Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Markus 10, 2-9

Pastor Martin Funke (ev.-luth.)

25.10.2009 in Arche Noah Lachendorf

Gemeindegottesdienst

Liebe Gemeinde,

1.      Unmögliches Versprechen

wie entscheidet man, wen man heiratet? Zehnjährige Kinder wurden zu dieser Frage mal nach ihrer Meinung gefragt, und eins von ihnen antwortete: „Man entscheidet nicht selber, wen man heiratet. Gott entscheidet es lange im Voraus, und dann kannst du sehen, wen er dir da an den Hals hängt.“ Aber es stimmt, liebe Gemeinde! Wenn wir heiraten, kennen wir den Menschen, der unser Ehepartner wird, nicht vollständig, und wissen auch nicht, wie er und wie wir uns mal entwickeln werden. Wir können nicht wissen, ob wir wirklich miteinander durchhalten und ob wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens die Kraft dazu haben werden. Wir können es noch so sehr wollen und uns allenfalls die größte Mühe geben. Wie viel Unwägbarkeiten eine Ehe mit sich bringt, zeigt schon die unendlich große Fülle an abergläubischen Glücksfaktoren, die es in der Tradition gibt, um die Ehe günstig zu beeinflussen - von der Farbe des Brautkleids bis zum passenden Wochentag der Eheschließung.

 

2.      Ehe unter neuen Bedingungen

Wer heiratet, begibt sich in große Gefahr und Not, sagt schon Martin Luther.[1] Die Ehen jetzt im 21. Jahrhundert müssen nicht unbedingt unter schwereren, aber unter vielen veränderten Bedingungen und neuen Anfechtungen bestehen. Früher war klar: Der Mann arbeitete, die Frau machte Kinder und Haushalt. Diese Klarheit gibt es heute nicht mehr. Die neuen Möglichkeiten für die Frau mögen gut so sein, aber dadurch haben die Ehen auch an einer Grundstruktur verloren, die mit dazu beigetragen haben, dass die zwei Gatten zusammen bleiben. Heute muss erst geklärt werden, wer wann und wie viel arbeiten darf. Wer ist für die Kinder da? Wo haben wir den Wohnsitz, von dem aus wir beide unseren Arbeitsplatz erreichen? Im Vergleich zu früher gibt es heute also neues Konfliktpotential und also neue Anfechtungen für die Ehe.

Zudem gibt es andere Ehevorbilder. Ein Politiker mit vier Scheidungen wie es Gerhard Schröder war, wäre dreißig Jahre früher nicht zum Bundeskanzler gewählt worden, und eine Landesbischöfin wie Margot Käßmann nach ihrer Scheidung nicht im Amt geblieben. Darüber hinaus gibt es allzu viele Menschen, die ihre Scheidung z.B. damit begründen, dass ihre Ehe ihnen nicht mehr genug die Möglichkeit gäbe sich selbst zu verwirklichen, die Prioritäten ihrer Beziehung zu unterschiedlich sind, oder sie jetzt nach neuen Zielen suchen wollen. Manchen, die ihre Scheidung begründen, ist nur noch schwer abzuspüren, dass ihre Eheschließung wirklich mal als Versprechen gemeint war. Die Landschaft der Vorbilder gipfelt in geradezu katastrophalen Beispielen, in denen Menschen regelrecht mit der Ehe zu spielen scheinen, wie etwa die Sängerin Britney Spears, die sich nach drei Tagen Ehe bereits wieder scheiden ließ. All die genannten Vorbilder haben Einfluss auf bestehende Ehen. Auch die Grenzen zwischen Lebensformen mit verheirateten Partnern und solchen mit unverheirateten sind schwammiger geworden. Feste Partnerschaften ohne Ring bezeichnen wir landläufig als wilde Ehen und eingetragene Lebenspartnerschaften Gleich­geschlechtlicher bereits als „Homo-Ehe“. Immer unklarer scheint es zu sein, was Ehe eigentlich noch ist oder nicht ist, und worin ihr besonderer Wert und Vorteil gegenüber anderen Lebensformen liegt.

 

3.      Kein Eheknast

Und in der Tat müssen wir uns fragen: Welchen Sinn hat eine Ehe, wenn sie nicht mehr „in guten wie in bösen Tagen“ besteht, weil es einfach nur noch „böse Tage“ gibt? Alle Streitpunkte zwischen den Partnern sind fünfzigmal diskutiert, und immer wieder sind sie am gleichen Punkt angekommen, an dem sie festgestellt haben: Es geht nicht weiter. Wer will die beiden zu „lebenslänglichem Eheknast“[2] verurteilen, wie es der Dichter Wolf Biermann drastisch beschreibt, „bis der Tod euch scheidet“? Kennen wir nicht alle genug Ehen, in denen es allzu deutlich danach aussieht, dass der Tod längst in der Ehe angekommen ist, obwohl beide noch lange leben? Und wie viele Witwen höre ich, die sich nach dem Tod des Mannes fragen, wozu sie eigentlich mit dem ihre Jahre vergeudet haben. Wäre es da nicht besser gewesen … „Es ist eine Frage der Ehrlichkeit“, schrieb auch unsere Landes­bischöfin als Kommentar zu ihrer eigenen Scheidung. Und überhaupt: Waren Adam und Eva eigentlich verheiratet? Und Jesus? Schließlich glauben wir Christen ja auch nicht an Moral und Gesetz, sondern an einen gnädigen Gott, der Menschen liebt, auch wenn sie miteinander scheitern.

