das nur geschehen?“, die die Augen verschließen: „Es wird so schlimm schon nicht sein. Wahrscheinlich ist das alles gar nicht wahr!“, die diskutieren aus der Ferne, das Unheil weg reden am Grünen Tisch.

Wo, liebe Gemeinde, sind wir auf diesem Bild?
Wo stehen Sie?
Wo stehe ich?

Was auf diesem Bild zu sehen ist, haben viele von ihnen miterlebt: Sie haben Würzburg brennen sehen und die Zerstörung der Wertheimer Synagoge miterlebt, sie sind geflohen aus Schlesien, aus Pommern mit Pferdewagen oder Schiff. Sie haben Gewalt kennen gelernt und Angst. Sie wissen, was Hunger ist. Sie wissen auch, es ist nicht leicht zu erkennen, was richtig ist und falsch, wenn alles drunter und drüber geht. Es ist nicht leicht, seinem Glauben, seinem Gewissen zu folgen, wenn es um Leben geht und Tod.
Die Schuld von damals drückt uns noch heute.
Wo stehen wir - jetzt?

Am Karfreitag gedenken wir der Gottverlassenheit Jesu und der Gottlosigkeit der Welt.
Am Karfreitag stehen wir mitten in dieser Spannung.
Wir möchten unsere Wut heraus schreien und unsere Trauer, denn des Menschen Tun ist gottlos geblieben. Wir möchten unsere Klage heraus schreien und unsere Zweifel: „Warum lässt Gott das geschehen?“
Und doch verstummen wir. Verstummen und schweigen.
Jeder hat seine eigenen Erfahrungen von Leid. Jeder von uns erlebt sein persönliches Golgatha der Einsamkeit, der Krankheit, des Todes.

Erfahrungen des Scheiterns prägen uns, wenn eine Ehe zerbricht, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, Selbstzweifel, wenn Kinder aus dem Haus gehen im Zorn, wenn das Leben anders verläuft als erhofft, Mutlosigkeit, wenn Krankheit kommt. Wir kennen diese Momente der Gott-Verlassenheit, wo wir uns fragen: „Warum gerade ich?“ „Warum lässt Gott das zu?“
Wir kennen diese Not in unserem Herzen, die Jesus mit uns teilt, wenn er die Worte heraus schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Wir kennen die Sehnsucht in uns in solchen Stunden nach einem Trost, nach einer Hoffnung nach Licht.

Marc Chagall malt ein Licht. Als weißer Lichtschein fällt er von oben auf den Gekreuzigten herab und erhellt das Geschehen auf Golgatha.
Dieses Licht zeigt: „Gott ist da. Er ist nicht fort. Er ist nicht abwesend. Die Welt ist wohl gottlos, aber sie ist nicht gottverlassen. Gott lässt das Leid zu, aber er leidet mit! Er stirbt mit. Er zweifelt mit. Er hält aus, was wir nicht aus auszuhalten können. Er läuft nicht weg. Er flieht nicht. Er ist da!“

Das Licht, das Chagall malt, fällt auch auf die Menschen.
Sie haben sich abgewandt, doch das Licht holt sie ein.
„Vater, vergib ihnen!“ betet Jesus am Kreuz.

Führwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4.5) spricht der, der umkehrt zum Kreuz, der auf Jesus sieht.

Unter dem Kreuz findet er den Trost für seine verstörte Seele, die Hoffnung für sein verwirktes Leben, den Frieden für seine Todesnot. Unter dem Kreuz findet er das Licht, das ihn selbst zum Licht macht, dass ihn befähigt, nicht allein die „Dunkelheit zu beklagen, sondern ein Licht anzuzünden“, wie es Alfred Delp gesagt hat. Der brennende Leuchter am Fuß des Kreuzes ist mir dafür ein Zeichen.

Karfreitag 2005.
Wo stehen wir? Wo stehen Sie? - Bei denen, die fliehen, bei denen, die wegschauen, bei denen, die nur ihr eigenes Lebens sehen?
Wo möchte ich stehen?

Ich möchte unter dem Kreuz stehen.
Ich möchte all das, was mich belastet und bedrückt und was ich nicht verstehe von dem, was da von 60 und mehr Jahren geschah, unter das Kreuz tragen.
Ich möchte Jesus bitten: „Nimm mir diese Last ab!“
Ich möchte auch das, was mich heute bewegt, zum Kreuz tragen: die Gewalt in den Schulen, den Krieg im Irak, die Umweltkatastrophen und alles, wogegen ich mich machtlos und allein fühle. Ich möchte Jesus bitten: „Mache ein Ende aller Gewalt und allen Blutvergießens!“
Zuletzt möchte ich meine eigene Angst unter das Kreuz legen, meine Feigheit und Gleichgültigkeit, meinen Hochmut und alles, womit ich andere verletze und belaste und ihnen Unrecht tue. Ich möchte Jesus bitten: „Herr, vergib mir meine Schuld!“

Und dann möchte ich nur noch auf Jesus schauen und möchte das Licht sehen, das durch alles Dunkel scheint, dieses große „Dennoch“, dieses „Ich-bin-da!“, das Licht der Auferstehung.
Ich möchte mein Herz öffnen dafür, ganz weit
und zurück ins Leben gehen - mit einem Licht in der Hand.
Ich will es dorthin tragen, wo ich lebe,
zu dem Menschen, die bei mir sind.
In meinem Haus,
in meiner Straße,
in meiner Stadt
soll Ostern sein!

Amen.