 

4.      Scheidung ist erlaubt

Darum verbietet Jesus die Scheidung auch nicht. Er maßt sich niemals an, dem Alten Testament zu widersprechen, und das erlaubt Scheidung in Ausnahmefällen. Die Ehe ist nicht unauflöslich, wie es die katholische Kirche lehrt, sondern eine weltliche Sache, wie es Martin Luther sagt, kein Sakrament. Darum sagt Jesus auch nicht „Was Gott zusammen­gefügt hat, das darf der Menschen nicht scheiden,“ sondern „das soll der Mensch nicht scheiden.“

 

5.      Der Bruch streut weit

 Und doch müssen wir bedenken: Ehe ist die Voraussetzung für Familie, und Familie ist das einzige Gefüge, in dem Menschen wirklich gut gedeihen können. Ein schutzbefohlenes Kind bekommt da wirklich Kraft für sein Leben, wo es mit Vater und Mutter in einer festen Einheit aufwachsen kann, einer Familie also, die dadurch geschützt ist, dass sich beide Partner in  Verantwortung und Unterhaltspflicht für einander und für das Kind begeben, also eine Ehe geschlossen haben. Wo aber eine Ehe zerbricht, streut dieser Bruch unübersehbar viele Scherben, große und kleine. Der eine Partner zieht ans eine, der zweite ans andere Ende Deutschlands. Großeltern sehen ihre Enkel nicht mehr. Freundschaften, Arbeitsverhältnisse und Kollegien lösen sich auf. Häufig entstehen Arbeitslosigkeit, Schuld und Geldnot, nicht selten Alkoholismus. An allen Ecken und Enden ist zu merken: Die erwachsenen Partner hatten nicht weniger als ihr Leben auf den anderen gebaut – also ihren ganzen Lebensplan auf einem Boden errichtet, der ihnen nun unter den Füßen weg gezogen wird. Selbst der Partner, der die Scheidung bewusst herbei geführt hat, bleibt sein Leben von den Konsequenzen verfolgt. Zurück bleibende Kinder stürzen sich oft in Gefühle der Schuld an der Scheidung, die ohne Grund sind, aber die trotzdem nur schwer aufzuarbeiten sind. Sie verlieren für den Rest ihres jungen Lebens die Familie, den sicheren Hort und Fluchtpunkt, den sie nicht nur besonders als adoleszente Jugendliche, sondern auch noch als junge Erwachsene als Halt brauchen. Seelische Bruchstellen bleiben, die sie für immer schwächen und empfindlich für Aggressionen und Labilitäten machen. Ein solcher Knacks ist mitverantwortlich für Behinderungen in der Persönlichkeits­entwickung, in der Identitätsfindung, Partner- und Berufsfindung - selbst da, wo sich keine zehrenden jahrelangen Anwalts­streitereien um das Sorgerecht an die Scheidung der Eltern angeschlossen haben. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass der Schlüssel, um einen Menschen zu verstehen, fast immer in der Familie liegt, aus der er kommt - wenn er denn eine hatte. Wer sich scheiden lässt, sollte also im Blick haben, dass sein Eheversprechen nicht nur ein Versprechen vor Gott und dem Gatten war, sondern auch vor den Menschen, und etliche von denen haben auf diese Ehe gebaut. Auch nachfolgende Generationen bekommen noch diese Lasten vererbt und somit die Stiche der Scherben zu spüren, die nur diese eine Scheidung gestreut hat. Jesus hat also keine verkrustet Moralvorstellung im Blick, sondern den Menschen und sein Wohl, wenn er sagt: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“

 

6.      Die Rettung der Ehe beginnt jeden Tag

Wichtig ist es zu sehen: Die Rettung einer Ehe beginnt jeden Tag, jenseits ihrer Krise. Eine Ehe ist zu keinem Zeitpunkt selbstverständlich, sondern eine Baustelle, an der täglich gearbeitet werden muss. Dazu reicht es nicht, dass die Ehe wie eine Zimmerpflanze fünfzig Jahre lang immer wieder mit dem gleichen Wasser gegossen wird. Sie braucht immer wieder neue Nahrung, Neuanfänge und Aufbrüche, zu denen die Ehepartner sich überwinden müssen. Klare Verabredungen, um etwas für die Ehe zu tun, können da von großem Nutzen sein. Ich bringe nur ein Beispiel: Im Durchschnitt reden Ehepartner nur neun Minuten am Tag miteinander, sagen Forschungen. Dagegen kann man etwas tun und feste Zeiten miteinander verabreden: nicht nur gemeinsame Mahlzeiten, sondern auch gemeinsame Uhrzeiten und feste Tage, die die Partner miteinander verbringen. Sie können verabreden: Immer abends um neun mache ich meinen Computer aus und geh zu meinem Partner, jeden Montag und Mittwoch um sieben wird nicht fern gesehen, sondern geklönt, jeden zweiten Dienstag im Montag gehen wir ins Theater, da komme was wolle. Ich selber bin erst ein Jahr verheiratet, aber schon nach so kurzer Zeit habe ich gemerkt: Insbesondere in einem Beruf, den ich sieben Tage in der Woche ausübe und in dem sich die Arbeitszeit von 8.00 bis 22.00 Uhr erstreckt, funktioniert es nicht ohne klare Verabredungen, ja Termine miteinander. „Ein Mann wird seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen,“ zitiert Jesus die Bibel. Das ist kein Automatismus. Das ist Arbeit und Mühe für einander jeden Tag neu.

 

7.       Göttliche Verbindungskraft

Und die Kraft dazu gibt Gott! Jesus sagt: „Um eures Herzens Härte willen“ hat Mose das Scheidungsgesetz geschrieben. Damit meint Jesus das Herz, das Gott nicht in sich hinein lässt, sondern außen vor. Der Kontakt zu Gott ist die Chance, die Eheleute oft nicht nutzen.Wie viele Ehen sind geschieden worden, ohne dass die Eheleute in der Krise jemals miteinander zu Gott gebetet haben oder bei einem Pastor noch mal den Segen, also Gottes Kraftzuspruch erbeten! Das kann unheimlich viel bewirken. Wie viele Ehepartner haben wirklich mal den Aufbruch gewagt und haben zusammen zwei Kerzen für ihre Ehe angezündet – beim Friedensgebet oder anderswo in einer Kirche? Das Ehepaar, das seit dem Tag der Trauung seit Jahren nicht ein einziges Mal im Gottesdienst war, gibt Anlass zu der Frage welche Bedeutung das Ja-Wort vor dem Altar eigentlich für sie hatte. Gott hat euch beide zusammengefügt, liebe Eheleute! erinnert uns Jesus. Das wart nicht ihr! Und seine starken Kräfte stehen immer noch dafür bereit: neu einzuatmen, neu anzufangen, liebe Eheleute, euch neu zu suchen, mit neuen Augen sehen und wieder als das, als das ihr ursprünglich gemeint seid: als Geschenk.  Ihr könnt sowieso nur  „ja, mit Gottes Hilfe“ halten, was ihr mal versprochen habt. Zu einer guten Ehe gehören immer drei. Yes, he can.

 

8.      Gottes Gnade

Zu Gottes Gnade gehört es, dass er Menschen nicht lebenslang auf ihr Scheitern fest legt, Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als sich scheiden zu lassen, nicht dafür verdammt, sondern ihnen vergibt. Scheidung ist nicht Gottes Ziel. Scheidung ist der letzte Notbehelf, wenn die Gemeinsamkeit zwischen zwei Menschen unaufhebbar zerstört ist, und wer diesen Weg wählt, den nimmt Gott ebenso als gescheiterten Sünder an wie jeden anderen Menschen und stattet ihn mit neuer Kraft und Liebe aus. Zu Gottes Gnade gehört es aber auch, dass er Menschen verbinden kann, die sich selbst nicht mehr verbinden können, keinen Zugang mehr zu einander finden und am Ende ihrer Kräfte miteinander sind. Dieser Gnade kann man sich öffnen oder verschließen, und das ist mitentscheidend für das Scheitern oder Gelingen jeder Ehe.

 

Amen.


[1]   „So beweiset es auch das Werk an ihm selbs wohl; denn wer von dem Pfarrherr oder Bischof Gebet und Segen begehrt, der zeiget darmit wohl an (ob er’s gleich mit dem Munde nicht redet), in was Fahr und Not er sich begibt und wie hoch er des göttlichen Segens und gemeinsamen Gebets bedarf zu dem Stande, den er anfähet, wie sich’s denn auch wohl täglich findet was Unglücks der Teufel anricht in dem Ehestande mit Ehebruch, Untreu, Uneinigkeit und allerlei Jammer“ (Martin Luther, Ein Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherrn, aus dem Kleinen Katechismus, z.B. in: Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche 530, Z. 15-26).

[2] Wolf Biermann in „So oder so“, lyrics.wikia.com/Wolf_Biermann:So_Soll_Es_Sein-So_Wird_Es_...


 


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